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Schule und nationale Identität in Frankreich

Title: Schule und nationale Identität in Frankreich

Term Paper , 2005 , 20 Pages , Grade: 1,0

Autor:in: Adeline Defer (Author)

Sociology - Work, Education, Organisation
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Der Prozess der Nationenbildung in Frankreich hat sich dadurch ausgezeichnet, dass ein Staat bereits vorhanden war, bevor man von einer französischen Nation sprechen konnte. Es war das Zusammenwirken verschiedener Faktoren, welches für das Entstehen eines Nationalbewusstseins und einer Nation in Frankreich konstitutiv war. Dazu zählten unter anderem die Einführung unterschiedlicher republikanischer Symbole (Marianne, die Nationalhymne, der Wahlspruch…), die Einführung der Wehrpflicht, sowie die Schaffung der kostenlosen, laizistischen und obligatorischen Schule für alle Kinder zwischen 6 und 13 Jahre durch Jules Ferry am Ende des 19. Jahrhunderts.
Jean-Jacques Rousseau war bereits der Ansicht, dass „es die Bildung [ist], die den Seelen eine nationale Form geben soll.“ Eine Nation verkörpert sich in Institutionen: Eine der Bedeutendsten ist die Schule, für den französischen Soziologen Dominique Schnapper stellt sie sogar „die Institution der Nation schlechthin“ dar. Da eine Definition der Nation schon eine Theorie der Nation impliziert, werden wir uns darauf beschränken, Schnappers Konzeption der Nation als „Gemeinschaft von Staatsbürgern“ („communauté de citoyens“) zu übernehmen.
Nur durch einen Sozialisationsprozess können Individuen zu Staatsbürgern einer nationalen Gemeinschaft werden. Individuelle Meinungen und Einstellungen werden nämlich innerhalb einer vorgefundenen gesellschaftlichen Umgebung herausgebildet. Individuen entwickeln allmählich ein nationales
Zugehörigkeitsgefühl, indem sie bestimmte Kenntnisse, Normen und Werte verinnerlichen, die sie mit allen anderen Mitbürgern teilen.
Dadurch werden sie sich bewusst, dass diese kulturellen Muster und Werte, die ihre persönliche Identität bestimmen, eng zu einer kollektiven Identität verbunden sind, was letztendlich zur Herausbildung eines Zusammengehörigkeitsgefühls führt. Das französische Schulsystem beruht auf der Annahme, dass die Familie selbst nicht der einzige Ort ist, wo dieser politische Sozialisationsprozess erfolgen kann, sondern auch das Schulwesen zur Verinnerlichung kollektiver nationaler Werte beiträgt. Unter der dritten Republik wurde deswegen das Schulwesen als Instrument zur Gründung der Nation entworfen. Es hat das gemeinsame Leben der Individuen um regelmäßige Praktiken herum organisiert und ein System von kohärenten nationalen Werten verbreitet.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Die republikanische Schule der dritten Republik als Mittel der Vermittlung einer nationalen Identität.

a) Das politische Ziel der dritten Republik

b) Die Durchsetzung der französischen Sprache als nationale Einheitssprache.

c) Die Förderung des Patriotismus.

d) Die Rolle des Laizismus.

2 Das heutige Schulsystem als Mittel der Vermittlung einer staatsbürgerlichen Identität.

a) Die Schule als Ort der Ausbildung zukünftiger Staatsbürger.

b) Der Gemeinschaftskundeunterricht

c) Die Schule als Mittel der Überwindung der Partikularismen.

3 Schluss

Zielsetzung und Themen

Die Arbeit untersucht den essenziellen Einfluss des französischen Schulsystems auf die Genese und Festigung der nationalen Identität. Dabei wird analysiert, wie die Schule sowohl historisch unter der dritten Republik als auch im modernen Kontext fungiert, um Individuen in eine homogene, staatsbürgerliche Gemeinschaft zu integrieren.

  • Die historische Rolle der Schule bei der Nationenbildung in Frankreich.
  • Die Etablierung der französischen Sprache als nationale Einheitssprache.
  • Die Funktion des laizistischen Bildungssystems zur Überwindung von Partikularismen.
  • Der Wandel vom Patriotismus zur staatsbürgerlichen Identitätsvermittlung.
  • Die Herausforderungen der Integration in einem multikulturellen Staat.

Auszug aus dem Buch

b) Die Durchsetzung der französischen Sprache als nationale Einheitssprache.

Im Jahre 1880, als die dritte Republik mit der Machtübernahme von Jules Ferry definitiv installiert wurde, war Frankreich zu 70% ein Agrarland, das sich aus einer Vielzahl von voneinander getrennten und mehrheitlich nicht frankophonen Dörfern zusammensetzte. Die französische Sprache wurde lediglich von 12 bis 13% der Franzosen verstanden. Die Völker dieses Gebietes sprachen überwiegend Baskisch, Bretonisch, Flamisch, Okzitanisch, Korsisch und noch verschiedene andere regionale Sprachen.

Die Herausbildung eines nationalen Gefühls bei der Bevölkerung wurde dadurch erheblich gefördert, dass die Vielzahl der regionalen Sprachen durch eine einzige nationale Sprache ersetzt wurde. Dabei hat das Schulwesen eine wesentliche Rolle gespielt, indem es die französische Sprache zu einer Nationalsprache verwandelt hat. Ferner ging es darum, die regionalen Sprachen als Hindernis zur nationalen Einheit geradezu auszurotten, was bereits ein Ziel der Revolutionäre gewesen war. Die erste Aufgabe der Schullehrer war also, die Bauern- und Immigrantenkinder zu „nationalisieren“, indem sie ihnen, manchmal mit Brutalität, die französische Sprache beibrachten, und ihnen verboten, die Sprache ihrer Eltern zu benutzen. Dies führte zu einem „Sprachenkonflikt“, der zum politischen Machtkampf zwischen dem Staat und sprachlichen Minderheiten wurde. Andreas Geier nach war die Schule deswegen von Anfang an als ambivalente Institution zu verstehen, in der eine erzieherische Funktion mit einer repressiven Funktion korrespondierte: Neben der pädagogischen Vermittlung von gesellschaftlichen Grundlagen und Bildungsinhalten grenzte sie nämlich repressiv umgangssprachliche Idiome aus. Es handelte sich also um eine „innere Kolonisation“: Die Vielzahl der Kulturen wurde abgelehnt, und das Schulsystem sollte als Instrument der Homogenität fungieren.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Die republikanische Schule der dritten Republik als Mittel der Vermittlung einer nationalen Identität.: Das Kapitel erläutert, wie das Schulsystem ab 1871 gezielt eingesetzt wurde, um durch Homogenisierung, Sprachvermittlung und die Förderung des Patriotismus eine einheitliche französische Nation zu schaffen.

2 Das heutige Schulsystem als Mittel der Vermittlung einer staatsbürgerlichen Identität.: Dieses Kapitel untersucht die zeitgenössische Rolle der Schule, die sich von der Gründung der Nation hin zur Verfestigung der nationalen Kohäsion und der Ausbildung loyaler Staatsbürger entwickelt hat.

3 Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass die französische Nation ein politisches Konstrukt ist, das maßgeblich durch die staatliche Erziehung via Schule hervorgebracht wurde.

Schlüsselwörter

Nationale Identität, Frankreich, Schule, dritte Republik, Nationenbildung, Laizismus, Patriotismus, Staatsbürgerschaft, Homogenisierung, Sprache, Integration, nationale Kohäsion, Sozialisationsprozess, Partikularismus, politische Nation.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?

Die Arbeit befasst sich mit der zentralen Rolle, die das französische Schulwesen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der nationalen Identität in Frankreich spielt.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Analyse fokussiert sich auf historische Aspekte der dritten Republik, die Durchsetzung einer Einheitssprache, die Bedeutung des Laizismus und die Ausbildung zum staatsbürgerlichen Denken.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie der Staat durch das Bildungssystem gezielt versucht hat, eine homogene Nation zu formen und ein nationales Zusammengehörigkeitsgefühl bei der Bevölkerung zu erzeugen.

Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?

Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf soziologischen und politikwissenschaftlichen Werken zur Nationenbildung basiert und diese auf das Beispiel des französischen Schulwesens anwendet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der historisch-repressiven Phase der dritten Republik zur nationalen Einigung und die Analyse der modernen Schule als Institution zur staatsbürgerlichen Identitätsstiftung.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "politische Nation", "Laizismus", "Nationenbildung" und "nationale Kohäsion" geprägt.

Warum wird im Text der Laizismus als so wichtig für die nationale Identität hervorgehoben?

Der Laizismus wird als Mittel beschrieben, um religiöse Identitäten in den privaten Bereich zu drängen und den Fokus der Individuen stattdessen auf die politische Loyalität zum Staat zu lenken.

Welchen Einfluss hat der aktuelle Dezentralisierungsprozess laut der Autorin?

Die Autorin weist darauf hin, dass die Dezentralisierung die Rolle der Schule als Instrument der nationalen Einheit gefährden könnte, da die Kompetenzabgabe an die départements ein Wiederaufleben regionaler Identitäten begünstigen kann.

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Details

Title
Schule und nationale Identität in Frankreich
College
University of Münster  (Institut für Soziologie)
Course
Nationale Identität in Deutschland und Frankreich im Vergleich
Grade
1,0
Author
Adeline Defer (Author)
Publication Year
2005
Pages
20
Catalog Number
V65757
ISBN (eBook)
9783638582520
ISBN (Book)
9783656490876
Language
German
Tags
Schule Identität Frankreich Nationale Identität Deutschland Frankreich Vergleich
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Adeline Defer (Author), 2005, Schule und nationale Identität in Frankreich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65757
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