Migration und Alterssicherung


Diplomarbeit, 2006
79 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2. Die Alterssicherung in der Bundesrepublik Deutschland
2.1 Determinanten der Bevölkerungsentwicklung
2.2 Migration
2.2.1 Migrationstheorien
2.2.2 Ökonomische Migrationstheorien
2.2.3 Migrationstheorien mit unterschiedlicher Qualifizierung

3 Migrationsmodelle und umlagefinanzierte Alterssicherung
3.1 Migrationsmodell mit unterschiedlicher Qualifizierung
3.2 Das Modell des Medianwählers mit fixiertem Rentenbetrag
3.2.1 Der kurzsichtige Medianwähler
3.2.2 Der rationale Medianwähler
3.2.3 Wohlfahrtsoptimale Immigrationspolitik
3.2.4 Modell des Medianwählers mit fixiertem Arbeitnehmerbeitrag
3.3 Migrationsmodell mit Land
3.3.1 Migrationsmodell mit Land und konstantem Arbeitnehmerbeitrag
3.3.2 Variation des Arbeitnehmerbeitrags
3.3.3 Migrationsmodell mit Land und konstantem Rentenbetrag
3.3.4 Variation des Rentenbetrags
3.4 Median- versus Meaneinkommen
3.4.1 Der Steuerbasiseffekt
3.4.2 Der Effekt der politischen Partizipation
3.4.3 Der totale Effekt der Migration
3.5 Zusammenfassung

4 Ausblick

Literaturverzeichnis

Erklärung

Kapitel 1

Einleitung

Die Rentenreform von 1957 führte in der Bundesrepublik Deutschland das umlagefinanzierte Rentensystem ein. Heute, fast 50 Jahre später, ist der bekannte Ausspruch von Konrad Adenauer: “Kinder haben die Leute immer“ nicht mehr zutreffend. Der Druck auf die umlagefinanzierten Rentensysteme wächst immer weiter an. Immer weniger Kindern stehen immer mehr ältere Personen gegenüber.

Dies führt zu zwei grundlegenden Problemen. Zum einen entsteht das Problem der Finanzierung des Umlageverfahrens. Dessen Rendite ist unter anderem durch die Wachstumsrate der Bevölkerung determiniert.

Zum anderen ändert sich mit zunehmendem Alter das politische Wahlverhalten, welches auf die individuelle Nutzenmaximierung ausgerichtet ist. In diesem Zusammenhang steht dann auch die bevorzugte Immigrationspolitik.

In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie sich Migrationsbewegungen auf das umlagefinanzierte Rentensystem auswirken und welche Relevanz dies für die jeweilige Wählerposition hat.

Hierzu wird zuerst in Kapitel Zwei die grundlegende Problematik des umlagefinanzierten Rentensystems der Bundesrepublik Deutschland analysiert und die drei Determinanten der Bevölkerungsentwicklung aufgelistet.

Da die Migration zu den Kernpunkten dieser Arbeit gehört, wird diese Thematik in einem separaten Kapitel ab (2.2) bearbeitet. Von einigen generellen Migrationsursachen und Auswirkungen wird zu allgemeinen Migrationstheorien übergeleitet. Im weiteren Verlauf werden unterschiedliche ökonomische Migrationtheorien auf mikro- und makroökonomischer Ebene vorgestellt. Schließlich werden Migrationstheorien mit einer Differenzierung hinsichtlich unterschiedlicher Qualifikationen behandelt und damit zu Kapitel Drei übergeleitet.

Kapitel Drei beschäftigt sich mit der formalen und ökonomischen Darstellung von Migrationsmodellen bei umlagefinanzierter Alterssicherung. Hierbei werden zuerst Migrationsmodelle mit unterschiedlicher Qualifikation diskutiert.

Es folgt das Modell des Medianwählers mit fixiertem Rentenbetrag sowie einer Untergliederung in kurzfristige, rationale und wohlfahrtsoptimale Immigrationspolitik. Danach wird das gleiche Modell mit fixiertem Arbeitnehmerbeitrag vorgestellt.

