Das öffentliche Bild nur weniger historischer Figuren ist im Laufe der Jahrhunderte einem derartigen Wandel unterworfen gewesen, wie das des „Alten Fritz“, Friedrich II. von Preußen. Bereits zu seinen Lebzeiten war Friedrich II. der Gegenstand zahlreicher Erzählungen und Anekdoten des Volkmundes, die ihn mehrheitlich glorifizierten. Seit seinem Ableben im Jahre 1786 scheint das Bild dieser historischen Gestalt bei der Nachwelt einem steten Wandel zu unterliegen. Die Darstellung seiner Person reicht vom „Mehrer des Reiches“, „Zerstörer des Reiches“ bis zum scheinbar diametral entgegen gesetzten „Gründer des Reiches“. Je nachdem wie die zeitgenössische politische Ausrichtung aussah, passte sich die Sicht auf den Preußenkönig entsprechend an, so dass er in den vergangenen zwei Jahrhunderten nicht nur eine historische Gestalt, sondern auch zu einem Politikum wurde. Der Historiker Walter Bußmann bemerkte diesbezüglich treffend: „Wer es unternimmt, eine Geschichte des Friedrich-Bildes zu schreiben, leistet einen Beitrag zur Geschichte des politischen Bewusstseins.“ Es scheint, als könnte der aufmerksame Beobachter aus der Friedrich-Rezeption Rückschlüsse auf Ideologien, Ideale, politische Ausrichtungen der konkreten Rezeptionszeit ziehen. Es soll das Ziel dieser Arbeit sein, zu zeigen, wie sehr Bilder von Friedrich II. zu zwei unterschiedlichen Zeiten differieren und welche Schlussfolgerungen sich aus diesen Deutungen für das jeweils zeitgenössische Politikverständnis ergeben.
Zuerst wird aufgezeigt, welche Deutungen seiner Regentschaft in seiner unmittelbaren Nachwelt, mit dem Aufkommen des neuen Geistes der Frühromantiker, in einer Zeit, in der Gelehrte und Volk begannen, von einem vereinten Deutschland zu träumen, populär wurden, um dann einen Vergleich zu ziehen zu den zwölf Jahren, in welchen Hitler der deutsche Reichskanzler war und Propagandaminister Goebbels die Deutschen von den Zielen der Nationalsozialisten mit Presse, Rundfunk, Kino – und dem Bilde vom „Alten Fritz“ – zu überzeugen suchte.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Friedrich der Große im Urteil seiner unmittelbaren Nachwelt
1.1 Die absolutistische Herrschaft
1.2 Der „Reichsverderber“
2. Friedrich der Große in der NS-Propaganda
2.1 Der Wandel der Zeiten und Ideologien
2.2 Instrumentalisierung im nationalsozialistischen Deutschland
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Bedeutungswandel von Friedrich II. von Preußen, indem sie kontrastierend die Wahrnehmung des Herrschers in seiner unmittelbaren Nachwelt sowie dessen gezielte Instrumentalisierung durch die nationalsozialistische Propaganda analysiert und die jeweiligen politischen Implikationen hinterfragt.
- Historische Rezeption von Friedrich II. in der Ära des frühen 19. Jahrhunderts
- Gegensätzliche Deutungsmuster: „Mehrer des Reiches“ versus „Zerstörer des Reiches“
- Die Rolle Friedrichs als Identifikationsfigur in der NS-Ideologie
- Propagandistische Inszenierungen und der „Tag von Potsdam“
- Kulturelle Einflussnahme durch den nationalsozialistischen Historienfilm
Auszug aus dem Buch
2.2 Instrumentalisierung im nationalsozialistischen Deutschland
1932 erklärte der damalige SA-Führer Wolf Heinrich Graf von Helldorf Friedrich II. bei einer Veranstaltung zum „ersten Nationalsozialisten“. Nicht ohne Grund, denn der Preußenkönig, der die Ideologie des Präventivschlages, des „Not kennt kein Gebot“, in die Geschichte einbrachte, diente den Nationalsozialisten, insbesondere Adolf Hitler, der ihn seit den zwanziger Jahren bei seinen Auftritten wiederholt als einen von dreien „wahrhaft großen deutschen Männern“ bezeichnete, als starke Identifikationsfigur. Das deutsche Volk und die Wehrmacht musste begeistert werden, sollte ein Vorbild haben, an dem es sich orientieren konnte, an dem die eigenen Erfolge messbar sein konnten. Wer lag da näher, als Friedrich der Große, jener König von Preußen, der der hohen Politik „die unheilvolle Tradition vom Vorteil der Angriffskriege“ hinterließ, dementsprechend Schlesien mit einem Präventivschlag gewinnen und später auch verteidigen konnte (wenn auch unter teils schweren Verlusten), „der das ganze Land als Feldlager benutzte“ und seinen Landsleuten im Sinne einer Großmachtspolitik große Opfer abverlangte.
Als eine besonders gelungene Inszenierung für die Reichswehr, den Reichspräsidenten, für die bürgerlichen Kabinettsmitglieder, alle Verbände und Parteien, die nicht nationalsozialistisch waren, die Kirchen und alle politisch noch handlungsfähigen Kräfte, gilt der „Tag von Potsdam“, am 21. März 1933. Propagandaminister Joseph Goebbels versammelte den zuvor gewählten Reichstag mit einem Staatsakt in eben jener Garnisonskirche an den Gräbern der preußischen Könige. Der Reichspräsident verkörperte bei dieser Prozedur das Preußentum des „Alten Fritz“, respektive die preußisch-deutsche Kaiserzeit, und gab somit, nachdem Hitler von der „Vermählung der alten Symbole mit der jungen Kraft“ sprach, durch seinen Händedruck dem neuen nationalsozialistischen Deutschland den Segen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung skizziert den Wandel der Friedrich-Rezeption über zwei Jahrhunderte und definiert das Ziel der Arbeit, die Differenzen der Friedrich-Bilder und deren Nutzen für zeitgenössische Politikverständnisse aufzuzeigen.
1. Friedrich der Große im Urteil seiner unmittelbaren Nachwelt: Dieses Kapitel thematisiert die kritische Abkehr der Zeitgenossen vom absolutistischen Regierungsstil Friedrichs II. und die daraus resultierende Darstellung des Königs als „Reichsverderber“ in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts.
1.1 Die absolutistische Herrschaft: Hier wird die Kritik an der zentralistischen und kontrollierenden Machtausübung Friedrichs analysiert, die von Zeitgenossen als Einschränkung persönlicher Eigenverantwortung wahrgenommen wurde.
1.2 Der „Reichsverderber“: Dieser Abschnitt erläutert die Einschätzung Friedrichs II. als destruktive Kraft für den Zusammenhalt Deutschlands, insbesondere durch seine machtpolitische Orientierung auf Preußen zulasten des Reiches.
2. Friedrich der Große in der NS-Propaganda: Dieses Hauptkapitel analysiert, wie das Regime den Mythos Friedrichs zur ideologischen Aufladung und als historisches Vorbild für Adolf Hitler instrumentalisierte.
2.1 Der Wandel der Zeiten und Ideologien: Der Text beschreibt die ideologische Entwicklung nach 1848 und den Einfluss von Thomas Carlyle, der den Heldenkult um Friedrich im Kontext des aufkommenden Nationalstaatsgedankens neu belebte.
2.2 Instrumentalisierung im nationalsozialistischen Deutschland: Hier werden die Inszenierungen der NS-Propaganda, wie der „Tag von Potsdam“ und der Einsatz des Historienfilms zur Popularisierung des „Alten Fritz“ als Identifikationsfigur, detailliert dargelegt.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die historische Figur Friedrich II. aufgrund ihrer Widersprüchlichkeit eine Projektionsfläche für verschiedenste Ideologien bot und ihre politische Instrumentalisierung von einem realen historischen Erbe entkoppelt war.
Schlüsselwörter
Friedrich II., Preußen, Nationalsozialismus, Propaganda, Geschichtsbild, Rezeption, Absolutismus, Heldenverehrung, Tag von Potsdam, Joseph Goebbels, Adolf Hitler, Historienfilm, Preußentum, Identifikationsfigur, Politisches Bewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Wandel der öffentlichen Wahrnehmung von Friedrich II. von Preußen und wie diese historische Gestalt in völlig unterschiedlichen politischen Epochen – der unmittelbaren Nachwelt und der Zeit des Nationalsozialismus – als politisches Instrument eingesetzt wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind der Absolutismus als Gegenstand zeitgenössischer Kritik, die Entstehung von Mythenbildung im 19. Jahrhundert sowie die massenmediale Instrumentalisierung Friedrichs durch die NS-Propaganda im 20. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie sehr sich die Deutungen der Regentschaft Friedrichs II. im Zeitverlauf unterschieden und welche Rückschlüsse sich daraus auf das jeweilige Politikverständnis und die Legitimationsbedürfnisse der Herrschenden ziehen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine historische Literaturanalyse und wertet Quellenschriften, zeitgenössische Berichte, Tagebucheinträge sowie populärwissenschaftliche und filmische Inszenierungen der NS-Zeit aus, um den Wandel des Geschichtsbildes nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der frühromantischen Kritik am „Maschinenstaat“ und die anschließende Analyse der massiven Stilisierung Friedrichs zum „ersten Nationalsozialisten“ durch die nationalsozialistische Führung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte umfassen Preußen, NS-Propaganda, Historienmythos, Instrumentalisierung, Identifikationsfigur und politisches Bewusstsein.
Warum war das Datum des 21. März 1933 für die Propaganda so entscheidend?
Das Datum wurde bewusst gewählt, da an diesem Tag der „Tag von Potsdam“ stattfand. Es sollte eine Verbindung zur Ära Bismarcks hergestellt und symbolisch die Kontinuität zwischen der preußischen Kaiserzeit und dem neuen nationalsozialistischen Deutschland inszeniert werden.
Wie wurde der Historienfilm zur Beeinflussung der Bevölkerung genutzt?
Propagandaminister Goebbels förderte Filme über Friedrich II., um das Volk auf den Krieg vorzubereiten und den „Alten Fritz“ als Spiegelbild Hitlers zu inszenieren, der trotz schwieriger Lagen durch Durchhaltevermögen triumphierte.
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- Andy Schalm (Author), 2006, Der Wandel des historischen Bildes Friedrich II. von Preußen an Beispielen seiner unmittelbaren Nachwelt und der NS-Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65514