Der Magische Realismus Lateinamerikas, dargestellt an Arturo Uslar Pietris cuento "La lluvia"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
34 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der magische Realismus Lateinamerikas und die Bedeutung des mestizaje cultural

3. Arturo Uslar Pietri: Biografie

4. Die Erzählsammlung Red
4.1. Das cuento „La Lluvia“: Analyse der magisch- realistischen Züge
4.1.1. Die Dominanz der Naturwirklichkeit
4.1.2. Die Beziehung zwischen Natur und Mensch
4.1.3. Cacique: Eine magische Erscheinung?
4.1.4. Kommentar zur Analyse

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der viel diskutierte magische Realismus Lateinamerikas (el realismo mágico) stellt wohl bereits in seiner Terminologie das erste Problem dar: Magisch und real zugleich - ist dies überhaupt möglich? Aus europäischer Sichtweise handelt es sich hier um eine Kontradiktion und das eine müsste eigentlich das andere ausschließen. Dass die Begriffe sich in der lateinamerikanischen Wirklichkeit jedoch keineswegs widersprechen, soll im Verlauf dieser Arbeit gezeigt werden.

In Bezug darauf soll zunächst die Grundidee des realismo mágico genauer untersucht werden. Diese wurde wiederholt von unzähligen Literaturkritikern diskutiert und es ist auffällig, dass beinahe ebenso viele unterschiedliche Definitionsansätze vorhanden sind Der magische Realismus Lateinamerikas ist somit wohl der umstrittenste Literaturstil unserer Zeit, dem es noch immer an einer klaren und eindeutigen Definition, vor allem bezüglich seiner möglichen Abgrenzung vom real maravilloso, mangelt. Verschieden Ansätze werden somit zusammengetragen, um ein möglichst umfassendes Bild zu gewährleisten.

An dieser Stelle wird außerdem der mestizaje cultural erläutert werden, der dem lateinamerikanischen Wirklichkeitsverständnis zugrunde liegt und ein Verständnis des realismo mágico überhaupt erst möglich macht.

Darauf folgt ein kurzer Überblick über das Leben und Schaffen Arturo Uslar Pietris, der den Terminus realismo mágico erstmals für die lateinamerikanische Literatur anwandte und definierte. Hier soll vordergründig auf seine literarischen Werke, die in Bezug zum magischen Realismus stehen, eingegangen werden, da eine ausführliche Biografie dieser vielseitig engagierten Persönlichkeit den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Im Anschluss daran sollen die eingangs erlangten Erkenntnisse anhand Uslar Pietris cuento „La lluvia“ untersucht, und die Frage beantwortet werden, ob es sich tatsächlich um ein Werk des realismo mágico handelt. Viele Kritiker behaupten, dass „La lluvia“ eines der ersten cuentos im Stil des lateinamerikanischen magischen Realismus darstellt, wobei diese Erkenntnis jedoch, vor allem im Vergleich mit anderen Erzählungen Uslar Pietris wie „El fuego fatuo“, nicht auf Anhieb nachvollziehbar ist.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse bildet den Abschluss dieser Arbeit. Hier sollen noch einmal die wichtigsten Definitionsmerkmale des realismo mágico, vor allem in Bezug auf „La lluvia“, rekapituliert, und das Problem der Rezeption aus europäischer Sichtweise dargestellt werden.

2. Der magische Realismus Lateinamerikas und die Bedeutung des mestizaje cultural

Die Bezeichnung ‚magischer Realismus’ (realismo mágico) bezieht sich im Kontext dieser Arbeit auf einen innovativen Literaturstil lateinamerikanischer Autoren wie Carpentier, Asturias oder Uslar Pietri, ist jedoch nicht erst zu ihrer Schaffenszeit kreiert worden. Bereits 1923 schuf der deutsche Kunstkritiker Franz Roh diesen Terminus, der sich aber nicht auf die Literatur, sondern die nach-expressionistische Bewegung auf dem Gebiet der Malerei bezog.[1] Später wurde die Bezeichnung realismo mágico von Kritikern und Autoren wie Usigli oder Bontempelli sowohl für das Theater als auch die Literatur angewandt,[2] letztendlich war es jedoch Arturo Uslar Pietri, der den Terminus 1948 erstmals auf die lateinamerikanische Literatur übertrug. Es ist in diesem Kontext allerdings nicht notwendig, eine Verbindung zwischen seinem Verständnis vom realismo mágico und dem der zuvor genannten Personen herzustellen; wie Llarena feststellt, handelt es sich um unterschiedliche Phänomene, und alle Versuche, eine Beziehung zwischen ihnen herzustellen, mussten letztlich scheitern.[3]

Auch wenn der 1927 in der Zeitschrift Revista de Occidente erschienene Artikel Rohs dem Schriftsteller Uslar Pietri bekannt war, übernahm dieser, laut eigener Aussage, lediglich den Begriff, nicht jedoch die ursprünglich damit verbundene Definition.[4] Was Uslar Pietri, auf dessen Werk der Fokus dieser Arbeit liegt, unter dem realismo mágico verstand, soll im Folgenden genauer erläutert werden.

