Stefan Zweig tätigte folgende Aussage: „[…] Daß es seine (Haushofers) Theorien waren, die mehr als Hitlers rabiateste Berater die aggressive Politik des Nationalsozialismus […] ins Universale getrieben, unterliegt keinem Zweifel“ . Nicht nur bei Zweig gibt es die Behauptung, dass Hitler bei der Kreierung seiner Blut-und-Boden-Ideologie auf die Vorstellungen des deutschen Geographen Karl Haushofer als politischen Vordenker zurückgegriffen haben soll. Haushofer wiederum hatte in seinen theoretischen Überlegungen Friedrich Ratzel zum Vorbild genommen und dessen Schlagwort vom ‚Lebensraum’.
Mit dem für Deutschland desaströsen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die deutsche Geopolitik ebenso in Frage gestellt wie die gesamte nationalstaatliche Vergangenheit: Die Entwicklung, welche diese Disziplin seit Ratzel über Haushofer mitgemacht hatte, geriet im öffentlichen Diskurs zu einer Art Steilvorlage für den Rassewahn im Dritten Reich. Mehr als sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist es der internationalen wie deutschen Historischen und Politischen Wissenschaft zwar gelungen, diesen stereotypen Standpunkt zu differenzieren und auf Instrumentalisierungen aufmerksam zu machen; nach wie vor ist aber der schlichte Gedanke allzu verlockend, es gäbe eine geopolitische Kontinuität, eine rote Linie Ratzel-Haushofer-Hitler, die schließlich in Volksmord von kaum fassbarer Tragweite kumulierte.
Die vorliegende Hausarbeit soll zunächst die grundlegenden Thesen Friedrich Ratzels und Karl Haushofers zusammenfassend erläutern, auch wird knapp das nationalsozialistische Programm thematisiert, um anschließend einen Vergleich zwischen den drei Diskursen anstellen zu können. Ziel dieses Vergleichs ist folgende Frage: Lässt sich tatsächlich von einer Kontinuität im Tun und Wirken der beiden zentralen Figuren der deutschen Geopolitik – Ratzel und Haushofer – hin zu Hitler sprechen oder handelt es sich hierbei um eine Simplifizierung? Wo lassen sich Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede verorten?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I Geopolitik als neue Disziplin
II Friedrich Ratzel
1 Das ‚Gesetz der wachsende Räume’
2 Verhaftung an klassisch-geographischem Denken
III Karl Haushofer
1 Haushofers Modifikation
2 Hitlers ‚Programm’
3 Haushofer als Hitlers Lehrmeister?
Schlussbetrachtung: Die gebrochene Kontinuitätslinie
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die wissenschaftshistorische Frage, ob eine direkte Kontinuität zwischen den geopolitischen Theorien von Friedrich Ratzel und Karl Haushofer einerseits und der nationalsozialistischen Ideologie sowie Expansionspolitik Hitlers andererseits besteht. Ziel des Vergleichs ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten und zu prüfen, ob die Annahme einer ungebrochenen „roten Linie“ eine unzulässige Vereinfachung darstellt.
- Grundlagen der Geopolitik als neue Disziplin
- Friedrich Ratzels Gesetz der wachsenden Räume
- Die Modifikation geopolitischer Konzepte durch Karl Haushofer
- Die nationalsozialistische Raumpolitik und das Programm Hitlers
- Kritische Analyse der Verflechtung von Wissenschaft und NS-Ideologie
Auszug aus dem Buch
II Friedrich Ratzel
Der Geograph und Zoologe Friedrich Ratzel (1844-1904) kann als Begründer der deutschen Geopolitik angesehen werden. Er betrat mit seiner Anthropogeographie, welche das menschliche Wesen in die geographischen Überlegungen einbezieht, Neuland. Die Beschreibung der Wechselwirkungen zwischen Erde, Natur und Mensch sah Ratzel als zentrale Aufgabe der neu geschaffenen Disziplin an. Dadurch erhoffte er sich das Verständnis größerer Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten.
Ratzels Grundannahme geht konform mit dem bereits angesprochenen Szientismus im 19. Jahrhundert: dass nämlich die Raumerfüllung des Menschen Grenzen besitze, welche von der Natur gegeben seien. Die Anökumene, d.h. ein nicht besiedelbarer Raum, sei hierbei dem Menschen vorenthalten. Dieser besitze also gegenüber der Natur lediglich eine passive Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob eine direkte geopolitische Kontinuität von Ratzel über Haushofer bis hin zu Hitler existiert, und erläutert die methodische Herangehensweise.
I Geopolitik als neue Disziplin: Dieses Kapitel erläutert die Entstehung der Geopolitik als Mischdisziplin vor dem Hintergrund des 19. Jahrhunderts und den Einfluss naturwissenschaftlicher Paradigmen.
II Friedrich Ratzel: Hier werden die theoretischen Kernkonzepte Ratzels, insbesondere das „Gesetz der wachsenden Räume“ und seine Verhaftung in der klassischen Geographie, analysiert.
III Karl Haushofer: Dieses Kapitel behandelt Haushofers Modifikationen der Lehren Ratzels, sein Verständnis von Wehrgeographie und die komplexe, teils umstrittene Nähe zum Nationalsozialismus.
Schlussbetrachtung: Die gebrochene Kontinuitätslinie: Das Fazit kommt zu dem Ergebnis, dass keine direkte inhaltliche Kontinuität besteht, weist jedoch auf eine gemeinsame, verhängnisvolle Form der Wissenschaftsgläubigkeit hin.
Schlüsselwörter
Geopolitik, Friedrich Ratzel, Karl Haushofer, Adolf Hitler, Lebensraum, Nationalsozialismus, Geodeterminismus, Anthropogeographie, Raumdenken, NS-Ideologie, Sozialdarwinismus, Wehrgeographie, Politische Geographie, Expansionspolitik, Wissenschaftsgläubigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den ideengeschichtlichen Zusammenhang zwischen der deutschen Geopolitik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts und der nationalsozialistischen Ideologie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Entwicklung geopolitischer Raumkonzepte, der Wandel von der Geographie zur Geopolitik und deren Instrumentalisierung durch die NS-Diktatur.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob sich eine direkte Kontinuität im Tun und Denken von Ratzel und Haushofer hin zur Politik Hitlers nachweisen lässt oder ob dies eine Simplifizierung darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse von Primärquellen der zentralen Akteure sowie eine Auswertung einschlägiger wissenschaftlicher Sekundärliteratur zur Ideologiekritik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Theorien von Ratzel und Haushofer im Kontext des jeweiligen Zeitgeistes sowie die konkrete Raumpolitik und das ideologische Programm Hitlers.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Geopolitik, Lebensraum, Rasse, Geodeterminismus, Expansion und die Kontinuitätsfrage zur NS-Ideologie.
Welche Rolle spielt Rudolf Heß bei der Verbindung von Haushofer und Hitler?
Heß fungierte als persönliches Bindeglied; er war Schüler Haushofers und wurde später einer der einflussreichsten Vordenker und Vertrauten Hitlers.
Was unterscheidet Hitler in der praktischen Umsetzung von den Theoretikern Ratzel und Haushofer?
Die Arbeit betont, dass Ratzel und Haushofer primär Theoretiker waren, während Hitler seine Ideologie als Fanatiker und Pragmatiker mit Gewalt in die Tat umsetzte.
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- Julian Wangler (Author), 2006, Die Geopolitik Friedrich Ratzels und Karl Haushofers - Eine Kontinuitätslinie zur Hitler-Ideologie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65518