Identitätsfindung als Weg zur Selbstverwirklichung nach Erik H. Erikson


Seminararbeit, 2005
16 Seiten, Note: Sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I Acht Phasen der Identitätsfindung
1. Phase: Urvertrauen gegen Urmisstrauen
2. Phase: Autonomie gegen Scham und Zweifel
3. Phase: Initiative gegen Schuldgefühle
4. Phase: Werksinn gegen Minderwertigkeitsgefühl
5. Phase: Identität gegen Identitätssinn
6. Phase: Intimität gegen Distanzierung und Selbstbezogenheit
7. Phase: Generativität gegen Stagnierung
8. Phase: Integrität gegen Verzweiflung und Ekel

II Autobiographische Hintergründe der Erkisonschen Identitätstheorie
1. Vorzüge des Eriksonschen Identitätsmodell aus der pastoral-psychologischer und pädagogischen Sicht
5. Persönliche Motive

LITERATUR:

Einleitung

Unter Identität versteht man die Definition einer Person als einmalig und unverwechselbar und zwar sowohl durch die Person selbst wie auch durch ihre soziale Umgebung. Zum persönlichen Erleben von Identität gehört einerseits das Gefühl einer zeitlichen Kontinuität des Selbst, zum anderen die grundsätzliche Übereinstimmung des Selbstbildes mit dem Bild, das sich die anderen von einem machen. Dazu gehört es auch, verschiedene Elemente der eigenen Identität erfolgreich miteinander zu vereinbaren, sich mit den eigenen Mängeln erfolgreich auseinanderzusetzen und sich als zugehörig zu einer bestimmten Gruppe mit bestimmten Werten und Idealen zu definieren. Der Prozess der Identitätsfindung erstreckt sich zwar über die gesamte Lebensspanne, die Probleme im Zusammenhang mit der Identitätsfindung werden jedoch während der Adoleszenz besonders deutlich, schon allein deshalb, weil in dieser Phase große Veränderungen(z. B. in Bezug auf Körper und Sexualität) an der Tagesordnung sind. Die Gewinnung der Identität wird daher als eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters angesehen.

Der Begriff der Identität ist untrennbar mit den Arbeiten und Veröffentlichungen des Psychoanalytikers Erik Erikson verbunden. Erikson formulierte eine Theorie der psychosozialen Entwicklung und ein Modell des menschlichen Lebenszyklus in acht Phasen, das sich teilweise mit Freuds Modell der psychosexuellen Entwicklung deckt (vgl. Rossmann, 1996, S. 146/147).

I Acht Phasen der Identitätsfindung

Erikson erweiterte Freuds Modell zu acht Stufen, welche die gesamte Lebensdauer umfassen und ergänzte es um die psychosoziale Dimension. Das Modell Eriksons beruht auf der Annahme, dass nicht die intrinsisch gesteuerte Selbstentfaltung den Menschen vorantreibt sondern die Bewältigung altersphasenspezifischer Krisen. Erikson definiert jede seiner Stufen über solch eine Krise. Jedoch ist die Krise bei Erikson kein negativ geprägter Begriff, sondern ein Zustand der konstruktiv gelöst zu einer Weiterentwicklung führt. Mit „Krise“ ist folglich eine neue Entscheidungssituation gemeint, die positive Entwicklungsmöglichkeit zu wählen. Wenn die Bewältigung der Krise gelingt, gewinnt der nach Identität strebende Mensch einen Zuwachs an innerer Einheit und Lebenskraft.

Der Mensch kann immer in die nächste Stufe übergehen, gelingt der Übergang jedoch nicht ohne Probleme, drohen Beeinträchtigungen des gesamten weiteren Lebensweges. Somit enthält jede Stufe Chancen und Gefahren sowie die Möglichkeit, Verletzungen vorheriger Stufen zu heilen.

Auf jeder Stufe der Identitätsentwicklung sind für Erikson drei Ordnungen wichtig: die somatische, die individuelle und die soziale Ordnung.

Die einzelnen Phasen der Ich-Werdung bringen die psychosoziale Persönlichkeitsentwicklung voran, die Erikson als umfassende Selbstverwirklichung versteht. Dabei geht er vom so genannten „epigenetische Prinzip“ aus, das folgendes besagt: In jedem Menschen ist ein Grundplan angelegt, nach dem jedes Organ in ihm eine entscheidende Entwicklungsphase zu einer bestimmten Zeit durchläuft, bis alle Organe zusammen ein funktionierendes Ganzes bilden. Die in der stufenweisen Selbstverwirklichung erlangte Identität ist eine „Gestalt“, d.h. sie ist mehr als die Summe ihrer Teile.

