Interpretation und Analyse der Kurzgeschichte Lucky von Jane Rogers


Seminararbeit, 2006
23 Seiten, Note: 2,9

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Unrelieable Narrator“ - der unglaubwürdige Erzähler

3. Analyse und Interpretation „Lucky“

4. Fazit

5. Quellenangabe

Einleitung

„I write because it's my way of trying to understand things; each novel explores an area of ideas and experience which, for some reason, obsesses me. There seem to be recurring themes, although I'm not always conscious of them when starting a new book, because each book feels to me to be completely different. But these themes do seem to have cropped up more than once: an exploration of idealism and its effects, of people trying to create new and better ways of living (Mr Wroe's Virgins, Promised Lands); an interest in people whose way of experiencing the world lies outside the norm (Orph in Separate Tracks, Martha in Mr Wroe's Virgins, Daniel and Olla in Promised Lands, Calum in Island); and in women's lives and roles, with particular reference to motherhood (The Ice is Singing, Her Living Image, Mr Wroe's Virgins, Promised Lands, Island). „I am extremely interested in voice, and have explored a wide range of first person voices.”[1] (Jane Rogers).

Jane Rogers, geboren 1952 in London, zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Gegenwart. Mehrfach ausgezeichnet hat sie bis heute Kurzgeschichten und sieben Romane (Separate Tracks (1983), Her Living Image (1984), The Ice is Singing (1987), Mr Wroe's Virgins (1991), Promised Lands (1995), Island (1999), Good Fiction Guide (2001), The Voyage Home (2004) veröffentlicht. Sie schreibt für Rundfunk und Fernsehen und gibt Schriftstellerkurse an der Sheffield Hallam University.

Ihre als ergreifend und universell anerkannten Werke zeichnen sich, wie sie in ihrem obigen Zitat wiedergibt, durch Themen wie Mutter-Kind-Beziehungen, Beziehungsprobleme ( in Harmonie mit einem Partner leben und Trennung), aber auch „Depression und Melancholie“[2] ( häufig bei Ehefrauen), sowie die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft aus. Sie widmet ihr Augenmerk sehr häufig dem Leben von Frauen, weshalb ihre Romane zu Beginn ihrer Karriere fälschlicherweise als „women’s writing“ bezeichnet wurden. Orte des Geschehens sind meist (Groß)Städte - der Bereich heutigen öffentlichen Lebens, in denen negative Entwicklungen nahe liegend sind. Ein signifikantes Element ihrer Arbeiten ist das Interesse, mit verschiedenen Erzählmethoden zu experimentieren.[3]

In der folgenden Hausarbeit werde ich als ein Beispiel ihrer zahlreichen Werke die Kurzgeschichte „Lucky“ analysieren und interpretieren. Jane Rogers schrieb diese Geschichte beeinflusst durch ein Werk von James Joyce. Im Besonderen soll untersucht werden, wie die Erzählperspektive des unreliable narrators in der Geschichte deutlich wird und welchen Effekt diese ausübt.

Zunächst soll eine Definition dieses Terminus gegeben und Schwierigkeiten bezüglich der Wortbedeutung dargelegt werden.

Im darauf folgenden Abschnitt erfolgt dann die Analyse und Interpretation des Werkes.

Am Ende soll eine Zusammenfassung mit einem Fazit dargelegt werden.

2. Unreliable Narrator“ ( unglaubwürdiger oder unzuverlässiger Erzähler)

In der folgenden Passagen werde ich mich hauptsächlich auf Ergebnisse und Definitionen aus den Studien: Unreliable Narration – Studien zur Theorie und Praxis unglaubwürdigen Erzählens in der englischsprachigen Erzählliteratur von Ansgar Nüning (HG.) beziehen, da sich diese Quelle als zuverlässig und kritisch erweist und einen sehr guten Überblick zu dem Thema bietet.

Nünning weist darauf hin, dass es sich bei dem Begriff „unreliable narrator“ keinesfalls um eine klare und eindeutig definierte literaturwissenschaftliche Theorie handelt. Der Begriff wurde 1961 erstmals durch Wayne C. Booth in seinem Buch The Rhetoric of Fiction eingeführt. Allerdings gibt es weder eine hinreichende Definition dieses Terminus noch eine Übersicht über Funktionen, Formen und Veränderungen dieser Erzählform. Ansgar Nünning versucht in seinem Buch einige dieser Lücken zu schließen.

