Bio-psycho-soziale Aspekte der Depression im Jugendalter


Diplomarbeit, 2006

111 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1 Einleitung

2 Aspekte der Depression
2.1 Historisches
2.1.1 Melancholie – Acedia – Depression
2.1.2 Depressionen im Jugendalter
2.2 Definition
2.3 Erfassung und Diagnostik
2.4 Symptomatik
2.5 Klassifikation
2.5.1 Allgemeine Veränderungen
2.5.2 Klassifikation in der Entwicklungspsychologie
2.6 Epidemiologie
2.6.1 Allgemeine Entwicklung
2.6.2 Entwicklung bei Jugendlichen
2.7 Verlauf und psychosoziale Beeinträchtigung
2.7.1 Verlauf
2.7.2 Psychosoziale Beeinträchtigung
2.8 Komorbidität
2.9 Suizidverhalten
2.10 Zusammenfassung

3 Das Jugendalter
3.1 Begriffsbestimmung
3.1.1 Jugend – Pubertät – Adoleszenz
3.1.2 Beginn und Ende des Jugendalters
3.1.3 Ausweitung der Jugendphase
3.2 Veränderungen in der Jugendphase
3.2.1 Körperliche Veränderungen (Pubertät)
3.2.2 Emotionale Veränderungen
3.2.3 Kognitive Veränderungen
3.2.4 Gesellschaftliche / Soziale Veränderungen
3.3 Entwicklungsaufgaben
3.3.1 Allgemeines zu Entwicklungsaufgaben
3.3.2 Umgang mit körperlichen Veränderungen
3.3.3 Umbau der sozialen Beziehungen
3.3.3.1 Familie
3.3.3.2 Die Gruppe der Gleichaltrigen
3.3.4 Erwerb von Kompetenzen zum Schulabschluss und zur Berufsfindung
3.3.5 Identitätsarbeit
3.3.6 Bewältigung von Entwicklungsaufgaben
3.4 Zusammenfassung

4 Bio-psycho-soziale Risikofaktoren und Entste­hungsmodelle
4.1 Biologische Erklärungsmodelle
4.1.1 Genetik
4.1.2 Biochemie
4.1.3 Das Geschlecht
4.2 Psychologische Erklärungsmodelle
4.2.1 Die kognitive Theorie
4.2.2 Modell der gelernten Hilflosigkeit
4.2.3 Das Verstärkerverlustmodell
4.2.4 Das Problemlösungsmodell (Nezu 1989)
4.2.5 Bindungstheorie (Bowlby 1980)
4.2.6 Das kognitiv-interpersonale Modell (Gotlib & Hammen 1992)
4.3 Soziale Aspekte
4.3.1 Familiäre Faktoren
4.3.2 Kontakt zu Gleichaltrigen
4.3.3 Kritische Lebensereignisse
4.3.4 Soziale Herkunft und Gesellschaftliche Faktoren
4.4 Auslösung und Aufrechterhaltung
4.5 Zusammenfassung

5 Konsequenzen für die Soziale Arbeit
5.1 Ziele
5.1.1 Prävention und Gesundheitsförderung
5.1.2 Hilfen zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben
5.1.3 Stärkung der Widerstandskräfte des Jugendlichen
5.1.4 Stärkung des Selbstwertgefühls / Selbstvertrauens
5.1.5 Veränderung der psychosozialen Umstände
5.2 Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit
5.2.1 Lebensbewältigung
5.2.2 Social Support / Das Konzept Soziale Unterstützung
5.2.3 Empowerment
5.2.4 Soziotherapie / Sozialtherapie
5.2.5 Case Management
5.2.6 Sport (und Bewegung)
5.3 Zusammenfassung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zählt die Depression weltweit zu den schwerwiegendsten Gesundheitsproblemen. Depressive (Ver-)Stimmungen und Erkrankungen gehören mit Abstand zu den häufigsten psychischen Krankheitserschei­nungen und sind noch immer in einer rasenden Zunahme begriffen. So zeigen Untersu­chungen, dass sich z.B. die depressiven Neuerkrankungen bei jungen Menschen zwi­schen 15 und 25 Jahren gerade in den Städten weltweit innerhalb von 10 Jahren verviel­fachten (vgl. Treichler 2003, S. 299).

Während es depressive Menschen schon immer gegeben hat, nahm man bei Jugend­lichen lange Zeit an, dass diese „melancholischen Stimmungen” (Fend 2003, S. 434) normale Phänomene dieser Lebensphase seien. Heute besteht weitgehende Übereinstim­mung darin, dass depressive Störungen bei Jugendlichen ein relativ weit verbreitetes und oftmals schwerwiegendes Problem darstellen. Zahlreiche epidemiologische Studien ermittelten, dass bis zu 20 % aller Jugendlichen im Laufe ihrer Entwicklung von minde­stens einer ernsthaften depressiven Episode betroffen sind (vgl. Essau & Groen & Pe­termann in Braun-Scharm 2002, S. 57). Aufgrund dieser Zahlen lässt sich auch die in jüngster Zeit deutliche Zunahme von Pu­blikationen zur Depressionsproblematik bei Ju­gendlichen als gesteigertes Inte­resse an der Thematik werten.

Trotz der immensen Fortschritte in Forschung und Wissenschaft beschränken sich viele Au­toren auf einseitige biologische, psycholo­gische oder soziologische Teilaspekte de­pressiver Erkrankungen (vgl. Hell 2004, S. 12). Depressionen werden zum Teil noch immer als eine monokausale Krankheit angesehen oder dargestellt. So erklärt z.B. der Psychiater Florian Holsboer seelische Leiden mit biochemischen Prozessen und lässt die psychosoziale Komponente von Depressi­onen weitestgehend außer Acht: „Depressi­on ist nichts anderes als gestörter Hirnstoffwech­sel.” (Holsboer, zitiert in Kerbel 2006, S. 16) Zwar kann die­se Haltung dazu beitra­gen, die Stigmatisierung psychisch Kranker zu überwinden, andererseits jedoch redu­ziert die­se biochemische Perspektive Menschen als „Hort von Molekülen.” (Kerbel 2006, S. 16)

Das Phänomen Depressionen nur mit der Biochemie zu erklären, erscheint mir zu kurz gegriffen. Am Beispiel der Depression im Jugendalter soll aufgezeigt werden, dass Ge­sundheit und Krankheit sich nicht auf (patho)physiologische-biochemische Vorgänge reduzieren lassen.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, die Depression im Jugendalter bio-psycho-sozial (ganz­heitlich) zu betrachten. Um mich ein­zugrenzen, wird der Fokus auf die vermuteten Ent­stehungsursachen von Depressionen im Jugendalter gelegt. Hieraus werden letztendlich Konsequenzen für die Soziale Arbeit gezogen.

Der bio-psycho-soziale Zugang zu dieser Thematik meint nichts anderes, als dass so­wohl die körperlichen (bio), die seelischen (psycho) als auch die sozialen (sozio) Bedin­gungen berücksichtigt werden. Diese drei Aspekte werden, wie oben gesehen, weit­hin noch immer als getrennte Phänomene ohne Zusammenhang und Wechselwirkung be­trachtet. Ein ganzheitlicher Zugang ermöglicht einer­seits eine differenzierte Erfassung der Entstehungsbedingungen von Depressionen und verhindert andererseits die Indivi­dualisierung der Probleme.

Für die Bearbeitung dieser Materie wurde folgende Vorgehensweise gewählt:

Das zweite Kapitel beinhaltet eine allgemeine Einführung in das Gebiet depressiver Stö­rungen. Es soll somit einen Überblick über die wichtigsten Informationen im Kontext der Depressionen in der Jugendphase verschaffen.

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Frage, warum besonders im Jugendalter eine hohe Depressivitätsgefährdung besteht. Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen dabei die be­lastenden und/oder konflikthaften Veränderungen des Jugendalters sowie die an­spruchsvollen und herausfordernden Entwicklungsaufgaben. Somit wird ein Zusam­menhang zwischen dem Jugendalter und Depressionen hergestellt.

Das vierte Kapitel geht der Frage nach, wie Depressionen im Jugendalter entstehen kön­nen und welche Risikofaktoren damit verbunden sind (Ätiologie). Dafür werden insbe­sondere biologische, psychologische und soziale Erklärungsmodelle sowie Faktoren vorge­stellt. Hier soll verdeutlicht werden, dass Depressionen in der Regel ein mehrdi­mensionales Phänomen sind.

Im fünften Kapitel werden Folgerungen/Konsequenzen für die Soziale Arbeit in Bezug auf die Depressionsthematik im Jugendalter herausgearbeitet. Da sich aus den vorhe­rigen Kapiteln vielfältigste Anknüpfungspunkte ergeben haben, ist es unmöglich auf alle einzu­gehen. Ich werde mich daher darauf beschränken wesentliche Grobziele zu be­nennen und Be­züge zwischen Depressionen sowie besonders geeigneten Konzepten und Methoden der Sozialen Arbeit herzustellen.

Die Arbeit stellt eine überblickartige Zusammenfassung des Themas dar, weshalb nicht jede einzelne Position in ihrer Differenziertheit ausgeführt werden kann. Somit kommt es unvermeidlich zu Zuspitzungen und Verkürzungen. Auch verallgemeinernde Aussa­gen über „die Depression” und „die Jugend” sind unvermeid­lich und daher immer unter Vorbehalt zu stellen. Weiterhin können oftmals keine trennscharfen Grenzlinien zwi­schen den unterschiedlichen Ansät­zen gezogen werden, da es vielfache Überschnei­dungen und Überlappungen gibt.

In meiner Sprachwahl differenziere ich nicht zwischen den Begriffen „Sozialarbeit“ und „Sozialpädagogik“, beide Bezeichnungen werden synonym verwendet. Dabei wird „So­ziale Arbeit” als Sammelbegriff für alle Teilbereiche der Sozialpädagogik und Sozialar­beit verstanden. Um den Lesefluss zu verbessern, wird von geschlechtsspezif­ischen Be­zeichnungen abgesehen, sofern diese nicht für den Sinnzusammenhang not­wendig sind.

2 Aspekte der Depression

2.1 Historisches

2.1.1 Melancholie – Acedia – Depression

„Die Geschichte der Depression umfasst auch die Entdeckung des Geistes selbst [...].”

(Solo­mon 2002, S. 282)

„Seit es schriftliche Zeugnisse gibt, finden sich auch Hinweise, dass Menschen an De­pressionen gelitten haben.” (Hell 2004, S. 25) Depressionen sind ein historisches Phä­nomen und es gibt sie offenbar so lange wie das menschliche Selbst­bewusstsein. Bereits im Altertum waren Depressionen als so genannte „Melancholie” be­kannt. Melancholie ist die ursprünglichste, älteste, aus dem Griechischen stammende Bezeichnung für De­pression. Wörtlich übersetzt bedeutet es „Schwarzgalligkeit” und deutet auf die Säfte­lehre (Humoralpathologie) der alten griechischen Medizin hin, wie sie in der hippokra­tischen Medizin seit dem 5. Jahrhundert vor Christi gepflegt wurde (vgl. Treichler 2002, S. 31). Im antiken Athen war dies jedoch nicht die einzige Auffas­sung von der Melancholie. Hans-Joachim Busch weist darauf hin, dass eine strikte Grenze zwi­schen der medizinischen und der philosophisch-religiösen Auffassung der Melancholie verli­ef:

Zwei Bedeutungslinien der Genese des Topos der Melancholie sind dort zu finden. Die eine, medi­zinisch-defizitär, nimmt ihren Ausgang bei Hippokrates im 5. Jahrhundert. Die zweite, aus der griechischen Philosophie herstammend, versteht Melancholie als innere Ausstattung von Genie, von großen, kritischen Geistern. Diese grundlegende Zweiteilung der Melancholie- Auffassung hält sich historisch grundsätzlich in verschie­denen Verkleidungen bis heute durch. (Busch in Hau & Busch & Deserno 2005 S. 196ff.)

Die Bezeichnungen für diese Leidensform haben sich in der Medizingeschichte seitdem mehrfach verändert. Im Früh- bis Spätmittelalter wurde Melancholie mit „acedia”, was mit Trägheit übersetzbar ist, in Verbindung gebracht oder gleichgesetzt. Für Thomas von Aquin (1224-1274) war sie eine der sieben Todsünden. Melancholie war in dieser Sicht Nährboden der Sünde oder selbst Ausdruck von sündigem Verhalten und wurde sogar mit dem Satan in Verbindung gebracht. Sie galt als Ausdruck einer Missbilligung Gottes. (Vgl. Hegerl & Althaus & Reiners 2005, S. 107) Aus dieser Tradition erwuchs das Stigma, das Depressionen heute noch anhaftet: „Als ein Geschöpf Gottes muss die Seele vollkom­men sein, und es obliegt uns, diesen Zu­stand zu wahren.” (Solomon 2002, S. 294)

Neben den im Mittelalter dominierenden negativen Konnotationen der Melancholie als Sünde kamen in der Renaissance wieder vermehrt positive Facetten zur Sprache. Auf antike Philosophen zurückgreifend, erklärten ihre Denker, Schwermut zeuge von Tiefe, und „man besang das im Zeichen des Saturn geborene Genie, dessen Trübsinn auf tiefster Einsicht beruhte [...].” (Solomon, 2002, S. 282)

Ganz unter dem Einfluss der Wissenschaft stand die Ära vom 17. bis 19. Jahrhundert. Man erforschte die Zusammensetzung des Gehirns und es wurden medizinische und in­stitutionelle Strategien zur Behandlung ausgeklügelt (vgl. ebd. S. 282).

Das 19. Jahrhundert war eine Zeit der Klassifikation. Um Gruppen und Untergruppen dessen zu bilden, was ehemals einfach als Melancholie gegolten hat, debattierte alle Welt über die Natur der Krankheit und ihre Varianten (vgl. ebd. S. 324). Emil Kraepe­lin (1856-1926), der Vater der modernen Klassifikation psychischer Er­krankungen, ver­trat eine naturwissenschaftliche Medizin und war an den biologischen Grundlagen psy­chischer Erkrankungen interessiert. Der in seiner Bedeutungsvielfalt be­ladene Begriff Melancholie wurde in der modernen Medizin durch den Begriff Depress­ion ersetzt und die Melancholie wurde zu einer Spezialform der Depression, die Depres­sion vom me­lancholischen Typ. (Vgl. Hegerl et al. 2005, S. 114ff.) Zeitgleich begründ­ete besonders Sigmund Freuds psychoanalytisches Menschenbild weitgehend die Ter­minologie. Krae­pelin und Freud stehen nicht nur für eine Dichotomie zwischen biochemischer und psy­chologischer Orientierung, ,,sondern auch für den entspre­chenden Riss zwischen Dia­gnose und Therapie, den die Wissenschaft seither zu schlie­ßen ver­sucht.” (Solomon 2002, S. 328)

Daniel Hell fasst wesentliche historische Kernpunkte wie folgt zusammen:

Eine differenzierende Geschichtsschreibung hätte zwar noch die Unterschiede zwi­schen den ver­schiedenen Konzeptionen der ,Melancholie' im Altertum (und der Renais­sance), der ,Acedia´ im Mittelalter und der ,Depression' in der Neuzeit herauszuarbei­ten. Dabei ergeben sich viele Hinwei­se, dass die Grenzen der einzelnen Krankheitsauf­fassungen nicht immer gleich weit gezogen wur­den. Dies schließt aber keineswegs aus, dass die Veränderungen im melancholischen oder depres­siven Zustand in ihrem Kern vergleichbar sind. Bei aller Problematik der Begriffsabgrenzung bleibt der wesentliche Befund, dass es depressives Erleben wohl schon immer gegeben hat. Was heute Depres­sion genannt wird, scheint zum Menschsein dazuzugehören. (Hell 2004, S. 26f.)

2.1.2 Depressionen im Jugendalter

Lange Zeit wurde das Auftreten von depressiven Störungen im Kindes- und Jugendalter in Frage gestellt. Dies, obwohl bereits 1845 der Psychiater Griesinger (1817-1868) mit Nachdruck feststellte, dass alle Formen der melancholischen Verstimmung auch bei Kindern und Jugendlichen vorkommen (vgl. Nissen 2002, S. 187). Erste Hinweise in der modernen Erforschung von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen waren die Arbeiten von Rene Spitz zum „Hospitalismus” (1946). Dieser untersuchte in einer Wie­ner Kinderübernahme­stelle in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts vor allem schwer vernachlässigte kleine Kinder, deren Reaktionen auf die Trennung von ihren Müttern vergleichbar mit den Depressionssymptomen von Erwachsenen waren. Der Begriff der „anaklitischen De­pression” fußt auf diesen Untersuchungen (vgl. Braun-Scharm 2002, S. 1ff.).

Seit den späten 70er und frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts werden vermehrte Forschungs­anstrengungen unternommen, um das Wissen über depressive Verstim­mungszustände bei Heranwachsenden zu erweitern.

Zuvor wurde Depression bei Kindern und Jugend­lichen in der Literatur als nicht existent, laviert (maskiert) oder durch Symptome cha­rakterisiert beschrieben, die sich deutlich von den Sym­ptomen depressiver Erwachsener unterscheiden.[...] Wenn sie überhaupt existiert, nahm man an, dass es sich dabei um vorübergehende Erfahrungen handelt, die mit dem nor­malen Entwicklungs­prozess zusammenhängen. (Essau 2002, S. 9ff.)

In diesem Zusammenhang weist Hannelore Reicher darauf hin, dass die Erforschung depressiver Störungen bei Ju­gendlichen eng mit der generellen entwicklungspsycholo­gischen Sicht des Jugendalters verknüpft ist. So dominierten z.B. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts „Sturm und Drang”-Vorstellungen. Demnach gehörten extreme Stimmungsschwankungen oder de­pressive Verstimmungen zum Jugendalter einfach dazu. Nach dieser Vorstellung galt das Jugendalter als eine besonders problematische, aufwühlende und negative Lebensphase. Depressive Verstimmungen erschienen nicht als abweichend und somit auch nicht als behandlungsbedürftig. Es wurde angenommen, dass Jugendliche aus diesen Krisen einfach wieder herauswachsen würden. (Vgl. Rei­cher 1998, S. 15) Seit den letzten drei Jahrzehnten hat sich die generelle Auffassung durchgesetzt, dass Kinder und Jugendliche die grundlegenden Merkmale von Depressi­on zeigen, die auch Erwachsene aufweisen. Dieser Standpunktwechsel spiegelt sich auch im Gebrauch derselben Kriterien für depressive Störungen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche seit der Einführung des Klassifikationssystems DSM-III (Diagnostische und Statistische Manual Psychischer Störungen) wider. (Vgl. Essau 2002, S. 9)

2.2 Definition

„Die Depression ist für den, der sie nicht kennt, ein nahezu unvorstellbarer Zustand, der sich nur durch eine Reihe von Metaphern – wie Kletterpflanzen an Eichen, Klippen mit Wasserfällen und so fort- umschreiben lässt.”

(Solomon 2001, S. 30)

Eine Depression kann man nicht wie einen Gegenstand beschreiben bzw. mit den Sin­nen erfassen. Sämtliche bisherige Versuche, die Depression nach Form und In­halt, ih­rem Beginn und Verlauf, der Häufigkeit und Schwere ihres Auftretens sowie der Kom­bination ihrer Symptome zu definieren, sind fehlgeschlagen (vgl. Lehmkuhl in Braun-Scharm 2002, S. 25). Das Wort Depression kommt von lateinisch „deprimere”, „herab­drücken”, „niederdrücken” und meint in seiner ursprünglichen Bedeutung „be­drückte Stimmung”. In der Alltagssprache hat der Begriff Depression eine gewisse Ausweitung erfahren. Von kaum spürbaren vorübergehenden Stimmungsverschlechte­rungen bis hin zu einer schweren, im Extremfall lebensbedrohlichen Störung reicht das Spektrum. Die Bandbreite von Lebensgefühl und Stimmungslage bis hin zur Krankheit führt oft zu Un­schärfe und zu Missverständnissen.

Es liegen ,Welten' zwischen ,de­pressiv sein' im umgangssprachlichen Sinne und an einer ,schweren Depression er­krankt' zu sein. Die Gefahren, die sich hieraus ergeben, liegen auf der Hand. Der Krankheitswert der Depression wird nicht erkannt, das Verhalten des erkrankten leicht als persönliches Versagen [...] interpretiert. (Hegerl et al. 2005, S. 9)

Eine medizinische Definition psychischer Störungen könnte somit hier den Patienten entlasten und Stigmatisierungen vermeiden.

Psychopathologisch wird unter Depressionen in erster Linie ein klinisches Syndrom, d.h. eine Gruppe von Symptomen, die in regelhafter oder gesetzmäßiger Verbindung miteinander auftreten, verstanden (vgl. Lehmkuhl in Braun-Scharm 2002, S. 25).

Depression im klinischen Sinn meint: „Probleme, die über den Bereich der Stimmung hinausgehen und anhaltende, erhebliche physische, psychische und verhaltensbezogene Symptome mit einschließen.” (Hammen 1999, S. 9) Depressionen sind demnach mehr­dimensionale Verstimmungen, die an Tiefe und in der Dauer über ein der jeweiligen Le­benssituation entsprechendes Maß von Gemütsschwankungen hinausgehen. Auch inner­halb der klinischen Diskussion der Psychiatrie und der Psychoanalyse wird der Begriff Depression keineswegs einheitlich verwendet.

Die Uneinigkeit entsteht nicht zuletzt dadurch, dass deskriptive, psychodynamische und psychoge­netische Merkmale in der Diskussion munter vermischt werden und bis heute, trotz der Versuche internatio­naler Klassifikationssysteme wie z.B. der ICD-10 oder der DSM-IV, keine einheitlichen Kriterien zur Bestimmung von Depressionen existieren. (Hau in Hau & Busch & Deserno 2005, S. 46)

Der Begriff Depression beschreibt folglich kein einheitliches Krankheitsbild, sondern umfasst einen Symptomenkomplex, hinter dem unterschiedliche Erkrankungen stehen können. Dies führt folglich zu Divergenzen in der Definition.

Es ist davon auszugehen, dass zwischen den unterschiedlichen Depressionsformen mehr oder weniger fließende Übergänge bestehen. Gesunde Deprimiertheit und kranke De­pression sind also nicht scharf voneinander zu trennen, sie bilden Pole, die einander ent­gegengesetzt sind, sich aber nicht gegenseitig ausschließen. Jede Grenzziehung ist künstlich und erscheint von einer Übereinkunft der Experten abhängig. (Vgl. Hell 2004, S. 32) Die Frage, ob oder inwieweit einer psychischen Ausdrucksform Krankheits­wert zukommt, wird im Wesentlichen durch sich wandelnde kulturelle und historische, aber ebenso durch ökonomische Faktoren bestimmt (vgl. Hell 2006, S. 64ff.).

Gegenstand der meisten Publikationen ist ein Depressionsverständnis, das:

[...] eine Depression als medizinische oder -etwas seltener- als familiäre oder gesell­schaftliche Stö­rung sieht. Dadurch wird die depressive Problematik als Folge eines De­fekts in einem ganz be­stimmten Bereich verstanden. (Hell, 2004, S.17)

Hell vertritt je­doch die These, dass „[...] die Depression eine besondere Reaktionsmög­lichkeit dar­stellt, die den Menschen vor Desintegration schützt, wenn eine Verlustsitua­tion nicht mehr anders bewältigt werden kann.” (Ebd. S.12) Depressionen machen Sinn, wenn sie nicht nur als „Störungsmuster” bzw. als „Defekt eines Systems”, sondern auch als „bio­sozialer Schutzmechanismus” bzw. „Lösungsversuch” gesehen werden. (Ebd. S. 196)

Das Fachlexikon der Sozialen Arbeit verknüpft viele der aufgeführten Aspekte in der folgenden Definition, wonach Depression eine:

Bezeichnung für eine Gruppe phänomenologisch verwandter psychischer Zustände, die sich in Schweregrad, Ursache und Verlauf jedoch erheblich unterscheiden und von normal psycholo­gischen Reaktionen bis hin zu schweren psychiatrischen Erkrankungen reichen können. Der Be­griff bedarf daher genauerer Differenzierung, dennoch gibt es im klinischen Bereich fließende Übergänge zwischen den differenzialdiagnostisch ab­zugrenzenden Depressionsformen. Gemein­sames Hauptmerkmal ist die niedergedrückte und pessimistische Grundstimmung mit allgemeiner Lust- und Antriebslosigkeit [...]. ( Fachlexikon der Sozialen Arbeit 2002, S. 199)

Die Unterscheidung der verschiedenen Depressionsformen ist weder wissenschaftlich noch praktisch eindeutig möglich und hängt sehr von der ihr zugrunde liegenden Theo­rie ab (vgl. ebd. S. 199). Hinsichtlich verschiedener Schweregrade und Ausprägungs­formen bleibt eine Be­griffsabgrenzung der Depression problematisch. Die Depression gibt es nicht, obwohl den unterschiedlichen Depressionstypen manches gemein ist. De­pressionen haben im­mer eine individuelle Färbung (vgl. Tölle 2000, S. 9). Eine Depres­sion hat viele Facet­ten und ist nur der Oberbegriff für eine Vielzahl von seelischen Ver­stimmungen. Zu­sätzlich erschwert wird eine Definition bei Jugendlichen dadurch, dass ihre Symptome und Symptomenverbände einer entwicklungsspezifischen Metamorpho­se unterliegen. Altersbedingte auffällige Verhaltensweisen (siehe 2.4) überlagern sich häufig mit den klassischen Symptomen einer Depression. (Vgl. Nissen 2002, S. 189)

Abschließend lässt sich sagen: „Depressionen sind individuell verschieden und immer wie­der neu, sie bleiben geheim­nisvoll.” (Solomon 2002, S. 400)

2.3 Erfassung und Diagnostik

„Bei der Diagnostik geht es nicht um eine Etikettierung oder Stigmatisierung von Men­schen, son­dern es geht um einen verstehenden Zugang zu Verhaltensweisen [...].”

