Wandern - eine Möglichkeit des ästhetischen Naturerlebens und der Wahrnehmungssensibilisierung in der kunstpädagogischen Praxis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

23 Seiten, Note: 1


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Theoretischer Teil
1.1 Das Wesen des Wanderns
1.2 Motive und Formen des Wanderns
1.2.1 Wandern als Ausdruck des Denkens
1.2.2 Wandern als Auseinandersetzung mit Fremdem
1.2.3 Wandern als Suche nach ästhetischen Erfahrungen

2. Fachwissenschaftlicher Teil
2.1 Richard Longs Idee, das Wandern zur Kunst zu machen
2.2 Richard Long und das Wandern

3. Didaktischer Teil
3.1 Ausarbeitung eines Arbeitsblattes mit Bezug zur Naturpädagogik für den Fächerverbund Mensch, Natur und Kultur in der vierten Klasse der Grundschule
3.2 Arbeitsblatt
3.3 Erprobung und Auswertung des Arbeitsblattes

4. Literaturverzeichnis

1. Theoretischer Teil

1.1 Das Wesen des Wanderns

Wandern bezeichnet im eigentlichen Sinne das zu Fuß-Gehen in der Landschaft und wird im allgemeinen Sprachgebrauch manchmal auch als Synonym für das Reisen verwendet. Der Begriff Wandern zeichnet sich jedoch nicht nur durch das einfache Zurücklegen einer Strecke zwischen zwei voneinander entfernten Orten durch Zeit und Landschaft aus, sondern stellt gleichermaßen einen Prozess als auch einen Urtrieb dar, ohne den der ruhelose Mensch nicht existieren kann. Diesen Sachverhalt formulierte bereits im 17. Jahrhundert der Franzose Blaise Pascal: „Unsere Natur liegt in der Bewegung, die vollkommene Ruhe ist der Tod.“[1] Ausgehend von diesem Bedürfnis nach körperlicher Bewegung eröffnet das Wandern zudem einen Zugang zur Umwelt. Es bildet infolgedessen die wesentliche Grundlage für unmittelbare menschliche Eigen- und Welterfahrungen, die zu Erkenntnissen und Selbsterfahrungsprozessen führen können. Dies erkannte auch der überzeugte Wanderer Johann Wolfgang von Goethe, der diesbezüglich einst gesagt haben soll: „Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“[2] Im Wandern, der ureigensten menschlichen Art der Fortbewegung, erschließt der Mensch seine Umwelt durch seinen Körper bzw. seine Fußsohlen, sein Denken und seine ästhetische räumliche Wahrnehmung, indem er ihn nach Zeit, Ort sowie Entfernung erfährt und strukturiert.

Obwohl das Unterwegssein untrennbar mit der Geschichte der menschlichen Kultur verbunden ist, erzählt doch jede Wanderung als eine Form körperlicher und sinnlicher Erfahrung eine eigene, individuelle Geschichte, die durch Neugier am Fremden, Erkenntnis, Selbstfindung oder anderen Beweggründen motiviert ist. Hierdurch unterscheidet sie sich von anderen Wanderungen, lediglich die Übergangsrituale von Aufbruch – Passage – Ankunft sind bei allen Wanderungen oder Reisen gleich. Während der Aufbruch das Verlassen vertrauter Lebenskontexte darstellt und fordert, sich mit Fremdem einzulassen, sei es freiwillig oder gezwungenermaßen durch Vertreibung oder Verfolgung, so ist das Wesen der Passage geprägt durch das Unterwegssein zwischen Orten und Gemeinschaften auf der Suche nach Neuem, was weitere Sehnsüchte wecken kann. Der Prozess der Ankunft zeichnet sich durch das Knüpfen neuer Kontakte sowie einem Rollenwechsel aus, wobei jede Ankunft wiederum zu einem neunen Drang bzw. einer Sehnsucht nach Freiheit und Flucht, einem Aufbruch, führen kann.[3]

1.2 Motive und Formen des Wanderns

1.2.1 Wandern als Ausdruck des Denkens

Das selbstgenügsam scheinende Wanderleben der Nomaden, die das Lebensprinzip des Unterwegsseins als Weg des Erfahrens der Welt gegenüber der Sesshaftigkeit ’vorziehen’, oder der Aborigines, die Fußwanderungen durch das australische Outback als feierliches Ritual im Sinne einer Initiation ansehen und Gegenstände nur dann für gut heißen, wenn sie „den Gesetzen des Wanderns“[4] folgen, spiegeln die natürliche Existenzweise des Menschen wider, nämlich das Leben in der Passage. Dauerndes Umherwandern und Unterwegssein als Verwirklichung einer elementaren Lebensweise kann mit Blick auf die abendländische Kultur jedoch auch das Leben einer Außenseiterrolle bedeuten, welches mit Existenzlosigkeit und dem Verlust der eigenen Identität verbunden sein kann.

Auch beim Pilgertum (lat. peregrinus: Fremder) kommt dem Wander- bzw. Reisemotiv eine besondere Rolle zuteil. Der schamanische Charakter des konzeptuellen Wanderns als Aufgabe oder Prü-fung für den Pilger sowie die damit verbundenen Anstrengungen lassen sich bereits anhand eines Vergleiches der Wortbedeutungen des englischen Wortes travel (Reise) mit dem französischen travail (Arbeiten) erkennen, die beide auf einen gemeinsamen lateinischen Ursprung zurückgehen. Die Absichten einer religiösen, spirituel-len Wanderung sind immaterieller Natur, obwohl der Wandernde eine Bewusstseinsveränderung bzw. ein Sich-Öffnen für andere Formen der Er-kenntnis erfährt und durchlebt, die für ihn real sind.[5] Da beispielsweise der Islam selbst zwi-schen zwei Wanderungen Mohammeds entstand, seiner Flucht (Hijra) nach Medina und seiner Rückkehr (Haji) nach Mekka, kann das Wandern als ein Sakrament betrachtet werden. Die wandernden Pilger versprechen sich daher durch ihr Tun eine Läuterung der Seele, Erlösung, Heil und tiefgehende Erfahrungen, indem sie bestimmte Orte aufsuchen bzw. achtsam einen symbolisch-rituellen Fußmarsch unter bestimmten Anweisungen nachvollziehen, wie etwa die Hadsch bei Moslems oder bei Christen der Kreuzweg Christi nach Golgatha.

In diesem Zusammenhang stellt das Wandern „zu äußeren Horizonten“ auch eine Wanderung „zu inneren Horizonten“ von geistig-seelischen Vorgängen und Gotteserkenntnis dar.[6] Das Wandern derselben Route kann dabei das Denken schon dagewesener Gedanken bedeuten. „Statt wieder heraufbeschworen zu werden, können Gedanken sozusagen wiederaufgesucht werden, wie Dinge in einer Landschaft, die sich durch das Gehen eröffnet. Insofern kann man sagen, [dass] Gehen [und] Denken [unter diesem Gesichtspunkt zwei durchaus gleiche Begriffe sind].“[7]

Der Ursprung der Gleichsetzung des Gehens mit dem Denken reicht zurück bis zu den wandernden Mönchen des Zen-Buddhismus, die durch den Rhythmus des Körpers bzw. ihrer Schrittfolge während der (Geh-)Meditation inmitten einer Landschaft einen Rhythmus im Denken erzeugen. Dieser führt, so Rebecca Solnit „zu einem sonderbaren Gleichklang zwischen innerer und äußerer Bewegung, der die Vorstellung erweckt, auch der Geist sei eine Art Landschaft und das Gehen eine Art, sie zu durchqueren“[8], wodurch ein Gedankenfluss entsteht. Durch dieses erdverbundene Meditieren befreit sich der Geist von Überheblichkeit und Egozentrik und eröffnet einen unmittelbaren Zugang zur Natur und der Seele.

Der legende nach fand sich auch im antiken Griechenland in der von Aristoteles begründeten Schule der Peripatetiker (peripatein: umherwandeln) dieses Umherschweifen bzw. philosophische Wandern, welches das Gehen mit dem Denken verband. Unter dem Motiv der Wissenssuche führte das Gehen zu tiefgreifenden geistigen Erkenntnissen und Denkleistungen, als ob sich beide Rhythmen gegenseitig stützten. In diesem Kontext ist auch folgende Aussage von Thomas Bernhard hervorzuheben: „Wenn wir einen Gehenden genau beobachten, wissen wir auch, wie er denkt“[9].

Dass bei den Spaziergängen der Peripatetiker im Gegensatz zur pittoresken Bewegung um 1800 die intensive sinnliche Wahrnehmung sowie die unmittelbare äußere Naturerfahrung und -empfindung hinter der kognitiven Konzentration und Aufmerksamkeit zurückblieb, ist nicht zu bestreiten. Gehen und Denken bauen zwar aufeinander auf und verstärken sich, doch schließen sie sich in gewisser Hinsicht auch gegenseitig aus, denn die Aufmerksamkeit beim Gehen ist entweder primär auf das Denken bzw. die Eigenwahrnehmung des Körpers oder auf die sinnliche Wahrnehmung der Umgebung gerichtet.[10]

1.2.2 Wandern als Auseinandersetzung mit Fremdem

Es ist unbestritten, dass die philosophischen Spaziergänge der Peripatetiker wohl in den seltensten Fällen mit Abenteuern, eventuellen Wagnissen oder dem Gefühl der räumlichen Fremdheit verbunden waren. Freilich wussten sich die Menschen in der Antike oder auch im Mittelalter von Gefahren wie Hunger, Durst, Krankheit oder Tod bedroht, doch um wie viel mehr der reisende Pilger oder rastlose Wanderer in der Fremde, wie beispielsweise Ibn Battuta, Wilhelm von Rubruk oder Marco Polo.

