Schule und nationale Identität in Frankreich


Hausarbeit, 2005

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Die republikanische Schule der dritten Republik als Mittel der Vermittlung einer nationalen Identität.
a) Das politische Ziel der dritten Republik
b) Die Durchsetzung der französischen Sprache als nationale Einheitssprache.
c) Die Förderung des Patriotismus
d) Die Rolle des Laizismus.

2 Das heutige Schulsystem als Mittel der Vermittlung einer staatsbürgerlichen Identität.
a) Die Schule als Ort der Ausbildung zukünftiger Staatsbürger.
b) Der Gemeinschaftskundeunterricht
c) Die Schule als Mittel der Überwindung der Partikularismen.

3 Schluss

4 Literatur

Einführung

Der Prozess der Nationenbildung in Frankreich hat sich dadurch ausgezeichnet, dass ein Staat bereits vorhanden war, bevor man von einer französischen Nation sprechen konnte. Es war das Zusammenwirken verschiedener Faktoren, welches für das Entstehen eines Nationalbewusstseins und einer Nation in Frankreich konstitutiv war. Dazu zählten unter anderem die Einführung unterschiedlicher republikanischer Symbole (Marianne, die Nationalhymne, der Wahlspruch…), die Einführung der Wehrpflicht, sowie die Schaffung der kostenlosen, laizistischen und obligatorischen Schule für alle Kinder zwischen 6 und 13 Jahre durch Jules Ferry am Ende des 19. Jahrhunderts.

Jean-Jacques Rousseau war bereits der Ansicht, dass „es die Bildung [ist], die den Seelen eine nationale Form geben soll.“[1] Eine Nation verkörpert sich in Institutionen: Eine der Bedeutendsten ist die Schule, für den französischen Soziologen Dominique Schnapper stellt sie sogar „die Institution der Nation schlechthin“[2] dar. Da eine Definition der Nation schon eine Theorie der Nation impliziert, werden wir uns darauf beschränken, Schnappers Konzeption der Nation als „Gemeinschaft von Staatsbürgern“[3] („communauté de citoyens“) zu übernehmen.

Nur durch einen Sozialisationsprozess können Individuen zu Staatsbürgern einer nationalen Gemeinschaft werden. Individuelle Meinungen und Einstellungen werden nämlich innerhalb einer vorgefundenen gesellschaftlichen Umgebung herausgebildet. Individuen entwickeln allmählich ein nationales Zugehörigkeitsgefühl, indem sie bestimmte Kenntnisse, Normen und Werte verinnerlichen, die sie mit allen anderen Mitbürgern teilen.

Dadurch werden sie sich bewusst, dass diese kulturellen Muster und Werte, die ihre persönliche Identität bestimmen, eng zu einer kollektiven Identität verbunden sind, was letztendlich zur Herausbildung eines Zusammen­gehörigkeits­gefühls führt.[4] Das französische Schulsystem beruht auf der Annahme, dass die Familie selbst nicht der einzige Ort ist, wo dieser politische Sozialisationsprozess erfolgen kann, sondern auch das Schulwesen zur Verinnerlichung kollektiver nationaler Werte beiträgt.[5] Unter der dritten Republik wurde deswegen das Schulwesen als Instrument zur Gründung der Nation entworfen. Es hat das gemeinsame Leben der Individuen um regelmäßige Praktiken herum organisiert und ein System von kohärenten nationalen Werten verbreitet.[6] Heutzutage herrscht immer noch die Auffassung, dass die Schule der Ort ist, wo Staatsbürger gebildet werden, und wo ihre Zustimmung zur nationalen Gemeinschaft hervorgerufen wird.[7]

Es wird versucht, die Frage zu beantworten, welchen Einfluss die Schule auf die Bildung einer nationalen Identität in Frankreich hat, das heißt, wie sie versucht, die Herausbildung eines Nationalgefühls bei den Schülern zu fördern und die nationale Kohäsion zu sichern. Im ersten Teil wird auf die Schule der dritten Republik eingegangen, um zu zeigen, inwiefern sie eine Ursache für die Entstehung einer nationalen Identität in Frankreich war. Im zweiten Teil soll gezeigt werden, wie das heutige Schulwesen weiterhin versucht, für das Vorhandensein eines nationalen Zusammengehörigkeitsgefühls zu sorgen.

1 Die republikanische Schule der dritten Republik als Mittel der Vermittlung einer nationalen Identität.

a) Das politische Ziel der dritten Republik

Die republikanischen Gründer der dritten Republik, die 1871 ins Leben gerufen wurde, haben sich dafür entschieden, das parlamentarische Regime auf der Basis der Schule zu gründen. Diese sollte aber nicht nur dazu dienen, die neue politische Ordnung zu verankern, sondern auch die Nation.[8] Vor allen Dingen war es die Schule, der die Aufgabe zugeschrieben wurde, die nationale Identität zu formen. Ab der Französischen Revolution wurden die Lehrer deswegen nicht mehr „régents“ genannt, sondern „instituteurs“, weil sie von jetzt an die Aufgabe hatten, die Nation zu gründen („instituer“ auf Französisch).[9]

