Selbstgesteuertes Lernen - Chancen und Risiken eines populären Konzeptes


Essay, 2006
10 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Selbstgesteuertes Lernen – Chancen und Risiken einer populären Idee

Dominierte in den 1960er und 1970er Jahren das Konzept der Erwachsenenbildung als „Lebenslanges Lernen für alle“ manifestiert als quartärer Bereich des Bildungssystems und war Erwachsenenbildung somit in erster Linie institutionell verortet[1], so stellte sich bald heraus, dass der Ausbau des quartären Sektors nach diesem Modell aufgrund von finanziellen Engpässen und damit verbundenen Kürzungen der Mittel nicht durchsetzbar war.[2] Zudem griffen, wie empirisch gezeigt wurde, nur ca. 50 % der erwachsenen Bevölkerung auf ein institutionalisiertes Weiterbildungsangebot zurück. Folgt man Jochen Kade, so taucht in diesem Zusammenhang der Begriff des „Selbstgesteuerten Lernens“ bereits seit den 1970er Jahren als Gegenkonzept zur institutionell und professionell gesteuerten Erwachsenenbildung im pädagogischen Diskurs auf[3] und hat bis heute kaum an Anziehungskraft verloren: Auch in der aktuellen Diskussion erhält das Konzept des „Selbstgesteuerten Lernens“ eine außergewöhnliche Attraktivität und Aktualität, gilt es doch als Schlüsselqualifikation, „[…] um gesellschaftliche Wandlungsprozesse und Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt lebenslang, kompetent und lernend meistern zu können.“[4]

Da in der themenbezogenen Fachliteratur hauptsächlich auf die Vorzüge selbstregulierten Lernens Bezug genommen wird, sollen in der vorliegenden Arbeit nach einer knappen Begriffseinordnung und einem Begründungsversuch für die Popularität des Konzepts einige problematische Aspekte dieser populären Idee skizziert werden.

1. Selbstgesteuertes Lernen – was ist das?

Ein erstes Problem mit dem Konzept des Selbstgesteuerten Lernens ergibt sich bereits, will man abgrenzen, in welchem Begriffsfeld man sich bewegt. Allein die im Seminar behandelten Texte wiesen ein wahre Fülle von Begriffen auf, wie zum Beispiel selbstgesteuertes Lernen, selbstorganisiertes Lernen, natürliches Lernen, Selbstlernkompetenz, Lernen en passant, informelles Lernen und dergleichen mehr. Zudem scheint es immer schwieriger zu werden, zu bestimmen, innerhalb welcher Kontexte man tatsächlich von einer Lernsituation oder von der Bildung Erwachsener sprechen kann.[5] Habe ich es tatsächlich schon mit Erwachsenenbildung zu tun, wenn ich mir beispielsweise selbstgesteuert etwas über Aufzucht und Pflege von Kakteen beibringe?

Einen ersten Einordnungsversuch kann man mit Karl Weber vornehmen. Dieser rekurriert in seine Ausführungen auf Knowles, der selbstgesteuertes Lernen als intentionalen Vorgang versteht, „ […] in dem die Individuen die Initiative ergreifen, eine Lernerfahrung planen, ihre eigenen Lernbedürfnisse diagnostizieren, Ressourcen organi­sieren und ihren Lernprozeß evaluieren.“[6]

Will man aber darüber hinaus einen einheitlichen Begriff selbstgesteuerten Lernens festhalten, erweist sich dies als problematisch: „Attraktiv erscheint das Konzept des selbstgesteuerten Lernens nicht zuletzt deswegen, weil es unscharf gefasst ist. Es kann je nach Situation und Interessenlage definiert und konkretisiert werden.“[7] Die Begriffe, mit denen in der Debatte des selbstgesteuerten Lernens operiert wird, sind damit weder einheitlich, noch konsistent.[8] In der unkritischen Übernahme dieses schillernden Konzepts liegt die Gefahr, dass der Begriff eingesetzt wird, ohne dass die Weiterbildungsakteure wissen, wovon sie genau reden.

Diese Situation zeichnete sich auch im Seminarverlauf im Kontext der Interviews ab, welche an verschiedenen Weiterbildungsinstitutionen des Ruhrgebiets geführt worden sind. So erwies sich, dass sich die Institutionen der Attraktivität des selbstgesteuerten Lernens sich zwar augenscheinlich beugten und versuchten, Elemente selbstgesteuerten Lernens in ihr Angebot mit aufzunehmen. Bei genauerer Betrachtung und Hinterfragung wurde jedoch evident, dass die Angebote, welche von den Institutionen als selbstgesteuert bezeichnet worden sind, wenig von tatsächlicher Selbststeuerung aufwiesen.[9] Doch was macht das Konzept des selbstgesteuerten Lernens so populär?

2. Mögliche Gründe für die Popularität des Konzepts des selbstgesteuerten Lernens

Im Zuge der aktuellen Fachdiskussion gewinnt das Konzept des selbstgesteuerten Lernens vor allem im Rahmen der Zeitdiagnose der Individualisierungstendenzen und dem Wandel der Gesellschaft zu einer Wissensgesellschaft zunehmend an Popularität.[10] Chancen selbstgesteuerten Lernens werden in Verbindung mit der Bildungsexpansion und der Dynamisierung des Berufsgefüges bei steigender Eigenverantwortung des Individuums gesehen. Die Protagonisten der Debatte um das selbstgesteuerte Lernen werden nicht müde zu betonen, dass im selbstgesteuerten Lernen die Antwort auf die Dynamisierung der Gesellschaft zu finden ist, der die institutionelle Weiterbildung nicht hinreichend Rechnung tragen kann.

[...]


[1] Vgl. Strukturplan für das Bildungswesen [1970]. Empfehlungen der Bil­dungskommission. Hrsg. vom Deutschen Bildungsrat. Stuttgart 1973. S. 26 und S. 30

[2] Vgl. Wittpoth, Jürgen: (Weiter-)Bildungssystem und Systembildung. S. 53 ff. In: Nittel, Dieter; Seitter, Wolfgang (Hrsg.): Die Bildung des Erwachsenen. Erziehungs- und sozialwissenschaftliche Zugänge. Festschrift für Jochen Kade. Bielefeld 2003. S. 53 – 67

[3] Vgl. Kade, Jochen; Seitter, Wolfgang: „Aneignung“, „Vermittlung“ und „Selbsttätigkeit“ – Neubewertung erwachsenendidaktischer Prinzipien. S. 32 f. In: Arnold, Rolf; Giseke, W. (Hrsg.): Die Weiterbildungsgesellschaft. Bildungstheoretische Grundlagen und Perspektiven Bd. 1.Neuwied 1999, S. 32 - 45

[4] Arnold, Rolf: Vorwort. S. 5. In: Kraft, Susanne (Hrsg.): Selbstgesteuertes Lernen in der Weiterbildung. Hohengehren 2002

[5] Vgl. Wittpoth, a.a.O., S. 56

[6] Weber, Karl: Selbstgesteuertes Lernen. Ein Konzept macht Karriere. In: Grundlagen der Weiterbildung. Jahrgang 7. Heft 4 1996. S. 178

[7] Weber, a.a.O., S. 178

[8] Verwiesen sei hier beispielhaft auf Dohmen, der zwar das „natürliche Lernen“ als Idealform des Lernens beschreibt, diese Form jedoch parallel zu pädagogisieren wünscht. Vgl. Dohmen, Günther: Informelles Lernen in der Freizeit. In: Spektrum Freizeit. Forum für Wissenschaft, Politik und Praxis, S. 18-27. Zu den unterschiedlichen Sachverhalten, die mit selbstgesteuertem Lernen bezeichnet werden vgl: Kraft, Susanne: Wenn viele vom Gleichen sprechen … Annäherung an die Thematik „Selbstgesteuertes Lernen“. S. 23. In: Kraft, Susanne, a.a.O., S. 16 - 30

[9] Hier sei nur kurz auf ein Weiterbildungsunternehmen hingewiesen, welches Computerbased Training als den Inbegriff selbstgesteuerten Lernens verstand, obwohl hier Lernmaterial im großen Maße fremdgesteuert aufbereitet wird, bevor es dem Lerner zugänglich gemacht wird. Auch muss der Lerner dem genauen Ablauf des Programms folgen, so dass man auch hier nicht von Selbststeuerung sprechen kann.

[10] Vgl. Weber, a.a.O, S. 181 f.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Selbstgesteuertes Lernen - Chancen und Risiken eines populären Konzeptes
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Pädagogik)
Veranstaltung
Implizite und explizite Bildung Erwachsener
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
10
Katalognummer
V65874
ISBN (eBook)
9783638583367
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstgesteuertes, Lernen, Chancen, Risiken, Konzeptes, Implizite, Bildung, Erwachsener
Arbeit zitieren
B.A. Viola Schneider (Autor), 2006, Selbstgesteuertes Lernen - Chancen und Risiken eines populären Konzeptes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65874

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Selbstgesteuertes Lernen - Chancen und Risiken eines populären Konzeptes


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden