Literaturzensur in der DDR


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1/ Einführung

2/ Die Zensur als Instrument der Unterstützung der sozialistischen Ideologie.
a) Die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur
b) Offizielle Begründungen der Zensur
c) Zensierte Themen
d) Die Unterwerfung der Literatur unter die Ideologie

3/ Die Kontrolle und Steuerung der Literatur.
a) Die Einrichtungen des Zensursystems
b) Der Einfluss des Ministeriums für Staatssicherheit im Zensursystem.
c) Erscheinungsformen der Zensur
d) Das Druckgenehmigungsverfahren und die Begutachtung.

Schluss

Literatur

1/ Einführung

Im Mai 1976 berichtete der Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Erich Honecker, auf dem 9. Parteitag, dass „Kultur und Kunst sehr viel beizutragen [vermögen], sozialistische Überzeugungen zu festigen und in den Herzen der Menschen das reine Feuer kommunistischer Ideale zu entzünden.“[1] Fünf Jahre später hieß es, dass Kunst und Literatur vieles hervorgebracht haben, „was Teil unserer sich ständig verändernden sozialistischen Wirklichkeit ist und diese Veränderung zugleich bewirkt.“[2] Da der Staat der Literatur die Fähigkeit anerkannt hatte, Veränderungen zu initiieren, galt es, abweichende Positionen zu unterbinden und die Literatur zu verhindern, die ihm nicht opportun erschien. Die Wichtigkeit, die die Deutsche Demokratische Republik (DDR) der Literatur beimaß, zeigte sich vor allem durch die Ausübung der literarischen Zensur.

Die Soziologin Ulla Otto definiert Literaturzensur als „die autoritäre Kontrolle aller menschlichen Äuβerungen, die innerhalb eines bestehenden gesellschaftlichen Systems mit der Bemühung um sprachliche Form geschrieben werden“.[3] Die Regulierung der literarischen Übermittlung von Ideen wird in praktisch allen Gesellschaften betrieben: Kein Gesellschaftssystem gestattet die absolute Freiheit literarischen Ausdrucks.[4] In der DDR war aber die Literaturzensur allgegenwärtig. Kommunistische Länder im Allgemeinen haben von der Zensur gerne und oft Gebrauch gemacht. Eine systematische Vorzensur der heimischen literarischen Werke wurde dadurch möglich, dass das gesamte Verlagswesen weitgehend zentralisiert und kontrolliert war. Ferner wurden Maβnahmen literarischer Zensur auf bereits erschienene Werke angewandt, besonders auf Werke aus dem Ausland. Bei nicht konformen Autoren wurde auβerdem versucht, meist mit harten Sanktionen, politische Demonstrationseffekte zu erzielen.[5]

Literarische Werke können aus religiösen, moralischen oder politischen Gründen zensiert werden. Wir werden uns hier auf die politische Zensur beschränken, bei der es um „die reale politische Machtverteilung und Machtorganisation im Staate, und deren Erhaltung, Verteidigung und Verstärkung im Gegeneinander der einzelnen gesellschaftlichen Gruppen“ geht.[6] Das erklärte Ziel aller Maßnahmen literarischer Zensur in demokratischen Gesellschaften ist eigentlich die Bewahrung einzelner Gesellschaftsgruppen (z.B. der Jugend) vor schädlichen Einflüssen.[7] In der DDR war das verfolgte Ziel allerdings ein anderes: Vielmehr ging es darum, durch die Ausübung der literarischen Zensur die Schriftsteller als ideologische Erzieher des Volkes zu instrumentalisieren, und, damit verbunden, die Stabilität des Systems zu gewährleisten. Der Staat wollte die Produktion von Literatur zu einem Gegenstand kulturpolitischer Planwirtschaft machen, um so auch die Gedanken der Leser zu steuern. Unter dem Vorwand eines schutzbedürftigen Interesses der Allgemeinheit hat also die herrschende Klasse bei der literarischen Zensur ihre Maßnahmen unter den Aspekt der Staatsräson gestellt.[8]

Es wird also versucht, die Frage zu beantworten, wie die literarische Zensur in der DDR als Instrument des ideologischen Kampfes und des Machterhalts benutzt wurde. Im ersten Teil soll gezeigt werden, inwiefern das Zensursystem den Zweck hatte, die ideologische Dominanz der DDR-Machthaber zu erhalten, und im zweiten Teil, wie und wodurch dieses Ziel erreicht werden sollte.

