Der viel diskutierte magische Realismus Lateinamerikas (el realismo mágico) stellt wohl bereits in seiner Terminologie das erste Problem dar: Magisch und real zugleich - ist dies überhaupt möglich? Aus europäischer Sichtweise handelt es sich hier um eine Kontradiktion und das eine müsste eigentlich das andere ausschließen. Dass die Begriffe sich in der lateinamerikanischen Wirklichkeit jedoch keineswegs widersprechen, soll im Verlauf dieser Arbeit gezeigt werden. In Bezug darauf soll zunächst die Grundidee des realismo mágico genauer untersucht werden. Diese wurde wiederholt von unzähligen Literaturkritikern diskutiert und es ist auffällig, dass beinahe ebenso viele unterschiedliche Definitionsansätze vorhanden sind Der magische Realismus Lateinamerikas ist somit wohl der umstrittenste Literaturstil unserer Zeit, dem es noch immer an einer klaren und eindeutigen Definition, vor allem bezüglich seiner möglichen Abgrenzung vom real maravilloso, mangelt. Verschieden Ansätze werden somit zusammengetragen, um ein möglichst umfassendes Bild zu gewährleisten. An dieser Stelle wird außerdem der mestizaje cultural erläutert werden, der dem lateinamerikanischen Wirklichkeitsverständnis zugrunde liegt und ein Verständnis des realismo mágico überhaupt erst möglich macht. Darauf folgt ein kurzer Überblick über das Leben und Schaffen Arturo Uslar Pietris, der den Terminus realismo mágico erstmals für die lateinamerikanische Literatur anwandte und definierte. Hier soll vordergründig auf seine literarischen Werke, die in Bezug zum magischen Realismus stehen, eingegangen werden, da eine ausführliche Biografie dieser vielseitig engagierten Persönlichkeit den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.
Im Anschluss daran sollen die eingangs erlangten Erkenntnisse anhand Uslar Pietriscuento „La lluvia“ untersucht, und die Frage beantwortet werden, ob es sich tatsächlich um ein Werk des realismo mágico handelt. Viele Kritiker behaupten, dass „La lluvia“ eines der erstencuentos im Stil des lateinamerikanischen magischen Realismus darstellt, wobei diese Erkenntnis jedoch, vor allem im Vergleich mit anderen Erzählungen Uslar Pietris wie „El fuego fatuo“, nicht auf Anhieb nachvollziehbar ist.
Eine Zusammenfassung der Ergebnisse bildet den Abschluss dieser Arbeit. Hier sollen noch einmal die wichtigsten Definitionsmerkmale des realismo mágico, vor allem in Bezug auf „La lluvia“, rekapituliert, und das Problem der Rezeption aus europäischer Sichtweise dargestellt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der magische Realismus Lateinamerikas und die Bedeutung des mestizaje cultural
3. Arturo Uslar Pietri: Biografie
4. Die Erzählsammlung Red
4.1. Das cuento „La Lluvia“: Analyse der magisch-realistischen Züge
4.1.1. Die Dominanz der Naturwirklichkeit
4.1.2. Die Beziehung zwischen Natur und Mensch
4.1.3. Cacique: Eine magische Erscheinung?
4.1.4. Kommentar zur Analyse
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Definition und Anwendung des magischen Realismus im lateinamerikanischen Kontext, insbesondere im Werk von Arturo Uslar Pietri, um anhand seines Erzählwerks „La Lluvia“ die Verbindung zwischen regionaler Wirklichkeit und magischen Elementen zu ergründen.
- Grundlagen des realismo mágico und des Konzepts des mestizaje cultural.
- Biografischer Überblick über das Leben und Schaffen von Arturo Uslar Pietri.
- Literarische Analyse der Erzählsammlung Red.
- Untersuchung magisch-realistischer Züge in „La Lluvia“ hinsichtlich Naturdarstellung und Symbolik.
- Die Funktion der Figur Cacique als Bindeglied zwischen Realität und Magie.
Auszug aus dem Buch
4.1.1. Die Dominanz der Naturwirklichkeit
Wie bereits erläutert wurde, spielt die Natur in den Werken des magischen Realismus eine bedeutende Rolle. So auch in „La Lluvia“, wo Naturphänomene sogar den Erzählrahmen bilden, da einerseits die Beschreibung der Dürre auf den ersten drei Seiten dominant ist, andererseits der einsetzende Regen auf den letzten drei Seiten eindringlich beschrieben wird.