1. Phase: Urvertrauen gegen Urmisstrauen

Der erste Entwicklungsabschnitt, der von Erikson beschrieben wird, deckt sich zeitlich mit Freuds oraler Phase (erstes Lebensjahr). Die frühe Kindheit ist von großer Bedeutung für die Identitätsentwicklung des Menschen, weil in dieser Zeit wesentliche Einstellungen zum Leben wie Vertrauen, Hoffnung, Autonomie und Initiative grundgelegt werden. Nach der physischen Geburt braucht es zur Weiterentwicklung einen neuen, den „sozialen Uterus“ der Familie, um seine Identität genuin entfalten zu können. Erikson sieht in der Mutter die Garantie für die kindliche Existenz im ersten Lebensjahr (orale Phase). Im ersten Lebensjahr bilden Kind und Mutter immer noch eine psychische Einheit (Symbiose), die es aber gleichzeitig aufzuheben gilt. In diesem ersten Lebensjahr kann ein Urvertrauen entstehen, das die Grundlage aller späteren Identitätsentwicklungen und der „Eckstein der gesunden Persönlichkeit“ ist.

Dieser Prozess der Vertrauensbildung wird nach Erikson vom Säugling vor allem beim Saugen an der Mutterbrust (= orales Einssein, Hautkontakt, Wärme und persönliche Zuneigung) erlebt. Beim Saugen an der Mutterbrust geschieht nach Erikson die erste notwendige Loslösung aus der symbiotischen Einheit: Der Säugling nimmt durch die Fernwahrnehmung des Gesichtes der Mutter diese als Gegenüber (= typisch menschliche Beziehungsform), als Nicht-Ich wahr.

Ein bedeutender Schritt auf die Loslösung von der Mutter hin, ist die Zeit der Entwöhnung: Das Kind lernt vertrauen, dass die Mutter auch dann verlässlich ist, wenn sie nicht gegenwärtig ist. Die Mutter ist zur inneren Gewissheit geworden.

Die eigentliche Vertrauenskrise sieht Erikson in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres, wenn sich der Körper des Kindes verändert (= erste Zähne, Mutter widmet sich verstärkt anderen Dingen,…) und das Kind oft sich selbst überlassen ist. Einerseits ist es wichtig, dass das Kind diese Enttäuschungen erfährt, die seine Selbstständigkeit stärken.

Andererseits darf das Kind nicht zu viele negative Erfahrungen im ersten Lebensjahr machen (z.B. pränatale Vertrauensbrüche wie Abtreibungswunsch, Unerwünschtheit des Kindes etc.), weil sonst durch das zu starke Misstrauen die Möglichkeit der persönlichen Entwicklung zu sehr eingeschränkt ist.

Für das Urvertrauen des Kindes ist der aus der Religion erwachsene Glaube der Eltern von großer Bedeutung.

2. Phase: Autonomie gegen Scham und Zweifel

Im zweiten Abschnitt, der sich zeitlich mit der analen Phase deckt (zweites und drittes Lebensjahr), kommen die Anforderungen der Sauberkeitserziehung auf das Kind zu (Rossmann, 1996, S. 147). Das Kind lernt durch die Reifung des Muskelsystems bei der Entleerung von Darm und Blase, das „Festhalten“ und „Loslassen“ zu üben und willensmäßig zu beherrschen. Die wachsende Autonomie bleibt für das Kind ambivalent: Einerseits bringt sie ihm Selbstständigkeit und Freiheit, andererseits droht sie, die Eltern und die bestehenden Normen zu verletzen und stellt so die notwendige Zuwendung in Frage. Die Folge sind häufig Selbstzweifel und Schuldgefühle.

Bei der erfolgreichen Bewältigung der Entwicklungsaufgabe dieser Phase wird nach Erikson die Grundlage für das Empfinden persönlicher Autonomie gelegt, der negative Ausgang lässt Zweifel und Scham (Erziehungsstile: autoritäre Sauberkeitserziehung versus Laissez-Faire) entstehen.

In diesem Alter ist das gemeinsame Gebet mit der Mutter oder dem Vater für das Kind enorm wichtig. Indem das Kind zusammen mit einem seiner Elternteile seine Anliegen vor Gott bringt, ihm dankt, um Vergebung für die eigenen Fehler bittet, kann das Kind erfahren, wie sein eigenes Leben und das der Eltern beim guten und barmherzigen Gott aufgehoben und angenommen sind, auch wenn nicht alles in Ordnung ist.

[...]

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Details

Titel
Identitätsfindung als Weg zur Selbstverwirklichung nach Erik H. Erikson
Hochschule
Pädagogische Akademie des Bundes Steiermarks
Veranstaltung
SE Glaube und Persönlichkeitsentwicklung
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V65532
ISBN (eBook)
9783638580755
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Identitätsfindung, Selbstverwirklichung, Erik, Erikson, Glaube, Persönlichkeitsentwicklung
Arbeit zitieren
Mag. Susanne Biermair (Autor), 2005, Identitätsfindung als Weg zur Selbstverwirklichung nach Erik H. Erikson, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65532

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