Das Foto als historische Quelle


Hausarbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
1. Philosophisch-theoretische Perspektive
1.1 Platonsche Urbild-Abbild-Theorie
1.2 Der Bildbegriff in der modernen Rezeption
2. Praktische Perspektive
2.1 Wissenschaftliche Dimension
2.2 Politische Dimension
2.3 Repräsentative Dimension
2.4 Manipulative Dimension
3. Anforderungen
3.1 an den Umgang mit Bildern durch die Wissenschaft
3.2 an Bildjournalisten

III. Schlussbetrachtung

IV. Abkürzungsverzeichnis

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Heißt es, doch genau genommen `sagt´ ein Bild überhaupt nichts. Es schweigt und will zunächst nur angeschaut werden. Doch nicht einmal beim Betrachten der Bilder erhalten wir eine `richtige´ Vorstellung über die abgebildete Realität. Zwar zeigt sie einerseits Abbildungen der Wirklichkeit, andererseits ist Fotografie Kunst. Sind dann die Darstellungen immer Wirklichkeit? Was ist überhaupt Wirklichkeit? Gibt es eine absolute Wirklichkeit? Kann die Fotografie diesen Zuweisungen überhaupt gerecht werden, wenn sich für jeden Betrachter die Wirklichkeit und Wahrheit anders darstellt, als für den Fotografen? Und welche Konsequenzen wird es haben, wenn wir feststellen, dass die Fotografie weder der Wahrheit, der Wahrnehmung noch der Wirklichkeit gerecht wird? Können sie dann als Quellen im empirischen Sinne dienen?

Natürlich sind Fotografien und Kunst schwer voneinander zu trennen, daher versteht die Arbeit Bilder nicht als künstlerischen Beitrag. Hier sollen sie als Belege für historische Situationen und Umstände dienen, und der wissenschaftliche Umgang mit ihnen im Vordergrund stehen. Der Bildbegriff in der gesamten Arbeit bezieht sich nicht nur auf Fotografien, sondern auch auf Poster, Flugblätter, Wahlplakate usw. Es wird nicht um Kunstbilder im Sinne von Malerei gehen, sondern um Bilder, die mit Hilfe von Technik (im weitesten Sinne) produziert worden sind. Zu differenzieren ist außerdem zwischen gestellten Fotografien und Momentaufnahmen. Das eine ist vom anderen nicht zu unterscheiden, die Grenzen sind manchmal fließend. Momentaufnahmen, wie ich sie verstehe, sind eingefangene Augenblicke, die jeden Moment, jede Sekunde geändert und anders sein können. In der Fotografie sind es, mit Hilfe von Technik, eingefangene Bilder.

Mit der Fotografie beginnt, nach der Erfindung des Buchdruckes, eine zweite Medienrevolution,[1] die ihren Wahrheitsanspruch immer noch sucht, ebenso ihre Ansprüche an Wahrnehmung und Wirklichkeit.

Ohne eine philosophische Grundsatzdiskussion über dieses Thema führen zu wollen, wird diese Frage in den folgenden Abschnitten immer wieder aufzugreifen sein. Eine Antwort kann nur angerissen werden, da das Thema der Arbeit „Fotografie als historische Quelle“ und keine philosophische Betrachtung ist. Um aufzuzeigen, welche Fragen bei der Arbeit mit Bildern auftreten können, wird zunächst ein kurzer philosophischer Abriss an den Anfang der Arbeit gestellt (Abschnitt 1), in dem u. a. Platons Abbildtheorie vorgestellt wird, um die schon lang währende Auseinandersetzung mit dem Thema Bild sprich Wirklichkeit zu demonstrieren.

Bilder sind schwierig zu interpretieren, aber leicht zu manipulieren – könnte man meinen. Da es aber keine alleinige Wahrheit und einzige Wirklichkeit auf Bildern gibt, sind alle Bilder verschieden interpretierbar und manipulierbar. Daher folgt nach der philosophisch-theoretischen Perspektive die praktische Perspektive (Abschnitt 2), in der unter dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen, der politischen, der repräsentativen und schließlich der manipulativen Dimension anhand von Beispielen der Umgang mit Bildern vorgestellt und näher betrachtet werden soll. Dies ist notwendig, da meiner Meinung nach noch immer zu kritiklos mit Bildern und ihrer Überlieferungsgeschichte umgegangen wird – nicht nur bei der zeitlichen und örtlichen Einordnung, sondern auch bei der Erfragung des Dargestellten. Was bei Texten das `Zwischen den Zeilen´-Lesen, ist bei Bildern das `In den Gegenständen´-Lesen. Diese Art der Befragung eines Bildes hätte eine eigene Teildisziplin verdient, weil dadurch die meisten Informationen über Zeit, Ort, Personen, Gesellschaftsschichten usw. herausgefunden werden. Bei einem nachlässigen Umgang mit der Bildbefragung besteht die Gefahr, dass der Betrachter Deutungsmuster der Zeit übernimmt, ohne diese zu hinterfragen, wie am Bildbeispiel „Händedruck von Potsdam“ erklärt werden soll.

Bevor die Schlussbetrachtung das Ende der Arbeit darstellt, werden in Abschnitt 3 die Anforderungen an den Umgang mit Bildern durch die Wissenschaft und an Bildjournalisten untersucht. Sind Bildjournalisten lediglich Produzenten von Bildern ohne wissenschaftliche Ansprüche zu erfüllen? Sind Historiker lediglich Sammler von alten Dingen? Gibt es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede zwischen beiden? Und wenn das eine oder andere vorhanden ist, gibt es vielleicht Möglichkeiten der Symbiose zwischen beiden?

II. Hauptteil

1. Philosophisch-theoretische Perspektive

1.1 Platonsche Urbild-Abbild-Theorie

Wir denken, sehen und kommunizieren in Bildern, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Platons philosophischer Theorie zufolge wären wir von Abbildern umgeben, die von Urbildern abstammen. Urbilder wären die ewigen, immateriellen, unabhängig von Raum und Zeit existierenden, Ideen. Die Seele hätte vor ihrer Verbindung mit dem Körper alle Ideen gesehen, und es bedürfe lediglich des Wiedererinnerns, um zur wahren Erkenntnis des Seins zu gelangen. Als Beispiel diente Platon das Höhlengleichnis, bei dem Menschen mit dem Rücken zum Licht Dinge an der Wand betrachten, die vom Schein eines Feuers als Schatten abgebildet werden. Nachdem einem Gefangenen die Fesseln abgenommen worden waren und er sich umgedreht hatte, konnte er die Dinge, die er nur als Schatten kannte, als real existierende Gegenstände betrachten. Der befreite Mensch kam danach an die Oberfläche aus der Höhle hinaus und erkannte die Dinge als Abbilder der Wirklichkeit, denn die Wirklichkeit wird durch die Gestirne dargestellt, die am Himmel zu sehen sind. Die philosophischen Gedanken Platons wurden weiterentwickelt, so dass sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der Philosophie verstärkt Ansätze durchgesetzt haben, wonach sich der Mensch durch Zeichen verständige und kommuniziere – der Mensch wurde zum „animal symbolicum“[2] erklärt. Aber wie soll mit Symbolen umgegangen werden? Können sie heute wie damals entschlüsselt werden? Da es Entschlüsselungsprobleme nicht nur bei Kunstbildern, sondern bei jeglicher Art von Bildern gibt, wird im nächsten Abschnitt dieser Punkt eingehender betrachtet.

1.2 Der Bildbegriff in der momentanen Rezeption

Bilder der Malerei hatten bei Platon einen noch geringeren Stellenwert als Abbilder, da sie `bloßer Schein´ seien.[3] Nicht nur die Bilder der Malerei, auch Bilder von Filmen, Videos und alle technischen Bilder überhaupt wären demnach bloßer Schein. Denn sie werden von technischen Apparaten hergestellt, die von Menschen konzipiert und bedient werden. Nicht immer bilden sie Objektivität und Wirklichkeit ab. Angenommen, sie würden das tun, hieße dass, das ein Code benötigt wird, um den wahren Aussagewert zu erfassen, wenn alle technisch hergestellten Bilder objektive Erkenntnis kodifizieren.[4] Und nur wer den Code kennt, kann diese Bilder tatsächlich entziffern. Gleichzeitig würde es bedeuten, dass der „normale Empfänger ein „Analphabet in Bezug auf diese Bilder“[5] ist, denn für die Entschlüsselung braucht es wissenschaftliche Kenntnisse. Daraus schließt Flusser, dass z.B. der Fernsehzuschauer die Bilder nicht entziffert, sondern sie für objektiv richtig hält.[6] Es stellt sich die Frage, ob dies einzig dem technischen Laien vorzuwerfen ist, oder ob wir nicht alle uns von der vermeintlichen Objektivität und der Wirklichkeit der Bilder fesseln lassen.