Bereits in den dreißiger Jahren verspürten Uslar Pietri, Carpentier, Asturias und andere Intellektuelle Lateinamerikas die Notwendigkeit, die lateinamerikanische Literatur ‘neu zu erfinden’. Zu jener Zeit hielten sie sich, wie ein Großteil lateinamerikanischer Intellektueller, in Paris auf, wo der Surrealismus im Zentrum literarischer Diskussionen stand. Die drei Autoren waren sich schnell einig, dass die übliche Übertragung solcher europäischer Ideen auf die Literatur Südamerikas der Darstellung der einzigartigen Wirklichkeit des Landes nicht gerecht werden konnte. Uslar Pietri bezieht sich diesbezüglich auf Menéndez y Pelayo, welcher zwar erkannte, “que el gran persona y el tema fundamental de la literatura hispanoamericana [es] la naturaleza”[5], dieses jedoch in europäischen Modellen verarbeitete.

Die neu entdeckte Wirklichkeit, die Bedeutung von “[p]aisaje y costumbrismo”[6], war der zentrale Aspekt, der eines eigenen Stils bedurfte.

An dieser Stelle muss genauer erläutert werden, welche Erkenntnisse diese neu entdeckte Wirklichkeit mit sich brachte. Laut Uslar Pietri zeichnet sie sich primär durch die Vermischung der verschiedenen Kulturen in Lateinamerika aus, jene “fuentes culturales que han hecho el mundo americano”[7], die sich in allen erdenklichen Bereichen zu einem neuen Ganzen, der lateinamerikanischen Identität, zusammengefügt haben:

No podríamos […] tratar de eliminar la herencia viviente de las visiones que nos vienen desde los orígenes mismos de esta sociedad sui generis sin comprender el precioso potencial de realidad y creación que nos viene del hecho múltiple y constante del mestizaje cultural. Es en esta condición donde hay que buscar la verdadera identidad y las posibilidades de todo género ante el presente y el futuro.[8]

Während zu Beginn der Neuzeit, kurz nach der Entdeckung Amerikas, zunächst ein „triple choque cultural“[9] auf Seiten der Ureinwohner, spanischen Eroberer und schwarzafrikanischen Sklaven vorzufinden war, näherten sich diese drei Kulturen im Laufe der Jahrhundert immer mehr an, bis sie sich schließlich im so genannten mestizaje cultural vereinigten.

Dieser ist laut Uslar Pietri gefüllt von Magie im Sinne von - aus europäischer Sichtweise - Ungewöhnlichem und Fremdem.[10] Durch die Wahl des Terminus wird bereits deutlich, dass nicht etwa die rein physische Rassen­mischung von Bedeutung ist, sondern vor allem den „mestizaje espiritual“[11]. Vor allem die Vermischung der verschiedenen Glaubensansätze – zum einen der spanische Katholizismus, zum anderen der mythenreiche Glaube der indigenen und schwarzen Bevölkerung – bildet hier eine Gesamtheit, die das europäische Verständnis von Realität überschreitet.[12]

Kofman spricht in diesem Zusammenhang von der „conciencia colectiva“[13] Venezuelas, die sich nicht in eine der drei genannten kulturellen Richtungen drängen lässt, sondern eigenständig existent ist und sich nach Uslar Pietri durch die „unidad de tierra, de hombres y de destino“[14] auszeichnet.

Letzterer betont an dieser Stelle erneut, dass der allgemeine Glaube an Magie das wohl prägnanteste Merkmal der venezolanischen Kultur darstellt.[15] Erwähnenswert ist an dieser Stelle vor allem der häufig in der lateinamerikanischen Literatur betonte Aspekt der Mensch-Tier-Verwandlungen, welcher sowohl der aztekischen als auch afrikanischen Kultur entspringt,[16] wobei letztere in den Werken Uslar Pietris die diesbezüglich ausschlaggebende ist.[17]

Gerade dieser Glaube, das Irrationale der Gedankenwelt, wurde zuvor von europäischen Ethnologen immer wieder als Produkt eines ‚unfertigen’ und deformierten Bewusstseins bezeichnet[18] - eine Ansicht, die sich, wie bereits erwähnt, von rationalen europäischen Vorstellungen ableitet. Der Lateinamerikaner jedoch lebt in einer Wirklichkeit, die von der Magie und der Natur – die oftmals eine Personifizierung erfährt - bestimmt ist, und empfindet die solche somit nicht als irrational, sondern alltäglich.[19] Janik betont hier,

[…] dass der sich magisch verhaltende oder magisch denkende Mensch die Natur als einen ihn einschließenden Bedeutungs- und Wirkungszusammenhang erfährt, wodurch sich für ihn als lebendiges naturhaftes Glied des Naturzusammenhangs auch positiv die Möglichkeit der Einwirkung auf diesen Zusammenhang ergibt.[20]

Es galt also, die „vieja realidad oculta y menospreciada“[21] in ein neues und angemessenes literarisches Gewand zu hüllen, welches sich durch die Contraposition zu europäischen Denkmustern auszeichnete und die kollektive Glaubenswelt Lateinamerikas als maravillosa, nicht primitiva wiedergab.[22]

