Die Grundstruktur des synagogalen Gottesdienstes


Hausarbeit, 2004
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitende Bemerkungen

2. Der synagogale Gottesdienst
2.1. Geschichtlicher Anriss zum synagogalen Gottesdienstes
2.2. Grundstruktur und wesentliche Merkmale des synagogalen Gottesdienstes
2.3. Wesentliche Gebetstexte des synagogalen Gemeindegottesdienstes
2.3.1. Wesentliche Erläuterungen zum Schmah Israel
2.3.2. Wesentliche Erläuterungen zum Schmone Esre
2.3.3. Wesentliche Erläuterungen zum Kaddisch

3. Abschließende Bemerkungen

4. Literaturverzeichnis

5. Anhang
Das Schmah Israel
Das Schmone Esre
Das Kaddisch

1. Einleitende Bemerkungen

Die folgende Arbeit versucht vorrangig die Grundstruktur des jüdischen Synagogal­gottesdienstes darzulegen. Um diese besser herausstellen zu können, scheint es mir nötig auch einen kurzen geschichtlichen Anriss zum synagogalen Gottesdienst zu geben. Dieser soll wichtige historische Veränderungen im Judentum vor Augen führen, die sich unmittelbar mit der Anordnung der gewachsenen jüdischen Liturgie in Verbindung bringen lassen. Anschließend wird im Hauptteil der Arbeit vorerst ein allgemeiner Überblick über die wesent­lichen Merkmale des Synagogalgottesdienstes gegeben. Diese Einordnung soll den Zugang zu der Betrachtung einzelner Gebete vereinfachen, die so in den Gesamtkontext eingebettet werden. Im nachfolgenden zweiten Teil wird dann ausschließlich auf das Schmah Israel, das Schmone Esre und das Kaddisch eingegangen. Somit werden die zwei Hauptgebete des Judentums sowie das am häufigsten rezitierte Gebet im jüdischen Synagogalgottesdienst erfasst, was eine genauere Betrachtung dieser ermöglicht. Eine erschöpfende Darstellung der drei Gebete scheint jedoch aufgrund des begrenzten Umfangs der Hausarbeit utopisch. In den abschließenden Bemerkungen sollen dann wichtige Erkenntnisse hervorgehoben und resümiert werden.

Da ich der hebräischen Sprache nicht mächtig bin, blieb es mir unmöglich, selbst Analysen und Interpretationen anzustellen. Die ganze Arbeit stützt sich also auf die gängige Forschungsliteratur und meinem daraus gewonnen Wissen.

2. Der synagogale Gottesdienst

2.1. Geschichtlicher Anriss zum synagogalen Gottesdienstes

Einen großen Einschnitt in die Entwicklung des Synagogalgottesdienstes bildet vermutlich die Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 unserer Zeitrechnung. Nach der Tempelzer­störung gelang der vollständige Übergang zur Synagoge und somit zum Gebetsgottesdienst, der nunmehr allein und nicht wie zuvor neben dem Opferkultgottesdienst als der angebrachte Weg zu Gott existierte. Aus der Zeit des Zweiten Tempels wurden Riten, wie das Blasen der Schofar an Rosch-ha-Schana sowie zahlreiche Gebetsgesten übernommen und in den Synagogalgottesdienst eingefügt[1].