Eine Erweiterung der Analyseebene um den Produktionsfaktor Land wird im nächsten Unterkapitel vorgenommen. Die Differenzierung bei fixiertem Arbeitnehmerbeitrag und fixiertem Rentenbetrag nebst Variation dieser Größen wird im weiteren Verlauf betrachtet.

Im nachfolgenden werden der Steuerbasiseffekt und der Effekt der politischen Partizipation im Zusammenhang von Median- versus Meaneinkommen analysiert. Anschließend werden diese beiden Effekte zusammen geführt. Kapitel Drei schließt mit einer stichpunktartigen Zusammenfassung.

In Kapitel Vier werden abschließend kontroverse Diskussionspunkte und vermeintliche Lösungsansätze für die Problematik des umlagefinanzierten Rentensystems der Bundesrepublik Deutschland aufgelistet. Zu letzt erfolgt ein Ausblick auf einige zusätzliche Probleme, die im Zeitablauf auftreten können.

Kapitel 2

2. Die Alterssicherung in der Bundesrepublik Deutschland

Ein Wohlfahrtssystem konstituiert sich durch die Entwicklung eines Sozialversicherungssystems, zu dessen Grundlagen neben der Kranken –Sozial- und Arbeitslosenversicherung, Arbeitsschutzgesetzen auch die Rentenversicherung gehört.[1] ) Der Begriff Wohlfahrt misst im ökonomischen Sinne das Wohlbefinden bzw. den Wohlstand eines Landes. Die Bundesrepublik Deutschland[2] ) bietet seinen Bewohnern eine umfangreiche soziale Absicherung. Das Fürsorgeprinzip (z.B. Sozialhilfe), das Versorgungsprinzip (z.B. Bafög, Kindergeld) und das Versicherungsprinzip bilden zusammen die Prinzipien der Absicherung.

Das Versicherungsprinzip beinhaltet Leistungen zur gesetzlichen Renten- Kranken- Unfall- und Arbeitslosenversicherung und wird nach dem so genannten Äquivalenzprinzip betrieben. Hierbei ist die Höhe der Leistung von der Dauer der Zahlung und deren Beitragshöhe abhängig.[3] )

Die einzelnen Staaten und Länder unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Transferzahlungen und damit auch hinsichtlich ihrer jeweiligen Rentenversicherungssysteme. Es existiert ein signifikanter Zusammenhang zwischen der Höhe der Transferzahlungen und dem wahrscheinlichen Armutsrisiko im Alter.[4] )

Die unterschiedlichen Rentensysteme können nach dem Drei-Säulen-System geordnet werden. Zu der ersten Säule der Alterssicherung zählt das umlagefinanzierte System. Hierbei werden alle gegenwärtigen Beitragszahlungen, die von der Höhe der Beitragssätze und damit von dem Bruttoeinkommen und der Zahl der Beitragszahler abhängen, zur Finanzierung der heutigen Rentenzahlung genutzt. Die Höhe der Rente (Pension) bemisst sich aber nicht nur nach den eigenen Beiträgen. Sie ist auch abhängig von der aktuellen Entwicklung der Bruttolöhne.

Die Rentenversicherung in Deutschland ist seit 1957 zum größten Teil nach dem umlagefinanzierten System aufgebaut.[5] ) Diese Arbeit fokussiert in den nachfolgenden Kapiteln auf das Umlageverfahren.

Die beiden weiteren Säulen werden der Vollständigkeit halber nur kurz erwähnt. Die zweite Säule besteht aus einer kapitalgedeckten Zusatzversicherung. Staat, Unternehmen und private Haushalte investieren auf dieser Ebene in die Altersvorsorge. Diese individuelle Vermögensbildung ist in der Schweiz und in den Niederlanden sehr verbreitet. Die dritte Säule beschreibt die rein private Versorgung, wie sie z.B. in den USA üblich ist.[6] )

2.1 Determinanten der Bevölkerungsentwicklung

Die Alterssicherung in umlagefinanzierten Systemen und die drei zentralen Determinanten der Bevölkerungsentwicklung stehen im direkten Verhältnis zueinander und bedingen sich gegenseitig.[7] )

Zu den Determinanten, die auf die Bevölkerungszahl einwirken, zählen Mortalität und Lebenserwartung, das Reproduktionsverhalten und die damit einhergehende Fertilitätsrate sowie die Migrationsbewegungen. Eine detaillierte Untersuchung der Migration wird in den Kapiteln 2.2 bis 2.2.2 vorgenommen.