Das Resultat waren Werke wie Uslar Pietris erster Roman „Las lanzas coloradas“ (1931), die sich von vorherigen lateinamerikanischen Veröffentli­chungen abhoben, da sie sich nicht an die deskriptiven und imitierenden Literaturbewegungen Europas anlehnten. Alle griffen die scheinbar unglaubliche Realität auf neue Art und Weise auf und produzierten „un efecto deslumbrante“[23], der vor allem dadurch hervorgerufen wurde, dass die Autoren nicht nur die indigene Bevölkerung anhand europäischer Stile fokussierten und künstlerisch verarbeiteten, sondern die Gesamtheit der präsenten lateinamerikanischen Kultur darstellten:

No querían hacer juegos insólitos con los objetos y las palabras de la tribu, sino, por el contrario, revelar, descubrir, expresar en toda su plenitud inusitada esa realidad casi desconocida y casi alucinatoria que era la de la América Latina para penetrar el gran misterio creador del mestizaje cultural. Una realidad, una sociedad, una situacíon peculiares que eran radicalmente distintas de las que reflejaba la narrativa europea.[24]

Diese wunderbare Wirklichkeit Lateinamerikas findet sich unter anderem in den historischen Ereignissen des Landes, welche einen zentralen Aspekt in den Werken der genannten Autoren bilden.

[...]


[1] Vgl. Michael Scheffel, Magischer Realismus. Die Geschichte eines Begriffes und ein Versuch seiner Bestimmung, Tübingen: Stauffenburg, 1990, S. 8.

[2] Vgl. Alicia Llarena, Realismo mágico y lo real maravilloso: una cuestión de verosimilitud, Gaithersburg: Universidad de Las Palmas de Gran Canaria, 1997, S. 24.

[3] Ibid.

[4] Vgl. Arturo Uslar Pietri, G odos, insurgentes y visionarios, Barcelona: Editorial Seix Barral, 1986, S. 140.

[5] Uslar Pietri, G odos, insurgentes y visionarios, S. 136.

[6] Ibid.

[7] Ibid., S. 24.

[8] Ibid., S. 42.

[9] Florencia Ferreira de Cassone, „Arturo Uslar Pietri. Historia y pasión de América”, in: Cuadernos Americanos, Vol. 3, Nr. 7:40=4 (1993), S. 130.

[10] Vgl. Uslar Pietri, G odos, insurgentes y visionarios, S. 139.

[11] Ferreira de Cassone, „Arturo Uslar Pietri. Historia y pasión de América”, S. 133.

[12] Ibid.

[13] Andrei Kofman, „El problema del realismo mágico en la literatura iberoamericana”, in: Cuadernos Americanos, Vol. 4, Nr. 82 (2000), S. 66.

[14] Arturo Uslar Pietri, „La invención de Venezuela“, in : Oscar Rodriguez Ortiz (Hg.), Venezuela en seis ensayos, Caracas: Monte Avila, 1987, S. 23.

[15] Vgl. Uslar Pietri, „La invención de Venezuela“, S. 22f.

[16] Vgl. Dieter Janik, Magische Wirklichkeitsauffassung im hispanoamerikanischen Roman des 20. Jahrhunderts: Geschichtliches Erbe und kulturelle Tendenz, Tübingen: Max Niemeyer, 1976, S. 18.

[17] Der aztekische Glaube an den nahualismo ist bei Uslar Pietri nicht von Belang, da seine Erzählungen die venezolanische Kultur widerspiegeln und das Aztekenreich nicht bis in diese Gegend reichte. Somit müssen Bezüge zu Mensch-Tier-Verwandlungen in seinen Werken auf die afrikanische Kultur zurückgehen.

[18] Vgl. Gustavo Martin, Magia y religión en la Venezuela contemporánea, Caracas: Ediciones de la Biblioteca de la Universidad Central de Venezuela, 1983, S. 19.

[19] Vgl. Kofman, „El problema del realismo mágico en la literatura iberoamericana”, S. 71.

[20] Janik, Magische Wirklichkeitsauffassung im hispanoamerikanischen Roman des 20. Jahrhunderts, S. 7.

[21] Uslar Pietri, G odos, insurgentes y visionarios, S. 40f.

[22] Vgl. Kofman, „El problema del realismo mágico en la literatura iberoamericana”, S. 71.

[23] Uslar Pietri, G odos, insurgentes y visionarios, S. 136.

[24] Ibid., S. 137.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Der Magische Realismus Lateinamerikas, dargestellt an Arturo Uslar Pietris cuento "La lluvia"
Hochschule
Universität Paderborn  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Wie aus dem Pariser Surrealsimus der maggische Realismus Lateinamerikas wurde
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
34
Katalognummer
V65815
ISBN (eBook)
9783638582995
Dateigröße
580 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Magische, Realismus, Lateinamerikas, Arturo, Uslar, Pietris, Pariser, Surrealsimus
Arbeit zitieren
Silvia Nulle (Autor), 2006, Der Magische Realismus Lateinamerikas, dargestellt an Arturo Uslar Pietris cuento "La lluvia", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65815

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