Die Anfänge des synagogalen Gottesdienstes liegen laut Trepp, Fohrer, Petuchowski u.a. im Babylonischen Exil[2]. An die Stelle des Tempelkultes trat damals für die Juden im Exil das gemeinsame Gebet sowie die Lesung und Auslegung der werdenden Heiligen Schrift und der Propheten, was auch zur Zeit des Zweiten Tempels fortgeführt wurde[3]. Zu dieser Zeit entstanden also zahlreiche Gemeindezentren, die als Vorläufer heutiger Synagogen gesehen werden können und in welchen sich die Gemeindemitglieder besonders zu Schabbat und an anderen Feier- und Festtagen versammelten, um so gemeinsam beten zu können[4]. In Anbetracht dessen, dass sich ein Großteil der Juden nicht in Palästina befand und ihnen so auch der regelmäßige Besuch des Tempels verwehrt blieb, geht die Forschungsliteratur davon aus, dass die Zerstörung des Zweiten Tempels als kein größerer geschichtlicher Eingriff in Hinblick auf die Entwicklung des Synagogalgottesdienstes gesehen werden kann, als z.B. das Babylonische Exil selbst. Fohrer stützt seine Behauptung mit talmudischen Aussagen (Mischna Taamit 4,3; Tamid 5,6), wonach der synagogale Gottesdienst schon zur Zeit des Zweiten Tempels allgemein verbreitet war[5]. Auch Trepp geht von dieser Annahme aus und kennzeichnet folgende Entwicklungen bezüglich des synagogalen Gottesdienstes zur Zeit des Zweiten Tempels: Zum einen vollzog sich ein Wandel in der Rolle der Gemeindemitglieder. War das Volk ursprünglich in einer passiven Rolle und wurde durch einen Chasan durch den Gottesdienst geführt, so wurde das Volk unter dem Einfluss der Synagoge immer mehr beteiligt. Zum anderen hielten Gemeinden ihre Gottesdienste nun auch zu Wochentagen ab, es entwickelte sich also allmählich der Wochentaggottesdienst des ganzen Jahres[6]. Es wurde nun morgens und nachmittags in der Synagoge gebetet, was den Zeiten der Opferungen im Tempel entsprach.

Zur strukturellen Entwicklung des synagogalen Gottesdienstes ist wenig bekannt, denn die ersten ausführlichen schriftlichen Zeugnisse über die liturgischen Texte stammen aus dem neunten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Bis ins 9. Jahrhundert n. u. Z. fehlten geschriebene Gebetsbücher, das erste Gebetbuch wurde in dieser Zeit von Rab ’Amram Ga’on zusammengestellt[7]. Man geht davon aus, dass um das Jahr 70 n. d. Z. zwei Hauptgebete allgemein bekannt waren: das Schmah Israel und einzelne Beracha, die im Laufe der Zeit zu einem umfangreichem Gebet, dem Schmone Esre, ausgebaut werden sollten. Die Ursprünge der beiden Texte liegen vermutlich in der Antike. Sie bilden noch heute das theologische Zentrum des synagogalen Gottesdienstes, um die sich nach und nach weitere Gebete gruppierten, bis sich eine Grundstruktur im synagogalen Gottesdienst erkennen ließ. Diese ist heutzutage überall anzutreffen, auch wenn es regionalspezifische Unterschiede und Unterschiede in den einzelnen Gemeinden gibt[8].

2.2. Grundstruktur und wesentliche Merkmale des synagogalen Gottesdienstes

Im orthodoxen Judentum wird dreimal am Tag gebetet. Das Schacharit, welches das umfang­reichste der Gebete darstellt, sowie das Mincha stehen stellvertretend für die Zeiten in denen man zur Zeit des Tempelkultes Opfer darbrachte. Das Abendgebet (Ma’ariw) hingegen ist nicht aus der Tempeltradition hervorgegangen, somit auch nicht zwingend notwendig[9]. Es wird deshalb auch nur in orthodoxen Gemeinden gebetet. Dagegen werden im Reform­judentum Mincha und Ma’ariw in einem Gottesdienst am Nachmittag zusammengefasst.

Ein weiteres Merkmal des jüdischen Synagogalgottesdienstes sind die zahlreichen Gebetsgesten und Gebetsriten. So wird sich während der Amidah an bestimmten Stellen verbeugt, beim Schmah Israel hingegen werden an bestimmter Stelle die Augen geschlossen und an anderer wiederum die Zizit geküsst. Auch das Lesen aus der Torah sowie das Blasen der Schofar an Rosch-ha Schana wären hier zu nennen.

Ebenfalls charakteristisch für das jüdische Beten ist die segnende Gottesanrede, die sich in Form von einzelnen Beracha gestaltet und welche jüdische Gebete meist beginnen, strukturieren und beschließen. So sind die Hauptgebete des Gottesdienstes von teils mehr, teils weniger Segenssprüchen und Psalmenlesungen umrahmt, die besonders im Schacharit und Ma’ariw einen großen Bestandteil ausmachen. Die Gottesdienstsprache ist hebräisch und zumindest in orthodoxen Gemeinden ist der Synagogalgottesdienst auch heute noch ein gesungener Gottesdienst, bei dem jedes Gebet seine eigene Melodie hat[10]. Am Samstag zum Schacharit sowie zum Mincha und auch am Montag- und Donnerstagmorgen wird aus der Torah gelesen. Dies hat den Grund, dass „der Mensch nicht drei Tage vergehen lassen soll, ohne das Gesetz zu hören[11].“

Die Ordnung des Synagogalgottesdienstes wird hauptsächlich bestimmt durch die zwei zentralen Gebete des Judentums. Sie bilden das Zentrum jedes Gebetsgottesdienstes und werden immer von einem Eingangs- und einem Schlussteil umrahmt, welche je nach Tageszeit und Wochentag erweitert werden können, somit variieren, wie in folgender Tabelle mit der Darstellung des Abendgottesdienstes am Schabbat sowie dem Morgengottesdienstes am Schabbat verdeutlicht werden soll:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Schabbatgottesdienste folgen dem Ablauf der Wochentagsgottesdienste. Sie sind allerdings durch Psalmen erweitert und die Gebete beziehen sich auf den Schabbat .

Jeder Gottesdienst schließt mit zwei messianischen Gebeten, dem Alenu sowie dem Kaddisch.

In nichtorthodoxen Gemeinden wird das Kaddisch zwischen den Teilen des Gottesdienstes zum Teil weggelassen. In Reformgemeinden entfällt das Mussafgebet am Morgengottesdienst des Schabbat. Das Buch, welches die Ordnung für die Wochentags- und Schabbatgottes­dienste anzeigt, ist für gewöhnlich der Siddur.

2.3. wesentliche Gebetstexte des synagogalen Gemeindegottesdienstes

2.3.1. Wesentliche Erläuterungen zum Schmah Israel

Das Schmah Israel, das aufgrund einer biblischen Vorschrift morgens und abends gebetet werden muss, wird in der Forschungsliteratur als das Glaubensbekenntnis des Judentums gesehen und kann in diesem Sinne nicht als ein reines Gebet verstanden werden[13]. Es ist eher als eine Bezeugung der Einzigkeit Gottes und als eine Belehrung an sich selbst zu verstehen, was auch erklärt, dass es vorwiegend in der zweiten Person Singular verfasst ist.

Es ist ein längerer Komplex von Gebeten, in denen unter anderem an die Verpflichtung zum Studium der Heiligen Schrift erinnert und auf die Vorschriften zum Anlegen der Tefillin und zum Anbringen der Mesusa verwiesen wird (siehe Anhang). Schon deshalb kann es als belehrendes Gebet gesehen werden und muss deshalb den Normen entsprechend im Synagogalgottesdienst laut und klar gesprochen werden.