Letzterer sah auf seiner vier Jahre dauernden Wanderung nach China Landschaften, die zuvor kein Europäer erblickt hatte. Seinen Lebensweg und seine gesammelten Wegeindrücke hielt Marco Polo in seinen Karten und Textarbeiten bzw. Reiseberichten fest, die, auch wenn sie von der neueren Forschung in Bezug auf ihre Authentizität in Frage gestellt werden, den Europäern einen ersten maßgeblichen Eindruck vom Leben im Fernen Osten vermittelten. Aus seiner ursprünglich als Handelsreise beabsichtigten Wanderung wurde eine Entdeckungsreise ins Fremde. Doch was bedeutet es, fremd bzw. in der Fremde zu sein?

Marco Polos Wanderungen sind von einer großen Aufgeschlossenheit gegenüber dem Fremden, der Bereitschaft, sich Neuem zu öffnen als auch einer kaum zu befriedigenden Neugier geprägt, die ihn aufmerksam Menschen und Länder beobachten lassen.[11] Das Verhalten eines wandernden Reisenden in einem fremden Erfahrungsraum kann jedoch ebenso mit Angst, Ablehnung, Distanz oder stereotypischen Erwartungsmustern behaftet sein. Das Empfinden des Fremden als etwas Andersartiges, Unbekanntes, Unzugängliches oder gar Unheimliches ist in diesem Zusammenhang ein Phänomen, das von der historischen, persönlichen und sozialen Identität des Wanderers abhängt, die erst die Fremdartigkeit des Anderen bzw. des Neuen verursachen.

Die Grundlage für das Gewinnen neuer Erfahrungen und das Erschließen von Erkenntnissen ist folglich eine ausgeprägte Weltoffenheit, die ein Durchschauen des eigenen Wahrnehmungsverhaltens und dessen Bereicherung ermöglichen kann. In den meisten Fällen ist dies mit einer Sensibilisierung der Wahrnehmung gegenüber dem Fremden und der Natur verbunden. Das bewusste Auseinandersetzen mit Fremdem sowie das Ablegen vertrauter Orientierungsmuster kann zudem unterschiedliche Sinneseindrücke ermöglichen und darüber hinaus Hermeneutik-vorteile in Bezug auf das Fremde schaffen.[12]

[...]


[1] Bianci: Ästhetik des Reisens. In: Kunstforum International: Bd. 136 / 1997, S. 64

[2] Wandern. In: http://de.wikibooks.org/wiki/Wandern#Wandern_mit_Kindern (zuletzt überprüft am 5.2.2006)

[3] Vgl. Bianci, Paolo: Ästhetik des Reisens. In: Kunstforum International: Bd. 136 / 1997, S. 79, S. 111, S. 225

[4] Eikhoff: Welt erfahren. In: ebd., S. 102

Dinge, die nicht kontinuierlich in Bewegung sind, getauscht oder verschenkt werden, gelten als schädlich.

[5] Vgl. Bey: Zen im Gehen. In: ebd.,S. 198

[6] Ebd., S. 202

[7] Solnit: Walking and Thinking and Walking. In: ebd., S. 123

[8] Ebd., S. 119

[9] Bernhard: Gehen, Frankfurt am Main 1971, S. 84 f. In: Geiseler, S. 115

[10] Vgl. Geiseler, S. 123

[11] Vgl. Ohler, S. 179

[12] Vgl. Behme, S. 7

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wandern - eine Möglichkeit des ästhetischen Naturerlebens und der Wahrnehmungssensibilisierung in der kunstpädagogischen Praxis
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (Fakultät I)
Note
1
Autor
Jahr
2006
Seiten
23
Katalognummer
V65898
ISBN (eBook)
9783638586924
Dateigröße
2320 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandern, Möglichkeit, Naturerlebens, Wahrnehmungssensibilisierung, Praxis
Arbeit zitieren
Matthias Frede (Autor), 2006, Wandern - eine Möglichkeit des ästhetischen Naturerlebens und der Wahrnehmungssensibilisierung in der kunstpädagogischen Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65898

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wandern - eine Möglichkeit des ästhetischen Naturerlebens und der Wahrnehmungssensibilisierung in der kunstpädagogischen Praxis



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden