Zur Generierung von Täterprofilen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff des Profilings

3. Historische Betrachtung des Profilings

4. Ausgewählte Verfahren des Profilings
4.1 Die Tathergangsanalyse (Crime Scene Analysis)
4.2 Täterprofilforschung der Canter-Gruppe
4.3 Modus Operandi und Handschrift

5. Beurteilung und Ausblick des Profilings

III Literaturverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1:Drei Grundpfeiler der praktischen Fallanalyse und Täterprofilerstellung

Abbildung 2:Ablauf einer Tathergangsanalyse (Crime Scene Analysis)

1. Einleitung

In dieser Arbeit soll versucht werden, einen Überblick über die Genese von Täterprofilen zu ge- ben. Da es sich bei diesem Thema um ein sehr komplexes handelt, in das diverse Ansätze und Strategien einfließen, erhebt diese Arbeit auch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern kann nur eine skizzenhafte Darstellung geben, in welcher aber dennoch die wesentlichen Punk- te zur Erstellung von Täterprofilen aufgezeigt sein wollen.

Täterprofile, soviel sei an dieser Stelle schon einmal angemerkt, bilden einen immanent wich- tigen Bestandteil kriminalistischer Arbeit. Dabei bedient sich die Täterprofilerstellung diverser Theorien und Strategien aus den unterschiedlichsten Bereichen, wie beispielsweise der Krimi- nologie, Kriminalistik, Geographie, Statistik, aber auch Ansätze aus der Psychologie, der Psy- chiatrie und der Soziologie erfahren nicht geringe Beachtung. Somit bildet die Genese von Täter- profilen ihrem Wesen nach eine eklektizistische Disziplin.

Um eine stringente Analyse der Täterprofilerstellung vornehmen zu können, erscheint es zu- nächst geboten, im ersten Teil dieser Arbeit den Gehalt sowie etwaige Irrtümer beim Verständnis des so genannten „Profilings“ aufzuzeigen. Daran anschließend soll ein kurzer historischer Ab- riss über die verschiedenen Entwicklungen zum Profiling gegeben werden. Schließlich sollen an- hand von einigen ausgewählten Strategien zum Profiling, die Vorgehensweise der kriminalisti- schen Arbeit aufgezeigt und die Bedeutung einzelner Wissenschaftler, wie beispielsweise David Canter, genauer betrachtet werden. Eine kurze Bewertung einzelner Verfahren sowie ein Aus- blick zum Profiling sollen letztlich diese Arbeit abrunden.

Doch zunächst zu der Frage, was Profiling eigentlich heißen möchte, im Gegensatz zu dem in der Öffentlichkeit allgemein gezeichneten Bild.

2. Zum Begriff des Profilings

Die Begriffe Profiler und Profiling leiten sich von dem französischen Wort „Profil“ ab, was so- viel wie Umriss oder Seitenansicht bedeutet. Der heute in der Öffentlichkeit allgemein gebrauch- te Begriff des „Offender Profiling“ oder einfach nur „Profiling“ bezeichnet dabei den im anglo- amerikanischen Raum verwendeten Terminus zur Beschreibung der Täterprofilerstellung. (Hoffmann und Musolff 2000: 18) In Deutschland, speziell beim Bundeskriminalamt (BKA), spricht man dagegen von der so genannten „Operativen Fallanalyse“. (Musolff 2001: 3) Im wei- teren Verlauf dieser Arbeit sollen also sowohl Profiling, als auch Fallanalyse als unterschied- liche Bezeichnungen des jeweiligen Sprachraums, doch dem Gehalt nach als Synonym gelten.

Die folgende Abbildung zeigt drei Grundpfeiler, die jeder praktischen Täterprofilerstellung und Fallanalyse zu Grunde liegen.

Abbildung 1:Drei Grundpfeiler der praktischen Fallanalyse und Täterprofilerstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Hoffmann und Musolff 2000: Fallanalyse und Täterprofil; S.22)

Das Hintergrundwissen ist als grundlegender Bestandteil jeder kriminalistischen Praxis zu be- greifen und kann sich auf den allgemeinen kulturellen Kontext eines Verbrechens beziehen, aber auch auf spezifisches Wissen über das Wesen eines Delikts sowie biographische und psycholo- gische Hintergründe von Tätern und Opfern. (Hoffmann und Musolff 2000: 22)

Theoretische Modelle sind vom Hintergrundwissen kaum trennbar zu betrachten. Dabei werden Informationen geordnet, Verbindungen zu diversen Phänomenen hergestellt und Erfahrungen in- terpretiert. „Bei der Durchführung von Fallanalysen wird vielfach auf wissenschaftliche Model- le Bezug genommen, um Verbindungen zwischen Tatverhalten und der Identität eines unbekann- ten Verbrechers herzustellen, etwa auf Persönlichkeitsmodelle aus der Psychoanalyse oder Wahrnehmungstheorien aus der kognitiven Psychologie.“ (ebd.: 23)

Analyseverfahren sind schließlich wohl das Herzstück der institutionalisierten Fallanalyse, denn sie machen solche Verfahren zu einem objektiven Werkzeug und damit auch prinzipiell vermit- telbar. Dabei werden Strategien angeboten, mit denen ein Fall rekonstruiert und analysiert wer- den kann, so dass aus ihm polizeitaktisch relevante Informationen über den unbekannten Täter abgeleitet werden können. (ebd.)

In der Öffentlichkeit ist ein eher verzerrtes Bild des Profilings existent. Nicht zuletzt tragen hier- für zahlreiche angloamerikanische populärkulturelle Fiktionen Rechnung, wie beispielsweise der bekannte Thriller „Das Schweigen der Lämmer“, die britische Krimiserie „Für alle Fälle Fitz“ oder auch einige autobiographische Publikationen einzelner Profiler, die ein überzeichne- tes Bild ihrer Arbeit beschreiben. (ebd.: 1; vgl. auch Reichertz 2001: 38f.) „Ganz im Gegensatz zu seinem legendären Image in den Medien ist das Profiling jedoch weder als eine mystische Geheimwissenschaft zu begreifen, noch handelt es sich um eine psychologische Wunderwaffe (und will dies auch gar nicht sein), die den verblüfften Ermittlern den Mörder quasi auf dem goldenen Tablett serviert.“ (Hoffmann und Musolff 2000: 27) Vielmehr lässt sich festhalten, dass hinter allen Profiling-Verfahren die Idee steht, „das Verhalten von Tätern und den psycho- sozialen Kontext von Straftaten als Informationsquelle zur Unterstützung der Verbrechensauf- klärung zu nutzen.“ (Musolff 2001: 3) Die Täterprofilerstellung, das bekannteste fallanalytische Verfahren, ist dabei eine Methode, „bei der … ein unbekannter (!) Täter hinsichtlich seiner Per- sönlichkeits- und Verhaltensmerkmale so beschrieben wird, dass er von anderen Personen signi- fikant zu unterscheiden ist.“ (Dern 2000: 538) Dabei „versucht man mit einem Täterprofil Aus- sagen zu machen etwa über Anzahl der Täter, Geschlecht, Alter, Familienstand, Lebensraum/ Wohnort, Ausbildung, Beruf, Mobilität, mentaler Typus, Umgang mit Autoritäten, Vorstrafen, Gewohnheiten/Freizeitaktivitäten, Erscheinungsbild und prä- und postdeliktisches Verhal- ten.“ (Musolff 2001: 5)

Schon bei dieser kurzen Beschreibung, was eigentlich eine Täterprofilerstellung heißen möchte, wird ersichtlich, wie vielschichtig sich die Erstellung eines Täterprofils eines unbekannten Tä- ters gestaltet – rein aus der Spurenlage. So ist es auch nicht verwunderlich wenn der prominente Profiler Paul Britton bei der Beschreibung seiner Arbeit zu folgendem Ergebnis kommt: „Es ist wie bei der Besichtigung eines altägyptischen Grabraumes: Man sieht, dass die Wände voller Hieroglyphen sind. Wenn man die Sprache, die Syntax und die Grammatik kennt, vermag man die Botschaft zu lesen und mehr über die Menschen zu erfahren, die das Grab erbaut haben. Doch wer die Schrift nicht zu Lesen vermag, für den sind die Reliefs einfach bloß schöne Bilder an der Wand und ohne jede Bedeutung; oder, schlimmer noch, er wird sie falsch deuten und zu völlig unsinnigen Schlüssen kommen.“ (Britton 1998: 127)

Außerdem, so kann man in einem ersten Resümee festhalten, ersetzen fallanalytische Verfahren keineswegs die normale Ermittlungsarbeit. „Sie haben allein ergänzende und unterstützende Funktion, wobei die meisten Fallanalytiker ihre Arbeit als Dienstleistung für die ermittelnden Beamten sehen, die diesen neue Ideen und eine erweiterte Perspektive auf den Fall liefern soll. Täterprofile selbst lösen also niemals einen Fall, dies geschieht alleine durch die Polizeibeam- ten vor Ort.“ (Hoffmann und Musolff 2000: 20) Die aus der Arbeit des Profilers resultierenden Ergebnisse stellen also immer nur Wahrscheinlichkeitsaussagen dar. Der Ermittlungsbeamte vor Ort hat dann zu entscheiden, in welchem Umfang das Gutachten umzusetzen ist.

Allerdings stößt der Aussagegehalt von Täterprofilen schnell an seine Grenzen, nämlich genau dann, „wenn dem Täter wenig individueller Handlungsspielraum gegeben war oder wenn bei einer konkreten Einzeltat kaum spezifisches Tatverhalten zur Anwendung kam.“ (Fink 2001: 257) Je charakteristischer sich also die Spurenlage darstellt und umso spezieller die Struktur eines Verbrechens ist, desto aussagekräftiger ist demnach ein Täterprofil. (ebd.)

Täterprofile wurden in den Anfängen nur bei Serienmorden und Sexualdelikten angewandt, doch zeigt sich heute ein anderes Bild. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „ist der Erkenntnis- stand im Bereich psychologischer Täterprofile und fallanalytischer Verfahren national sowie in- ternational geradezu explosionsartig angestiegen. Dabei hat sich nicht nur das Repertoire von an- wendbaren Methoden, Modellen, Theorien und Techniken rasant entwickelt, sondern die Verfah- ren wurden mit zunehmenden Erfahrungen auf immer mehr Deliktbereiche ausgedehnt. So be- schränken sie sich nicht mehr allein auf Serienmord und –vergewaltigung, sondern finden An- wendung bei Erpressungen, erpresserischen Menschenraub, Sprengstoffanschlägen, Tiermorden und auch bei Brandstiftungen und Wohnungseinbruch.“ (Musolff 2001: 1) Gerade das BKA in Deutschland schlägt hierbei zum Teil völlig neue Wege fallanalytischer Verfahren vor. (Hoffmann 2001: 308ff.)

Wie sich die Methodenvielfalt von den ersten „Gehversuchen“ im Bereich Täterprofilerstellung bis heute entwickelt hat, soll nun Thema des folgenden Kapitels sein. Gerade die Arbeiten der in den USA in den 70er Jahren gegründeten Einrichtung „Behavioural Science Unit (BSU), sollen dabei besonders hervorgehoben werden, da man heute diese als die Geburtsstunde des modernen Profilings versteht.

3. Historische Betrachtung des Profilings

Es erweist sich als schwierig die Anfänge des Profilings exakt zu datieren. Auf erste Ansätze der Tätertypologisierung, die ein Cesare Lombroso oder Ernst Kretschmer generierten, aber auch auf Ergebnisse der Psychoanalyse Sigmund Freuds, die zum Teil auch heute noch bei fallanalyti- schen Untersuchungen Beachtung finden, sollen hier vernachlässigt werden, da diese den Rah- men dieser Arbeit sprengen würden. Stattdessen soll, wie auch immer wieder in der einschlägi- gen Literatur angeführt wird, drei bedeutende historische Ereignisse näher betrachtet werden.

Zum einen ist hier das erste bekannte „Täterprofil“ in der deutschen Kriminalgeschichte zu nen- nen, das 1930 in einer Sonderausgabe des „Deutschen Kriminalpolizeiblattes“ publiziert wurde. (Musolff 2001: 10) Eine Serie von Sexual- und Kapitaldelikten im Jahre 1929 ließen bis dato alle Bemühungen der Düsseldorfer Mordkommission diese Gewaltserie aufzuklären, erfolglos er- scheinen. Auf über 30 Seiten informierte schließlich das Sonderblatt über sämtliche Tatzusam- menhänge, um durch diese breite Veröffentlichung mögliche Hinweise zu erhalten. „So wurden die jeweiligen Vorgehensweisen des Täters sorgfältig beschrieben, umfangreiche Daten der Opfer genannt, Bildmaterial aus der Rechtsmedizin, von den entwendeten Gegenständen, einer Tatwaffe, Schriftstücken und ein Stadtplan mit den eingezeichneten Tatorten abgebildet. Neben diesen objektiven Tatsachen listete die Sondernummer auch Hypothesen und Rückschlüsse der Düsseldorfer Polizei über den Täter (wie etwa Beruf, Tätigkeit, kommunikative Fähigkeiten), seine Entwicklung (beispielsweise Strafregister oder möglicherweise frühe Auffälligkeiten durch das Quälen von Tieren oder Kindern) und seinem Lebensumfeld (wie Herkunft, Aufenthaltsver- hältnisse) auf.“ (ebd.: 10f.) Zweifellos erfüllten die Ausführungen damals nicht den Standard heutiger methodischer Ansätze, doch lassen sich einige Gemeinsamkeiten beim Aufbau gegen- wärtiger Täterprofile ausmachen. Im Mai 1930 wurde schließlich durch einen Zufall der Serien- mörder Peter Kürten überführt. Dabei waren doch zumindest einige Übereinstimmungen in den Charakterisierungen, die gemacht wurden, festzustellen. (ebd.: 11)

Ein zweiter Meilenstein des Profilings geht auf ein außergewöhnliches Täterprofil zurück, das 1943 vom amerikanischen Militärgeheimdienst OSS, dem Vorläufer der CIA, in Auftrag gege- ben wurde. Um politischen Entscheidungsträgern in Washington, Anhaltspunkte zur Einschät- zung des Verhaltens Adolf Hitlers zu ermöglichen, erstellte der Psychiater Walter C. Langer eine psychologische Analyse Hitlers. Hierzu nutzte Langer diverse Schriften von und über Hitler, außerdem berücksichtigte er Aussagen von Personen, die Hitler persönlich kannten. (ebd.) Außergewöhnlich war dieses Profil deshalb, weil es nicht wie sonst üblich über einen unbekann- ten Täter erstellt wurde, sondern über eine bekannte Person. Langer beurteilte die Selbsttötung Hitlers von acht möglichen Handlungen bei einer Niederlage als die Wahrscheinlichste. (ebd.)

Doch als die ersten ernstzunehmenden psychologischen Täterprofile im engeren Sinne gelten bis heute die Arbeiten des amerikanischen Psychiaters James Brussel. Der am häufigsten zitierte Fall ist dabei der des geistesgestörten George Metesky. Von 1940 bis Mitte der 50er Jahre wurde New York von zahlreichen Bombenattentaten erschüttert. Brussel erstellte ein Profil, das sich im Nachhinein als außerordentlich treffsicher zeigte. Aufgrund dieses Profils wurde, allerdings nur durch einen Zufall, George Metesky gefasst, der in die Geschichte als der „Mad Bom- ber“ einging. (ebd.; vgl. auch Innes 2000: 240f.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur Generierung von Täterprofilen
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Angewandte Sozialpsychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V65473
ISBN (eBook)
9783638580335
ISBN (Buch)
9783638767736
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Generierung, Täterprofilen, Angewandte, Sozialpsychologie
Arbeit zitieren
Sten Cudrig (Autor), 2006, Zur Generierung von Täterprofilen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65473

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