Halten wir also Kunstbilder für reale Abbildungen der Wirklichkeit? Zeigen sie nicht vielmehr, genau wie Fotografien, Ausschnitte der Wirklichkeit, die künstlerisch interpretiert werden? Daher bin ich der Meinung, dass Fotografien `realistischer´ als Kunstbilder sind, weil sie mit Hilfe der Technik schneller produziert, bzw. der Augenblick oder das Arrangement schneller eingefangen werden kann. Für die Herstellung eines Kunstbildes, das eine historische Begebenheit darstellt, brauchte es Wochen und Monate. Die Arbeit am Bild geschah selten im Augenblick oder zeitgleich mit der historischen Situation. Oft erfolgte die Beauftragung des Künstlers um die siegreiche Tatsache idealisiert darzustellen, und um die eigene Person zu überhöhen. Die Abbildung der Darstellung auf Fotografien ist damit zwar objektiver möglich, aber sie bleibt genauso zu interpretieren wie Kunstbilder.

Für die Wissenschaft ist es schwer, Fotografien in verschiedene Gattungen zu unterteilen, wie das bei der Analyse von Texten und schriftlichen Dokumenten möglich ist. Nimmt man jedoch an, dass Fotografien die (technische) Fortentwicklung der Malerei sind, liegt es nahe, diese mit Hilfe von kunsthistorischen Methoden zu analysieren. Rainer Wohlfeil untersuchte 1986 Erwin Panofskys methodische Analyse „Zum Problem der Beschreibung und Inhaltsdeutung von Werken der bildenden Kunst“[7]. In einem dreistufigen Interpretationsschema, das im Grundsatz von Panofsky stammt, begann er zunächst mit der Analyse des Bildes (Bildbeschreibung) - er erfasste die Motive eines Bildes. Es folgte die Ermittlung des Themas und das `Nachspüren des historischen Dokumentensinns´.[8] Dabei sollen Informationen über die sozialen Hintergründe des Künstlers und den, oder die, Auftraggeber erforscht werden. Hintergründe über die gesellschaftliche Einordnung des Verfassers und der Auftraggeber, das politische Umfeld, der Einfluss von Meinungen und Ideen auf das Denken,[9] gehören ebenso zur Bildanalyse wie die Befragung des Bildes selbst. Obwohl Wohlfeils Ansatz in der Fotografie wenig Resonanz gefunden hat, gibt seine Arbeit heute noch „Referenzpunkte für eine Auseinandersetzung mit Bildquellen und den Methoden ihrer Entschlüsselung“[10].

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die theoretischen Ansätze im Bildumgang (Analyse, Interpretation, Erkenntnis) noch weiter auszubauen sind. Aber wie verhält es sich mit der Theorie und der Praxis? Können Analyse, Interpretation und Erkenntnis in der Praxis umgesetzt werden, wenn sie in der theoretischen Ebene noch in den `Kinderschuhen´ stecken? Nach der Theorie folgt nun im nächsten Abschnitt die Anwendung, bezogen auf die Praktische Perspektive, die unter verschiedenen Dimensionen betrachtet werden wird.

2. Praktische Perspektive

2.1 Wissenschaftliche Dimension

Wer ein Bild als historisches Dokument betrachtet, sollte es nicht nur als Möglichkeit der Illustration einer Aussage verwenden. Um den Inhalt eines Bildes zu erschließen, braucht es Fragen an das Dokument. Wer war der Auftraggeber, wer der Künstler? Wann ist es entstanden, welche Perspektive ist abgebildet, wer und was ist zu sehen? `Nebensächlichkeiten´ sollten erfasst werden, z. B. mögliche Aussagen über das Wetter (anhand der Kleidung, oder wie sieht die Umgebung aus), im Hinter- oder Vordergrund weitere zu sehende Personen oder Gegenstände. Urheberfragen müssen ebenso wie die Provenienz und die Überlieferungsgeschichte geklärt werden. Auch welche technischen Materialien vorliegen, insbesondere Abzugstechniken. Außerordentlich wichtig ist die Frage nach der Originalität bzw. ob es sich um eine Bildmanipulation handelt. Dann ist der Verbleib nach dem Original zu prüfen und zu klären. Da die Bilder der Wissenschaft für ihre Arbeit zur Verfügung gestellt werden sollen, werden sie in Archiven unter raum- und klimatechnisch günstigen Bedingungen aufbewahrt und von qualifizierten Mitarbeitern betreut. Obwohl sie für die Aufbewahrung, Konservierung und Restaurierung von Bildern zuständig sind, stehen nicht jedem Archiv (befriedigend) fachliche, zeitliche, räumliche und finanzielle Mittel zur Verfügung, um die Bestände ausreichend zu pflegen. Daneben kommt es auch auf die Häufigkeit der Nutzung der Bilder an, so dass bei einer geringen Nutzung der Bildbestände finanziell andere Prioritäten gesetzt werden.

Zunehmend werden Bilder digitalisiert, um einen schnelleren Zugriff zu gewähren, Abnutzungserscheinungen entgegenzuwirken und um die Qualität des Originals zu erhalten. Dies ist eine erfreuliche Entwicklung, doch noch keineswegs gängige Praxis.

Wird ein Foto in einem Archiv aufbewahrt, sind die Archivare in der Pflicht, Originale zu ihren Bildbeständen zu suchen. Denn mit der Ausgabe von Bildern an den wissenschaftlichen Benutzer bestimmen sie die Aussage der Wirklichkeit, die der Benutzer wahrnehmen kann. Sollte es sich dann um eine geänderte Reproduktion, ein später entstandenes oder gestelltes Bild handeln, die Bildunterschrift oder der Urheber falsch sein, wird es möglicherweise falsch reproduziert, was Rechtstreitigkeiten und hohe Kosten zur Folge und v. a. Fehlschlüsse durch Wissenschaftler haben kann. Ein Beispiel dafür ist der „Händedruck von Potsdam“ mit Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler. Vielen Menschen ist dieses Bild geläufig, und ähnlich vielen wird die hineininterpretierte Aussage der Geste bekannt sein. Um zu zeigen, wie wichtig Bildanalyse und –interpretation ist, habe ich dieses Bild ausgewählt. Anhand dessen soll die politische Dimension der praktischen Perspektive vorgestellt und erläutert werden.

2.2 Politische Dimension

Es gibt und gab Bilder, die stellvertretend für die Zeit, ein Ereignis oder eine Person stehen. Diese sind durch zahlreiche Veröffentlichungen, Manipulationen, stetige Abbildungen in unser Gedächtnis `eingebrannt´, so dass wir beim kleinsten Hinweis sofort an dieses eine Bild erinnert werden. Stellvertretend für unzählige Beispiele soll an dieser Stelle das Bild „Händedruck von Potsdam“ erläutert werden.

[...]


[1] Vgl. Scotti, Roland: „Denn sie sind nicht wahr,...“, S. 15.

[2] Zitiert nach: Hombach, Klaus: Bildtheorien, S. 5.

[3] Vgl. Ders., S. 2.

[4] Vgl. im folgenden: Flusser, Vilém: Medienkultur, S. 76.

[5] Ebd.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Wohlfeil, Rainer: Bild als Geschichtsquelle, S. 94.

[8] Vgl. Ders., S. 97.

[9] Vgl. Ebd.

[10] Jäger, Jens: Photographie, S. 76.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Foto als historische Quelle
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte)
Veranstaltung
Politische Ikonographie nach 1850. Das Beispiel Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V65658
ISBN (eBook)
9783638581752
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Foto als historische Quelle. Untersucht wird, inwieweit Fotos Realitäten abbilden können und wie mit Fotos als Quelle umzugehen ist (Bsp. "Wehrmachtsausstellung").
Schlagworte
Foto, Quelle, Politische, Ikonographie, Beispiel, Dresden
Arbeit zitieren
Melanie List (Autor), 2005, Das Foto als historische Quelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65658

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