Als Justus Jonas, der erste Detektiv der drei Fragezeichen, zu seinem Onkel auf den Schrottplatz zieht, hat der ihm ein Zimmer eingerichtet. Darin steht ein Bett mit einem angeschraubten Nachtkästchen, das sei für die Unterbringung seiner Sammlung gedacht, erklärt der Onkel. „Welche Sammlung“ fragt Justus. „Na, jeder sammelt doch irgendetwas, Schmetterlinge oder Käfer oder Modellautos“, antwortet sein Onkel. Der erste Detektiv muss lange überlegen bis ihm seine Sammlung einfällt: er sammelt mit seinen Detektivkollegen Fälle, also selbst gelöste Geheimnisse. Die werden dann zu den einzelnen Bänden und Kassetten der Serie Die drei Fragezeichen.
Als ich die Stelle mit dem Nachtschränkchen im ersten Buch der Detektivserie las, konnte ich nicht verstehen, warum Justus noch überlegen musste, was er sammelte. Mich beschäftigte daraufhin eher die Frage, welche meiner vielen Sammlungen Einzug in das Nachtschränkchen gehalten hätte. So ein „geheimer Ort“ in Bettnähe wäre mir sehr gelegen gekommen, um meine Kostbarkeiten aufzubewahren. Wahrscheinlich hätten mehrere Sammlungen darin Platz gefunden, denn zwar waren sie alle in meinen Augen kostbar, meist aber nur von geringer Größe. Mit einer Ausnahme, meiner Sammlung von Drei Fragezeichen Büchern und Kassetten.
Zum Stand der Forschung ist zu bemerken, dass allgemein bereits sehr viele Publikationen zum Sammeln veröffentlicht wurden. In der Kulturwissenschaft erschienen viele Beiträge über das Phänomen Sammeln, meist mit Konzentration auf einen historischen Typus der Sammlung: die Kunst- und Wunderkammer der frühen Neuzeit. Psychoanalytische Forschung zum Sammeln veröffentlichte Werner Muensterberger in seinem BuchSammeln. Eine unbändige Leidenschaft.Im Zuge meiner Recherchen bin ich auch auf eine große Anzahl philosophischer Abhandlungen zum Thema gestoßen. Nur mit dem Sammeln in der Kindheit und der schultheoretischen Bedeutung des Sammelns befasst sich lediglich eine nicht allzu große Menge an Zeitschriftenbeiträgen. Viele Publikationen zur pädagogischen Bedeutung des Sammelns beruhen, laut ihrer Autoren, auf Hypothesen oder Befragungen von SchülerInnen.
Das Sammeln hat der Menschheit vor der Sesshaftigkeit als Existenzsicherung gedient. Heute ist dies nur noch selten der Fall: es überwiegt der Bedeutungsaspekt der gesammelten Gegenstände vor dem Gebrauchsaspekt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zur Entwicklung des Phänomen Sammeln
2.1 Anthropologie des Sammelns
2.2 Geschichte
2.2.1 Reliquienschätze des 12. – 15. Jahrhunderts
2.2.2 Die Kunst- und Wunderkammern des 15.-18. Jahrhunderts
2.2.3 Bürgerliche Sammlungen und erste öffentliche Museen des 18. - 19. Jahrhunderts
2.2.4 Staatliche Museen des 20. - 21. Jahrhunderts
3 Zur Kultur des Sammelns
3.1 Sammlertypen
3.2 Formen der Sammeltätigkeit
3.3 Sammelobjekte
3.4 Zur Funktion des Sammelns: Psychologische Perspektiven
3.5 Pathologische Aspekte des Sammelns
4 Zum Sammeln der Kinder
4.1 Entwicklung des kindlichen Sammelns
4.2 Formen und Objekte kindlichen Sammelns
4.3 Funktionen des kindlichen Sammelns
5 Zum Sammeln in der Schule (Aspekte kindlicher Entwicklung in der Grundschule)
5.1 Argumente für und wider das Sammeln in der Schule
5.2 Sammeln als Didaktik
5.3 Sammeln als Gegenstand
6 Schlussbetrachtung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die historische Entwicklung des Sammelns nachzuzeichnen, das Phänomen des Sammelns zu durchleuchten und zu untersuchen, inwiefern eine Einbindung des Sammelns in den Unterricht an der Grundschule didaktisch sinnvoll ist.
- Anthropologische und historische Ursprünge des Sammelns
- Psychologische und pathologische Dimensionen der Sammelleidenschaft
- Entwicklung und Funktionen des kindlichen Sammelns
- Didaktische Potenziale und Grenzen des Sammelns in der Grundschule
Auszug aus dem Buch
Die Neugierde
Durch die Geborgenheit im Binnenraum der Gruppe wird es dem Menschen möglich, der Natur auf eine andere, neugierige Art zu begegnen. Durch den sozialen Verbund werden die einzelnen Mitglieder mental und zeitlich entlastet, dadurch entsteht die Möglichkeit der Wahrnehmung neuer und fremder Erfahrungen. Neugierde beginnt das menschliche Verhalten zu bereichern, „die Welt [wird] in ihren Qualitäten erfasst, […] der mentale und emotionale Binnenraum des menschlichen Wesen[s] [wird] geöffnet für Begehren und Wunsch“.13
Die Aufmerksamkeit für einen Gegenstand kann sich festmachen an dessen Gestalt, seinen Materialeigenschaften, seinen Besonderheiten oder dessen „Schönheit“. Der rund geschliffene Stein, die farbenprächtige Blume oder eine besonders große Frucht. Wo ein Stein oder eine Blume eine solche Aufmerksamkeit erfahren, für wert empfunden werden, sich damit zu befassen, werden mehrere Exemplare folgen, obwohl nicht für die Existenzsicherung notwendig.14 Die Dinge werden durch die eingebrachte Aufmerksamkeit des Menschen mit Bedeutung „aufgeladen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema ein, erläutert die persönliche Motivation der Autorin und steckt das Forschungsfeld sowie den Aufbau der Arbeit ab.
2 Zur Entwicklung des Phänomen Sammeln: Dieses Kapitel behandelt die anthropologischen Ursprünge sowie die historische Evolution des Sammelns von den Anfängen der Menschheit bis hin zur modernen Museumslandschaft.
3 Zur Kultur des Sammelns: Hier werden unterschiedliche Sammlertypen, Formen der Sammeltätigkeit sowie psychologische und pathologische Aspekte des Sammelns beleuchtet.
4 Zum Sammeln der Kinder: Das Kapitel widmet sich der kindlichen Entwicklung bezüglich des Sammelns sowie den spezifischen Formen, Objekten und Funktionen des kindlichen Sammelns.
5 Zum Sammeln in der Schule (Aspekte kindlicher Entwicklung in der Grundschule): Hier wird untersucht, wie Sammeln als Didaktik oder als Gegenstand sinnvoll in den Grundschulunterricht integriert werden kann, unter Abwägung verschiedener Argumente.
6 Schlussbetrachtung und Ausblick: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und resümiert, dass das Sammeln trotz der Herausforderungen eine unterstützenswerte Bereicherung für den Unterricht darstellt.
Schlüsselwörter
Sammeln, Kindheit, Grundschule, Pädagogik, Museum, Sammelleidenschaft, Bedeutungssammlung, Didaktik, Entwicklung, Anthropologie, Identitätsbildung, Ordnungssystem, Spiel, Motivation, Lehrmittel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das menschliche Bedürfnis zu sammeln, dessen Entwicklung und psychologische Hintergründe, mit einem speziellen Fokus auf die Bedeutung des Sammelns für Kinder und seine Rolle im Grundschulunterricht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit gliedert sich in die anthropologischen und geschichtlichen Grundlagen, die psychologischen Aspekte des Sammelns, die kindliche Entwicklung im Sammelkontext und die schulpädagogische Integration.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Sammeln als aktive Tätigkeit das Lernen fördern kann und wie Lehrkräfte das Sammelbedürfnis von Kindern sinnvoll in den Unterricht integrieren können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine wissenschaftliche Arbeit, die auf Literaturanalyse, der Einbeziehung psychologischer Theorien und der Auswertung empirischer Studien zum Sammelverhalten von Kindern basiert.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert das Sammeln von den Jägern und Sammlern über historische Wunderkammern bis zur heutigen Museumskultur sowie die Entwicklung des kindlichen Sammelns und dessen pädagogische Einordnung.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit besonders?
Zentrale Begriffe sind die „Bedeutungssammlung“, das „Sammeln als Didaktik“, „Kindheit“, „Identitätsfindung“ und die „Gegenstandsbezogenheit“ im Lernprozess.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Sammlungen eine Rolle?
Die Unterscheidung ist für die Pädagogik wichtig: Während geschlossene Sammlungen oft auf Vollständigkeit und Konsum zielen, fördern offene Bedeutungssammlungen die individuelle Auseinandersetzung mit der Welt und den Dingen.
Welche Rolle spielen die Lehrkräfte bei der Integration des Sammelns?
Lehrkräfte sollten laut Autorin als Anstifter und Begleiter fungieren, die den Wissensdrang der Kinder ernst nehmen, statt Sammelaktivitäten durch starre didaktische Vorgaben oder Verbote zu unterdrücken.
Was sind die „Hosentaschenmuseen“ der Kinder?
Dieser Begriff beschreibt die meist informellen und für Erwachsene oft chaotisch wirkenden Ansammlungen von Alltagsgegenständen (Steine, Muscheln, etc.), die für Kinder eine tiefere persönliche Bedeutung besitzen und ihre Welterforschung dokumentieren.
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- Laura Ullrich (Author), 2005, Das Phänomen Sammeln: Zur Kultivierung des Sammeln in der Schule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65635