"United we stand!" war nach den Septemberanschlägen auf das World Trade Center 2001 die in New York City fast allgegenwärtig plakatierte und landesweit proklamierte Reaktion angesichts einer neuen, bisher kaum wahrgenommenen Bedrohung des amerikanischen Gemeinwesens: Terror.
Die innenpolitische Reaktion war schnell: Für seine Bekämpfung, den "War on Terror", wurde eigens mit großer überparteilicher Übereinstimmung ein neues Ministerium geschaffen, das "Department of Homeland Security", dessen zahlreiche Unterabteilungen ehemals einzelstaatliche Kompetenzen im Bereich der Innen-und Sicherheitspolitik unter dem Dach einer gemeinsamen Bundesbehörde bündeln, um derart den Kampf gegen den Terror effizienter führen zu können.
Der Slogan "United we stand!" wurde zugleich zum Sinnbild und Ausdruck für eine Vielzahl unterschiedlichster Assoziationen und Initiativen; Bürgersinn und Bürgerengagement erlebten in New York City wie im ganzen Land eine Renaissance und für einige Wochen und Monate schien die amerikanische Gesellschaft wieder zur jener "lebensweltlich erfahrbaren Gemeinschaft" zurückgefunden zu haben, welche die Kommunitarier in der Gegenwart vermißten und die als Gegenstand politikwissenschaftlicher Theoriebildung wie zivilgesellschaftlichen Engagements in der jüngeren Vergangenheit eine beachtliche Karriere durchlaufen hatte.
Nachdem das Konzept der "Community" als Gegenentwurf zu den liberalen Gesellschaftskonzepten der 1960er Jahre mit der Kommunitarismus-Liberalismus-Debatte "[..] die letzte große Kontroverse in der politischen Theorie im ausgeklungenen Jahrtausend“ befeuerte, dem US-Wahlkampf Bill Clintons 1992 theoretisches Geschirr für die Wiedergewinnung weiter Wählerschichten der politischen Mitte geliefert hatte, schien mittlerweile eine Phase stiller Re-Akademisierung eingetreten zu sein.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: United we Stand! – Die neue Gemeinschaft in der US-Gesellschaft nach 9/ 11
2. A Hole in the World - 11. 9. 2001
2.1. Rückblick
2.2. Das Ereignis 9/ 11
2.3. Innenpolitische Reaktionen
2.4. "Patriot-Debates"
3. Kommunitarismus in den USA
3.1. Versuch einer Definition zwischen Sandel und Etzioni
3.2. Gemeinsamkeiten kommunitarischen Denkens
3.3. Phasen kommunitarischen Denkens
3.4. In der Diaspora: Der US-Kommunitarismus nach 9/ 11
4. Michael Walzer:
4.1. Zur Person
4.2. Walzers Liberalismus-Kritik und die Kritik am Kommunitarismus
4.3. Walzers Liberalismus-Konzeption
4.4. Gemeinschaft, Staat und Terror
5. Schlußbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie der US-Kommunitarismus auf die durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 induzierten politischen Veränderungen und die damit einhergehende Einschränkung bürgerlicher Freiheiten reagiert. Ziel ist es zu analysieren, ob kommunitarische Konzepte von Gemeinschaft und Gemeinsinn in den "Patriot-Debates" zur Anwendung kommen oder ob sich die Strömung in einer akademischen Abgeschiedenheit befindet.
- Die Auswirkungen von 9/11 auf das amerikanische innenpolitische Gefüge
- Die theoretischen Grundlagen und die Vielfalt des US-Kommunitarismus
- Kritische Analyse der Liberalismus-Kritik von Michael Walzer
- Das Spannungsfeld zwischen staatlicher Sicherheit und individuellen Freiheitsrechten
- Die Rolle von gesellschaftlichen Gruppen und Assoziationen in der politischen Theorie
Auszug aus dem Buch
4.2. Die kommunitarische Kritik: Kritik am Liberalismus.
In seinem Traktat "A Communitarian Critique" stellt Walzer die Kritik am Liberalismus einer kritischen Reflexion der Grundlagen kommunitarischer Kritik hinten an: Walzer unterscheidet zwei in der kommunitarischen Liberalismus-Kritik immer wiederkehrende Grundargumente, die sich allerdings wechselseitig ausschließen und in der Folge die kommunitarische Kritik in ihrer Gesamtwirkung schwächen.