Er führt fünf Merkmale an, die typisch für den unreliable narrator sind: 1. Es handelt sich häufig um einen Ich-Erzähler, welcher ebenso den Protagonisten, der von ihm wiedergegebenen Handlung darstellt. 2. Gewöhnlicherweise tritt ein „expliziter Erzähler (overt narrator)“ auf, welcher mit einem „hohe[n] Grad an Explizität [...] als konkret fassbare[r], personalisierbare[r] Sprecher [...]“ erscheint. 3. Der unglaubwürdige Erzähler führt häufig „subjektive Kommentare [und] interpretatorische Zusätze“ an und bezieht persönlich Stellung. 4. Ansgar bezeichnet solche Erzähler als „zwanghafte oder gar verrückte Monologisten“ , die sich selbst in den Mittelpunkt rücken und gerne über sich berichten. Das fünfte und bedeutendste Merkmal ist das Missverhältnis zwischen Fiktion und Realität. Neben der Version, welche der unreliable narrator dem „fikitven Adressaten“ mitzuteilen versucht, gibt es noch eine zweite Darstellung, welche der Erzähler missachtet oder nicht kennt und welche der Leser durch Informationen aus dem Text entnehmen kann. Somit folgt oft eine widerwillige „Selbstentlarvung“ des „unreliable narrator.“[4] Diese Kennzeichen sind für eine Großzahl an Werken gültig, jedoch fällt auf, dass es eine Reihe von Erzähltexten mit verschiedenartigen Erzählern mit je unterschiedlichem Erzählstil gibt, diese jedoch alle als unreliable narrator bezeichnet werden. Dies verdeutlicht, dass es bisher noch keine Präzisierung und Differenzierung dieses Begriffs gab.

Nünning revidiert Booths Definition, welche besagt: ein Erzähler sei glaubwürdig, „when he speaks for or acts in accordance with the norms of the work (which is to say, the implied author’s norms), unreliable when he does not.”[5] Definitionen, welche auf Booths Ausführungen wie etwa die von Prince basieren, charakterisieren einen „unreliable narrator“ folgendermaßen: „ A narrator whose norms and behavior are not in accordance with the implied author’s norms; a narrator whose values (tastes, judgments, moral sense) diverge from those of the implied author’s; a narrator reliability of whose account is undermined by various features of that account.”[6] Booths Ausführungen sind nach Nünning unzulänglich, da sie viele Fragen offenlassen. Beispielsweise erklärt der Begriff „unreliable“ nicht, was mit „unreliability“ gemeint ist. Dies zeigt sich auch in der Übersetzung ins Deutsche: im Englischen existiert einheitlich der Begriff unreliable narrator während im Deutschen von „Verlässlichkeit, Glaubwürdigkeit und Wahrhaftigkeit“[7] oder „Vertrauenswürdigkeit der Erzählinstanz“ und ihrer Vertrauensunwürdigkeit“[8] die Rede ist. Nünning weist auf eine Trennung der Begriffe unzuverlässig und unglaubwürdig hin und legt dar, dass die Wiedergabe der Handlung durch den Erzähler vollkommen zuverlässig sein kann, wohingegen seine Interpretationen und Einschätzungen der Geschehnisse unglaubwürdig sein können.

Bisher hat sich die Forschung fast nur auf den homodiegetischen Erzähler (Erzähler ist Teil der Diegese, der erzählten Welt beschränkt), welcher seine eigenen früheren Gedanken darstellt. Allerdings gibt es auch heterodiegetische (Erzähler ist kein Teil der Diegese) Erzählinstanzen, deren Glaubwürdigkeit ebenfalls angezweifelt werden kann.[9] [10] Weiterhin seien die bisherigen Theorien und Definitionen vorwiegend unzureichend, weil sie die Frage, wie der Eindruck der Glaubwürdigkeit bzw. Unglaubwürdigkeit einer Erzählinstanz entsteht, nur anhand des undefinierten, nach Nünnings Auffassung „fragwürdigen implied author“, beurteilten, welcher mit dem Leser heimlich „hinter dem Rücken des Erzählers“ kommuniziere. Nünning verzichtet auf einen implied author und führt andere literaturwissenschaftliche Kategorien an, mit deren Hilfe man die Signale mangelnder Glaubwürdigkeit benennen, die Frage nach dem Grad und der Art der Zuverlässigkeit oder Glaubwürdigkeit beantworten und verschiedene Arten von unreliable narrators unterscheiden kann. Ob ein Erzähler unglaubwürdig ist, hängt sowohl von den Textinformationen als auch von aussertextuellen Informationen ab, sprich der Rezipient mit seinen Werten und Normen angewandt auf den Text:

Zum einen wichtig sind Signale –Informationen und Strukturen- im Text, welche den Rezipienten dazu veranlassen, die Glaubwürdigkeit eines Erzählers anzuzweifeln. Dazu gehören unter anderem: „explizite Widersprüche des Erzählers [...], „Diskrepanzen zwischen den Aussagen und den Handlungen eines Erzähler“; „Unstimmigkeiten zwischen den expliziten Fremdkommentaren des Erzählers über andere und seiner impliziten Selbstcharakterisierung bzw. unfreiwilligen Selbstentlarvung“; Diskrepanzen zwischen der Wiedergabe der Ereignisse durch den Erzähler und seinen Erklärungen und Interpretationen des Geschehens [...]“; „ Häufung von Leseanreden [...]“; syntaktische Anzeichen für einen hohen Grad an emotionaler Involviertheit (z.B. Ausrufe, Ellipsen, Wiederholungen)“; „eingestandene oder situativ bedingte Parteilichkeit [...].“ Besonders wichtig ist hierbei der Punkt der Selbstentlarvung: Die Art und Weise, wie ein Erzähler sich und andere beurteilt, lässt zugleich Rückschlüsse zu über dessen eigenes Selbstverständnis und Werte -und Normensystem. Das bedeutet für die Interpretation, dass er durch all seine Äußerungen Zusatzinformationen, und unfreiwillig und unbeabsichtigt Aufschluss über seine subjektive Sichtweise und oftmals verzerrte Einschätzung gibt.[11]

Dagmar Busch sieht die Perspektive als weitere mögliche Quelle von Unzuverlässigkeit, da sie Aufschluss über Motivationen von Handlungen und Äußerungen in der Vergangenheit gibt. Die Untersuchung der Fokalisierungsinstanz (also wer das Geschehen betrachtet) dient als weitere Quelle um Unzuverlässigkeit zu bestimmen. Hierbei kann zum einen die Perspektive des Erzählers ( erzählendes Ich; mit Erzählerkommentaren) als solche angesehen werden, welcher für die bewusste oder unbewusste Verzerrung der Darstellung in der Retrospektive verantwortlich ist oder der Protagonist bzw. Beobachter auf der Figurenebene (erlebendes Ich), dessen Erleben vor allem auf das past self[12] beruht, welches durch ein inakzeptables Weltbild gekennzeichnet ist und vom erzählenden Ich unkorrigiert wiedergegeben wird.

Gaby Allrath führt weitere Signale an, die für eine Identifizierung des Grades der Glaubwürdigkeit signifikant sein können. Betrachtet man die Beziehungen zu ihren Mitmenschen und Kommunikationsfähigkeit mit dem sozialen Umfeld so fällt auf, dass „viele der Protagonisten [...] gestört“ sind. Die innere Kommunikationsunfähigkeit drückt sich in äußerer Isolation aus. Sie werden als oftmals abgeschieden lebend, einsame Außenseiter beschrieben, welche sich nach Anerkennung sehnen. Der „mad monologist“ versucht häufig seine unterstellte Verrücktheit zu widerlegen, was jedoch dazu führt, dass der Rezipient ihn erst recht als unreliable einstuft.[13]

