"Nein, meine Suppe ess' ich nicht!" Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen in Theorie und Praxis


Examensarbeit, 2006

157 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Geschichte vom Suppenkaspar – Märchen oder harte Realität?

2 Begriffliche Einordnung und wissenschaftliche Engführung
2.1 Die Anorexia nervosa
2.2 Die Bulimia nervosa
2.3 Fazit

3 Selbstaushungerung und Magersucht im Spiegel der Zeit

4 Diverse Erklärungsansätze für die Krankheitsursachen
4.1 Der kulturgebundene Ansatz
4.2 Ein psychoanalytischer Erklärungsversuch
4.3 Die systemtheoretische Sichtweise
4.4 Traumatische Erlebnisse als Ursache für Essstörungen
4.5 Suchtimmanente Aspekte
4.6 Die genetische Veranlagung als Prädisposition

5 Therapieansätze im Bezirksklinikum Regensburg

6 Gesellschaftliche und mediale Antwortmöglichkeiten auf die Essstörungen
6.1 Essgestörte und das Internet: „Pro-Ana“- und „Pro-Mia“- Seiten - Eine Hilfe für Erkrankte oder Beihilfe zum Selbstmord auf Raten?
6.2 Andere Länder, andere Sitten: Spanien sagt den Magermodels den Kampf an!
6.3 Die Kampagne der Kosmetikfirma Dove – Ein Schritt in die richtige Richtung?

7 Die Schule – Prävention an der Quelle
7.1 Vorträge an Schulen und Unterrichtsgänge mit den Schulklassen
7.2 Der Lehrer: Möglichkeiten und Grenzen der Pädagogik

8 Essstörungen: Ein Thema an den Hauptschulen im Regierungsbezirk Oberpfalz?

9 Wie geht’s weiter? Ein Blick in die Zukunft

10 Ein Resümee

Bibliographie

Links

Anhang

1 Die Geschichte vom Suppenkaspar – Märchen oder harte Realität?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:H_Hoffmann_Struwwel_18.jpg#filehistory am 30.07.06)

„Ich esse keine Suppe! Nein! Ich esse meine Suppe nicht! Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!“[1] Dieser berühmte Ausspruch des Suppenkaspars aus dem Jahre 1844 scheint dem unkundigen Leser erstmal nichts mitteilen zu wollen, außer der Tatsache, dass ein kleiner, molliger Junge womöglich aus Trotz oder Protest gegen die Eltern keine Lust hat, seine Suppe zu essen. Diese vermeintliche Oberflächlichkeit entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Trugschluss, hat die Geschichte doch nach einheitlicher wissenschaftlicher Überzeugung eine tiefgründigere Thematik und offenbart bei näherer Betrachtung und bei Kenntnis des Tätigkeitsgebiets des Autors wohl eines der ersten Zeugnisse der Neuzeit für eine Essstörung. Zum Märchen „degradiert“, thematisiert sie erstmalig für die breite Öffentlichkeit ein bis dato weitgehend unbekanntes oder

ignoriertes oder nicht ernst genommenes Krankheitsbild und macht es durch zahlreiche Kinderbücher publik.

Der Autor des „Suppenkaspars“, Dr. Heinrich Hoffmann, lebte von 1809 bis 1894 und war Nervenarzt in Frankfurt in einer „Anstalt für Irre und Epileptiker“.[2] Sein Gebiet war die Jugendpsychiatrie. Da er für seinen damals dreijährigen Sohn kein passendes Geschenk zu Weihnachten fand, entschloss er sich, ein Kinderbuch selbst zu verfassen und es ihm zu schenken. Der „Struwwelpeter“ war geboren, wenn auch vorerst noch unter einem anderen Titel. In dem Buch fand sich auch die Geschichte des Suppenkaspars wieder. Inhaltlich wurde darin zum einen die Erziehung des Bürgertums pointiert thematisiert, die bis dato nur auf eine Berufsausbildung denn eine Charakterbildung fixiert war, zum anderen griff Hoffmann ein Thema auf, das zur damaligen Zeit weiten Teilen der Bevölkerung völlig neu war: Die freiwillige Essensverweigerung! Durch die vorausgegangenen, jahrelangen Hungersnöte breiter Teile der Bevölkerung erschien ein vorsätzlicher Verzicht auf Nahrung ja geradezu absurd. Der Suppenkaspar ist wahrscheinlich das erste bekannte literarische Zeugnis eines Anorektikers, vielleicht sogar ein authentischer Fall aus der Praxis Hoffmanns.[3]

In der vorliegenden Arbeit sollen zwei in den westlichen Industrienationen weit verbreitete Essstörungen näher beleuchtet werden: Die Magersucht – im klinischen Fachausdruck Anorexia nervosa genannt – und die Ess-Brecht-Sucht – die Bulimia nervosa.[4] Beide Störungen zählen zu den psychosomatischen Erkrankungen, d. h. es sind keine organischen Ursachen für ihr Erscheinen auszumachen, sondern die Auslöser und Ursachen sind vielmehr psychischer Natur. Aufgrund eines komplexen Zusammentreffens vieler verschiedener äußerer und innerer Faktoren kommt eine Essstörung zustande. Über ihre Ausbreitung und Verschärfung wird kontrovers diskutiert: Die einen behaupten, die Essstörungen insgesamt seien auf dem Vormarsch und haben in den letzten zwei Jahrzehnten explosionsartig zugenommen, die anderen gehen davon aus, dass die Zahl in Wirklichkeit seit Jahren stagniert und die faktisch gewachsene Anzahl an Krankheitsmeldungen lediglich mit einem stärkeren Bewusstsein, mit mehr Anlaufstellen für Betroffene und mit einer stärkeren Aufklärung durch die Medien zu erklären ist. Doch dazu mehr unter den Punkten zwei und elf.

Fest steht, dass hauptsächlich hoch zivilisierte, westliche Länder betroffen sind.[5] Was letztendlich die Krankheit auslöst, kann nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden. Annäherungen, Ansätze, Grenzziehungen sind dank zahlreicher Untersuchungen dennoch in den letzten Jahren erfolgt und haben dazu beigetragen, das Wissen um Entstehung, Entwicklung und Ausprägungen der pathologischen Essstörung zu erweitern und die therapeutischen Maßnahmen darauf abzustimmen. Einigkeit in Fachkreisen herrscht darüber, dass sowohl gesellschaftlich-kulturelle Determinanten, wie z. B. das vorherrschende Frauenbild, kombiniert mit intrapsychischen Faktoren und familiären Aspekten die Entstehung der Anorexia nervosa und der Bulimia nervosa begünstigen. Wichtig ist hierbei die Verflechtung der Faktoren anzuerkennen, von einer „Einzelverschuldung“ einer der Faktoren wird inzwischen deutlich Abstand genommen.

Im Folgenden soll der Versuch einer exakten Begriffsdefinition unternommen und ebenso verschiedene Erklärungsansätze ausführlich dargestellt werden. Ein kurzer historischer Abriss soll den „Werdegang“ des Hungerns und der Essstörungen verdeutlichen. Ein Hauptaugenmerk dieser Arbeit soll auf die Praxis gelenkt werden: Welche therapeutischen Maßnahmen werden im Bezirksklinikum Regensburg angewandt? Wie hoch ist der Therapieerfolg einzuschätzen, wie hoch die Rückfallquote? Aufschluss darüber gab mir ein Interview mit der Diplom-Psychologin Frau Petra Michler, Leiterin der Essgestörten-Gruppe für Kinder und Jugendliche im Bezirksklinikum. Weitere Informationen über die Krankheit soll eine Umfrage liefern, durchgeführt an zwei bayerischen Hauptschulen im Regierungsbezirk Oberpfalz. Darin wurden 207 Schüler gebeten, Angaben zu ihrem Gewicht, ihrem Selbstbild, ihrem Diätverhalten, ihrem nachgeeiferten Schönheitsideal, dem Grad der Zufriedenheit mit ihrem Körper und zu diversen Prominenten, die offensichtlich eine Essstörung aufweisen, zu machen. Die Summe aller gewonnenen Erkenntnisse war mir dabei behilflich, Lösungsansätze und Verhaltensvorschläge für Pädagogen, speziell für Lehrer, zu entwickeln, die hier vorgestellt werden sollen. Abschließend bleibt noch ein Blick in die Zukunft und auf Prognosen von Fachleuten zu einer erwarteten Entwicklung der Krankheit in der Bevölkerung, gepaart mit meiner eigenen Meinung, die einer Abrundung des Themas dienen soll.

Zunächst gilt es die Begrifflichkeiten zu klären. Was versteht man eigentlich unter einer Essstörung? Welche gibt es? Woher kommen die Fremdwörter „Anorexie“ und „Bulimie“ und was bedeuten sie? Diese Thematik wird im folgenden Kapitel aufgegriffen.

2 Begriffliche Einordnung und wissenschaftliche Engführung

2.1 Die Anorexia nervosa

Zu den heute bekanntesten Essstörungen zählen die Anorexie, die Bulimie, die Binge Eating Disorder und die Adipositas. In dieser Arbeit sollen die beiden ersten genauer unter die Lupe genommen werden.