2/ Die Zensur als Instrument der Unterstützung der sozialistischen Ideologie.

a) Die gesellschaftliche Bedeutung der Literatur

Besonders in einer Diktatur wird der Literatur eine besondere Rolle zugewiesen, und dies aus verschiedenen Gründen. Ulla Otto hat gezeigt, dass die Literatur ein revolutionäres Element beinhaltet: „Wenn die Gesellschaft sich sieht und vor allem sich gesehen sieht, dann bedeutet das zumeist ein Anzweifeln feststehender Werte, verbunden mit einem Infragestellen des bestehenden Regimes.“ Die Aktivität des Schriftstellers kann also insofern als revolutionär betrachtet werden, als dass er versucht, das Gleichgewicht der Gesellschaft mit Hilfe seiner persönlichen Vorstellungen vom Idealzustand zu erschüttern. Aus diesem Grund kann die Literatur zur öffentlichen Macht werden, und vermag in diesem Sinne die Geschichte eines Landes entscheidend mitzubestimmen.[9]

Ferner kann die Literatur als potentieller Einflussfaktor der öffentlichen Meinung wirken, was letztendlich eine Auswirkung auf die politische Herrschaft hat. Die Literatur vermag nämlich auf nachhaltige Weise Meinungen auszurichten, zu prägen und zu verbreiten. Als Reaktion auf den Einfluss literarischer Tendenzen bringen die Regierten ihre Zustimmung, aber auch ihre Änderungswünsche oder ihre Ablehnung gegenüber dem bestehenden System zum Ausdruck. Dadurch wird der Bestand der Herrschaft in Frage gestellt, so dass es für die Regierenden notwendig wird, die Entwicklung der öffentlichen Meinung zu überwachen. Dafür muss die Literatur vom Augenblick ihres Erscheinens zur systemkonformen Waffe ausgebildet, und, wenn nötig, unterbunden werden. Dazu bieten sich zwei Möglichkeiten: Die Unterstützung einer bestimmten Literatur auf der einen Seite, und Kontrolle und Überwachung auf den anderen Seite, um die Verbreitung unerwünschter Ideen und Vorstellungen zu verhindern.[10]

Dies wurde am Beispiel der DDR sichtbar: Neben der Ermunterung und Unterstützung bestimmter Kunstrichtungen („sozialistischer Realismus“) standen Methoden der Unterdrückung, darunter die Zensur, die als Instrument zur Einschränkung freier Meinungsbildung benutzt wurde.

Der eigentliche Gegenstand literarischer Zensur war also nicht die Literatur als solche, sondern vielmehr deren potentieller oder tatsächlicher Einfluss auf die öffentliche Meinung.

Der Kultur in ihrer Gesamtheit wurde von den Machthabern der DDR eine immer größere Bedeutung zugemessen. Spätestens ab Ende der 60er Jahre war die „Abwehrarbeit auf dem Gebiet von Kunst und Kultur“ ein „Schwerpunktbereich“ des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). In Mielkes Befehl 20/69 vom Juni 1969, der die Bildung der Abteilung XX/7 für Kunst und Literatur beim MfS anwies, wurde die sicherheitspolitische Bedeutung der Kultur unterstrichen: „Die Kultur in ihrer Gesamtheit, in besonderem Maβe die Massenkommunikationsmittel, sind aufgrund ihrer Stellung im gesellschaftlichen Gesamtsystem, vor allem bei der politisch-ideologischen Bildung und Erziehung der Menschen, bedeutende Faktoren im Prozess des Klassenkampfes zwischen Sozialismus und Imperialismus.“[11]

Gegenüber der Literatur waren aber auch eine gewisse Furcht und ein Misstrauen seitens der Machthaber vorhanden. Dies kommt zum einen davon, dass die Literatur sich aufgrund der Benutzung von Allegorien, Metaphern, Fabelformen usw. besonders gut für verdeckte und unterschwellige feindliche Angriffe eignet.[12] Darüber hinaus konnten Schriftsteller insofern gefährlich für den Fortbestand des Regimes werden, als dass sie durch ihr öffentliches Nachdenken als Multiplikatoren wirken können.[13] So beschrieben zwei Kulturoffiziere des MfS Rolf Pönig und Peter Nohl die Befürchtungen der SED in diesem Hinblick: „Zur Verwirklichung seiner feindlichen Pläne konzentriert sich der Gegner vorrangig auf Persönlichkeiten des gesellschaftlichen und kulturellen Bereichs. […] Er versucht, diese Personenkreise […] in Widersprüche zur Partei- und Staatsführung der DDR, zum real existierenden Sozialismus und zur marxistisch-leninistischen Weltanschauung zu bringen.