Weitaus wichtiger für die Beantwortung der Frage nach der der Glaubwürdigkeit ist nach Nünning die Benennung der normativen Bezugsrahmen, welche sich der Rezipient aus allen Informationen im Text bildet: Nünning führt an, dass es sich beim unreliabale narrator nicht um ein rein textimmanentes ( strukturell oder semantisch) Phänomen handelt, sondern um Unzuverlässigkeit zu beurteilen, spielen nicht allein die Informationen im Text , sondern außertextuelle Faktoren, also der Rezipient mit seinem allgemeinen Weltwissen sowie seinen Werten und Normen, eine wichtige Rolle. Das bedeutet nicht, dass ein Erzähler an sich unglaubwürdig ist, sondern dass es sich um eine Feststellung des Betrachters handelt: je nachdem wie sich seine eigenen Werte und Normen darstellen, stuft er den Erzähler als unglaubwürdig oder glaubwürdig ein. Nünning fasst die Kriterien in zwei Gruppen zusammen, die den Rezipienten dazu veranlassen die Glaubwürdigkeit einer Erzählinstanz in Zweifel zu ziehen: die erste Gruppe der kontextuellen frameworks umfasst alle frames of references, die „sich auf die Erfahrungswirklichkeit bzw. das in einer Gesellschaft vorherrschende Wirklichkeitsmodell beziehen. Hierzu zählen u.a. : „allgemeines Weltwissen“; das jeweilig historische Wirklichkeitsmodell [...]“; moralische und ethische Maßstäbe, die in ihrer Gesamtheit das in einer Gesellschaft vorherrschende Werte -und Normensystem konstituieren“; „[...] die Perspektive bzw. das Voraussetzungssystem des Rezipienten.“ Zur zweiten Gruppe zählen literarische Bezugsrahmen: „allgemeine literarische Konventionen“; „Konventionen einzelner Gattungen oder Genres“; [...] Referenzen auf spezifische Prätexte“; “stereotype Modelle literarischer Figuren“ sowie „das vom Leser konstruierte Werte –und Normensystem des jeweiligen Textes.“

[...]


[1] http://www.contemporarywriters.com/authors/?p=auth217 : 22.08.2006

[2] Bayer, Gerd (1999), “A sterile promontory” , Arachne, Bd. 6.1: 80

[3] Freiburg, Rudlof/Schleitker, Jan (1999), “Novel is a character” S. 201-217

[4] (Nünning 1998: 6)

[5] (Booth 1961: 158f.)

[6] (Prince 1987: 101)

[7] Stanzel (1979. 201f)

[8] Koch (1991: 168)

[9] Dagmar Busch teilt den homodiegetischen Erzähler nach dem Grad der Teilnahme am fiktiven

Geschehen: 1. der autodiegetische Erzähler, erlebt als Protagonist die erzählten Geschehnisse selbst und

ist daher am stärksten am Geschehen beteiligt, wobei 2. der Erzähler in Form eines Beobachters

geringeren oder gar keinen Anteil an den Erlebnissen hat.

[10] Manfred Jahn etwa führt in seiner Untersuchung Beispiele an, in der der auktoriale Erzähler als unzuverlässig bezeichnet wird (Jonathan Wild; The Warden; Barchester; Mill on the Floss).

[11] Nach Dagmar Busch täuscht der homodiegetische Erzähler oftmals „Allgemeinwissen“ vor, das heißt, er glaubt die Gedanken anderer Figuren zu kennen, jedoch stellt dies häufig nur eine Projektion seiner eigenen unbewussten Wünsche und Ängste dar. Häufig handelt es sich um psychisch kranke Erzähler, die mitunter als schizophren oder paranoid gedeutet werden.

[12] Busch bezieht sich auf das Cohns Modell, welcher self-narration in dissonant ( Erzähler erhellt seine früheren geistigen Wirrungen) und konsonant (Erzähler identifiziert sich rückblickend mit seinem past self) teilt. In der Mischung aus beiden Formen („self-deceiving narrator“) missversteht und belügt sich der Erzähler. Im self-narrated monologue identifiziert sich dieser mit seinem früheren Ich und spricht im Präteritum, wobei im self-quoted monologue seine füheren Gedanken missverständlich als gegenwärtige darstellt werden können.

[13] Gaby Allrath: „Textuelle Signale für die Ermittlung von Unreliable Narration

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Interpretation und Analyse der Kurzgeschichte Lucky von Jane Rogers
Hochschule
Universität Rostock  (Anglisitk/Amerikanistik)
Veranstaltung
Proseminar
Note
2,9
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V65841
ISBN (eBook)
9783638583169
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Interpretation, Analyse, Kurzgeschichte, Lucky, Jane, Rogers, Proseminar
Arbeit zitieren
Antje Brinckmann (Autor), 2006, Interpretation und Analyse der Kurzgeschichte Lucky von Jane Rogers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65841

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