I. Einleitung
Überhangmandate entstehen seit 1949 bei fast jeder Bundestagswahl. Sie tauchten in den ersten vier Wahlen von 1949 bis 1961 und in den letzten sechs von 1980 bis 1998 auf. Nachdem es bei den Bundestagswahlen 1994 erstmals 16 Überhangmandate gab, sechs waren bisher das höchste gewesen, gerieten sie in heftige Kritik, da das Wahlergebnis sehr knapp war und nur durch die große Zahl von Überhangmandaten entschieden werden konnte. Obwohl das Entstehen von Überhangmandaten im Bundeswahlgesetz festgeschrieben ist und sie somit verfassungskonform sind, fordern Kritiker ihre Abschaffung bzw. einen Ausgleich für die Parteien, die keine oder nur wenige Überhangmandate erreichen konnten. Das Bundesverfassungsgericht musste sich deshalb fortwährend mit Klagen gegen die Verfassungswidrigkeit von Überhangmandaten beschäftigen. In zwei Rechtssprechungen von 1994 und 1997 bestätigte es die Verfassungskonformität von Überhangmandaten und lehnte eine Änderung des Bundeswahlgesetzes ab. Damit war die Kritik an den Überhangmandaten aber nicht beendet. Die Diskussion flammte nach den Bundestagswahlen 1998 erneut auf, als wieder eine große Zahl, nämlich 13 Überhangmandate, auftauchten.
In dieser Arbeit werden sowohl die Argumente der Überhangmandatskritiker, als auch der Befürworter dargelegt und erläutert, mit welchen Argumenten das Bundesverfassungsgericht die Überhangmandate verteidigt.
Im ersten Teil wird kurz das besondere Wahlsystem der Bundesrepublik Deutschland dargestellt, da diese personalisierte Verhältniswahl in der Diskussion von großer Bedeutung ist.
Der zweite Teil erläutert das Zustandekommen von Überhangmandaten und inwieweit dieses im Bundeswahlgesetz festgeschriebene Element mit der Wahlrechtsgleichheit vereinbar ist.
Der letzte Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Kritik an den Überhangmandaten. Hier werden einmal die Rechtsprechungen des Bundesverfassungsgerichtes aufgezeigt, dann die Argumente der Kritiker dargelegt, die diese Urteile ablehnen und schließlich, wie die Befürworter der Überhangmandate ihre Verfassungskonformität erklären.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Das Wahlsystem der BRD
2. Überhangmandate
2.1 Zustandekommen von Überhangmandaten
2.2 Überhangmandate und Wahlrechtsgleichheit
3. Überhangmandate in der Kritik
3.1 Rechtsprechungen des Bundesverfassungsgerichtes
3.2 Kritik gegen die Verfassungsmäßigkeit der Überhangmandate
3.3 Argumente für die Verfassungskonformität
III. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das umstrittene Phänomen der Überhangmandate im deutschen Wahlsystem und analysiert die verfassungsrechtliche Debatte um deren Vereinbarkeit mit dem Grundsatz der Wahlrechtsgleichheit.
- Strukturelle Funktionsweise des personalisierten Verhältniswahlsystems in Deutschland
- Entstehungsursachen und mathematische Grundlagen von Überhangmandaten
- Rechtliche Auseinandersetzung und Urteile des Bundesverfassungsgerichts
- Kritische Argumentation der Gegner hinsichtlich der Verletzung der Erfolgswertgleichheit
- Verteidigungsstrategien der Befürworter unter Verweis auf das Demokratieprinzip
Auszug aus dem Buch
2.1 Zustandekommen von Überhangmandaten
Hat eine Partei in einem Land mehr Wahlkreismandate mittels der Erststimmen erzielen können, als ihr nach dem Verhältnis der in diesem Land für alle Parteien abgegebenen Zweitstimmen zustehen, so erhält diese Partei sogenannte Überhangmandate. Dies kann weder bei einem reinen Mehrheitswahl-, noch bei einem reinen Verhältniswahlsystem passieren. Bedingung hierfür ist eine Kombination aus beiden Systemen, wie es in der Bundesrepublik mit dem personalisierten Verhältniswahlsystem der Fall ist.
Die Größe des Wahlkreises, das Wählerverhalten und Zufälle bei der Reststimmenverwertung sind drei Faktoren, die für das Entstehen von Überhangmandaten verantwortlich sein können, wobei zu berücksichtigen ist, dass das Zusammenwirken dieser drei eher dazu führt, als ein Faktor alleine.
Laut Bundeswahlgesetz sollen alle Wahlkreise gleich groß sein, d.h. ungefähr die gleiche Zahl an Bewohnern haben. Eine Abweichung der Bevölkerungszahl um höchstens 33 % ist hierbei zulässig. Gibt es in einem Wahlkreis unterdurchschnittlich wenig Wahlberechtigte, kann eine Partei mit relativ wenigen Stimmen ein Direktmandat erreichen. Summieren sich diese wählerarmen Wahlkreise in einem Bundesland, verschiebt sich das Verhältnis zwischen Direkt- und Listenmandaten zugunsten der Direktmandate. Die Wahrscheinlichkeit mehr Direktmandate zu erlangen, als einem nach Zweitstimmen zustehen wächst.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung gibt einen Überblick über die historische Entwicklung der Überhangmandate seit 1949 und formuliert die zentralen Fragestellungen hinsichtlich der verfassungsrechtlichen Debatte.
II. Hauptteil: Der Hauptteil erläutert zunächst das personalisierte Verhältniswahlsystem, erklärt die Entstehung von Überhangmandaten durch Faktoren wie Wahlkreisgröße und Stimmensplitting und beleuchtet die kontroversen juristischen Positionen.
III. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die anhaltende Uneinigkeit über die Verfassungskonformität von Überhangmandaten und verweist auf die fortwährende Bedeutung der Debatte für zukünftige Bundestagswahlen.
Schlüsselwörter
Überhangmandate, Bundestagswahl, personalisierte Verhältniswahl, Wahlrechtsgleichheit, Bundesverfassungsgericht, Erfolgswertgleichheit, Zählwertgleichheit, Direktmandat, Zweitstimme, Bundeswahlgesetz, Stimmensplitting, Demokratieprinzip, Wahlsystem, Verfassungskonformität, Wahlkreis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit behandelt die Problematik der Überhangmandate innerhalb des deutschen Wahlsystems und die daraus resultierenden verfassungsrechtlichen Bedenken.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die Funktionsweise des deutschen Wahlrechts, die Ursachen für das Entstehen von Überhangmandaten und die rechtliche Kontroverse um deren Zulässigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Argumente von Kritikern und Befürwortern sowie die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gegenüberzustellen, um die Vereinbarkeit mit der Wahlrechtsgleichheit zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Es handelt sich um eine systematische juristisch-politologische Analyse, die auf einer Auswertung von Gesetzen, Fachliteratur und höchstrichterlichen Urteilen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Wahlsystems, die technische Erklärung der Überhangmandate sowie eine detaillierte Gegenüberstellung der Argumente für und gegen deren Verfassungskonformität.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Überhangmandate, Wahlrechtsgleichheit, personalisierte Verhältniswahl und Bundesverfassungsgericht definieren.
Warum spielt das "Hare-Niemeyer-Verfahren" eine wichtige Rolle im Kontext der Überhangmandate?
Es dient als mathematische Grundlage zur Sitzverteilung, wobei das Auseinanderfallen von Direktmandaten und dem Proporz der Zweitstimmen bei diesem Verfahren die Überhangmandate erst sichtbar macht.
Wie argumentieren Kritiker, dass Überhangmandate verfassungswidrig seien?
Kritiker argumentieren, dass Überhangmandate eine Verletzung der Erfolgswertgleichheit darstellen, da Stimmen bei einer Überrepräsentation der Partei ein höheres Gewicht erhalten als andere Stimmen.
Welche Lösungen schlagen Gegner zur Vermeidung von Überhangmandaten vor?
Es werden zwei Ansätze diskutiert: die Anrechnung der Direktmandate auf die Listenplätze oder die Einführung von Ausgleichsmandaten für andere Parteien.
Wie verteidigen Befürworter die Überhangmandate?
Befürworter argumentieren, dass das Wahlsystem bewusst auf die Personenwahl in den Wahlkreisen setzt, um eine ortsnahe Politik zu fördern, was das Entstehen von Überhangmandaten als notwendige Konsequenz rechtfertigt.
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- Matthias Wies (Author), 2002, Überhangmandate - Ein umstrittenes Element im Bundeswahlgesetz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65484