Das Kernstück des Schmah Israel ist der Vers Deuteronomium 6,4, in dem es heißt: „Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist Einer.“ („ Schma Israel adonai elohenu adonai echad. “)[14]. Nach diesen Anfangsworten hat das Gebet seinen Namen[15]. Der Satz kann vielfältig übersetzt werden, was zu unterschiedlichen Interpretationen in der Vergangenheit führte. Nach Böckler sei es in der Bibel eine Bekundung dessen gewesen, dass Israel allein nur seinen Gott verehren sollte. In hellenistischer Zeit hingegen, galt es als Ausspruch gegen andere religiöse Traditionen[16]. Auf diesen Eingangssatz folgt der erste Abschnitt des Schmah (Weahawta), welcher sich wie auch die beiden folgenden Abschnitte auf einem Bibelzitat gründet. Der erste Abschnitt des Gebetes Deuteronomium 6, 5-9 enthält einige grundsätzliche Pflichten, die ein Jeder zu erfüllen hat und welche die Einzigkeit Gottes und den ganzheitlichen Gehorsam gegenüber Gott betonen. So soll man den HERRN inbrünstig lieben, nur ihn verehren, das Schmah sprechen sobald man sich hinlegt und aufsteht. Auch soll die Lehre der Torah an die Nachkommen weitergegeben werden. Die Tefillin sollen auf Kopf und Armen angelegt, die Mesusa an den Türpfosten angebracht werden. Das zweite Bibelzitat und somit den zweiten Abschnitt (Wehaja) stellen die Verse Deuteronomium 11, 13-21 dar. Während der erste Abschnitt das Studium der Torah betont, unterstreicht der zweite die unbedingte Pflicht der Einhaltung der Gebote. Durch das Einhalten der Gebote wird einem das persönliche Wohlergehen zugesprochen. Jedoch wird gleichzeitig auch an die göttliche Strafe erinnert, sofern man die Gebote nicht befolgt. Weiterhin wird die Aussage wiederholt, dass das Schmah morgens und abends zu sprechen sei, und erneut wird auf die Verpflichtung zu Tefillin und Mesusa sowie dem Studium der Torah hingewiesen. Der dritte Text des Gebets (Wajomer) ist ein Zitat aus Numeri 15, 37-41. Dieser Abschnitt des Gebets bildet die Grundlage für den heute noch verbreiteten Brauch, sich in den Tallit zu hüllen. Zudem wird letztendlich noch an den Auszug aus Ägypten, der prototypischen Erlösung durch Gott, gedacht.

[...]


[1] Vgl. Trepp, 2004, S. 197.

[2] Vgl. Trepp, 2004, S. 179; Fohrer, 1991, S. 52; Petuchowski, 1994, S. 410.

[3] Der im Laufe der Zeit entstandene 1-jährige Lesezyklus der Torah wird auf diese babylonische Tradition zurückgeführt.

[4] Für das gemeinsame Gebet bedurfte es einer Minjan, einer Gruppe von zehn jüdischen

Männern.

[5] Vgl. Fohrer, 1991, S. 52f.

[6] Vgl. Trepp, 2004, S. 189-193.

[7] Vgl.Petuchowski, 1994, S. 410-411.

[8] So trugen u.a. Reformbestrebungen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa zur weiteren Ausprägung und Entwicklung des reformierten, konservativen und orthodoxen Judentums bei. Das Hauptanliegen des Reformjudentums war von Anfang an die Neugestaltung des synagogalen Gottesdienstes. Man führte z.B. Synagogenordnungen ein, die das Verhalten der Gemeinde genau vorschrieben.

[9] Vgl. Trepp, 2004, S. 12.

[10] Vgl. Fohrer, 1991, S. 60.

[11] Zitiert aus: Fohrer, 1991, S. 88.

[12] Vgl. De Vries, 1990, S. 30.

[13] Vgl. Petuchowski, 1994, S. 425.

[14] Zitiert aus: Gerhardt, 1980, S. 93.

[15] Bei den Anfangsworten des Schmah sollen eigentlich die Augen mit der rechten Hand verschlossen werden, um sich so ganz auf Gott konzentrieren zu können.

[16] Vgl. Böckler, 2002, S. 50-51.

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Details

Titel
Die Grundstruktur des synagogalen Gottesdienstes
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Religionswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V65618
ISBN (eBook)
9783638581387
ISBN (Buch)
9783638670753
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung des synagogalen Gottesdienstes
Schlagworte
Grundstruktur, Gottesdienstes, Judentum, Gottesdienst, Synagoge
Arbeit zitieren
Stefanie Müller (Autor), 2004, Die Grundstruktur des synagogalen Gottesdienstes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65618

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