Laut Bernd Estel richtet sich eine erste Strategie der politischen Macht, um die Einheit einer Nation zu erreichen, auf die Beseitigung der partikularistischen, insbesondere regionalen und ethnischen Trennungen, zugunsten von nationalen Vereinheitlichungen. Diese Strategie wurde in Frankreich von den Republikanern angewandt. Regionale Institutionen wurden abgeschafft und durch gesamtnationale Einrichtungen ersetzt, vor allem das allgemeine Schulwesen, das seit dieser Zeit zur Sache des Staates geworden war. Laut dem Gesetz sollten auβerdem alle Schüler, die die republikanischen Schulen besuchten, die gleiche Ausbildung bekommen, indem ihnen in jeder Schule die gleichen Kenntnisse beigebracht wurden. Diese Maßnahmen waren Teil der allgemeinen Absicht, die traditionellen sozialen Gebilde (Institutionen, Gemeinschaften usw.), die durch ihren bloβ lokalen Bezug die primäre Orientierung des Individuums an die Nation zu gefährden scheinen, zu beseitigen.[10] Es herrschte nämlich die Auffassung, dass die Sozialisation der Menschen nicht mehr ausschließlich innerhalb von lokalen Gemeinschaften erfolgen sollte, sondern primär durch ein staatlich gestütztes Schulsystem.

Dadurch sollten große, zentral ausgebildete, kulturell homogene Einheiten hervorgebracht werden, die die soziokulturelle Grundlage der nationalen Identifikation bildeten.[11]

Im Zuge dieses Homogenisierungsprozesses sollten die bestehenden Kulturen verschwinden, um sich in der breiteren Kultur eines Nationalstaates aufzulösen. Die Homogenisierungsversuche zielten vor allem auf die Alltagskultur (Sprache, Sitten, Gebräuche), sowie auf die Veränderung der politischen Grundorientierung der Menschen hin, durch die das Bewusstsein, Teil einer Nation zu sein, verstärkt werden sollte.[12]

Laut Anthony D. Smith ist der zentralistische Charakter des französischen Bildungssystems mit diesem Homogenisierungstreben verbunden: Man wollte die zentrifugalen Tendenzen und die regional geprägten Identitätsbezuge überwinden, so dass man ein zentrales System errichtet hat, bei dem Paris über alles entscheidet und im Zentrum steht. Die Zentralisierung der Bildung sollte also zur Einigung der Gesellschaft beitragen.[13]

Daraus kann man schließen, dass Frankreich als republikanische Nation zuerst das Ergebnis eines politischen Willen war: Es wurde versucht, die unterschiedlichen Völker zu integrieren und zu assimilieren, was unter anderem durch das Beibringen einer gemeinsamen Sprache erfolgen sollte.

b) Die Durchsetzung der französischen Sprache als nationale Einheitssprache.

Im Jahre 1880, als die dritte Republik mit der Machtübernahme von Jules Ferry definitiv installiert wurde, war Frankreich zu 70% ein Agrarland, das sich aus einer Vielzahl von voneinander getrennten und mehrheitlich nicht frankophonen Dörfern zusammensetzte.[14] Die französische Sprache wurde lediglich von 12 bis 13% der Franzosen verstanden.[15] Die Völker dieses Gebietes sprachen überwiegend Baskisch, Bretonisch, Flamisch, Okzitanisch, Korsisch und noch verschiedene andere regionale Sprachen.[16]

[...]


[1] Im Originaltext : « C’est l’éducation qui doit donner aux âmes la forme nationale. ». Im Internet : http://www.laicite-laligue.org/laligue/laicite-laligue/rubriques/mieux_comprendre /themes/ecole/presentation.html (abgerufen am 26/07/05, 13.05 Uhr).

[2] Schnapper, Dominique (1994) : La Communauté des Citoyens. S.131.

[3] Ebd. S.24.

[4] Vgl. Ebd. S.41.

[5] Vgl. Nembrini, Jean-Luc (1997) : L’école et le citoyen. Im Internet : http://www.ac-grenoble.fr/histoire/didactique/general/nembrini.htm (Stand: 22/07/05, 15.25 Uhr).

[6] Vgl. Schnapper, Dominique (1994) : La Communauté des Citoyens. S.66.

[7] Vgl. Ebd. S. 131-132.

[8] Vgl. Nembrini, Jean-Luc (1997) : L’école et le citoyen. Im Internet : http://www.ac-grenoble.fr/histoire/didactique/general/nembrini.htm (Stand: 22/07/05, 15.25 Uhr).

[9] Vgl. Schnapper, Dominique (1994) : La Communauté des Citoyens. S. 131.

[10] Vgl. Estel, Bernd (2002): Nation und nationale Identität. S. 234-239.

[11] Vgl. Jafroodi, Maziar (2000): Gesellschaftliche Modernisierung und nationale Identität. S.47-49.

[12] Vgl. Estel, Bernd (2002): Nation und nationale Identität. S. 234-239.

[13] Vgl. Smith, Anthony D. (1991): The Ethnic Origins of Nations. S. 202.

[14] Vgl. Citron, Suzanne: Ecole, histoire de France : construction d'une mémoire nationale, crise de l'identité nationale. Im Internet : http://www.la-science-politique.com/revue/revue2/papier2.htm (Stand: 22/07/05, 15.30 Uhr).

[15] Vgl. Jafroodi, Maziar (2000): Gesellschaftliche Modernisierung und nationale Identität. S.32.

[16] Vgl. Ebd. S.36.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Schule und nationale Identität in Frankreich
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Nationale Identität in Deutschland und Frankreich im Vergleich
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V65757
ISBN (eBook)
9783638582520
ISBN (Buch)
9783656490876
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schule, Identität, Frankreich, Nationale, Deutschland, Vergleich
Arbeit zitieren
Adeline Defer (Autor), 2005, Schule und nationale Identität in Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65757

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