Beide Begriffe, Anorexie und Bulimie, lassen sich aus dem Griechischen ableiten. Anorexia bedeutet so viel wie „Appetitlosigkeit“, nervosa kann wortwörtlich mit „nervlich“ übersetzt werden; beides legt nahe, dass mit einer Anorexia nervosa eine psychisch bedingte, nervöse Appetitlosigkeit gemeint ist. Diese wortwörtliche Übersetzung wird dem Krankheitsbild allerdings nicht gerecht. Anorektische Patienten verspüren durchaus Hunger und Appetit, sie essen sogar gerne, können aber aus noch später zu erläuternden Gründen einfach nicht.[6] In den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie 2000 heißt es zur Anorexia nervosa:

„Selbstverursachter bedeutsamer Gewichtsverlust oder unzureichende altersentsprechende Gewichtszunahme, die mit einer tief verwurzelten Überzeugung einhergeht, trotz Untergewicht zu dick zu sein. Der Häufigkeitsgipfel liegt bei 14 Jahren.“[7]

Der Gewichtsverlust wird durch eine konsequente Nahrungsverweigerung bzw. durch die Beschränkung auf kalorienarme und/oder fettreduzierte Nahrungsmittel herbeigeführt und endet, untherapiert und unbehandelt, nicht selten mit dem Tode des Patienten. Die Anorexie hat unter den psychischen Erkrankungen eine hohe Mortalitätsrate, die allerdings einer großen Schwankungsbreite unterliegt. Angaben zwischen null und 25 Prozent werden in der Literatur gefunden. Ich werden später in diesem Kapitel noch darauf zurückkommen. Der Tod der Magersüchtigen wird dabei nicht so sehr von dem extremen Untergewicht verursacht als vielmehr durch eine schwerwiegende Störung im Elektrolythaushalt des Patienten.[8]

Dennoch führt die eingeschränkte oder gänzlich gestoppte Nahrungsaufnahme den Körper an den Rande seiner Leistungsfähigkeit und bringt mit fortschreitendem Krankheitsverlauf starke körperliche Beeinträchtigungen mit sich, die schließlich auch

von den Patienten wahrgenommen werden, ohne dass diese aber die Ursache dafür alleine abstellen könnten. Bergmann und Herzog beschreiben das Phänomen folgendermaßen:

„Bei der Anorexie handelt es sich um einen permanenten, dem Tode sich nähernden Krisenzustand. Es ist eine sich zuspitzende Krise, die in der subjektiven Erlebniswelt jedoch nicht als solche erlebt wird, sondern eher im Sinne des angestrebten Zustandes von Glück und Unendlichkeit.“[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: http://www.anad-pathways.de/aufschrei/home.htm am 01.08.06)

Die Abgrenzung zu einem „normalen“, unschädlichen und harmlosen Körperbewusstsein liegt im Suchtcharakter der Krankheit. Die Betroffenen können mit einem alleine zu bewerkstelligenden und machbaren Maß an Willensanstrengung nicht mehr aufhören zu hungern. Ein übermächtiger Wunsch nach Anerkennung, eine noch nicht abgeschlossene Identitätssuche, ein Gefühl von Minderwertig- und Wertlosigkeit und der Versuch einer Selbstbestätigung führen sie zu der Annahme, dass (wenigstens) die Kontrolle über den eigenen Körper etwas ist, das sie von Anderen abgrenzt, das ihnen Bewunderung zuteil werden lässt, was sie in ihrem Selbstwertgefühl bestärkt und letztendlich ihre Identität bestimmt. Kurze Momente des Glücks und der Selbstbestätigung folgen unmittelbar auf den Verlust von etwas Körpergewicht, egal in welchem Umfang. Zunehmen kommt einer Katastrophe und einem Infragestellen der gesamten Persönlichkeit gleich („Ich bin nichts wert, nicht einmal das kann ich!“), hingegen verschafft jedes Gramm weniger zunächst immense Hoch- und Überlegenheitsgefühle. Diese Glücksgefühle halten allerdings nicht lange an, schon müssen sie „erneuert“ werden, und zwar durch eine weitere Gewichtsreduktion. Danach wieder Glück, Anerkennung – es folgt mehr Gewichtsabnahme – Glück, Anerkennung –

Gewichtsabnahme etc. - im schlimmsten Fall steht am Ende der Tod. Aus diesem Teufelskreis können sich die Süchtigen ohne professionelle Hilfe unmöglich alleine befreien.

Ein Merkmal einer Essstörung ist die „mangelnde Krankheits- und Behandlungseinsicht“[10] der Betroffenen, d. h. ihnen ist ihre Hilfsbedürftigkeit nicht bewusst und sie verweigern die angebotene Hilfe, zumindest anfänglich. Neben der Such(t)e nach Anerkennung sind nicht selten auch unbewältigte Konflikte und die Angst vor der fordernden Realität Auslöser der Krankheit - die Sucht nichts zu essen somit ein Versuch, die Konflikte zu kompensieren, sie zu verdrängen oder gar, sie zu lösen. In den letzten Jahren tragen anorektische Mädchen verstärkt körperbetonte Kleidung, die ihre überschlanken Körper unterstreichen soll, was als Versuch gedeutet wird, die Umwelt auf sich aufmerksam zu machen und ihr zu signalisieren: „Bitte helft mir! Es geht mir schlecht!“

Ein weiteres Merkmal einer essgestörten Persönlichkeit ist das hohe Perfektionsstreben gepaart mit einem übersteigerten Leistungsanspruch an sich. So treiben die Betroffenen oft exzessiv Sport, der häufig bis hin zur Erschöpfung betrieben wird, sie sind sehr gute Schüler und gelten auch sonst als sehr angepasst. Hier tut sich ein weiterer Abgrund auf: Die Ansprüche an sich selbst steigen mit fortschreitender Krankheit, während das Leistungsvermögen sinkt. Durch die erhebliche Gewichtsabnahme wird die Leistungsfähigkeit des Körpers sukzessive herabgesetzt und es entsteht eine immer weiter auseinander klaffende Schere zwischen Anspruch an sich und Leistungsvermögen, zwischen Wollen und Können, zwischen dem subjektiven Wunsch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen und der objektiven Unmöglichkeit, dies je zu schaffen. Die analog dazu einhergehende Unzufriedenheit der essgestörten Person mit sich und ihrem Leben wächst durch das Verfehlen der selbst gesteckten Ziele stetig und die Angst vor dem Leben wird gleichzeitig größer. In gleichem Maße nimmt die Angst vor dem Tod ab, mehr noch, der Tod erhält mit der Zeit sogar eine eigene Faszination, da er die Betroffenen von allen irdischen Ängsten und von „aller Erdenschwere“[11] befreien kann. In diesem (End-) Stadium sind die Erkrankten dann schon Opfer ihrer eigenen, schweren Depressionen und kaum mehr therapierbar.[12]

Verdeutlicht werden können die Gedanken eines anorektischen Mädchens vielleicht an Hand eines Gedichts:

„Ich möchte gehen können,

ohne dass meine Oberschenkel aneinander reiben,

durch die Welt staksen mit dünnen langen Beinen,

wie ein Storch.

Ich möchte gehen können,

ohne Geräusche zu machen,

auf dem Wasser laufen ohne einzutauchen,

über Sand und Schnee ohne Abdrücke zu hinterlassen,

durch die Welt schweben wie eine Feder.

Ich möchte herausstehende Schulterblätter haben,

die aussehen als würden mir Flügel wachsen

- endlich - nach langem Warten

der wie die gebrochenen Flügel eines gefallenen Engels.

Ich möchte Schlüsselbeine haben,

die hervorstehen

und mich wie ein zierliches Wesen aussehen lassen,

ein Wesen voll Glanz, rein zart und zerbrechlich.

Ich möchte schwebend durchs Leben wandeln,

jede Bewegung so elegant,

jeder Schritt so anmutig,

jede Geste so zart...

Ich möchte auf einer Wiese liegen

und den Wind um meinen Körper spüren,

wie der Adler ihn unter seinen Schwingen fühlt

den Wind um mich spüren,

den Wind der mich hinfort trägt.“[13]

Die Sehnsucht nach Leichtigkeit, nach einer Welt ohne Leistungsdruck, ohne Forderungen von außen und von innen an das eigene Ich, nach einem friedvollen, geruhsamen Dasein in absoluter Freiheit, wird hier überdeutlich.

Glaubt man Tilmann Habermas, treten sowohl die Magersucht als auch die Bulimie verstärkt in der Adoleszenz auf, vornehmlich beim weiblichen Geschlecht, fast ausschließlich in den westlichen Industrienationen und dort mit steigender Tendenz. Dass der Häufigkeitsgipfel ihres ersten Aufretens in der Pubertät liegt, schreit förmlich nach entwicklungspsychologischen Erklärungen.[14] Und die Tatsache, dass die bekanntesten Essstörungen vor allem in hoch industrialisierten Ländern vorkommen ist ein Indiz dafür, dass die Kultur und die Umwelt eine tragende Rolle bei der Ätiologie der Erkrankung spielen. Hierzu aber später mehr.

Für die Anorexia nervosa wird ein Auftreten zwischen dem 14. und dem 18. Lebensjahr angegeben, es gibt aber in der Literatur auch schon Hinweise auf deutlich jüngere Essgestörte. Die meisten Erkrankten, ungefähr 95 Prozent, sind Mädchen und Frauen.

Magersucht und Bulimie betreffen ca. zwei bis fünf Prozent der Frauen zwischen 14 und 35 Jahren in den westlichen Ländern. In Deutschland gehen Schätzungen von 150.000 bis 200.000 Magersüchtigen aus.[15]

Essstörungen können natürlich auch schon früher auftreten, doch erkrankt der Großteil in der oben genannten Spanne. Laut Frau Petra Michler, Diplom-Psychologin am Bezirksklinikum Regensburg und Leiterin der Essgestörten-Gruppe dort, seien aber andere Altersgruppen, wie Frauen im Klimakterium oder Frauen zwischen 30 und 40 Jahren, die eine Scheidung bzw. Trennung hinter sich haben und versuchen, sich auf dem „Heiratsmarkt der Eitelkeiten“ erneut attraktiv und anziehend zu präsentieren, bei der Magersucht auf dem Vormarsch. Die Frauen, die geschieden wurden und deren Kinder schon der „Bemutterungsphase“ entwachsen sind, versuchen, durch Fitnessstudiobesuche und durch Diät halten ihre Figur „marktgerecht“ zu gestalten, um so bessere Chancen bei der Wahl eines neuen Partners zu haben. Dadurch können sie in eine Essstörung abgleiten.[16]

Die Mehrzahl der erkrankten Mädchen stammt aus den oberen sozialen Schichten der Gesellschaft, wobei Entwicklungen erkennbar sind, dass sich sowohl das Alter der Betroffenen als auch ihre Schichtzugehörigkeit nach unten entwickeln. Während in den oberen sozialen Schichten die Magersucht stagniert, ist eine Zunahme bei den mittleren sozialen Schichten festzustellen.[17]

Neben den gehobenen sozialen Schichten, denen die Betroffenen oft angehören, ist bei 90 - 95 Prozent aller Magersüchtigen eine überdurchschnittliche Begabung auszumachen.[18] Ob dies allerdings von einer genetischen Veranlagung herrührt oder aufgrund des enormen, nicht genetisch bedingten Perfektionsstrebens und des Ehrgeizes einhergehend mit Fleiß und ständigem Üben zustande kommt, ist noch nicht abschließend zu beantworten.

Zum Vorliegen einer Anorexia nervosa werden folgende Kriterien heran gezogen:[19]

1. Ein Untergewicht von mindestens 15 Prozent unter Normalgewicht liegt vor, welches selbst herbeigeführt wurde. Eine andere körperliche oder seelische Erkrankung als Ursache des Untergewichts ist auszuschließen. Hierbei wird gern der so genannte B ody M ass I ndex, kurz BMI, als Maßstab herangezogen, der
sich nach folgender Formel berechnet: Körpergewicht (kg) / Körpergröße (m²). Von Untergewicht als einem Kriterium der Krankheit Magersucht spricht man bei einem BMI von 17,5 und weniger.[20] Dieser BMI gilt für Erwachsene ab 18 Jahren, bei Kindern und Jugendlichen müssen zum BMI noch weitere Kriterien herangezogen werden, u. z. müssen neben Gewicht und Körpergröße noch das Geschlecht und das Alter des Kindes bzw. des Jugendlichen berücksichtigt werden. Grund hierfür sind die enormen entwicklungsbedingten körperlichen Schwankungen in diesem Zeitraum, die sich auf das Gewicht und dessen Bewertung auswirken.[21] Ausführlicher wird dies noch unter Punkt zehn dargestellt werden.
2. Ein Magersüchtiger wird förmlich beherrscht von der Angst vor einem normalen Körpergewicht, was ein wesentliches psychisches Symptom darstellt. Durch Fasten und exzessive Aktivität soll das Gewicht auf ein Minimum reduziert werden, das sogar noch unter dem Wunschgewicht liegt, um so immer einen „Puffer“ für eine eventuell auftretende Schwächeperiode, also einen Verlust der Selbstkontrolle, zu haben.
3. Das Untergewicht wird von den Betroffenen positiv erlebt, sie nehmen sich selbst nicht als krank wahr und wehren sich dementsprechend vehement gegen Essensaufforderungen.
4. Der körperliche Verfall und seine Bedrohung für das Leben werden negiert.

Die Magersüchtigen leiden zudem an einer wahrnehmungsbezogenen und gedanklichen Störung des eigenen Körperschemas, d. h. sie empfinden sich subjektiv dicker als sie objektiv sind und suchen dieses „fett sein“ durch gewichtsreduzierende Maßnahmen zu korrigieren. Ungefähr 40 Prozent der Mädchen zwischen elf und neunzehn Jahren haben schon Ansätze einer Körperschemastörung und fühlen sich trotz Normalgewicht zu dick.[22]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: http://www.gestoerte-welt.de/pure/anorexia_nervosa.htm am 01.08.06)

Auch zählt von der Norm abweichendes Essverhalten zu den heute gesicherten Merkmalen einer Anorexie. Hierzu gehören extrem in die Länge gezogene Essrituale, ein langsames und auffälliges Essverhalten, das Horten von Lebensmitteln, der Einkauf von zu vielen und zu kalorienreichen Lebensmitteln, das ständige Wiegen, um das eigene Gewicht nicht aus den Augen zu verlieren, die raumgreifende Beschäftigung mit Essen und Lebensmitteln wie das Sammeln von Rezepten, das Studieren von Kalorientabellen etc.[23]

Die oft gesteigerte körperliche und geistige Aktivität grenzt die Magersüchtigen von anderen psychisch bedingten Formen der Unterernährung ab und stellt somit ebenfalls ein wesentliches Merkmal der Anorexia nervosa dar.[24]

Die Mangelernährung, der der Körper über einen längeren Zeitraum ausgesetzt wird, führt zu einer Reihe physischer und psychischer Veränderungen. So sind die Amenorrhoe, also das Ausbleiben der Menstruation, und ein Libidoverlust die anfänglichen Folgen.[25] Mit Voranschreiten der Krankheit werden die Folgen für den Körper schwerwiegender und teilweise irreversibel. Die Erkrankten leiden zum Beispiel an trockener, schuppiger Haut, an Ödemen in Niere, Herz und Blutkreislauf, an Minderwuchs, an Haarausfall und an Osteoporose. Zudem ist im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit ein Wiederauftreten der für Neugeborenen typischen Lanugo-Behaarung an Armen, Schultern und Rücken zu finden. Zu diesen körperlichen

Veränderungen kommen die psychischen Krankheitszeichen hinzu. Hier sind eine teilweise starke Einschränkung der Interessen, die zwanghafte Beschäftigung mit Enthaltsamkeit und Kalorien, die zunehmende soziale Abgrenzung, ausgeprägte Kontrollzwänge, ein übersteigertes Leistungsstreben bei durchschnittlich hoher Intelligenz und ein niedriges Selbstwertgefühl zu nennen. Die magersüchtigen Jugendlichen sind oft ängstlich, nervös und gehemmt, neigen zu Depressionen und leiden unter Einsamkeitsgefühlen.[26]

Die Spätfolgen der Essstörungen sind fatal und den Betroffenen oft nicht bewusst. So ist an erster Stelle eine mögliche Hirnvolumenminderung anzuführen, die, wenn eingetreten, dauerhaft und irreversibel ist. Es kommen chronische Störungen des Verdauungstraktes hinzu, Blutbildveränderungen, eine Veränderung der Herz- und Hirntätigkeit, bleibende Nierenschäden, eine Entzündung der Bauchspeicheldrüse und Knochenschwund oder –erweichung. Diese Folgeerscheinungen sind in der Mangel- bzw. Unterernährung begründet, denen sich die Betroffenen über einen längeren Zeitraum hinweg aussetzen.[27]

Die körperlichen Schädigungen können nicht selten lebensbedrohliche Ausmaße annehmen, besonders wenn bulimische Symptome wie selbstinduziertes Erbrechen oder Abführmittelmissbrauch hinzukommen, was bei jedem zweiten Betroffenen der Fall ist.[28]

Aus entwicklungspsychologischer Sicht wird die Magersucht als Versuch gedeutet,

„die eigene Identität, das Selbstwertgefühl und die Fähigkeit, etwas zu bewirken (Selbstwirksamkeit) kompensatorisch zu stabilisieren“[29].

Patienten werden rückblickend oft als brave und angepasste Kinder beschrieben, die es nicht gelernt haben, aktiv gestaltend mit ihrer Umwelt zu interagieren. Sie kommen meist aus kohärenten, überangepassten und Konflikt vermeidenden Familien. Mit Beginn der Pubertät wird ihnen diese Überangepasstheit zum Verhängnis: Sie fühlen sich von der sexuellen Reifung, die von ihnen mutiges und selbstbewusstes (Re-) Agieren fordert, überwältigt und stehen ihr hilflos gegenüber. Hinzu kommen weitere Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz, wie die Erlangung von Autonomie gegenüber den Eltern, das Erreichen einer altersangemessenen Eigenständigkeit, das Finden und Etablieren einer geschlechtsspezifischen Identität und die Übernahme von

Verantwortung für sich und seinen Körper.[30] Rezeptive Kinder werden hier bisweilen vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt, deren Lösung scheinbar für einen gewissen Prozentsatz von ihnen im Hungern gesucht und temporär im subjektiven Empfinden auch gefunden wird. Durch das Hungern erlangen sie zum einen die Kontrolle über ihren reifenden Körper zurück, zum anderen grenzen sie sich damit von ihrer Familie ab, ohne sich von ihr wirklich lösen zu müssen. Im Gegenteil, die wachsende Isolation außerhalb des familiären Umfelds bindet die Betroffenen ebenso wie die Krankheit selbst umso stärker an ihr Elternhaus. In Wahrheit führt also die vermeintliche Bewältigung der Entwicklungsaufgaben zu einem Entwicklungsstillstand: Die Pubertät wird aufgehalten, die Ablösung von den Eltern wird verschoben, die wichtigen Beziehungen zu den Peer Groups brechen ab oder kommen erst gar nicht zustande, eine neue, sexuell und geistig gereifte Identität wird verhindert.[31]

Gesicherte Erkenntnisse zu den Gründen für das Auftreten der Krankheit gibt es nicht, wohl aber Studien, die belegen, dass folgende Faktoren für den Ausbruch eine Rolle spielen können: Die Angst vor der sexuellen Reifung des Körpers, besonders bei Mädchen, und eine Furcht vor der „genormten“, verantwortungsbewussten Erwachsenenrolle, die die Techniken der Selbstkontrolle (Diäthalten) beherrscht und sich an kulturgebundenen Körperidealen sinnvoll und verantwortungsbewusst orientieren kann. Die relativ verantwortungsfreie Kinderrolle will nicht kampflos aufgegeben werden.

Laut Hilde Bruch ist bei magersüchtigen Jugendlichen eine schwere Störung des Körperbildkonzeptes zu verzeichnen, einhergehend mit der Unfähigkeit, sich realistisch einzuschätzen.[32] Früher wurde angenommen, dass die kognitive Entwicklung sensu Piaget bei Magersüchtigen normal und altersangemessen verläuft. Hier hat Bruch einen wichtigen Punkt angekratzt, der die Wissenschaft zu neuen Diskussionen und Untersuchungen veranlasste. Sie beschreibt in ihrem Buch „Der goldene Käfig“ viele junge Mädchen, die erst durch ihren gravierenden Gewichtsverlust und ihren ständigen Begleiter, den Hunger, allmählich ihre Denkfähigkeit veränderten. Somit wären die psychischen Veränderungen Folge und nicht Ursache der Essstörung. Sie gibt die Aussage eines 15-jährigen Mädchens namens Gertrude wie folgt wieder:

„Meine Gedankenprozesse wurden höchst unrealistisch. Ich hatte das Gefühl, für einen höheren Zweck etwas tun zu müssen, was ich gar nicht wollte. Das beherrschte mein Leben. Es war ein hoffnungsloses Durcheinander. Ich entwarf mir ein neues Bild von mir selbst und zwang mir eine neue Lebensweise auf. Mein Körper wurde zum sichtbaren Symbol reiner Askese und Ästhetik, irgendwie unantastbar für jede Kritik. Alles wurde sehr intensiv und hoch intellektuell, doch absolut unantastbar. Wenn man es genießt, jemand zu sein, der nicht isst und der jede Nacht wachliegt, dann kann man nicht zugeben: ‚Ich fühle mich elend’ oder: ‚Ich habe Hunger.’ Zu hungern wirkt ähnlich wie Rauschgift, und man hat das Gefühl, außerhalb seines Körpers zu stehen. Man steht tatsächlich neben sich, und damit befindet man sich in einem anderen Bewusstseinszustand und kann Schmerzen ertragen, ohne darauf reagieren zu müssen. So bin ich mit dem Hunger umgegangen. Ich wusste, dass ich Hunger hatte – ich kann mich daran erinnern, er ist mir bewusst -, doch damals verspürte ich dabei keinerlei Schmerzen. Es war wie eine Selbsthypnose. Lange Zeit konnte ich überhaupt nicht darüber sprechen, weil ich schreckliche Angst hatte, man könne es mir wegnehmen.“[33]

Und sie führt weiter aus, dass heute zwischen den visionären Erlebnissen der Menschen im Mittelalter und ihrer chronischen Unterernährung ein Zusammenhang vermutet wird.[34] Festzuhalten bleibt, dass die betroffenen Mädchen zwar großen Hunger während ihrer selbstauferlegten Askese verspüren, dies aber für sie erst im nach hinein feststellbar wird. Während der extremen Hungerphasen ist es ihnen über weite Strecken schlichtweg nicht möglich, das Hungergefühl vor sich, geschweige denn vor anderen zuzugeben. Besser ausgedrückt, ihr Geist, manche sprechen auch von ihrem „Dämon“, will keinen Hunger verspüren und so verspüren die Erkrankten auch keinen, obwohl ihr Körper förmlich nach Essen schreit. Eine Psychologin spricht gar von einem „Bürgerkrieg im Kopf“[35], um in etwa das Chaos in den Köpfen vieler Magersüchtiger zu beschreiben und bezeichnet damit eine innere negative Stimme, die den Körper ständig zu seinen destruktiven Handlungen antreibt.[36]

Was aber ist es, das aus einer einfachen Diät, die legitim erscheint, um ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden, eine Anorexie erwachsen lässt? Nach Hilde Bruch ist die Art und Weise, wie der Hunger erlebt wird, dafür verantwortlich. Zu erfahren, dass man das Hungergefühl aushalten kann, verschafft den Betroffenen ein Hochgefühl, ein Gefühl des Stolzes und der Überlegenheit. Jeder Rückfall in die „Essensfalle“, also den „Sieg“ des Körpers über den Geist, löst Schuldgefühle und Scham aus. Der innere „Sklaventreiber“[37] meldet sich dann sogleich zurück und fordert nun noch mehr Aktivität

des „Schwächlings“.[38] In unmittelbarem Zusammenhang mit dem Hungern selbst werden so schwerwiegende Symptome wie eine Ich-Spaltung, eine Depersonalisierung, die bis hin zu schweren Ich-Defekten reichen kann, genannt.[39]

Die Erfolgssaussichten einer Behandlung sind wenig aufmunternd. Obwohl über die tatsächliche Mortalitätsrate der Magersucht seit Jahren Uneinigkeit herrscht, liegt die Magersucht unter den psychosomatischen Erkrankungen bei der Sterblichkeit ganz vorne. Wie bereits schon auf Seite fünf erwähnt, geht die Wissenschaft von teilweise recht unterschiedlichen Sterblichkeitsraten aus, es finden sich Angaben zwischen fünf und 25 Prozent. Hierfür sollen nur zwei Beispiele angeführt werden: Während in einer Online-Ärztezeitung von einer Mortalitätsrate von 20 Prozent die Rede ist,[40] spricht laut Gerlinghoff die Wissenschaft heute überwiegend von rund fünf Prozent.[41] Die Schwierigkeit der genauen Festlegung liegt wohl in der exakten Definition der Todesursache. Was fällt alles darunter? Zählen zu den an der Magersucht Verstorbenen nur die, die unmittelbar aufgrund der schweren Mangelernährung oder einer Störung des Elektrolythaushalts verstorben sind? Oder rechnet man auch die nicht minder schwere Zahl der Suizide, die aufgrund der Krankheit begangen wurden, hinzu? Und wie sieht es mit Todesursachen aus, die auf den ersten Blick gar nichts mit der Anorexie zu tun haben, dennoch bei besserer Kenntnis der Krankheit darauf zurückzuführen sind? Frau Michler berichtete in unserem Interview von einem Mädchen, das an einer Herzmuskelerkrankung, ausgelöst durch eine Zahnentzündung, gestorben ist.[42] Ein solcher Krankheitsverlauf wäre bei einem gesunden Menschen äußerst unwahrscheinlich, da die Voraussetzung für eine derart unglückliche Verkettung ein stark abwehrgeschwächter Körper ist. Die Magersucht war also hier entscheidend am Tod beteiligt, man kann eigentlich sagen: Ursächlich. Von den Überlebenden sind nach zehn Jahren ca. 40 Prozent der Behandelten symptomfrei, ein knappes Drittel leidet immer noch in vollem Umfang an der tückischen Krankheit, das verbleibende Drittel zeigt eine Restsymptomatik wie z. B. Erbrechen, kann aber damit leben.[43]

Da das Verleugnen der Krankheit zu einer ihrer Symptome gehört, ist eine wie auch immer geartete Hilfe erstmal schwierig. Ohne Krankheitseinsicht fehlt die Motivation, eine Therapie in Angriff zu nehmen. Erst wenn der Leidensdruck der Patienten wächst

und sie sich immer kränker und schwächer fühlen, sind sie in der Regel bereit, etwas zu ändern. Nehmen die Krankheitssymptome wieder ab, besteht die Gefahr, dass die Erkrankten rückfällig werden und versuchen, ihr Gewicht erneut zu reduzieren. Deswegen ist es wichtig, die Magersüchtigen in die teilweise schockierenden medizinischen Erkenntnisse über Folgen und Auswirkungen einzuweihen, wie auch Frau Michler bestätigte. Durch das Aufzeigen der körperlichen Krankheitssymptome mit Hilfe von Blutbild, EKG, EEG etc. wird den Mädchen erst bewusst, was sie mit sich und ihrem Körper anstellen und wie gefährlich die Erkrankung in Wirklichkeit ist.[44]

In den USA werden die magersüchtigen Frauen oft abwertend als „Lollipops“ bezeichnet, da sie viel Ähnlichkeit mit einem Lutscher aufweisen: Der Körper gleicht ohne Rundungen und Formen dem Stiel eines Lutschers, wogegen der Kopf, der auf diesem Stiel thront, übergroß erscheint. Der Ausdruck ist ein Indiz unter vielen für die Stigmatisierung der Erkrankten in der Bevölkerung, was mit zur Aufrechterhaltung der Krankheit beiträgt und einen etwaigen Therapieerfolg erschwert.

Jüngst ist ein neuer Begriff in den Vereinigten Staaten geprägt worden: Die Red Carpet Anorexia – Die Rote-Teppich-Magersucht! Gemeint ist hiermit die erschreckende Häufung echt magersüchtiger oder zumindest magersüchtig anmutender Stars und Berühmtheiten auf all den roten Teppichen dieser Welt, vor allem aber in der Filmfabrik Hollywood. Ob in der Welt der Schauspieler und Fußballergattinnen die Magersucht tatsächlich einen größeren Häufigkeitsgipfel aufweist als in der restlichen Bevölkerung, ist nicht empirisch geklärt. Der Eindruck kann allerdings entstehen, lächelt einem doch kaum mehr eine normalgewichtige Frau mit Rundungen aus Zeitungen und Zeitschriften entgegen. Die so genannten VIPs sind oft nur noch Haut und Knochen. Aufgrund dieses Hungerwahns wurde jetzt in Amerika die neue (Kinder-) Kleidergröße Null eingeführt, die einer deutschen Konfektionsgröße 32, den Maßen eines zwölfjährigen Mädchens, entspricht. Die Botschaft lautet: „ In ist, wer dünn ist!“ und ihr wird unter den Berühmtheiten bereitwillig entsprochen. Der Druck ist scheinbar groß, denn „Wenn du Größe Zwei (deutsch: 36) trägst und die fetteste Person in einem Raum bist, ist das schon unheimlich.“[45] Wer das Größe-Null-Diktat nicht erfüllt, bekommt keine Filmrollen mehr, so die Aussagen.[46] Diane Keaton formulierte es so: „In Hollywood gilt man schon

als dick, wenn Fußketten nicht um die Taille passen."[47] Diese gezielt geförderte, ja sogar geforderte Magersucht ist erschreckend und kann auf die weibliche Bevölkerung eine schlechte Vorbildfunktion ausüben.

Bei fast jedem zweiten Betroffenen tritt die Anorexie nicht in ihrer „Reinform“ auf, sondern vermischt sich mit anderen Essstörungen. Nicht selten kommt zur Nahrungsverweigerung ein selbst herbeigeführtes Erbrechen oder ein Abführmittelabusus hinzu. Je mehr „Tricks“ die Patienten anwenden, um ihr Gewicht nach unten zu korrigieren, desto schwieriger und aussichtsloser wird eine Therapie. Da die Anorexie unter allen Essstörungen bei den Betroffenen das höchste „Ansehen“ genießt, wird sie zuerst angestrebt. Für viele ist es aber zu schwer, dem Hungergefühl auf Dauer zu widerstehen und so werden andere Lösungen gesucht, den Körper auzuzehren, wie z. B. die des Erbrechens. Das ist auch einer der Gründe, warum sich die Bulimie als „einfachere“ Variante der Magersucht auf dem Vormarsch befindet.

2.2 Die Bulimia nervosa

Der Begriff Bulimia nervosa stammt ebenfalls aus dem Griechischen und kann mit „Ochsenhunger“ übersetzt werden (Bous = Stier, Ochse; limos = Hunger).[48] Auch dieser Begriff wird dem Krankheitsbild nicht ganz gerecht, da er nur eine Facette der Bulimie, allerdings hier eine wesentliche, nämlich die Heißhungerattacken, widerspiegelt. Die deutsche Übersetzung der Ess-Brech-Sucht ist noch irreführender, da zu einer Bulimie nicht notwendigerweise das Erbrechen gehört, sondern auch andere Methoden zur Gewichtsregulierung angewandt werden.[49]

Zur Symptomatik der Bulimie gehört:

1. Das häufige Auftreten von „Fressattacken“, die zeitlich begrenzt sind, und die aus dem Verzehr teils immenser, vor allem hoch kalorischer Nahrungsmengen bestehen, ist ein wesentliches Merkmal. Zusätzlich wird ein totaler Kontrollverlust über die Art und Weise des Essens sowie über die Menge erlebt, was zum Weiteressen führt. Ein Gefühl für Hunger und Sättigung ist bei den Betroffenen oft nicht mehr vorhanden.
2. Die wiederholte Anwendung von einer Gewichtszunahme gegensteuernden Maßnahmen, wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, Missbrauch von Abführ- und Entwässerungsmitteln, exzessives Fasten, übermäßige körperliche Betätigung („Sport-Bulimie“[50] ), sind hier zu nennen. Diese Maßnahmen resultieren aus einer krankhaften Furcht vor einer Gewichtszunahme.[51]

Unter Bulimie leidende Personen streben, im Gegensatz zu Magersüchtigen, meist ein Ideal- oder Normalgewicht an und nicht den mageren, ausgezehrten Körper des anorektischen Menschen. Sie wollen attraktiv und schlank sein, dem Schönheitsideal ihres kulturellen Umfeldes entsprechen. Figur und Gewicht sind entscheidende Faktoren für ihr Selbstwertgefühl. Der anfängliche Versuch, einer erwünschten Gewichtsreduktion durch Fasten beizukommen, scheitert meist im Vorfeld. Die Mädchen und Jungen werden über kurz oder lang schwach und schlagen dann beim Essen, je nach Dauer der Hungerzeit, gravierend über die Stränge. Aus einem normalen Essverhalten, das eigentlich der Hungerstillung und dem Genuss dient, wird schnell eine regelrechte „Fressattacke“, über die, so lange sie andauert, die Kontrolle verloren wird. Bulimie meint diese eklatanten Hungerdurchbrüche, die aus heftigen Ess-Anfällen bestehen und deren Folgen schließlich mit drastischen Maßnahmen bekämpft werden müssen.[52]

Ähnlich wie der Anorektiker finden sich an Bulimie Erkrankte überhaupt oder zumindest an bestimmten Körperstellen zu dick, ihre Idealvorstellung eines Körpers stimmt nicht mit ihrem subjektiv wahrgenommenen Körper überein. Sie leiden ebenfalls wie die Magersüchtigen an einer verzerrten Körperwahrnehmung, allerdings ist diese bei Ihnen nicht so stark ausgeprägt.[53]

Im Unterschied zur Magersucht tritt die Bulimie in der Regel erst dann auf, wenn schon die ersten sexuellen Erfahrungen gemacht wurden, meistens um das 18. Lebensjahr herum.[54] Der weibliche Körper wird demnach zwar angenommen, aber nach einem sozial geltenden Ideal geformt. Die Betroffenen können sich also mit ihrer weiblichen Geschlechterrolle durchaus identifizieren, meinen aber, dass sie ihr nicht genügen und versuchen ständig, ihr gerecht bzw. noch gerechter zu werden. Sie streben nach

Perfektion in jeder ihrer mannigfaltigen Rollen in der Familie, im Freundeskreis, in der Schule, im Beruf, in der Partnerschaft etc.

Bulimische Jugendliche kommen häufig aus auseinanderstrebenden Familien, deren Mitglieder zu starken Gefühlsausbrüchen oder affektiven Störungen neigen.[55] Zudem kommen in der familiären Vorgeschichte häufiger Depressionen und Alkoholismus, autodestruktive Tendenzen und Suchtprobleme ebenso wie sexueller Missbrauch vor.

Die körperlichen Folgen der Bulimie können, ähnlich wie die der Anorexie, äußerst schwerwiegend sein. Sie reichen von durch Magensäure zerstörten Zähnen über Entzündungen der Speiseröhre bis hin zur Darmperforation aufgrund von Abführmittelabusus. Ein aufgedunsenes Gesicht, erhöhte Infektanfälligkeit, extreme Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Zeichen von Selbstverletzungen und Kreislaufprobleme sind weitere schwere körperliche Beeinträchtigungen. Außerdem sind bei bulimischen Mädchen häufig ausgeprägte depressive Syndrome auszumachen, wobei auch hier nicht mit Sicherheit zu sagen ist, ob sie Folge oder Ursache der Erkrankung sind.[56]

Das bulimische Verhalten findet in der Regel heimlich statt, zumindest aber ohne anwesende Personen. Ein gemeinsames Essen wird vermieden bzw. wird dabei nur wenig verzehrt, um kein Aufsehen zu erregen. Nach dem Essen verschwinden die Betroffenen oft auf der Toilette, was lange unbemerkt bleibt und es deswegen für Familie, Verwandte und Freunde so schwierig macht, von der Krankheit Kenntnis zu erlangen. Erkrankte führen oft über einen langen Zeitraum ein Doppelleben. Aus eigener Kraft ist es ihnen nicht möglich, die Krankheit abzustellen, ihr soziales Umfeld kann die vielleicht entscheidende Initialzündung nicht auslösen, da es unwissend ist. Es ist nachvollziehbar, dass dies äußerst ungünstige Umstände sind, die es der Krankheit leicht machen, unentdeckt und vor allem unbehandelt zu bleiben.

Im Vorfeld einer Bulimie finden sich häufig verdeckte oder voll ausgeprägte Episoden einer Anorexie mit einem mäßigen Gewichtsverlust. Das Erbrechen stellt sich anfänglich als perfekter Weg dar, den Verlust der Selbstkontrolle durch Essen zu kompensieren und wiederzuerlangen. Man fühlt sich mächtig und ist Herr über seinen Körper. Im Laufe der Erkrankung ändert sich das gravierend: Das Erbrechen löst Scham, zusätzliche Schwäche, Schuldgefühle und Selbstzweifel beim Essgestörten aus, hinzu kommt ein Gefühl der Hilflosigkeit. Der ursprünglich positive Effekt verkehrt sich ins Gegenteil, die Essstörung hat sich verselbstständigt. Sie übt jetzt die alleinige

Macht aus und die Betroffenen fühlen sich ihr hilflos ausgeliefert. Manchmal kann das „zu viel“ an aufgenommenem Essen überhaupt nicht mehr behalten werden, der Körper gibt es ohne zusätzliche Hilfestellung wieder her. In diesem fortgeschrittenen Stadium wächst der Ekel vor sich selbst, Depressionen können sich einschleichen.[57]

Die Zahl der betroffenen Bulimiker in Deutschland ist mindestens so hoch wir die der Magersüchtigen, liegt also zwischen 150.000 und 200.000, was einem Anteil von 0,2 – 0,3% an der Gesamtbevölkerung entspricht. Auch hier sind vorwiegend Frauen (95%) betroffen.[58] Laut einer Einschätzung von Frau Michler sind allerdings die Männer sowohl bei der Anorexie als auch bei der Bulimie auf dem Vormarsch.[59]

Bei beiden haben die Behandlungsfälle in den letzten fünfzehn Jahren dramatisch zugenommen. Dies ist sicherlich auch darauf zurück zu führen, dass die Beratungs- und Behandlungseinrichtungen stark aufgestockt wurden, wobei die Essstörungen immer noch zu den am schlechtesten versorgten psychischen Erkrankungen zählen. Das erklärt die wachsende Zahl aber nur teilweise. Wahrscheinlich ist doch davon auszugehen, dass die Zahl der Erkrankten beider Essstörungen in den letzten Jahren faktisch angestiegen ist. Langzeitstudien zur Bulimia nervosa und ihren Heilungschancen gibt es bislang nicht.[60]

Wie eingangs schon erwähnt, ist auch die Bulimie eine Krankheit der Privilegierten: 60 Prozent der Probandinnen einer Göttinger Studie von 1983/1984 hatten Abitur bzw. einen Hochschulabschluss.[61] Auch hier gibt es Hinweise, dass sich die Krankheit in die unteren Schichten ausbreitet. Dass die Zahl der Erkrankten überhaupt wächst und dass die Krankheit nun auch die unteren sozialen Schichten „befällt“, ist unter anderem auf das wachsende Medieninteresse an der Thematik, auf die steigende Anzahl aufklärerischer Vorträge und auf die Möglichkeiten einer „autodidaktischen Lehrstunde“ zum Thema „Essstörungen“ über Internet und sonstige neue Medien, die Informationen dazu liefern, zurückzuführen. Studien dazu gibt es noch keine, allerdings machen besagte Erklärungen diese Annahme wahrscheinlich.

Wie die Anorexie wird auch die Bulimie von mehreren zusammentreffenden Faktoren bestimmt: So sind individuelle, familiäre und sozio-kulturelle Risikofaktoren beim Einzelnen zur Ursachenbestimmung heranzuziehen. Jeder Fall muss dabei individuell untersucht, jeder einzelne Faktor gesondert bewertet werden. Hilde Bruch weist gar den

familiären Umständen, der Eltern-Kind-Beziehung, einen enormen Stellenwert für das Entstehen und den Ausbruch von Essstörungen zu. Hierzu aber später mehr unter dem Kapitel der Ursachenzuschreibung. Zu unterscheiden sind generell die Ursachen, die für die Krankheit verantwortlich zu machen sind, und die Auslöser. Zu den Ursachen zählen oben genannte Risikofaktoren, die in der Regel über einen längeren Zeitraum hinweg vorliegen bzw. länger in der Anamnese zurück liegen. Auslöser sind abrupte, kurz vor Ausbruch aufgetretene Ereignisse, wie etwa die Scheidung der Eltern, die die Krankheit ans Licht holen können.[62]

2.3 Fazit

Für beide Arten der Essstörungen und ihre Mischformen gilt, dass meist zwar mehrere oder viele Faktoren für einen Krankheitsausbruch zusammentreffen müssen, dass aber fast immer ein mangelndes oder nicht vorhandenes Selbstbewusstsein eine Grundvoraussetzung ist. Die Betroffenen reduzieren sich allzu oft auf ihr Aussehen, ihren Körper und vergessen dabei, dass es andere Dimensionen ihrer Person gibt, die wertvoll und liebenswert sind und die sie in Summe erst zu dieser einzigartigen und unverwechselbaren Persönlichkeit machen.

Eine ernsthafte Essstörung beginnt zudem fast immer harmlos: Mit einer Diät! Mit ihrer Hilfe versucht man anfangs, ein paar überflüssige Pfunde loszuwerden um sich dann, so meint man zumindest, wohler in seinem Körper zu fühlen. Blickt man hinter diese vordergründige Erklärung, erkennt man schon oft bei genauem Hinsehen das mangelnde Selbstwertgefühl der betroffenen Personen. Der neu „erschlankte“, schöne Körper kann helfen, Probleme zu lösen, mehr Zuspruch im Freundeskreis zu erfahren, anerkannter zu sein, in der Familie geliebter zu werden, erfolgreicher in Schule oder Beruf, etc. Was von vornherein zum Scheitern verursacht ist, wird während der Diät evident. Die zuerst entgegengebrachte neue Aufmerksamkeit verursacht Glücksgefühle und übermittelt eine vermeintliche Bestätigung des ursprünglich Intendierten. Von diesem Gefühl will der Betroffene mehr haben, er versucht es mit einem Mehr an Diät bzw. mit einem Mehr an der Nahrungsaufnahme gegensteuernden Maßnahmen, mit denen er dann nicht mehr aufhören kann. Hier ist der Punkt erreicht, an dem sich die anfänglich harmlose Diät in eine Sucht verwandelt, aus der es ohne fremde Hilfe kein

Entrinnen mehr gibt. Die neu entgegengebrachte Aufmerksamkeit in der Familie wird genossen, vorher war man ein „normales“ Familienmitglied ohne besondere Beachtung, jetzt ist man etwas Besonderes. Die ungeteilte Aufmerksamkeit aller und die Position des Dreh- und Angelpunkts der Familie ist einem sicher.

Was allen Essstörungen noch gemein ist, ist die obsessive Auseinandersetzung mit Essen. In dem Maße, in dem dem Körper Nahrung entzogen wird, in dem Maße wächst die gedankliche Beschäftigung mit Nahrung. Entweder kreisen die Gedanken um das Nicht-Essen mit all seinen Vermeidungsstrategien, wie bei der Anorexie, oder sie drehen sich um das „Reinschaufeln“ von Unmengen an Essen und das anschließende wieder „Loswerden“, wie bei der Bulimie. Der ganze Tagesablauf ist dieser gedanklichen, raumgreifenden Beschäftigung mit Essen unterworfen, bewusst oder unbewusst, anfangs freiwillig, später unfreiwillig. Für andere Interessen bleibt kein Platz mehr. Hierin liegt auch unter anderem die mit beiden Krankheiten einhergehende soziale Isolation begründet. Für Familie, Freundeskreis und Hobbys bleibt kein Platz mehr, was zählt ist nur noch schlank sein, Hungern und die Gedanken ans (Nicht-) Essen.

Eingangs wurde der Suppenkaspar erwähnt als eines der ersten Zeugnisse der Neuzeit für einen Anorektiker. Mehrere Fragen schließen sich daran an: Gab es früher schon Essstörungen? Wenn ja, gibt es davon schriftliche Überlieferungen oder Zeugnisse? Wie sahen sie aus, wer hat sie verfasst? Oder sind sie in Wirklichkeit doch nur eine „Modekrankheit“? Die Geschichte des Hungerns, ebenso wie diagnostische Meilensteine der Essstörungen sollen im folgenden Kapitel behandelt werden.

3 Selbstaushungerung und Magersucht im Spiegel der Zeit

Die öffentliche Diskussion um Magermodels, essgestörte Jugendliche und ständig Diät haltende Frauen hat, so scheint es, in letzter Zeit stark zugenommen. Betrachtet man die Anzahl der Artikel und Beiträge, die im Fernsehen und in diversen Frauenzeitschriften diese Thematik aufgreifen, könnte der Eindruck eines neuen Krankheitsbildes entstehen, das deshalb jetzt in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, weil es erst in den letzten zwanzig Jahren entstanden ist. Dabei haben Hungern und Fasten in der Menschheitsgeschichte bereits eine lange Tradition. Die meisten Fastenrituale sind religiösen Ursprungs. Betrachtet man nur das Heute, lässt sich der große Stellenwert der Askese und Entsagung in den verschiedenen Religionen erkennen. So erleben wir den islamischen Ramadan in Deutschland hautnah mit, der den Fastenden eine erste Nahrungsaufnahme erst nach Sonnenuntergang zugesteht, ebenso wie die Fastenzeit der Katholiken, die am Aschermittwoch beginnt und nach vierzig Tagen in der Nacht zum Ostersonntag endet. Für letztere allerdings gilt, dass ihre Bedeutung im Laufe des letzten Jahrhunderts stark abgenommen hat und in ihrer früheren Ausprägung nur noch von „eingefleischten“ Katholiken praktiziert wird. Aber woher kommen diese Rituale? Warum nahm und nimmt das Fasten einen derart großen Stellenwert in den verschiedenen Religionen ein? Und was soll die Entsagung überhaupt bewirken? Warum wird gehungert? Diese und ähnliche Fragen sollen nachfolgend beantwortet werden.

Ursprünglich gab es in mehreren Völkern die Auffassung, Essen, vornehmlich Fleisch, könne dämonische Kräfte aufnehmen, die durch den Verzehr in den Körper gelangen und diesen von innen vergiften könnten. Hier hatte das Fasten lediglich eine Schutzfunktion, die es den bösen Kräften unmöglich machen sollte, von einem Körper Besitz zu ergreifen. Das Fasten nach dem Tode eines nahe stehenden Menschen sollte verhindern, dass die Seele des Verstorbenen in den Körper der Hinterbliebenen eindrang. Das Nicht-Aufnehmen irdischer Dinge in den eigenen Körper verhinderte demnach eine Verunreinigung durch böse Geister und fremde Seelen und verhalf dem Körper zu einer gewissen Reinheit. Diese reinigende Wirkung des Fastens machten sich hochrangige Vertreter religiöser Anschauungen zu Eigen, die sich und ihre Gläubigen damit auf wichtige religiöse Feste vorbereiten wollten. Die gewonnene Reinheit zum einen und die dadurch frei gewordene „Aufnahmekapazität“ zum anderen schafften günstige Voraussetzungen zum Empfangen höherer Kräfte.

Im frühen Christentum wurde das Fasten und Beten als Hilfsmittel zur Reinigung von teuflischer Besessenheit eingesetzt. Christus selbst empfiehlt im Neuen Testament das Fasten als Heilmittel gegen dämonische Kräfte. Der ab dem späten Mittelalter praktizierte Exorzismus der katholischen Kirche bediente sich des Fastens und Betens, um sich auf die eigentliche Teufelsaustreibung vorzubereiten. Sowohl der Besessene wie auch der Exorzist mussten sich dieser Hunger-Prozedur unterziehen.

In späteren Zeiten erhielt das Fasten in der katholischen Kirche noch eine andere Bedeutung. Es wurde als Mittel zur Buße eingesetzt, das half, eigene Sünden oder die Sünden anderer zu bedauern, Gott um Vergebung zu bitten und sein Erbarmen zu erflehen. Ausgehend von der Tatsache, dass die Menschen alle Sünder und der Liebe Gottes nicht würdig seien, enthielten sich die frommen Christen der frühchristlichen Welt oft diverser Speisen wie Fleisch und Wein oder fasteten bei Wasser und Brot, um Buße zu tun.

Verschiedene philosophische Schulen der Antike wie die Stoa oder die Kyniker praktizierten das Fasten als Mittel der Askese. Indem sie den irdischen Genüssen entsagten, strebten sie spirituelle, höhere Lebensziele an, die religiösen oder ethischen Prinzipien genügten.[63]

Der griechische Philosoph Plato war Vorreiter einer vom Christentum alsbald übernommenen Denkweise. Die Seele ist das Wesentliche des Menschen, der Körper und seine physischen Bedürfnisse lenken die Seele von ihrer eigentlichen Bestimmung, nämlich der Vereinigung mit dem Göttlichen, ab, zerren sie sozusagen von ihrer geistigen Ebene weg auf ein niedrigeres, eben körperliches Niveau. Durch das Streben nach Unabhängigkeit von den Bedürfnissen des Körpers, konkret durch Nahrungsverweigerung, wird die Seele frei und kann mit dem Göttlichen eins werden. Das Fasten ist demnach ein Versuch, nach dem Göttlichen zu streben und sich mit ihm zu vereinen. Die auf dieser Denkweise aufbauenden christlichen Praktiken wollten den Körper durch Selbstkasteiung schwächen und den Geist gleichzeitig stärken.

Eine Hand voll Menschen, die exzessiv fasten konnte, war sich der Bewunderung der damaligen Zeit sicher. Diese so genannten Fastenheiligen erlangten durch ihre scheinbare Unabhängigkeit von allem Körperlichen großes Ansehen, manchmal auch Reichtum. Ob und wie viel Scharlatane sich unter diesen als gottähnliche Wesen Bezeichneten tummelten, bleibt unklar. Ihre wahren Motive damit auch. Das langfristige und übermäßige Hungern im Christentum hat mit der Zeit viel von seiner religiösen

Anziehungskraft eingebüßt – im Protestantismus hatte es aufgrund dessen völliger Negierung von Wundern sowieso nie Platz – und der in der Neuzeit begonnene Säkularisierungsprozess machte es immer unüblicher, aus spirituellen Gründen Ess- und Trinkgenüssen zu entsagen. Auch der Usus der frühen Jahre, bestimmte unerklärliche Phänomene wie ein Auskommen ohne Nahrung einer überirdischen Macht zuzuschreiben, ließ mit der Zeit nach. Allmählich gewannen die Ärzte, die versuchten, medizinische Erklärungen für eine langfristige Nahrungsenthaltung zu finden, immer mehr an Einfluss.

Personifizierte Bindeglieder zwischen dem religiösen oder besessenen Fasten des späten Mittelalters und dem heutigen Krankheitsbild der Anorexia nervosa stellen die Wundermädchen und Hungerkünstler dar. Die ab dem 16. Jahrhundert berühmt gewordenen Wundermädchen zeichneten sich dadurch aus, angeblich monate- oder gar jahrelang nichts zu essen und zu trinken. In der Literatur finden sich hierfür zahlreiche Beispiele. Gemutmaßt wurde nicht selten, dass die spektakulären Mädchen nicht krank, sondern von einer speziellen Gottesliebe gesegnet wären und dass man deshalb ihr Fasten als Wunder Gottes verstehen könnte. Da den Wundermädchen zahlreiche (Geld-) Geschenke überreicht wurden, führten diese oft ein privilegiertes Leben, was manch eine dazu veranlasste, die Öffentlichkeit zu täuschen. Es gab Fälle, denen auch nach strenger Beobachtung keine Betrügereien nachgewiesen werden konnten, sowie Wundermädchen, deren „Wunderhaftigkeit“ eher an ihre Listigkeit und ihren Einfallsreichtum geknüpft war, denn an eine herausragende Gottesliebe. Ganz langsam vollzog sich die Umwandlung vom Fastenheiligen oder Besessenen hin zu einem Kranken, der psychiatrischer Hilfe bedurfte. Dieser Prozess dauerte vom 16. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.[64]

Hungerkünstler und „lebende Gerippe“ galten im 19. Jahrhundert als atemberaubende Attraktionen auf Jahrmärkten und in Wirtshäusern. Erstmals wurde gezielt versucht, mit Hungern Geld zu verdienen und damit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Die religiöse Komponente fiel nun gänzlich weg. Diejenigen, die sich zusätzlich einer wissenschaftlichen Beobachtung unterzogen, konnten ihren Ruhm und Reichtum bei bestandener Prüfung ins Unermessliche steigern und so fand jene Art des Geldverdienens schnell viele Nacheiferer. Mitte des 20. Jahrhunderts jedoch

verschwand diese bizarre Form des Geldverdienens, die auch viele Todesopfer zu beklagen hatte, wieder.[65]

Bis hierher wurde das exzessive Hungern sowohl von der religiösen (Fastenheilige) wie auch von der unterhaltenden Warte (Wundermädchen, Hungerkünstler) aus beleuchtet. In beiden Fällen wurden übernatürliche Kräfte für das Unerklärliche verantwortlich gemacht. Wie aber kam die medizinische Komponente in das Bewusstsein der Menschen? Wann wurden die „Appetitlosigkeit“ und seine Ursachenforschung zum medizinischen Fachgebiet? Wann wurde der Begriff der „Anorexie“ geboren?

Essstörungen wurden von den Ärzten seit jeher mit verschiedenen Begriffen versehen. Einer davon war der griechische Begriff „anorexia“, der, erstmals verwendet im ersten Jahrhundert n. Chr., im weitesten Sinne einen „Mangel an Begierde“ bezeichnete. Galenus, nach Hippokrates der bedeutendste Arzt der Antike, benutzte den Begriff schon mit einer eingeschränkten Bedeutung im Sinne von „fehlendem Appetit“. Hauptaugenmerk legte der allerdings auf diejenigen Nahrungsenthaltungen, die mit verschiedenen Erkrankungen einhergingen, also somatisch bedingte Ursachen hatten. Appetitmangel war für viele Ärzte lediglich ein Symptom, das auf ein anderes körperliches Leiden hindeutete, und somit sozusagen nur ein „Randprodukt“. Dass er ein eigenständiges Problem mit einer eigenen Ätiologie sein könnte, wurde nur vereinzelt so gesehen. Überhaupt wurde bis in die frühe Neuzeit eine fehlerhafte Zusammensetzung der Körpersäfte für die Anorexie verantwortlich gemacht. Eine psychische Komponente wurde, zu der Zeit durchaus üblich, vorerst völlig außer Acht gelassen. Erst im Jahr 1703 schrieb der Arzt Harderus der Krankheit erstmals psychische Auslösefaktoren zu. Seines Erachtens spielten die schädlichen Auswirkungen der Angst und der Trauer auf die Körpersäfte und somit auf den Magen eine große Rolle. Grundgelegt wurde in vielen Werken des 18. Jahrhunderts in erster Linie eine Störung der Magenfunktion als Ursache der Anorexie, diese wiederum konnte durchaus durch Störungen im Seelenzustand ausgelöst werden. Bis weit ins 19. Jahrhundert dominierte der physiologische Aspekt die Ursachenzuschreibung für die Anorexie und die mit ihr verwandten Krankheiten. Auch das Erbrechen nach der Nahrungsaufnahme findet sich in zahlreichen Schriften wieder und wird in einem Atemzug mit der Anorexie genannt.[66]

Für fast alle Mediziner und Wissenschaftler aber beginnt die Geschichte der Anorexie mit dem Engländer Richard Morton (1637-1698), der der Leibarzt von Wilhelm III. war und der mit seinem Werk „Phthisiologia“ von 1689 größten Ruhm in Fachkreisen erwarb. Besonders die Beschreibung seiner Atrophia nervosa, einer Art nervösen Auszehrung, weist augenfällige Ähnlichkeiten mit der heute bekannten Anorexie auf. So beschreibt er die Atrophia nervosa als

„’Dahinsiechen des Körpers ohne nennenswertes Fieber, Husten oder Atemnot; aber sie geht mit Appetitmangel und schlechter Verdauung einher, gefolgt von einer erschlaffenden Schwächung des Körpers, der jeden Tag mehr Fleisch verliert’“[67]

Ursache für die Krankheit sei nach Morton ein „im Nervensystem auftretender unnatürlicher Zustand der ‚animal spirits’ und ein Verlust der Nervenspannung“[68] ; fast trägt seine Beschreibung der Krankheit psychosomatische Züge, womit er in der damaligen Zeit durchaus als Pionier galt. Allerdings schenkte er dem psychischen Faktor weit weniger Aufmerksamkeit und maß ihm eine viel geringere Bedeutung bei, als dessen greif- und beobachtbarem physischen „Bruder“. Richard Morton kommt in der einschlägigen Literatur das Verdienst zu, der Anorexie erstmals einen Namen und ein „Gesicht“ gegeben zu haben.

Samuel Jones Gee (1839-1911) veröffentlichte im Jahr 1902 ein Buch, das die Atrophia nervosa und die Anorexia nervosa erstmals gleichsetzte. Gee wies auch darauf hin, dass die Krankheit nicht Folge des Appetitmangels sei, was sich daran zeige, dass die Symptome wie Siechtum und Amenorrhoe weiterhin bestehen blieben, auch nachdem der Patient wieder Nahrung zu sich genommen hat.[69]

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Medizin zu einer eigenen Naturwissenschaft, die sich weniger auf farbenfrohe und abenteuerliche Erklärungsversuche stützte, denn auf Empirie und Rationalismus. Wegbereiter für die psychosomatische Medizin, der auch die Anorexie und die Bulimie heute noch zugeordnet werden, war die Phrenologie, gegründet von Franz Joseph Gall (1758-1828). Ihr lag die Auffassung zugrunde, dass Köper und Geist eng verknüpft sind und dass der menschliche Körper die Struktur des Geistes offenbare.[70] Erstmals standen nicht die Symptombeschreibungen im Vordergrund, sondern es begann eine Suche nach den Ursachen für die pathologischen

Phänomene. Dabei rückten das Gehirn und seine (Fehl-) Funktionen immer stärker in den Fokus des Interesses. Schwierig war es, Begriffe wie Gehirn, Seele und Geist voneinander abzugrenzen. Der französische Arzt Fleury Imbert (1795-1851) vertrat die Auffassung, das Wort „Seele“ durch den Begriff „Gehirn“ gänzlich zu ersetzen, da er dort sämtliche Funktionen des Menschen verankert sah. Unter dem Begriff der anorexie nerveuse beschrieb er eine Essstörung, die ihre Ursache in einer Dysfunktion des Gehirns hat.

Als Entdecker der Anorexie, wie wir sie heute kennen, können zwei bedeutende Mediziner gelten, die es als Erste schafften, ein reges Interesse an dieser Krankheit zu entfachen. Der eine war ein Engländer namens William Withey Gull (1816-1890), der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einer der prominentesten Ärzte Englands war. Der andere, Ernest-Charles Lasègue (1816-1883), war französischer Psychiater und Nervenarzt und galt nicht als so große Koryphäe auf dem Gebiet der Medizin wie sein Opponent, wenngleich seine Werke als ebenso wichtig eingestuft wurden. Lasègue veröffentlichte 1873 einen Artikel mit dem Titel „De l’anorexie hystérique“, der erstmalig eine „hysterische Unterernährung“ thematisierte, die mit einem trotz starker Ausgezehrtheit auffälligem Bewegungsdrang einherging. Dazu muss erwähnt werden, dass die Hysterie die raumgreifende Krankheit in der Geschichte der Psychiatrie bis weit ins 19. Jahrhundert war, welche schon in der klassischen ägyptischen Medizin beschrieben wird. Der Hysterie lag die Theorie zugrunde, dass von der Gebärmutter der Frau, griechisch „hystéra“, eine ganze Menge Leiden und Krankheiten ausgehen. Zu einem der Symptome der Hysterie wurde der Appetitverlust gezählt, manische und depressive Phasen waren ebenso keine Seltenheit. Aufgrund einer gewissen Ähnlichkeit der Symptome mit der heutigen Magersucht verwundert es nicht, dass die Mediziner der damaligen Zeit die beiden Erkrankungen zeitweise in einen Topf warfen. Aber zurück zu den zwei „Wettbewerbern“: Gull hielt einen guten Monat nach Veröffentlichung des Aufsatzes von Lasègue einen Vortrag auf der Versammlung der Londoner Clinical Society mit dem Titel „Anorexia Hysterica“. Bei diesem Vortrag beanspruchte Gull unter anderem die Entdeckung der Krankheit für sich, trotz der nachweisbar vorausgegangenen Erstveröffentlichung durch den Franzosen Lasègue. Im Jahr darauf erschien ein Artikel von Gull, der sich größtenteils auf diesen Vortrag stützte. Trotzdem wird in einem Großteil der Literatur Gull sowohl der Begriff der „Anorexia nervosa“ als auch die dahinter stehende Krankheit als „sein Kind“

zuerkannt.[71] Fakt ist, dass beide Mediziner Aufsätze in Fachzeitschriften zur Anorexia nervosa veröffentlicht haben. Fakt ist zudem, dass dies relativ zeitgleich geschah. Und Fakt ist noch, dass beide unabhängig voneinander objektive Beobachtungen an Patienten anstellten, die zu äußerst exakten Symptombeschreibungen führten. Dass das Rennen um den Ruhm des „Entdeckers“ nie wirklich entschieden wurde, mag an den unterschiedlichen Persönlichkeiten der Ärzte liegen: Lasègue galt als ruhiger, „scharfsinniger Skeptiker“[72], der eher eine unauffällige Verhaltensweise an den Tag legte, während Gull als arrogant, durchsetzungsstark und extrem ehrgeizig verschrien war.[73]

Fast zwei Jahrhunderte nach der ersten Veröffentlichung der Atrophia nervosa Richard Mortons haben Gull und Lasègue dem Krankheitsbild nicht viel hinzufügen können, lediglich die Behandlungsvorschläge unterschieden sich stark von denen Mortons. Beide Ärzte stellten die im Gegensatz zu unfreiwillig Hungernden beobachtbare außergewöhnliche Hyperaktivität der Patientinnen (und damals war es wirklich eine ausschließlich weibliche Erkrankung), die diese von den ersteren abhob, explizit heraus. Beide verwiesen auf die Wirkungslosigkeit von Medikamenten zur Stimulierung des Appetits und der Verdauung. Stattdessen schlug Gull eine stetig wachsende Verabreichung von Nahrung unter „’moralischen Bedingungen’“[74] vor, wohingegen Lasègue keine konkreten Behandlungsvorschläge machte. Er wies aber erstmalig auf die Notwendigkeit hin, die Untersuchung nicht nur auf den Patienten alleine zu beschränken, sondern das familiäre Umfeld miteinzubeziehen, was ihm so ausgelegt wurde, dass er eine therapeutische Trennung des Patienten von seiner Familie durch Einweisung in ein Krankenhaus für heilungsfördernd erachtete.[75] Beide Mediziner sind sich darüber einig, dass die „hysterische Anorexie“ keine somatische Erkrankung ist, sondern ihre Ursache in „Perversions of the ‚ego’“[76] bzw. in einer „’perversion mentale’“[77] hat.

Unter Anorexie wurde ganz allgemein eine Nahrungsverweigerung verstanden, die nach mehreren Unterarten differenziert wurde. Sowohl die Appetitlosigkeit aufgrund von Verdauungsstörungen und Magen-Darm-Erkrankungen wurde dazugezählt, als auch

die Appetitlosigkeit, der keine körperlichen Ursachen zugeschrieben werden konnten, eben die Anorexie hysterique.

Eine Kernproblematik der Anorexie, nämlich die „’Abneigung gegen den eigenen Körper’“[78], förderte ein bedeutender französischer Psychologe und Psychiater mit Namen Pierre Janet zu Tage. Er berichtete von einem Mädchen namens Nadia, das ihre geringe Nahrungsaufnahme damit begründete, dass sie „’nicht dicker, nicht größer werden, nicht wie eine Frau aussehen (…) möchte’“[79]. Damit wurde eine Kernursache der Magersucht erstmalig thematisiert: Die Angst vor der sexuellen Reifung und dem Erwachsenwerden.

Neben der anorexia hysterique und der Synonym verwendeten anorexia mentale etablierte sich im Laufe der Zeit ein weiterer Begriff, der heute als wissenschaftliche Diagnose anerkannt ist: Die Anorexia nervosa. Die zahlreichen medizinisch-wissenschaftlichen Diskussionen, die der Etablierung dieses Terminus vorausgingen, sollen hier nicht näher erläutert werden. Der heute noch gültige Begriff wird in einem Großteil der zeitgenössischen Literatur dem englischen Arzt William Gull zugeschrieben, obwohl de facto Lasègue den Begriff „Anorexie“ als Erster in seinem wissenschaftlichen Aufsatz aufgriff. So viel sei gesagt: Die verschiedenen oft Synonym gebrauchten Begrifflichkeiten waren auch Ausdruck der mannigfaltigen Ursachenzuschreibungen.

Neben einigen Ärzten und Wissenschaftlern widmete sich auch der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud (1856-1939), diesem Krankheitsbild, wenngleich nur rudimentär. Interessanterweise rechnete er schon damals die Anorexie einer „’unentwickelte(r)n Sexualität’“[80] zu, indem er konstatierte: „’Appetitverlust entspricht im Sexualen Verlust von Libido’“[81].

[...]


[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:H_Hoffmann_Struwwel_18.jpg#filehistory am 01.08.06.

[2] Vgl. Vandereycken/van Deth/Meermann, Wundermädchen. Hungerkünstler. Magersucht. Eine Kulturgeschichte der Ess-Störung, Weinheim/Basel/Berlin 2003, S. 234.

[3] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter#Die_Geschichte_vom_Suppen-Kaspar am 30.07.06.

[4] Vgl. Habermas, in: Oerter/Montada (Hrsg.), Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch, Weinheim 1998, S. 1069f.

[5] Vgl. Buchholz, Die verzehrte Frau. Anorexie und Bulimie im Spiegel weiblicher Subjektivität, Opladen 2001, S. 5.

[6] Vgl. Ettrich/Pfeiffer, Anorexie und Bulimie. Zwischen Todes-Sehnsucht und Lebens-Hunger, München/Jena 2001, S. 7.

[7] Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie/-psychotherapie 2000, zitiert nach ebd.

[8] Vgl. Gerlinghoff/Backmund/Mai, Magersucht und Bulimie. Verstehen und Bewältigen, Weinheim/Berlin 1993, S. 167.

[9] Bergmann/Herzog 1996, zitiert nach Ettrich/Pfeiffer, a. a. O., S. 8.

[10] Ebd., S. 10.

[11] Ebd., S. 15.

[12] Vgl. ebd., S. 14f.

[13] http://www.gestoerte-welt.de/pure/ana.htm am 21.09.06.

[14] Vgl. Habermas, in: Oerter/Montada, a. a. O., S. 1069.

[15] Vgl. Reich/Götz-Kühne/Killius, Essstörungen. Magersucht. Bulimie. Binge Eating, Stuttgart 2004, S. 27.

[16] Vgl. Interview mit Frau Petra Michler zum Thema „Essstörungen im Kindes- und Jugendalter“ 2006, Anhang, S. 105.

[17] Vgl. Buchholz, a. a. O., S. 11f.

[18] Vgl. Gerlinghoff/Backmund/Mai, a. a. O., S. 21.

[19] Vgl. zum Folgenden Habermas, in: Oerter/Montada, a. a. O., S. 1069f.

[20] Vgl. Reich/Götz-Kühne/Killius, a. a. O., S. 19.

[21] Vgl. http://www2.aponet.at/default.pxml?kap=1172&mod=ed&lang=de am 23.08.06.

[22] Vgl. Reich/Götz-Kühne/Killius, a. a. O., S. 28.

[23] Vgl. Ettrich/Pfeiffer, a. a. O., S. 9f.

[24] Vgl. Habermas, in: Oerter/Montada, a. a. O., S. 1070.

[25] Vgl. Ettrich/Pfeiffer, a. a. O., S. 10.

[26] Vgl. ebd., S. 30.

[27] Vgl. ebd., S. 34.

[28] Vgl. Habermas, in: Oerter/Montada, a. a. O., S. 1070.

[29] Bruch 1973, Selvini Palazzoli 1974, zitiert nach ebd., S. 1071.

[30] Vgl. Havighurst, zitiert nach ebd., S. 124.

[31] Vgl. ebd., S. 1071f.

[32] Vgl. Hilde Bruch, Der goldene Käfig. Das Rätsel der Magersucht, Franfurt am Main 182004, S. 66.

[33] Ebd., S. 37.

[34] Vgl. ebd., S. 38.

[35] Claude-Pierre 2002, zitiert nach Absenger, Die verköperte Essstörung. Anorexie. Bulimie. Adipositas, Herbolzheim 2005, S. 108.

[36] Vgl. ebd.

[37] Ebd., S. 39.

[38] Vgl. ebd.

[39] Vgl. ebd., S. 40.

[40] Vgl. http://www.aerztezeitung.de/docs/2001/03/19/051a0203.asp am 10.08.06.

[41] Vgl. Gerlinghoff/Backmund/Mai, a. a. O., S. 167.

[42] Vgl. Michler, Anhang, S. 107.

[43] Vgl. http://www.aerztezeitung.de/docs/2001/03/19/051a0203.asp am 20.08.06.

[44] Vgl. Michler, Anhang, S. 107.

[45] Jennifer Love-Hewitt, zitiert nach http://www.sueddeutsche.de/panorama/artikel/542/83459/5/ am 30.08.06.

[46] Vgl. ebd.

[47] http://de.wikiquote.org/wiki/Fettleibigkeit am 20.08.06.

[48] Vgl. Buchholz, a. a. O., S. 7.

[49] Vgl. Reich/Götz-Kühne/Killius, a. a. O., S. 22.

[50] Ebd., S. 24.

[51] Vgl. Habermas, in: Oerter/Montada, a. a. O., S. 1070.

[52] Vgl. ebd.

[53] Vgl. Reich/Götz-Kühne/Killius, a. a. O., S. 23.

[54] Vgl. ebd., S. 27.

[55] Vgl. Habermas, in: Oerter/Montada, a. a. O., S. 1072.

[56] Vgl. Absenger, a. a. O., S. 117.

[57] Vgl. Reich/Götz-Kühne/Killius, a. a. O., S. 23f.

[58] Vgl. ebd., S. 27.

[59] Vgl. Michler, Anhang, S. 102.

[60] Vgl. Reich, a. a. O., S. 28.

[61] Vgl. Buchholz, a. a. O., S. 17.

[62] Vgl. Michler, Anhang, S. 103.

[63] Vgl. Vandereycken/van Deth/Meermann, a. a. O., S. 31-34.

[64] Vgl. ebd., S. 71-101.

[65] Vgl. ebd., S. 102-121.

[66] Vgl. ebd., S. 148-156.

[67] Richard Morton, zitiert nach ebd., S. 159.

[68] Morton, zitiert nach ebd., S. 160.

[69] Vgl. ebd., S. 158ff.

[70] Vgl. ebd., S. 183f.

[71] Vgl. ebd., S. 223.

[72] Ebd., S. 202.

[73] Vgl. ebd., S. 194-203.

[74] Gull, zitiert nach ebd., S. 206.

[75] Vgl. ebd., S. 207.

[76] Gull, zitiert nach ebd., S. 208.

[77] Lasègue, zitiert nach ebd.

[78] Pierre Janet, zitiert nach ebd., S. 216.

[79] Nadia, zitiert nach ebd.

[80] Sigmund Freud, zitiert nach ebd., S. 220.

[81] Freud, zitiert nach ebd.

Ende der Leseprobe aus 157 Seiten

Details

Titel
"Nein, meine Suppe ess' ich nicht!" Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen in Theorie und Praxis
Hochschule
Universität Regensburg  (Didaktik der Sozialkunde)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
157
Katalognummer
V65565
ISBN (eBook)
9783638580946
Dateigröße
1508 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dies ist eine schriftliche Hausarbeit (auch Zulassungsarbeit genannt), die eine der Zulassungsvoraussetzungen des 1. Staatsexamens für das Lehramt an Hauptschulen ist.
Schlagworte
Nein, Suppe, Essstörungen, Kindern, Jugendlichen, Theorie, Praxis
Arbeit zitieren
Mirjam Rothenbacher (Autor), 2006, "Nein, meine Suppe ess' ich nicht!" Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen in Theorie und Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65565

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