„Das Selbstbestimmungsrecht soll über der Behandlungspflicht des Arztes stehen (Artikel der Süddeutschen Zeitung Nr.125 vom Freitag dem 3. Juni 2005).“ Der Artikel der Süddeutschen Zeitung erläutert, dass der Nationale Ethikrat die Selbstbestimmung des Menschen stärken will. Dies dürfe jedoch nicht dazu führen, dass das Verbot der aktiven Sterbehilfe in Frage gestellt werden soll. Abgesehen von vielen rechtlichen Unklarheiten, die in dieser rein moralischen Diskussion vernachlässigt werden sollen, stellt sich nach der Lektüre dieses Artikels folgende Frage: Wieso wird die Diskussion um die Zulassung der aktiven Sterbehilfe dermaßen vehement verhindert?
Als die deutsche Justizministerin Brigitte Zypries einen Gesetzesentwurf vorstellte, der die Selbstbestimmung des Patienten in den Mittelpunkt rückte, sah sie sich aufgrund der immensen Kritik sogar dazu gezwungen, den Entwurf zurückzuziehen. Diese Ablehnung gegenüber dem Thema aktive Sterbehilfe seitens der Politik entspricht aber nicht dem, was die Gesellschaft/ die einzelne Person / der Patient gegenüber dem Thema empfindet.
In anderen Ländern, wie zum Beispiel Holland, führte der gesellschaftliche Wunsch nach einer anderen moralischen Einstellung gegenüber diesem Thema sogar zu einer mittlerweile geänderten Gesetzeslage.
Somit darf dieses Thema nicht als „moralisch bedenklich“ in einer Schublade der Ethikkommission landen, sonder muss offen diskutiert werden. Die folgende Diskussion soll versuchen die gängigsten Argumente kritisch zu hinterfragen und gegeneinander zu stellen. Ziel dieser Diskussion kann kein Ergebnis sein, welches Allgemeingültigkeit besitzt, da die Moralvorstellungen eines jeden Einzelnen dazu viel zu verschieden sind, es soll mehr zum eigenen Nachdenken über das Thema aktive Sterbehilfe anregen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Arzt-Patient-Beziehung im Kontext der aktiven Sterbehilfe
2.1 Paternalistisches Modell
2.2 Informatives Modell
2.3 Interpretatives Modell
2.4 Deliberatives Modell
3. Argumente der Befürworter und Gegenargumente der Kritiker
3.1 Patientenautonomie als höchstes Prinzip
3.2 Wert des menschlichen Lebens
3.3 Umgang mit Schmerz und Krankheit
3.4 Religiöse und gesellschaftliche Aspekte
4. Problematik der geistigen Urteilsfähigkeit
5. Rolle der Angehörigen und des medizinischen Personals
6. Moralische Rechtfertigung und der hippokratische Eid
7. Gefahr des Missbrauchs und internationale Perspektive
8. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die moralische Rechtfertigung der aktiven Sterbehilfe unter besonderer Berücksichtigung des Selbstbestimmungsrechts des Patienten und analysiert dabei das Spannungsfeld zwischen individueller Autonomie und der ärztlichen Fürsorgepflicht.
- Analyse der Arzt-Patient-Beziehung nach den Modellen von Emanuel/Emanuel
- Ethische Abwägung zwischen Patientenautonomie und dem Wert des menschlichen Lebens
- Kritische Betrachtung der Rolle von Schmerz, Krankheit und religiösen Überzeugungen
- Diskussion der Problematik der Urteilsfähigkeit bei geistig eingeschränkten Patienten
- Auseinandersetzung mit dem hippokratischen Eid im Kontext des Lebensendes
- Reflektion über Missbrauchsgefahren und internationale rechtliche Entwicklungen
Auszug aus dem Buch
Die vier gängigen Modelle einer Arzt- Patient- Beziehung nach Emanuel/Emanuel
Das paternalistische Modell lässt Zweifel aufkommen ob überhaupt von einer Beziehung die Rede ist, da der Arzt dem Patienten wissentlich Informationen verschweigt und sich über die Moralvorstellungen seines Patienten nicht im Klaren ist, um den Heilungsplan zu erstellen, der ihm als Arzt am sinnvollsten erscheint.
Da sich der Patient beim informativen Modell seiner Wertevorstellungen bewusst ist, bleibt dem Arzt nur die Rolle des Informierenden, gleich einem Lexikon, dass nur benutzt wird um Wissen zu erfahren, aber nicht um zu werten.
Eine Mittelstellung nimmt in dieser Diskussion das interpretative Modell ein. Der Patient, der sich seiner Wertvorstellungen nicht im Klaren ist, erarbeitet diese zusammen mit seinem Arzt und kann darauf hin die weiteren Behandlungsmaßnahmen selbst bestimmen. Der Arzt fungiert somit als eine Art Berater.
Das letzte Modell, das deliberative, lässt den Arzt als einen Art Freund oder Wegbegleiter erscheinen. Er hilft dem Patienten sich seiner Wertvorstellungen bewusst zu werden und ihm somit bei der Auswahl und Bestimmung der Behandlungsziele zu helfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die aktuelle Debatte um Sterbehilfe in Deutschland ein und verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen individueller Selbstbestimmung und politisch-gesellschaftlicher Ablehnung.
2. Die Arzt-Patient-Beziehung im Kontext der aktiven Sterbehilfe: In diesem Kapitel werden vier theoretische Modelle der Arzt-Patient-Kommunikation vorgestellt, um aufzuzeigen, wie die jeweilige Beziehungsstruktur die Autonomie des Patienten beeinflusst.
3. Argumente der Befürworter und Gegenargumente der Kritiker: Dieses Kapitel stellt die ethischen Positionen gegenüber, wobei insbesondere das Prinzip der Patientenautonomie mit dem absoluten Lebensschutz kollidiert.
4. Problematik der geistigen Urteilsfähigkeit: Hier wird diskutiert, inwieweit Patienten mit psychischen Erkrankungen oder kognitiven Einschränkungen in der Lage sind, eine validierte Entscheidung für die aktive Sterbehilfe zu treffen.
5. Rolle der Angehörigen und des medizinischen Personals: Es wird analysiert, welchen Einfluss das soziale Umfeld und die emotionalen Befindlichkeiten von Angehörigen auf die Sterbewünsche von Patienten haben können.
6. Moralische Rechtfertigung und der hippokratische Eid: Das Kapitel hinterfragt die Interpretation des hippokratischen Eids und diskutiert, ob aktive Sterbehilfe einen Verrat an der ärztlichen Ethik darstellt.
7. Gefahr des Missbrauchs und internationale Perspektive: Hier werden Risiken wie Fremdbestimmung und kommerzielle Auswüchse thematisiert und Erfahrungen aus Ländern wie Holland kritisch betrachtet.
8. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die ethische Ambivalenz zusammen und plädiert für einen sensiblen, globalen Diskurs über das Recht auf Hilfe am Lebensende.
Schlüsselwörter
Aktive Sterbehilfe, Patientenautonomie, Medizinethik, Arzt-Patient-Beziehung, Selbstbestimmungsrecht, Sterben, Paternalismus, hippokratischer Eid, Lebensschutz, Euthanasie, moralische Rechtfertigung, Urteilsfähigkeit, Schmerztherapie, medizinische Ethik, Sterbewunsch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der moralischen Rechtfertigung der aktiven Sterbehilfe und hinterfragt, ob das Selbstbestimmungsrecht des Patienten ein ausreichendes Argument für deren Zulassung ist.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Felder sind die ethische Struktur der Arzt-Patient-Beziehung, das Spannungsfeld zwischen Leben und Autonomie sowie die Missbrauchsgefahren bei der Umsetzung von Sterbehilfe.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Kernfrage lautet: Lässt sich die aktive Sterbehilfe mit dem Verweis auf die Autonomie des Patienten moralisch rechtfertigen?
Welche wissenschaftlichen Modelle werden zur Analyse verwendet?
Zur Untersuchung der Arzt-Patient-Interaktion werden die vier Modelle nach Emanuel/Emanuel herangezogen: das paternalistische, informative, interpretative und deliberative Modell.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene ethische Pro- und Contra-Argumente, untersucht den Einfluss von Krankheit und Schmerz auf den Patientenwillen und diskutiert die moralische Vereinbarkeit mit dem ärztlichen Eid.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Patientenautonomie, Arzt-Patient-Beziehung, Selbstbestimmungsrecht, moralische Rechtfertigung und die Problematik des Missbrauchs.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des hippokratischen Eids?
Die Autorin argumentiert, dass der Eid nicht nur als Verbot der Lebensbeendigung, sondern auch als respektvoller Umgang mit dem natürlichen Wunsch nach einem würdigen Sterben interpretiert werden kann.
Warum wird die Situation in Holland in der Arbeit erwähnt?
Holland dient als Fallbeispiel für eine geänderte Gesetzeslage, wobei die Arbeit insbesondere kritische Aspekte wie die Enttabuisierung und das Risiko von "Suizidpackungen" hervorhebt.
Welche Rolle spielt die Urteilsfähigkeit bei der Argumentation?
Die Arbeit thematisiert die Schwierigkeit, bei geistig kranken oder behinderten Menschen zwischen einem freien Wunsch und einer krankheitsbedingten Beeinflussung der Entscheidung zu unterscheiden.
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- Anke Michl (Author), 2005, Lässt sich die aktive Sterbehilfe mit dem Verweis auf die Autonomie des Patienten moralisch rechtfertigen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65901