Der Grund für das überaus starke Interesse der Geheimdienste und –zentren an diesem Personenkreis besteht in der Tatsache, dass es sich um Multiplikatoren der Ideologie handelt.“[14]

Systemfeindliche Schriftsteller seien „populäre, öffentlichkeitswirksame Verbreiter ideologischer Auffassungen und Anschauungen“ und haben eine hohe „Wirkung unter allen Klassen und Schichten der Bevölkerung“. Gelingt es ihnen, Personen „irrezuleiten“, so besteht die Gefahr der Herausbildung einer inneren Opposition in der DDR.[15]

b) Offizielle Begründungen der Zensur

Ulla Otto nach finden kommunistische Staaten in ihrer eigenen Ideologie die Rechtfertigung, die Verbreitung literarischer Werke zu verhindern, die dem etablierten System zuwider sind oder zu sein scheinen.[16] Aber eigentlich haben die Machthaber der DDR immer bestritten, dass überhaupt eine Zensur existierte. 1990 behauptete Honecker: „Wir hatten ja keine Zensur… Wir waren das einzige sozialistische Land, das die Dinge laufen ließ.“[17] Die DDR wurde sogar von SED-Propagandisten idyllisierend „Literaturgesellschaft“ genannt.[18] Es gab generell eine Abneigung gegen das Wort „Zensur“, dem bürokratische Floskeln wie „Lenkung“ oder „Planung des Literaturprozesses“ vorgezogen wurden.[19] In der Verfassung der DDR war auch keine rechtliche Grundlage für die literarische Zensur zu finden. In Artikel 27 Abschnitt 1 hieβ es nämlich: „Jeder Bürger der DDR hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. [...]“ und in Abschnitt 2: „ Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens ist gewährleistet.“[20]

Eine rechtliche Grundlage der literarischen Zensur war aber überflüssig, da die Machthaber der DDR davon ausgegangen sind, die Wahrheit zu besitzen. Sie beanspruchten für sich das Privileg absoluter Wahrheit und Unfehlbarkeit, und haben darauf das Recht auf Zensur basiert.

1951 behauptete der Ministerpräsident Grotewohl beispielsweise, dass „ was sich in der Politik als richtig erweist, ist es auch unbedingt in der Kunst.“[21]

Die Zensur wurde außerdem dadurch legitimiert, dass man behauptete, nicht zu zensieren, sondern zu fördern oder eben nicht zu fördern. Die Zensorentätigkeit wurde als „Planungsarbeit“ deklariert (geplant wurden z.B. der Papierbedarf und die Druckkapazitäten), und einzelne Zensurmaßnahmen wurden mit der Absicht begründet, die "Qualität der Literatur" heben zu wollen.[22] Im Hinblick auf unerwünschte Werke aus dem Westen z.B. beinhaltete der Katalog von Eigenschaften, den die Machthaber zur offiziellen Begründung ihrer Maβnahmen literarischer Zensur parat hatten, Adjektive wie „unmoralisch“, „pornographisch“, „jugendgefährdend“ oder ganz allgemein „bar jeglichen literarischen Wertes“.[23]

Darüber hinaus haben die Machthaber den Eingriff des Staates in die Kultur damit gerechtfertigt, dass der Staat „identisch mit den Interessen der Mehrheit der Bevölkerung“ sei, wie der Kulturminister Johannes R. Becher 1956 behauptete. Seiner Ansicht nach hatte der Staat sogar die Verpflichtung, die Entwicklung des kulturellen Schaffens zu bestimmen: „Der moderne, der neue, der fortschrittliche Staat hat […] die Pflicht, sich als Kulturstaat zu konstituieren, und zwar in dem Sinne, dass er durch Beeinflussung der kulturellen Entwicklung die gesamte Nation zu einer Kulturnation umgestaltet.“[24]

Die wichtigste offizielle Rechtfertigung der Zensur war allerdings die Notwendigkeit einer „Umerziehung“ der Autoren. Diese ideologische Erziehung des Künstlers, wobei es insbesondere um die Erarbeitung einer sozialistischen Weltanschauung ging, wurde als eine der vordringlichsten Aufgaben der Partei betrachtet. Die Zensierenden verstanden sich als „Erzieher des Menschengeschlechts“, und haben laut Konrad Franke ihre Macht als eine Form von Hilfe wahrgenommen.

