Umschreibungen wie „Generation Null Bock“ oder „Generation Egotaktiker“, neuerdings auch „Generation Praktikum“, werden gern angeführt, wenn beispielsweise in den Printmedien oder in einschlägigen Boulevardmagazinen diejenige Alterskohorte beschrieben werden soll, deren Angehörige um 1980 bis 1990 herum geboren wurden. Stillschweigend wird davon ausgegangen, dass alle Kohortenangehörigen mit diesen polemischen Bezeichnungen erfasst werden können. Im Anschluss an das Oberseminar „Generationslagen und Jugendkulturen“ kann man jedoch die Frage stellen, ob man im Angesicht von oftmals prognostizierten Individualisierungstendenzen überhaupt noch von einer Generation im Sinne einer „einheitsstiftenden Instanz“ sprechen kann.
Die Aufgabe des vorliegenden Essays besteht dementsprechend darin, diese Frage zu reflektieren. Dazu erscheint es sinnvoll zu definieren, welcher Begriff von „Generation“ bei den Betrachtungen überhaupt im Mittelpunkt stehen soll. Es bietet sich an, auf die im Seminar behandelte Generationentheorie Karl Mannheims zurückzugreifen. Ein Dreivierteljahrhundert nach der Erstveröffentlichung seines bedeutenden Generationenaufsatzes „Das soziologische Problem der Generationen“ (1928) soll sein Ansatz auf Gültigkeit und Erklärungsgehalt geprüft werden.
Im ersten Teil dieses Essays soll daher Mannheims Generationenkonzept aufgegriffen und zunächst am Beispiel der deutschen Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts exemplifiziert werden. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht dabei das „Manifest der Freideutschen Jugend“, welches zur Jahrhundertfeier der Völkerschlacht bei Leipzig 1913 auf dem Hohen Meißner bei Kassel verlesen wurde.
Im Anschluss an diese Ausführung soll die Frage erörtert werden, ob und inwieweit das Mannheimsche Konzept zur Beschreibung moderner Jugend und ihrer Erscheinungsformen über Erklärungsgehalt verfügt.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Analyse des „Manifests der Freideutschen Jugend“ unter Rückgriff auf Mannheims Generationentheorie
- Das „Manifest der Freideutschen Jugend“
- Drei Schlüsselbegriffe: Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit
- Generationslagerung und Polarerlebnisse: Die Jugendbewegung im Spiegel ihrer historischen Voraussetzungen...
- Generationszusammenhang
- Generationseinheit...
- Zusammenfassung
- Überlegungen zur Erklärungskraft des Mannheimschen Theorieangebots bezüglich der Beschreibung heutiger Jugend und ihrer Erscheinungsformen
- Individualisierung
- Das Problem der Bestimmbarkeit von Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit
- Überlegungen zur Erklärungskraft des Mannheimschen Theorieangebots in speziellen Fällen
- Fazit
- Literatur
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Der vorliegende Essay befasst sich mit der Frage, ob das Konzept von „Generation“ im Sinne einer „einheitsstiftenden Instanz“ angesichts von Individualisierungstendenzen noch gültig ist. Dabei wird auf Karl Mannheims Generationentheorie zurückgegriffen, um deren Erklärungskraft in Bezug auf die Jugendbewegung und moderne Jugendformen zu untersuchen.
- Relevanz von Mannheims Generationentheorie für die Analyse von Jugendbewegungen
- Kritik und Analyse des Begriffs der „Generation“ im Kontext von Individualisierung
- Anwendbarkeit von Mannheims Theorie auf die heutige Jugend und ihre Erscheinungsformen
- Untersuchung der Schlüsselbegriffe „Generationslagerung“, „Generationszusammenhang“ und „Generationseinheit“
Zusammenfassung der Kapitel
Das erste Kapitel führt in das Thema ein und stellt die Frage nach der Bedeutung des Generationenbegriffs in der heutigen Zeit. Dabei wird auf die Generationentheorie von Karl Mannheim Bezug genommen.
Das zweite Kapitel analysiert das „Manifest der Freideutschen Jugend“ anhand von Mannheims Generationentheorie. Es werden die Schlüsselbegriffe „Generationslagerung“, „Generationszusammenhang“ und „Generationseinheit“ erklärt und im Kontext des Manifests untersucht.
Schlüsselwörter
Generationentheorie, Karl Mannheim, Jugendbewegung, „Manifest der Freideutschen Jugend“, Generationslagerung, Generationszusammenhang, Generationseinheit, Individualisierung, Jugendkultur.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Kern von Karl Mannheims Generationentheorie?
Karl Mannheims Theorie aus dem Jahr 1928 betrachtet Generationen nicht nur als biologische Alterskohorten, sondern als soziologische Einheiten, die durch gemeinsame historische und soziale Erlebnisse geprägt werden.
Was bedeutet der Begriff „Generationslagerung“?
Die Generationslagerung beschreibt die bloße Gemeinsamkeit des Geburtsjahrgangs und die damit verbundene Teilhabe an denselben historischen Rahmenbedingungen, ohne dass notwendigerweise ein Bewusstsein dafür vorhanden ist.
Was unterscheidet den „Generationszusammenhang“ von der „Generationslagerung“?
Im Gegensatz zur Lagerung entsteht ein Zusammenhang, wenn Individuen aktiv an denselben Schicksalszusammenhängen teilnehmen und eine gemeinsame Reaktion auf historische Ereignisse entwickeln.
Was versteht Mannheim unter einer „Generationseinheit“?
Generationseinheiten sind Untergruppen innerhalb einer Generation, die auf dieselben Erlebnisse in einer spezifischen, einheitlichen Weise reagieren und dadurch eine tiefere soziale Bindung aufbauen.
Ist Mannheims Theorie angesichts der heutigen Individualisierung noch relevant?
Der Essay untersucht genau diese Frage und prüft, ob Mannheims Konzepte trotz moderner Individualisierungstendenzen noch als „einheitsstiftende Instanz“ zur Beschreibung der Jugend taugen.
Welches historische Beispiel nutzt die Arbeit zur Veranschaulichung?
Die Arbeit exemplifiziert Mannheims Konzept am Beispiel der deutschen Jugendbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, insbesondere am „Manifest der Freideutschen Jugend“ von 1913.
- Quote paper
- B.A. Viola Schneider (Author), 2006, Karl Mannheim: Das soziologische Problem der Generation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65873