Der Liberalismus wird in der kommunitarischen Bewegung unterschiedlich rezipiert: In einem Falle wird die Prämisse, daß liberale Theorie angemessen die gegenwärtigen Lebenswelten abbilde, akkzeptiert. Die liberal gedachte Fragmentierung der Gesellschaft in atomisierte Individuen wird von einer Gruppe Kommunitaristen als zutreffende Gegenwartsanalyse akkzeptiert, welche die Gemeinschaft als naturwüchsigen Rück(be)zugspunkt fortschreitender Dissoziation idealisiert und zugleich die Rückkehr zur Gemeinschaft als Ausweg aus einer Krise der Gegenwart beschwört.
Im anderen Falle wird die attestierte Atomisierung der Gesellschaft als Trugbild verworfen: Der Liberalismus verfälsche in dieser Lesart die tatsächliche gesellschaftliche Praxis, stelle aber trotzdem eine Gefahr da. Entgegen dem eigentlichen Erscheinungsbild, so die zweite Gruppe kommunitarischer Kritiker, wird die Gesellschaft tatsächlich von einer kommunitären Substruktur unterlegt. Die eigentliche Gefahr des Liberalismus liegt Walzer zufolge in der Negation dieser oftmals unterschlagenen, aber doch existenten kommunitären Grundstruktur der Gesellschaft: "The liberal ideology of separatism cannot take personhood and bondedness away from us. What it does take away is the sense of our personhood and bondedness, and this deprivation is then reflected in liberal politics."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: United we Stand! – Die neue Gemeinschaft in der US-Gesellschaft nach 9/ 11: Einführung in die gesellschaftliche Zäsur nach den Anschlägen und Darstellung der Forschungsfrage hinsichtlich der Reaktionen des Kommunitarismus.
2. A Hole in the World - 11. 9. 2001: Historischer Rückblick auf den 11. September 2001, die innenpolitischen Konsequenzen und die darauf folgenden "Patriot-Debates".
3. Kommunitarismus in den USA: Überblick über das kommunitarische Denken unter besonderer Berücksichtigung der Ansätze von Michael Sandel und Amitai Etzioni sowie eine Einordnung in historische Phasen.
4. Michael Walzer:: Detaillierte Analyse des Werks von Michael Walzer, insbesondere seiner Liberalismus-Kritik und seiner theoretischen Konzeption von Gemeinschaft im Kontext von Sicherheit und Staat.
5. Schlußbetrachtung: Fazit der Arbeit mit der Feststellung, dass der zeitgenössische Kommunitarismus kaum direkten theoretischen Bezug zu den konkreten sicherheitspolitischen Debatten der Post-9/11-Ära aufweist.
Schlüsselwörter
Kommunitarismus, Michael Walzer, 9/11, Patriot Act, US-Gesellschaft, Gemeinschaft, Liberalismus, Bürgerrechte, Innere Sicherheit, Politikwissenschaft, Patriot-Debates, Zivilgesellschaft, Individualrechte, Theoriebildung, Staatswesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Reaktionen des US-Kommunitarismus auf die innenpolitischen Veränderungen in den USA nach den Anschlägen vom 11. September 2001.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen zählen der Kommunitarismus als politische Theorie, der Liberalismus-Diskurs, die staatliche Sicherheitspolitik (Patriot Act) und die Rolle der Zivilgesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, warum sich der US-Kommunitarismus in der Debatte um Freiheitsrechte und staatliche Überwachung nach 9/11 weitgehend unbeteiligt oder "bezugslos" verhält.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer diskursanalytischen Untersuchung der Schriften führender Kommunitaristen, insbesondere von Michael Walzer.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit den Grundlagen des Kommunitarismus, einer biographischen und werkbezogenen Analyse von Michael Walzer sowie der Diskussion um Freiheit und Sicherheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kommunitarismus, 9/11, Patriot Act, Gemeinschaft, Liberalismus-Kritik und Zivilgesellschaft definiert.
Warum widmet sich die Arbeit spezifisch Michael Walzer?
Walzer gilt als einer der wichtigsten Vertreter des Kommunitarismus, dessen "Art of Separation" einen Schlüssel zum Verständnis seines (fehlenden) Engagements in den spezifischen Sicherheitsdebatten bietet.
Was ist das Ergebnis der Untersuchung bezüglich des Kommunitarismus?
Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass der US-Kommunitarismus zwar an akademischer Vielfalt besitzt, aber aktuell keinen direkten theoretischen Anschluss an die Debatten um den Patriot Act findet.
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- David Krumwiede (Author), 2006, Der US-Kommunitarismus nach 9/11: Michael Walzer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65939