Geschichte 6. Klasse Gymnasium: Sparta - ein totalitäres Regime

Erarbeitet am Beispiel der Erziehung


Unterrichtsentwurf, 2005

10 Seiten

Ines Bauermeister (Autor)


Leseprobe

1. Bild der Lerngruppe

Seit dem Beginn Schuljahres 2004/2005 unterrichte ich die 31 Schülerinnen[1] und Schüler der 6 in Latein und Geschichte.

Die Lerngruppe zeichnet sich durch ihre Fröhlichkeit, große Lernbereitschaft, ein überdurchschnittliches Leistungsvermögen und eine weit entwickelte sprachliche Ausdrucksfähigkeit aus. In Bezug auf das Arbeitsverhalten sind das außergewöhnliche Konzentrationsvermögen sowie Ausdauer und Beharrlichkeit hervorzuheben. Die Arbeitsatmosphäre ist entspannt und freundlich, wobei seit dem Frühherbst bei einigen Schülern eine Tendenz zu durch Übermut bedingten Zwischenrufen zu beobachten ist, sodass ich gelegentlich disziplinierend eingreifen muss[2].

Die Schüler bringen dem Fach großes Interesse entgegen und verfügen nicht nur über ein erstaunliches Vorwissen im Bereich der Antike, sondern auch der neuen Geschichte. Sie entwickeln selbstständig weiterführende Fragestellungen und stellen Bezüge zur aktuellen politisch-gesellschaftlichen Situation her, an der sie rege Anteil nehmen.

Als besonders schwierig erweist es sich dabei zum einen, den Schülern einsichtig zu machen, dass Beiträge spekulativer Art nicht sachgerecht sind, und zum anderen die enorme Breite der Beiträge zu kanalisieren, da

die Schüler stets auf Nebenschauplätze verweisen, dabei aber nicht immer zwischen im Hinblick auf die Fragestellung relevanten und zu vernachlässigenden Aspekten differenzieren können, sodass ich hier im Interesse klarer Lernergebnisse durch Strukturierung, Bündelung und gelegentlich auch Zurückstellung von Beiträgen regulierend eingreifen muss.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Lernvoraussetzungen

a) Inhaltlich

Die Schüler wissen, dass das antike Griechenland keinen einheitlichen Staat bildete, sondern aus zahlreichen kleinen Stadtstaaten, den Poleis, bestand, deren Bewohner sich aber wegen der gemeinsamen Sprache, Religion und Kultur als zusammengehörig betrachteten. Von den beiden beispielhaft zu behandelnden Poleis des klassischen Griechenlands haben die Schüler Athen kennen gelernt. Dabei wurde die Betrachtung auf die Gesellschaft sowie die kulturellen Leistungen in Architektur und Kunst beschränkt. Verfassungs- bzw. Staatsformen sind den Schülern noch unbekannt.

b) Methodisch

Die Schüler sind in der Lage aus Verfassertexten sowie Geschichtserzählungen[3] die Kernaussagen herauszuarbeiten und diese im Unterrichtsgespräch darzustellen. Dabei besteht jedoch noch eine starke Tendenz sich vorschnell von der Textgrundlage zu lösen und frei zu spekulieren, sodass die Schüler konsequent zur methodisch korrekten Textarbeit angehalten werden müssen.

c) Sozialformen

Der Unterricht erfolgt überwiegend im Unterrichtsgespräch, in das Still- und Partnerarbeitsphasen integriert werden. Die Schüler kennen auch Gruppen- und Freiarbeit.

Die Interaktion bei Schüler-Schüler-Gesprächen funktioniert bereits zufrieden stellend. Bisweilen versperren jedoch Spontanität und Konzentration auf den eigenen Beitrag den Blick für die Gedanken der anderen, sodass es zu Wiederholungen kommt und Lösungsansätze nicht erfasst, sondern erst nach Akzentuierung durch den Lehrer weiter verfolgt werden.

3. Einordnung in den Unterrichtszusammenhang

Innerhalb des Themenbereichs 4 „Hellas- Einheit und Vielfalt in der griechischen Welt“ wird in dieser Stunde dem an materieller und künstlerischer Kultur so reichen Athen mit Sparta eine Polis gegenübergestellt, die als Kriegerstaat dem Gesellschaftsmodell Athens diametral entgegengesetzt ist.

Ausgehend von dem sicheren Wissen über die gesellschaftlichen Unterschiede erfolgt in den dieser folgenden Stunden zunächst mit der Erarbeitung der spartanischen und dann der athenischen Verfassung die Einführung in politische Systeme, sodass die Behandlung Spartas eine Gelenkfunktion zwischen den Themenbereichen 4 und 5 „Athen-Bürger machen Politik“ einnimmt[4].

4. Didaktisch- methodische Vorüberlegungen

a) Sachanalyse

Da Sparta sich vom übrigen Griechenland rigoros abschloss und es kaum authentische Nachrichten gab, steht man heute vor einem Quellenproblem, sodass selbst Aussagen elementaren Charakters nur sehr schwer zu machen sind. Als Bedingungsfaktoren der spartanischen Lebensordnung und Geschichte gelten zum einen die Einwanderungssituation und zum anderen die Expansion nach Messenien. Bei ihrer Einwanderung aus dem Norden griffen im 13. Jhd. v.Chr. Dorer auf die fruchtbare Ebene Lakonien im Eurostas-Tals zu, verdrängten einen Teil der autochthonen vordorischen Bevölkerung in die Randgebiete und gründeten nördlich von Amyklai[5] vier Dörfer, die sie unter dem Namen Sparta zusammenfassten[6]. In den Randgebieten des Eurostas kam es zur Verschmelzung der vordorischen mit der dorischen Bevölkerung. Diese Periöken (Umwohner) waren persönlich frei, mussten jedoch für die Spartiaten Heeresdienst leisten und hatten keine politischen Rechte. Nicht verdrängte Bevölkerungsteile wurden unterjocht und arbeiteten fortan als unfreie Heloten auf spartanischem Gebiet[7].

Als sich im Laufe des 8. vorchristlichen Jahrhunderts das Problem der Landknappheit aufwarf, suchte Sparta anders als die übrigen griechischen Poleis eine Lösung nicht durch Kolonisation, sondern durch Eroberung des Umlandes. Es besetzte das durch das Taygetos-Gebirge geographisch vom ursprünglichen Siedlungsraum getrennte Messenien und machte die unterworfene Bevölkerung ähnlich wie die Heloten Lakoniens tributpflichtig. Die Unterdrückung der Messenier erhielt ihre endgültige Ausprägung jedoch erst nach dem 2. Messenischen Krieg gegen Ende des 7.Jhds., in dem die Spartaner die durch Arkader und Argeier verstärkten Messenier nach 20jährigem Kampf unterwarfen. Die Ergebnisse dieses Krieges legten den Grundstein für die klassische Ausprägung der spartanischen Gesellschaft. Politisch waren allein die herrschenden Spartiaten berechtigt. Jedem Spartiaten wurde durch Losverfahren eine Hufe (klaros) mit den darauf siedelnden Helotenfamilien zugewiesen. Die Heloten, die 75% der Gesamtbevölkerung ausmachten und den Spartiaten (2,5%) damit numerisch eklatant überlegen waren, waren zu Abgaben an diese verpflichtet, persönlich unfrei und hatten keine politischen Rechte. Die spezifische Minderheitsposition der Spartiaten und die Aufstände der messenischen Heloten, deren Kontrolle sich als überaus schwierig herausgestellte, führten zu einer Verfestigung der militärischen Lebensweise[8]. Die auf der Herrschaft einer Minderheit beruhende Staatsordnung bedurfte im Inneren des Respekts dieser Minderheit durch die Mehrheit und im Äußeren der Unbesiegbarkeit. Diese Bedingungen waren nur durch außerordentliche Kriegstüchtigkeit und permanente Kampfbereitschaft aller Spartiaten zu erfüllen, sodass man zu der Überzeugung gelangte, dass die Erziehung der Spartiaten[9] von so existentieller Bedeutung war, dass sie in die Hand des Staates gelegt werden musste. Die Jungen wurden daher im Alter von sieben Jahren der Familie entzogen und lebten in verschiedenen Altersgruppen unter der Aufsicht junger Erwachsener in einem zentralen Lager, wo sie kollektiv zu körperlicher Leistungsfähigkeit, Härte, Tapferkeit und bedingungslosen Gehorsam erzogen wurden. Mit 20 Jahren galten sie als vollwertige Krieger. Nach Vollendung des 30. Lebensjahres verließen sie das Lager, verbrachten aber weiterhin einen Großteil ihrer Zeit in Gemeinschaft, nämlich in Zelt- oder Tischgemeinschaften (syssitia), zu denen jeder Spartiate einen Beitrag verpflichtend leisten musste[10]. Tätigkeit in Gewerbe oder in der Landwirtschaft war den Spartiaten verboten. Der von den Heloten erwirtschaftete Ertrag sicherte ihre gemeinschaftlichen Mahlzeiten und war so Basis ihrer auf militärische Ertüchtigung konzentrierten Lebensform.

Die Mädchen wurden ganz auf das Gebären gesunder Kinder erzogen und zu diesem Zweck auch sportlich trainiert. Wegen der Abwesenheit der Männer mussten die Frauen die Alltagsgeschäfte übernehmen und insbesondere das Familienvermögen verwalten. Wegen ihrer Wichtigkeit für die Gemeinschaft führten Frauen ein freieres und geachteteres Leben als die übrigen Griechinnen[11].

Die Furcht vor dem zahlenmäßigen Übergewicht der Heloten dominierte nicht nur das Leben der Spartiaten, sondern brachte radikale Unterdrückungsmechanismen hervor, die sich in der jährlichen Kriegserklärung an die Heloten und der straffreien Tötung eines Heloten[12] manifestierten[13]. Konsequenz der militarisierten Gesellschaft war ein Rückgang der Künste[14], sodass Sparta keine nennenswerte Architektur oder Literatur und damit auch keine Philosophie oder Geschichtsschreibung hervorgebracht hat. Für die Gesellschaft bedeuteten das Leben in ständiger Kriegsbereitschaft eine starke Abgrenzung und ein Rückgang der Geburtenrate, sodass der Bevölkerungsverlust nicht mehr kompensiert werden konnte. So geht die sinkende Geburtenrate im 4. Jhd. einher mit dem Verlust des politischen Einflusses.

b) Didaktische Analyse und Schwerpunktsetzung

Sparta hat von jeher fasziniert und polarisiert: Auf der einen Seite erscheint es als Prototyp des totalitären Polizeistaates, auf der anderen Seite als exemplum für institutionalisiertes tugendhaftes Leben[15]. Die spartanische Erziehung war schon in der Antike Vorbild für staatsbürgerliche Tüchtigkeit und auch heute wird in der Diskussion über den so genannten Erziehungsnotstand immer wieder- wenn auch mit anderer Stoßrichtung- der Vergleich mit Sparta bemüht[16]. Anhand der Gesellschaft Spartas erfahren die Schüler, dass im antiken Griechenland Varianz bezüglich der Ausprägung der Poleis bestand. Zugleich öffnet die den Schülern überaus fremd erscheinende Lebensform einen neuen Bezugspunkt für aktuelle Gesellschaftsformen. Die militärische Erziehung, das Auseinanderreißen der Familie und die Missachtung jeder Individualität werden auf den Protest der Kinder stoßen. Da sie die Informationen immer vor dem Hintergrund des eigenen Lebenshorizontes einordnen und bewerten, wird auf diese Weise das Nachdenken über die eigenen Vorstellungen von Erziehung und Bildung angestoßen, sodass hier über die Erfahrung von Differenz die Identitätsbildung[17] der Schüler gefördert wird[18].

[...]


[1] Im Folgenden wird für die Lernenden einheitlich die Bezeichnung Schüler verwendet.

[2] Bei Hospitationen neigen einzelne Schüler immer wieder dazu, sich in den Vordergrund zu spielen und albern zu werden.

[3] Da der Unterricht der 5.Jahrgangsstufe die Arbeit mit Quellentexten nicht vorsieht und die am Beginn der Unterrichtseinheit Griechenland stehende archaische Zeit frei von schriftlichen Zeugnissen ist, sind die Schüler mit Quellentexten noch nicht vertraut.

[4] Durch dieses Unterrichtsarrangement tritt das Fortschrittliche der athenischen Demokratie auf der Folie des totalitären Systems Spartas deutlich hervor.

[5] Amyklai wurde im Zuge der Expansion Spartas im 8.Jh. den vier Dörfern angegliedert.

[6] Ein anderer Name des Gebietes war Lakedaimon, wonach sich die Dorier auch Lakedaimonier nannten.

[7] D.Lotze, Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis zum Hellenismus, München 3 1999, S.15-25

[8] R. Wolters (Hrsg. J.Stehling), Wir machen Geschichte 1. Lehrerband, Frankfurt 1998, S.53f.

[9] Da Gesundheit für diese Erfordernisse Grundvoraussetzung war, wurden die schwächlichen Jungen gleich nach der Geburt ausgesetzt oder getötet.

[10] Konnte er seinen Beitrag nicht leisten, schied er aus der Gemeinschaft der Vollbürgerschaft (homoioi) aus.

[11] W. Schuller, Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 1Griechische Geschichte, München4 1995, S.20-22

[12] So galt es als Mutprobe in nächtlichen Streifendiensten herumzuziehen und aufgefundene Heloten zu töten.

[13] Die auf Kriegstüchtigkeit zielende Erziehung und Lebensweise machten Sparta zwar zur schlagkräftigsten Macht in Griechenland, doch die wegen der Helotenaufstände erforderliche Präsenz auf der Peloponnes schränkte die Einsatzmöglichkeiten stark ein.

[14] Vor dem 6. Jhd. v. Chr. gab es auch in Sparta Dichtung (z.B. Tytaios, Alkman) und bildende Kunst.

[15] So stand Sparta nicht nur im Blickfeld von Historikern, sondern auch Philosophen, Dichtern, Künstlern und Politikern. In seinem Staat empfiehlt Platon für die Kinder der Wächter eine asketisch-militärische Erziehung und Morus dient Sparta als Muster für seinen utopischen Lebensentwurf. Ebenso war Sparta Vorbild diktatorischer Regimes (Nationalsozialismus) und Leitbild linker Vorstellungen von der Gesellschaft (Bebel), vgl. W. Schuller, Sparta- von rechts und lins, in: Einführung in die Geschichte des Altertums, München 1994, S.83f.

[16] Kleine Ochsen vor dem Berg, in: www.weltwoche.ch/artikel/ ?AssetID=9802&CategoryID=69 - 45k

[17] Vgl. CV, S.7 Dimension Identitätsbewusstsein

[18] Wird über die Diskussion des heutigen Erziehungsziels eine kritische Reflexion des eigenen Alltags initiiert, ist das erste Ziel des Geschichtsunterrichts erreicht.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Geschichte 6. Klasse Gymnasium: Sparta - ein totalitäres Regime
Untertitel
Erarbeitet am Beispiel der Erziehung
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Autor
Jahr
2005
Seiten
10
Katalognummer
V65526
ISBN (eBook)
9783638580694
ISBN (Buch)
9783656570516
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Unterrichtsentwurf nach den Vorgaben für eine Examenslehrprobe: Unterrichtsvoraussetzungen, Sachanalyse, didaktische Analyse, Lernziele, Methodik, tabellarischer Verlauf, Literaturverzeichnis, Tafelbild, Materialien
Schlagworte
Unterrichtsstunde, Sparta, Regime, Erarbeitet, Beispiel, Erziehung, Gymnasium
Arbeit zitieren
Ines Bauermeister (Autor), 2005, Geschichte 6. Klasse Gymnasium: Sparta - ein totalitäres Regime, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65526

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