Das verfolgte Ziel war, dass der Autor sich ins „Ensemble“ der sozialistischen deutschen Nationalliteratur „einordnet“.[25] Herbert Wiesner vertritt ebenso die These, dass die Zensoren grundsätzlich von der kulturpolitischen Notwendigkeit ihrer Arbeit überzeugt waren.[26]

Dieser Einstellung entsprachen dann auch die ideologisch gefärbten Argumentationen, deren sich die Machthaber je nach politischer Situation zur Rechtfertigung ihrer Maβnahmen literarischer Zensur bedienten.

[...]


[1] Vgl. Walther, Joachim (1996): Sicherungsbereich Literatur, S.49.

[2] Vgl. Petersell, Andreas (1996): Zwischen Selbstsicherheit und Selbstzweifel. Findung und Wahrung der Identität in einer repressiven Gesellschaft. Im Internet unter: http://www.petersell.de/ddr/2-ueberblick.htm (Stand: 05/08/05, 14.20 Uhr).

[3] Otto, Ulla (1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.6.

[4] Vgl. Ebd. S.6.

[5] Vgl. Ebd. S.46.

[6] Otto, Ulla (1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.78.

[7] Vgl. Ebd. S.89-90.

[8] Vgl. Ebd. S.140.

[9] Vgl. Otto, Ulla (1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.10.

[10] Vgl. Ebd. S.12-13.

[11] Vgl. Walther, Joachim (1996): Sicherungsbereich Literatur, S.29-31.

[12] Vgl. Ebd. S.34.

[13] Vgl. Petersell, Andreas (1996): Zwischen Selbstsicherheit und Selbstzweifel. Findung und Wahrung der Identität in einer repressiven Gesellschaft. Im Internet unter: http://www.petersell.de/ddr/2-ueberblick.htm (Stand: 05/08/05, 14.20 Uhr).

[14] Vgl. Walther, Joachim (1996): Sicherungsbereich Literatur, S.33.

[15] Vgl. Ebd. S.33.

[16] Vgl. Otto, Ulla (1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.47-48.

[17] Vgl. Jäger, Manfred (1993): Das Wechselspiel von Selbstzensur und Literatur in der DDR In: Wichner, Ernest und Wiesner, Herbert: « Literaturentwicklungsprozesse », S. 19-21.

[18] Vgl. Walther, Joachim (1996): Sicherungsbereich Literatur, S.15.

[19] Vgl. Jäger, Manfred (1993): Das Wechselspiel von Selbstzensur und Literatur in der DDR In: Wichner, Ernest und Wiesner, Herbert: « Literaturentwicklungsprozesse », S. 21.

[20] Vgl. Gradhand, Ulrike (1997): Literaturzensur in der DDR. Im Internet unter: http://www.mda.de/homes/ug/contents.html (Stand: 05/08/05, 14.15 Uhr).

[21] Vgl. Breuer, Dieter (1982): Geschichte der literarischen Zensur in Deutschland, S.244.

[22] Vgl. Wichner, Ernest (1993): „Und unverständlich wird mein ganzer Text“ Anmerkungen zu einer zensurgesteuerten „Nationalliteratur“. In: Wichner, Ernest und Wiesner, Herbert: « Literaturentwicklungsprozesse », S.208.

[23] Vgl. Otto, Ulla (1968): Die literarische Zensur als Problem der Soziologie der Politik, S.47-48.

[24] Vgl. Wichner, Ernest und Wiesner, Herbert (Hrsg.) (1991): Zensur in der DDR, S.20.

[25] Franke, Konrad (1993): „Deine Darstellung ist uns wesensfremd“. Romane der 60er Jahre in den Mühlen der DDR-Zensur. In: Wichner, Ernest und Wiesner, Herbert: « Literaturentwicklungsprozesse », S. 102.

[26] Vgl. Wiesner, Herbert (Hrsg.) (1991): Zensur in der DDR, S.12.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Literaturzensur in der DDR
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Zensureingriffe in Deutschland
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
27
Katalognummer
V65759
ISBN (eBook)
9783638582544
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturzensur, Zensureingriffe, Deutschland
Arbeit zitieren
Adeline Defer (Autor), 2005, Literaturzensur in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65759

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