(Schwarzer 2002, S. 209)

Diagnose ist ursprünglich ein medizinisches Konzept, dem Vorstellungen von Standard­zustand bzw. Normalverhalten, Diagnose-Therapie-Bin­dungen etc. eigen sind. Der im medizinischen und therapeutischen Bereich übliche Be­griff bezeichnet ein Prozess der Klärung von Behandlungsarten.

Mit einer Diagnose sind eine Fülle von sozialen Vorstellungen und Verhaltenserwar­tungen verknüpft. Diese können, gewollt oder ungewollt, erhebliche Verhaltensverände­rungen bewirken, welche nicht direkt auf pathophysiologische Veränderungen zurück­zuführen sind. Eine ärztliche Diagnose ist nie nur eine medizinische orientierte Aussa­ge, sondern erfüllt immer auch eine soziale Funktion. Wird Krankheit als abweichendes Verhalten definiert, kann Diagnose als Etikettierung (engl. „labeling”) je nach Art der Erkrankung auch Probleme aufwerfen. Sind die sozialen Erwartungen negativer Natur, spricht man von einem Stigma. (Vgl. Hörning in Schwarzer, 2002, S.20) Andererseits kann die Etikettierung „organisch krank” aber auch eine entlastende Funktion haben: „Das Wort organisch lindert offenbar Schuldgefühle [...]. Wenn das Gehirn eine Veran­lagung zu Depressionen hat, so braucht man sich keine Vorwürfe zu machen [...]. Ich bin depressiv, aber das ist nur die Chemie.” (Solomon 2001, S.21f.) Entscheidend für die Bewertung ist, wie im Kapitel „Historisches” bereits angedeutet, immer der gesell­schaftlich-kulturelle Mainstream.

Diagnostik sollte dabei immer mehrere Ebenen berücksichtigen, da mit der psychischen Störung z.B. auch kognitive, emotionale und physiologische Faktoren einhergehen. Schwarzer fasst diesen Aspekt wie folgt zusammen:

Eine psychiatrische Diagnose be­deutet immer eine umfassende, möglichst ganzheitliche Diagnos­tik, die relevante kör­perliche, psychologische und soziale Aspekte berücksichtigt. Sie darf sich nie auf einen Einzelaspekt gründen, immer entscheidend die psychopathologische Gesamtsituation im psychosozialen Kontext. (Schwarzer 2002, S. 210)

Die Diagnose einer Depression ergibt sich aus einem Zusammenspiel von Symptomen. So zielt die Depressionsdiagnostik auf die spezifische Erfassung und Beurteilung de­pressiver Symptome und die systematische Überprüfung der Kriterien, die die Diagnose ei­ner depressiven Störung rechtfertigen (vgl. Groen & Petermann 2002, S. 139). Diese Beschwerden lassen sich einerseits beobachten, werden andererseits aber auch vom Pa­tienten geschildert. Das Beschwerdebild von psychischen und körperlichen Symptomen wird als „depressives Syndrom” bezeichnet. Um eine depressive Episode zu diagnosti­zieren, müssen bestimmte depressive Symptome während einer bestimmten Zeitdauer ausreichend häufig vorliegen. Je zahlreicher und belastender die Symptome sind, desto höher wird der Schweregrad beurteilt. Letztlich kommt es darauf an, über die Diagnose im Einzelfall allgemein gültige Krankheitsbeschreibungen und Bezeich­nungen zu fin­den (vgl. Schwarzer 2002, S. 210).

Bei der Diagnose depressiver Störungen im Jugendalter ist der Entwicklungsstand zu berücksichtigen. In den letzten Jahren sind daher eine Vielzahl unterschiedlicher Ver­fahren zur Depressionsdiagnostik bei Kindern und Jugendlichen entwickelt worden. Im Allgemeinen werden zur Erfassung von Depression bei Jugendlichen strukturierte dia­gnostische Interviews, Selbstbeurteilungs-Fragebögen und Rating-Skalen eingesetzt. (Vgl. Essau 2002, S. 29) Viele depressive Symptome sind von anderen Personen nur schwer zu erkennen, da sie die subjektive Wahrnehmung von Stimmungen und Gefühls­zuständen reflektieren. Viele zentrale depressive Symptome manifestieren sich vor allem im inneren Erleben der Betroffenen. Dies stellt eine besondere diagnostische He­rausforderung dar. Zur Bestimmung einer vorliegenden Symptomatik liegt es entspre­chend nahe, vor allem Informationen der betroffenen Jugendlichen heranzuziehen. Um sich ein möglichst genaues und umfassendes Bild der psychosozialen Probleme des Ju­gendlichen zu verschaffen, ist es dennoch vorteilhaft, Daten von verschiedenen naheste­henden Bezugspersonen (Eltern, Lehrer, Gleichaltrige etc.) heranzuziehen. (Vgl. Peter­mann & Kusch & Niebank 1998, S. 331)

2.4 Symptomatik

„Man kann nicht nicht kommunizieren.”

(Watzlawik 1985, S. 53)

Im folgenden werden nun verschiedene Aspekte der Depressionssymptomatik im Ju­gendalter erläutert. Zunächst wird jedoch auf zwei unterschiedliche Sichtweisen von Symptomen hingewiesen.

Der Begriff „Symptom” stammt aus den Krankheitsmodellen der Medizin. Dem medizi­nisch-biologischen Modell nach sind Symptome typische äußere Zeichen einer Erkran­kung, die auf einer oder mehreren spezifischen Ursachen beruhen (vgl. Hörning in Schwarzer 2002, S. 19). Eine andere eher ressourcen- und kompetenzorientierte Sicht­weise ist die „Systemische”:

Jedes wahrgenommene psychosoziale Problem/Symptom/Defizit ist nicht nur eine Lösung und entfaltet gewollt oder ungewollt, bewusst oder unbewusst beziehungsgestaltende Kräfte, sondern solche Probleme/Symptome/Defizite weisen eindeutig auf verschiedene Kompetenzen und Res­sourcen hin [...]. (Mücke 2003, S. 37)

Diese Sichtweise betont im Gegensatz zu der eher kausalen und passiven medizi­nisch-biologischen die aktiven und positiven Komponenten von Symptomen. Des weiteren deutet die systemische Sichtweise an, dass die Symptomatik abhängig vom jeweiligen Kontext ist und in verschiedenen Umfeldern unterschiedlich deutlicher hervortritt (vgl. Groen & Petermann 2002, S. 141).

Wie bzw. woran kann man eine depressive Störung bei Jugendlichen erkennen? Diese Frage ist nicht trivial, da gerade emotional gefährdete Jugendliche auf einem Rückzugs­weg sind. Depressionen lassen sich den internalisierenden Störungen zuordnen und sind von außen oft schwer zu identifizieren.

Grundsätzlich leiden Jugendliche unter denselben Symptomen, die auch depressive Er­wachsene zeigen. Dennoch hängen die depressiven Symptome bei Jugendlichen weitaus mehr als bei Erwachsenen vom Alter sowie vom körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklungsstand ab. Auch die intellektuellen und verbalen Möglichkeiten sowie die altersentsprechenden Anforderungen, denen sich der Jugendliche gegenübergestellt sieht, beeinflussen die Symptomatik. Jede Entwicklungsstufe kann also ganz unter­schiedliche Symptome mit sich bringen. Oft neigen Jugendliche dazu, sich z.B. durch Verhaltensauffälligkeiten vor den Gefühlen der Leere, der Niedergeschlagenheit und Hoffnungslosigkeit zu schützen. Auch körperliche Beschwerden wie z.B. Kopf­schmerzen oder Essstörungen stehen oftmals im Vordergrund einer Depression. „Zehn bis zwanzig Prozent aller Patienten, die einen niedergelassenen Arzt aufsuchen, dürften depressiv sein, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind und über körperliche Sym­ptome klagen.” (Hell 2004, S. 42) Früher sprach man deshalb von einer sogenannten maskierten oder lavierten Depression. In heutiger Terminologie wird diese Form der „Dechiffrierung körperlicher Beschwerden als Ausdruck einer seelischen Depression” (Treichler 2002, S. 40) als somatisierte Depression bezeichnet. Eine Depressionen bei Jugend­lichen zu erkennen und klar zuzuordnen ist daher sehr schwierig.

Bei der Depression handelt es sich u.a. um ein Syndrom, welches durch eine Vielzahl von Symptomen hervorgerufen werden kann. Charakteristisch ist, dass neben den Kern­symptomen (Depressive Verstimmung, Anhedonie, Antriebsmangel) auch:

- verhaltensbezogene (z.B. unruhiges oder verlangsamtes Verhalten),
- kognitiv/motivationale (z.B. Konzentrationsmangel, Entscheidungsprobleme),
- emotionale (z.B. geringes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle) und
- körperlich/neurovegetative (z.B. Veränderungen des Appetits oder des Schlafs)

Symptome gemeinsam auftreten können. (Vgl. Groen & Petermann 2002, S. 16) Dabei ist auch von gegenseitigen Wechselwir­kungen auszugehen. Die Symptome für Depres­sionen finden sich auf unterschiedlichen Ebenen in jeweils verschiedener Ausprägung. Hinsichtlich Kombinationen, Anzahl und Schweregrad der Symptome gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Betroffenen.

Die Symptome der Depressionen im Jugendalter sind vielfältig und vor allem durch ge­schlechts-, alters- und entwicklungsbedingte Ausprägungen gekennzeichnet, wobei je­doch zentrale Anzeichen der Depression in jedem Lebensalter auftreten. Hell spricht von einem Kernbereich des depressiven Erlebens, der bei allen gleich ist: „Diese über­einstimmende Kernsymptomatik entspricht einem Gefühl der Hemmung oder Schwere und dem Eindruck der Verlangsamung [...].” (Hell, 2004, S. 41)

Bei Kindern sind die Anzeichen der Depression fast immer untypisch, es stehen ver­mehrt körperliche Be­schwerden im Vordergrund und sie bringen ihre Depressivität eher durch Mimik und Gestik zum Ausdruck. Im Vergleich zum Kindesalter kommen im Ju­gendalter dysfunk­tionale Denkmuster zum Ausdruck. Typische kognitive Anzeichen, unter anderem auch bedingt durch die kognitive Entwicklung (siehe 3.2.3), wie z.B. Selbstwertprobleme und Hoffnungs­losigkeit werden hier deutlich und treten vermehrt auf. (Vgl. Petermann 2005, S. 223) Die Symptomatik gleicht sich, je älter die Jugend­lichen werden, der der Erwachsenen immer mehr an:

Die Symptomprofile 14- bis 17jähriger Jugendlicher unterscheiden sich nicht mehr stark von de­nen Erwachsener. In Übereinstimmung mit Ergebnissen verschiedener anderer Studien über Ju­gendliche (...) sind die häufigsten Symptome ,de­pressive Stimmung', ,Konzentrations- und Denk­störungen' sowie ,Schlafstörungen'. (Schuster 2001, S. 151)

Neben den vom Alter unabhängigen, diagnostischen Kriterien für klinische Depressi­onen (z.B. ICD-10 und DSM-IV) treten im Jugendalter spezifische Symptome auf, die in anderen Altersgruppen nicht oder nur selten zu beobachten sind. Typisch depres­sive Symptome bei Jugendlichen sind (Essau & Petermann 2002, S. 301):

- Hoffnungs- und Sinnlosigkeit
- Negative Zukunftserwartungen
- Psychomotorische Verlangsamung
- Vermehrtes Schlafbedürfnis (Hypersomie)
- Gewichtsveränderungen
- Anhedonie (Freud- und Lustlosigkeit)
- Suizidale Gedanken und Verhaltensweisen
- Wahnphänomene
- Drogen- und Alkoholkonsum

Diese Auflistung hat sicherlich nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Symptome wie vermindertes Selbstvertrauen, Leistungsstörungen, Schulschwierigkeiten, extreme Stim­mungsschwankungen, verzögerter Pubertätsbeginn etc. sind ebenso typische Symptome für eine Depression im Jugendalter (vgl. Grob & Jaschinski, 2003, S. 175). Einige die­ser hier benann­ten Merkmale scheinen gleichzeitig normaler Bestandteil der jugend­lichen Entwicklung zu sein. Bei der Beobachtung der Symptomatik ist dementsprechend im­mer darauf zu achten, in welcher Häufung sie vorkommen, wie lange sie andauern, und ob sie reaktiv, d.h. im Anschluß an sehr belastende Ereignisse, auftreten. Gerade in der Adoleszenz kommt nämlich episodische Traurigkeit sehr häufig vor, sie kann z.B. als Verlusterleb­nis eine verständliche Reaktion auf ein belastendes Ereignis sein. (Vgl. Fend 2003, S. 424)

2.5 Klassifikation

2.5.1 Allgemeine Veränderungen

Angesichts der Häufigkeit und Vertrautheit depressiver Störungen besteht eine erstaun­liche Unbeständigkeit in ihrer Klassifikation. So unterliegt die Einteilung der verschie­denen depressiven Erkrankungsformen einem starken Wandel. Die älteren Kategorisie­rungsversuche sind problematisch geworden, da sie weder wissenschaftlich noch prak­tisch eindeutig möglich sind sowie auch immer von der entsprechenden Theorie abhän­gig sind. Die unterschiedlichen Entstehungsbedingungen, Schweregrade und Verlaufs­formen der Depression haben in den zurückliegenden Versionen der Klassifikationssy­steme zu mehrfachen Umverteilungen und einer „babylonischen Sprachverwirrung” (Hell 2004, S. 38) geführt. Die Weltgesundheitsbehörde unterteilt deshalb depressive Episoden neuerdings nur noch rein beschreibend in leichte, mittelgradige und schwere. Milde, aber langanhaltende depressive Verstimmungen werden dysthyme Störungen ge­nannt. (Vgl. ebd. S. 39ff.) Das zuvor alte „triadische System”, das psychische Erkran­kungen in drei große Gruppen (exogene, endogene und psychogene Erkran­kungen) ein­geteilt und dabei die Frage nach den vermeintlichen Krankheitsursachen stärker gewicht­et hat, wurde hierdurch abgelöst. (Vgl. Schwarzer 2002, S. 210ff.)

Die derzeit wichtigsten Klassifikationssysteme sind das ICD-10 (Internationale Klassifi­kation Psychischer Störungen) sowie das in den USA gebräuchliche DSM-IV. Diese beiden, durch eine an Schweregrad und Symptomatik orientierte Einteilung gekenn­zeichneten Klassifikationssysteme, gehen mittlerweile in groben Zügen in ihren Eintei­lungen parallel. (Vgl. Hegerl & Althaus & Reiners 2005, S. 114ff.)

Bei Kindern und Jugendlichen wird dabei grundsätzlich auf dieselben Kategorien Bezug genommen, die auch bei Erwachsenen von Bedeutung sind:

Die Klassifikation der af­fektiven und depressiven Störungen gemäß ICD-10 gilt für alle Alters­gruppen und be­rücksichtigt mit Ausnahme der Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Stö­rung (F92.0) keine für Kinder und Jugendliche spezifischen Kategorien. Dieser Verzicht auf die Angabe spezifischer diagnostischer Leitlinien für diesen Altersbereich muss als ein Mangel der ICD-10 bezeichnet werden. (Lehmkuhl in Braun-Scharm 2002, S. 25).

Eine mangelnde Berücksichtigung des Faktors Entwicklungsstufe findet neben den Klassifikationsansätzen auch in den entsprechenden Diagnoseschlüsseln, in den ätiolo­gischen und therapeutischen Konzepten sowohl in der Grundlagenforschung als auch im praktischen Bereich statt. Viele Verfahren, Konzepte und Theorien wurden aus dem Er­wachsenenbereich adaptiert bzw. einfach nur übernommen. (Vgl. Reicher 1998, S. 16) Es lässt sich festhalten, dass Klassifikationssysteme immer vorläufiger Natur sind und je nach wissenschaftlichem Kenntnisstand weiterentwickelt und umgeschrieben werden müssen (vgl. Schwarzer 2002, S. 210).

2.5.2 Klassifikation in der Entwicklungspsychologie

Obwohl auch heute noch nicht klar ist, wie spezifisch ein depressives Syndrom einge­grenzt werden kann und ob damit nicht zu heterogene Phänomene zusammengefasst werden, unterscheidet die klinische Entwicklungspsychologie drei Intensitätsgrade der depressiven Störung (vgl. Grob & Jaschinski 2003, S.172f.):

(1) depressive Stimmung
Aufgrund der weiten Verbreitung unter Jugendlichen (35% sind davon betroffen) sind Phasen der depressiven Stimmung weniger als Störung, sondern in bestimmten Situati­onen eher als eine angemessene Reaktion zu verstehen.
(2) depressives Syndrom
Jugendliche mit einem depressiven Syndrom zeigen Symptome von Angststörungen und klinischen Depressionen, allerdings sind diese nicht so umfangreich, dass sie bereits als solche diagnostiziert werden.
(3) klinische Depression
Diese Form der Depression ist – im Gegensatz zu den ersten beiden – keine angemes­sene Reaktion auf eine bestimmte Situation. Sie wird vielmehr auf eine gestörte Emoti­onsregulation zurückgeführt.

Bei diesen drei Formen unterschiedlichen Schweregrades kann es durchaus zu Überlap­pungen kommen. Gemeinsam ist den drei Formen, dass das emotionale Empfinden des Jugendlichen sowie seine soziale Interaktion teilweise beeinträchtigt ist.

2.6 Epidemiologie

Wir befinden uns mitten in einer Depressionsepidemie.

(E.P. Seligman, zitiert in Nuber 2000, S.14)

2.6.1 Allgemeine Entwicklung

Seit zwei Jahrzehnten nimmt die Häufigkeit der Diagnose Depression weltweit und auf breiter Front, also bei Jungen und Alten, Frauen und Männern, kontinuierlich zu. Dieser Trend wird sich laut Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation weiter fortsetzen. So soll die Depression, nach den Herzerkrankungen, im Jahr 2020 die zweithäufigste Er­krankung sein. Weltweit leiden zur Zeit ca. 300 Millionen Menschen an Depressi­onen. Epidemiologen gehen davon aus, dass hierzulande ca. 2,8 Millionen Männer und 5 Mil­lionen Frauen betroffen sind. Eine mittelgradig bis schwere Depression erleiden minde­stens 15 bis 30 Prozent aller Erwachsenen. Depressive Erkrankungen gehören also zu den häufigsten Erkrankungen in der Bevölkerung, werden allerdings oft nicht er­kannt. Nur ca. 35 % aller Patienten mit schweren Depressionen werden überhaupt be­handelt. Das Risiko an einer Depression zu erkranken liegt bei Frauen zwischen 10 % und 25 %, bei Männern zwischen 5 % und 12 %. (Vgl. Hau & Busch & Deserno 2005, S. 7,19) Nach Hell geht die Zu­nahme der Depressionszahlen in der Allgemeinbevölkerung aber auch mit der Wand­lung der Erfassungsmethoden im letzten Jahrzehnt einher (vgl. Hell 2004, S. 42).

2.6.2 Entwicklung bei Jugendlichen

Depressive Störungen bei Jugendlichen sind keineswegs ein seltenes Phänomen und tre­ten ebenso häufig auf wie bei Erwachsenen. „Depressive Störungen in dieser Alters­gruppe sind häufig, schwergradig, dauern lange an und werden von den Betroffenen als sehr einschränkend erlebt.” (Schuster 2001, S. 149) In den letzten Jahren wurde ein Vielzahl epidemiologischer Studien an Kindern und Jugendlichen durchgeführt. Diese Studien bestätigen die Tendenz einer Zunahme von Depression bei Jugendlichen. „Da­bei ist die Größe des Effekts beeindruckend und läßt auf eine erhebliche Gesamtzunah­me depressiver Störungen in der weiteren Zukunft erwarten.” (Ebd. S.154) Dieses Phä­nomen äußert sich nicht nur in den erhöhten Prävalenzraten bei jüngeren Al­tersgruppen, auch das durchschnittliche Alter bei Störungsbeginn nimmt immer mehr ab (vgl. Essau 2002, S. 48). Das dieses Phänomen nicht nur empirisch, sondern auch konkret beobach­tet werden kann, deutet Reicher an: „Der Anteil von Patienten mit de­pressiven Stö­rungen in Kliniken und Therapie ist steigend, und diese Patientengruppen werden im­mer jünger.” (Reicher 1998, S. 56)

Die Gefahr, an einer Depression zu erkranken, steigt mit Beginn der Pubertät. Nach An­gaben des Berliner Bündnis` gegen Depression betrage die Möglichkeit, im Laufe der gesamten Jugendzeit eine Depression zu erleiden zwischen 9,4 und 18,5 %. Bei Kin­dern im Vor- und Grundschulalter liegt die Zahl der Erkrankungen bei 2 %. (Vgl. Deutsches Ärzteblatt 2006, S. 1) Peter Schuster ver­mutet ebenfalls einen möglichen „Kausalzu­sammenhang” (Essau 2002, S. 52) zwischen Depres­sion und Pubertät: „Das Risikoalter für depressive Störungen beginnt um das 13. Le­bensjahr und setzt sich kontinuierlich fort, Depressionen vor diesem Lebensalter sind eher selten.” (Schuster 2001, S. 150) Lewinsohn et al. (1993) geben als das Durch­schnittsalter für den Beginn depressiver Störungen 14,3 Jahre an (vgl. Lewinsohn in Braun-Scharm 2002, S. 28).

Die Bremer Jugendstudie von Essau et al. 1998 stellte fest, dass depressive Störungen mit dem Alter zunehmen und der stärkste Anstieg in dieser Untersuchung zwischen 14 und 15 Jahren lag. Geschlechtsunterschiede wurden nach dem Alter von 14 Jahren si­gnifikant deutlich. Ist das Verhältnis von Jungen und Mädchen hinsichtlich der Depres­sionsrate in der Vorpubertät noch ausgewogen, so verändert sich dies jedoch mit Beginn der Pubertät zu Ungunsten der Mädchen, welche oft doppelt bis dreimal so häufig be­troffen sind wie Jungen. (Vgl. Brau-Scharm 2002, S. 26f.) Ab dem 14. Lebensjahr sind Mädchen einerseits häufiger als Männer von depressiven Störungen betroffen, anderer­seits erleiden sie auch überproportional häufiger mittelschwere oder schwere depressive Episoden (vgl. Schuster 2001, S. 90). Mädchen sind dementsprechend nicht nur quanti­tativ, sondern auch qualitativ stärker betroffen.

2.7 Verlauf und psychosoziale Beeinträchtigung

2.7.1 Verlauf

Depressive Episoden im Jugendalter weisen eine sehr unterschiedliche Dauer auf und sind keineswegs immer leichte, kurze und vorübergehende Störungen. Das Spektrum der Länge reicht von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahren bei einer chronischen Depression (Dysthyme Störung). Bei Jugend­lichen liegt der Median für eine depressive Episode bei ein bis zwei Monaten. 50 % aller ersten depressiven Episoden dauern 4 Wo­chen oder länger. Auch hier ist ein Geschlechterunterschied feststellbar: Mädchen leiden unter länger andauernden Episoden, die mit steigendem Alter zunehmen (vgl. Schuster 2001, S. 152).

Familiäre Faktoren sowie das Vorliegen komorbider Störungen beeinflussen dabei die Dauer depressiver Episoden. Viele Jugendliche sind nach einer gewissen Zeit wieder symptomfrei, wobei jedoch auch die Rückfallhäufigkeit depressiver Störungen bei Ju­gendlichen relativ hoch ist. Es zeichnet sich auch ab, dass Personen die im Jugendalter depressiv waren, auch im frühen Erwachsenenalter signifikant häufiger depressiv sind. (Vgl. Essau 2002, S. 86ff.)

2.7.2 Psychosoziale Beeinträchtigung

In vielen Fällen zeigen depressive Jugendliche ernsthafte psychosoziale Beeinträchti­gungen in verschiedenen Lebensbereichen, insbesondere im familiären, schulischen, zwischenmenschlichen und kognitiven Bereich. Somit entstehen häufig Probleme bei der Bewältigung alltäglicher Anforderungen, welche längerfristige Auswirkungen auf die weitere Entwicklung des Jugendlichen haben. Beeinträchtigt werden somit unter an­derem der Aufbau altersgemäßer sozialer, kognitiver und emotionaler Kompetenzen. Viele der psychosozialen Beeinträchtigungen wie z.B. zwischenmenschliche Probleme oder schulische Probleme stehen in einem engen Zusammenhang mit den Symptomen der Depression. Die psychosozialen Beeinträchtigungen stellen letztlich Alltagsbela­stungen dar. Ob diese Probleme eine Begleiterscheinung, Folge oder bereits vor der De­pression bestanden kann jedoch noch nicht genau differenziert werden. (Vgl. Groen & Petermann 2002, S. 41f.)

Depressive Episoden greifen also schon in der Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen gra­vierend in die Lebensgestaltung ein. Jugendliche mit einer aktuellen sowie einer ver­gangenen Episode weisen bei alltäglichen Schwierigkeiten („Daily Hassels”) signifikant mehr Probleme auf als nicht depressive Personen. (Vgl. Schuster 2001, S. 152)

[...]

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Bio-psycho-soziale Aspekte der Depression im Jugendalter
Hochschule
Katholische Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Abteilung Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
111
Katalognummer
V65486
ISBN (eBook)
9783638580434
ISBN (Buch)
9783640860531
Dateigröße
885 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bio-psycho-soziale, Aspekte, Depression, Jugendalter
Arbeit zitieren
Daniel Daßmann (Autor), 2006, Bio-psycho-soziale Aspekte der Depression im Jugendalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65486

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