Mit der Thematik des Regens greift Uslar Pietri ein Thema auf, das in fast allen indigenen Kulturen von Bedeutung ist. Der Regen wird oftmals als heilig betrachtet und als ‚a symbol of the spiritual influences’ of heaven descending upon earth angesehen. Vor allem in den ländlichen, von der Landwirtschaft dominierten Zonen Lateinamerikas, wie wir es bei “La Lluvia” vorliegen haben, spielt der Regen eine sehr wichtige Rolle im Glauben und in der Kultur. Somit stellt er in dieser Region „un aspecto positivo“ dar, der Fruchtbarkeit bringt und laut Uslar Pietri in der venezolanischen Realität generell von großer Wichtigkeit ist. Es wird also erneut der Gegensatz zur europäischen Kultur deutlich, in der der Regen meist negativ konnotiert ist - Man denke hier nur an die deutsche Phrase ‚Der Himmel weint’.
In „La Lluvia“ wird der Regen von Jesuso und Usebia mehr als alles andere herbeigesehnt und die intensive Beschreibung der verdorrten Landschaft zu Beginn der Erzählung suggeriert eine Atmosphäre, in der alles vom Wunsch nach Regen dominiert zu sein scheint. Uslar Pietri schafft es, auch den Leser den Wunsch nach Regen spüren zu lassen, indem er immer wieder Vergleiche mit diesem anstellt: Das Rauschen des Windes klingt „como de lluvia“ und sein Gleiten über die trockenen Blätter „sonaba cada vez más a lluvia, poniendo un eco húmedo en el ambiente terroso y sólido“ (Z. 9f.). Vor allem die vermehrte Wiederholung des Vergleichswortes ‚como’, besonders auffällig in den Zeilen 48-58, macht die beschriebene Atmosphäre für den Leser nachvollziehbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problematik des Begriffs „magischer Realismus“ ein und erläutert die Forschungsabsicht, diesen Literaturstil im lateinamerikanischen Kontext anhand von Arturo Uslar Pietris Werk zu untersuchen.
2. Der magische Realismus Lateinamerikas und die Bedeutung des mestizaje cultural: Dieses Kapitel definiert den magischen Realismus als eigenständigen lateinamerikanischen Stil und erklärt, wie das Konzept des mestizaje cultural das Wirklichkeitsverständnis der Region prägt.
3. Arturo Uslar Pietri: Biografie: Es erfolgt ein kurzer Überblick über das Leben von Arturo Uslar Pietri, wobei besonders seine kulturelle und literarische Bedeutung hervorgehoben wird.
4. Die Erzählsammlung Red: Das Kapitel bietet eine Einführung in den Sammelband Red von 1936 und legt die Grundlage für die detaillierte Analyse der Erzählung „La Lluvia“.
4.1. Das cuento „La Lluvia“: Analyse der magisch-realistischen Züge: Hier wird das Hauptwerk auf seine magisch-realistischen Elemente hin untersucht, wobei die Struktur der Analyse in Teilaspekte untergliedert ist.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Rekapitulation der Ergebnisse und einer persönlichen Reflexion des Autors über die Rezeption des magischen Realismus durch europäische Leser.
Schlüsselwörter
Magischer Realismus, realismo mágico, Arturo Uslar Pietri, La Lluvia, mestizaje cultural, lateinamerikanische Literatur, Naturwirklichkeit, Cacique, Symbolik, Erzählsammlung Red, Venezuela, kulturelle Identität, Literaturkritik, Wunderbare Wirklichkeit, Mensch-Tier-Verwandlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen Strömung des magischen Realismus in Lateinamerika und deren theoretischer sowie praktischer Umsetzung im Werk von Arturo Uslar Pietri.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die zentralen Themen sind die Definition des realismo mágico, die Bedeutung des kulturellen Mischungsverhältnisses (mestizaje cultural) und die symbolische Darstellung der Natur sowie menschlicher Beziehungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass Uslar Pietris Werk „La Lluvia“ als ein Paradebeispiel des magischen Realismus betrachtet werden kann, indem die Verbindung von alltäglicher Realität und magischen Elementen analysiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen des magischen Realismus mit einer detaillierten Textanalyse von Uslar Pietris Erzählung „La Lluvia“ verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Abschnitte zum magischen Realismus, eine Biografie des Autors, eine Einführung in die Erzählsammlung Red und eine tiefgehende Analyse der magisch-realistischen Züge in „La Lluvia“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere realismo mágico, mestizaje cultural, die Personifizierung der Natur, das Motiv des Regens und die symbolische Figur des Cacique.
Welche Bedeutung kommt der Figur Cacique im Werk zu?
Cacique fungiert als geheimnisvolle, archetypische Figur, die nicht nur eine Brücke zur Natur und zum Wasser schlägt, sondern als Katalysator für die seelische Erneuerung des alten Ehepaars dient.
Warum ist das Verständnis des mestizaje cultural für die Arbeit wichtig?
Das mestizaje cultural erklärt, warum Magie in der lateinamerikanischen Realität nicht als irrational oder als bloße Phantasie, sondern als alltäglicher und bedeutungsvoller Bestandteil der Welt wahrgenommen wird.
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- Silvia Nulle (Author), 2006, Der Magische Realismus Lateinamerikas, dargestellt an Arturo Uslar Pietris cuento "La lluvia", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65815