Die heutigen Angestellten und Arbeitnehmer (im Folgenden Arbeiter genannt) bringen die Beitragszahlungen für die heutigen Rentner auf, wobei das Arbeitsangebot unter anderem von dem Bevölkerungswachstum, der Erwerbsquote und der Strukturierung der Arbeitszeit abhängt.

Das umlagefinanzierte System befindet sich im Kreislauf und Spannungsfeld zwischen Arbeitern, Rentner und Bevölkerungsentwicklung.[8] )

Die Bevölkerung wird immer älter.

Die Ursachen für eine Verlängerung der Lebenszeit sind komplex. Medizinischer Fortschritt (medizinische Versorgung, Hygiene) und verbesserten Lebensbedingungen (Ernährungs- und Gesundheitsverhalten) sowie Einkommens- und Bildungswandel verschieben das Sterbealter nach oben.

Höheres Einkommen und ein höherer Bildungsstatus korrelieren hierbei mit einer vermehrten Sorge um Gesundheit und Wohlergehen. Ein höheres Sterbealter verweist auf eine Zunahme der Lebenszeit.

Einige Studien belegen, dass in den letzten 160 Jahren die Lebenserwartung pro Jahr fast gleichmäßig um 0,25 Jahre gestiegen ist.[9] )

Andere Studien prognostizieren eine Lebenserwartung von im Jahre 2003 erhobenen Werten bei Frauen von 81,3 Jahren (Männer 75,6) auf Werte von 86,6 Jahren (Männer 81,1) im Jahre 2050 ansteigen wird.[10] )

Wurde das Durchschnittsalter der Deutschen im Jahre 2003 mit 41 Jahren angegeben, so steigt es voraussichtlich bis 2050 auf 50 Jahre.[11] )

Auf die Sensibilität dieses Datenmaterials kann nur verwiesen werden.[12]

Tabelle Eins zeigt den Wandel im Altersaufbau der deutschen Bevölkerung.

Tabelle 1: Altersaufbau der deutschen Bevölkerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt 2003 (verkürzte Darstellung)[13] )

Zwar ziehen die verschiedenen Studien unterschiedliches Datenmaterial für ihre Analysen heran (statische Sterbetafeln, dynamische Lebenserwartung nach Hochrechnungen der Rürup-Kommission, MEA-SAVE-PANELS) und nehmen differierende Kriterien in ihre Überlegungen mit auf, aber die Kernaussage bleibt die gleiche: Alle Daten illustrieren, dass es zu einer zunehmenden Alterung der Bevölkerung in Deutschland kommen wird.[14] )

Die zweite Determinante der Bevölkerungsentwicklung wird durch die Fertilitätsrate bzw. das Reproduktionsverhalten angegeben. Beide Faktoren hängen neben biologischen auch von persönlichen, sozialen und ökonomischen Bedingungen ab. Die Fertilitätsrate gibt an, wie viele Kinder eine Frau durchschnittlich im Laufe des Lebens hätte, wenn die aktuellen Verhältnisse für den gesamten Zeitraum gelten würden. Um die Bevölkerung in westlichen Ländern ohne Migrationsbewegungen auf einem konstanten Niveau zu halten, müsste jede Frau rechnerisch 2,1 Kinder gebären. Im Jahre 2000 wurde aber nur eine Geburtenrate von 1,37 für Deutschland errechnet, für Europa eine durchschnittliche Rate von 1,4. Aus diesen Daten ergibt sich zwangsläufig, dass langfristig ein Bevölkerungsrückgang zu erwarten ist.

Tabelle 2: Zusammengefasste Geburtenziffern in ausgewählten Staaten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quellen: Eurostat, Datenbank New Cronos, Statistisches Bundesamt (2003) (verkürzte Darstellung)[15] )

Die beiden Vorüberlegungen zur Bevölkerungsentwicklung illustrieren deutlich, dass immer mehr alten Menschen immer weniger junge Menschen gegenüberstehen. Der Altenquotient oder auch Alterslastquotient, welcher das Verhältnis der Anzahl älterer Menschen über 65 Jahren zu der Anzahl jüngerer Menschen zwischen 15 und 65 Jahren angibt, verschiebt sich intergenerativ nach oben.[16] )

Ergab sich für das Jahr 2000 ein Arbeiter zu Rentner Verhältnis von 100 zu 26 Personen, so wird sich dieses im Jahre 2040 auf ein Verhältnis von 100 zu 56 Personen verändern. Auf zwei Arbeiter kommt dann ein zu versorgender Rentner[17] )

Da die jüngeren arbeitenden Menschen im umlagefinanzierten Sozialsystem die Beiträge für die Rente der alten Generation aufbringen, wird es in den nächsten Jahren zu gravierenden Problemen bei der Finanzierung des umlagefinanzierten Rentensystems kommen.

Die Auswirkungen der demografischen Veränderungen sind sehr komplex und betreffen distributive und allokative Aspekte auch im intergenerativen Kontext.[18] )

In den nachfolgenden Kapiteln wird dargestellt, in wie weit Migrationsbewegungen dieser Problematik entgegenwirken können und wie sich Migration unter verschiedenen Modellannahmen auf die Alterssicherung in einem umlagefinanzierten System auswirkt.

2.2 Migration

Der Begriff der Migration stammt aus dem Lateinischen (migro) und befasst sich allgemein mit Wanderungsbewegungen. In den letzten 50ig Jahren sind knapp 31 Millionen Menschen nach Deutschland eingewandert und rund 23 Millionen abgewandert.[19] )

Laut Studien leben ca. 100 bis 150 Millionen Menschen außerhalb ihres Heimatlandes, das sind ca. 2% der Weltbevölkerung Tatsächlich dürften die Wanderungszahlen weitaus höher ausfallen.

Allein in den klassischen Einwanderungsländern (USA, Australien, Kanada) wurde ca. 1/4 der Bevölkerung im Ausland geboren.[20] )

Migration erhöht die Bevölkerungszahl des Einwanderungslandes.

Da die Bevölkerung als Determinante der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage angesehen werden kann, greift Migration sowohl in den Wirtschaftskreislauf des Aufnahmelandes als auch in den des Auswanderungslandes ein.

Hierbei werden unter anderem Arbeitsmarkt, Wirtschaftswachstum, Wohlfahrt, die sozialen Sicherungssysteme und die Einkommensverteilung des jeweiligen Landes berührt.[21] )

Aus ökonomischer Sicht ist Migration ein Mechanismus zur Umverteilung von Arbeit. Auf dem Arbeitsmarkt führt ein zunehmendes Arbeitsangebot zu Änderungen von Lohn- und Beschäftig. Auf fiskalischer Ebene geht Migration einher mit höheren Steuer- und Beitragszahlungen der Arbeiter im Aufnahmeland, aber auch mit Kosten für Integrationsmaßnahmen.[22] )

Ein Kriterium zur Abgrenzung der Wanderungsströme ist unter anderen die Staatsangehörigkeit. Es existieren unterschiedliche Formen der Wanderung. Auf räumlicher Ebene unterscheidet man zwischen Mobilität (z.B. Pendler, Saisonarbeiter) und Wohnsitzwechsel (Migration, Wanderung) im interregionalen und internationalen (über Staatsgrenzen hinaus) Kontext. Zeitlich wird differenziert zwischen dauerhafter und temporärer Migration oder im Hinblick auf den Rechtsstatus zwischen legaler und illegaler Migration

Menschen emigrieren aus ihrem Heimatland aufgrund von ungünstigen Lebensbedingungen, Armut, sozialen Unruhen oder Kriegen. Aber auch das Zielland mit attraktiven gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Elementen zieht Migranten an. Für die Migrationsentscheidung spielen das absolute Wohlstandsgefälle bezogen auf das potentielle Zielland sowie das relative Wohlstandsgefälle in der Herkunftsgesellschaft eine wichtige Rolle.

Motive für Migrationsentscheidungen sind demnach neben persönlichen Gründen u.a. politisch, ökonomisch, demographisch und soziokulturell determiniert. Sie stehen im Kontext von Erwerbs- und Integrationsmöglichkeiten sowie der Möglichkeit, sozialen Sicherungssystemen beitreten zu können.[23] )

Zu den weiteren Faktoren, die eine Migrationsentscheidung beeinflussen, zählen Alter und Bildungsstand und die potentiellen Chancen auf dem neuen Arbeitsmarkt. Ebenfalls relevant ist die Möglichkeit, die Staatsangehörigkeit (ius sanguinis- Prinzip, ius- soli Prinzip) zu erhalten und zu erwerben. Die beiden Prinzipien besagen, dass entweder bei Geburt die Staatsangehörigkeit der Eltern angenommen wird oder der aktuelle Aufenthaltsort die Staatsangehörigkeit bestimmt.

Man unterscheidet verschiedene Arten von Einwanderungsländern. Bei einem republikanischen Typ von Einwanderungsland wie z.B. Frankreich wird Migranten aus früheren Kolonien die Staatsangehörigkeit gewährt.

Mit dem Erwerb der Staatsangehörigkeit verbunden sind u.a. Fragen der politischen Zugehörigkeit und der politischen Partizipation.[24] )

Politische Migrationsbarrieren reduzieren die Migrationsnachfrage, eine liberale Immigrationspolitik öffnet hingegen die Staatsgrenzen. Für eine liberale Politik stehen zum Beispiel die Artikel 39-60 EGV. Die als Arbeitnehmerfreizügigkeit bekannten Artikel ermöglichen den Arbeitern, ihren Arbeitsplatz und ihre Niederlassung im gesamten Gemeinschaftsgebiet frei zu wählen. Des weiteren werden freier Dienstleistungs- und Kapitalverkehr gewährleistet.[25] ) Auch die deutsche Immigrationspolitik von 1955-1973 (Wirtschaftsboom) steht für eine liberale Sichtweise. Hingegen signalisierte der Anwerberstopp ab 1973 den Migranten eine politische Barriere.

Einreise- Aufenthalts- oder Arbeitsbeschränkungen wie die Beschäftigungsverordnung im Zusammenhang mit der GreenCard (2000) in Deutschland verweisen auf eine eher restriktive Immigrationspolitik. Staatliche Intervention bei der Ein- und Auswanderungspolitik sind deshalb zentrale Faktoren bei der Auswanderungsentscheidung.[26] )

Auch dem Passwesen, welches Mitte des 19 Jahrhunderts entstand, kommt im Umfeld der Migration Bedeutung zu. Als Kontrollinstrument für grenzüberschreitende Bewegungen werde nicht nur Ein- und Ausreise kontrollierbar, sondern auch Einreisezeitpunkt und Aufenthaltsdauer.[27] )

Als ein aktuelles Beispiel des 21 Jahrhunderts kann die Problematik der Turk-Mescheten in Krasnodar diesen Zusammenhang illustrieren. Die in diesem Gebiet angesiedelte türkische Minorität erhielt größtenteils keine gültigen Ausweispapiere. Daraus resultierten eine Vielzahl von Problemen, z.B. wurden Heiraten nicht anerkannt, Bankgeschäfte konnten nicht abgewickelt werden. Als Ausweg aus diesem Dilemma bot sich eine Emigration in die USA, die 2005 als abgeschlossen gilt.[28] )

2.2.1 Migrationstheorien

Aufgrund der Komplexität von Migration beschäftigen sich zahlreiche Wissenschaftszweige mit deren Analyse. Hierzu zählen unter anderem Volkswirtschaftslehre, Wirtschaftswissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Sozialwissenschaft, Ethnologie, Psychologie und Rechtswissenschaft.[29] )

Die aus diesen Analysen entstandenen unterschiedlichen Ansätze von Migrationstheorien können hier aufgrund ihrer Vielzahl nicht abschließend aufgezählt werden.[30] )

Beispielhaft werden einige Theorien aufgelistet. Migrationstheoretische Ansätze aus der Soziologie behandeln z.B. das Push- Pull Modell (Makroebene), ethnische Netzwerke, Forced Migration Modelle, die Theorie der demographischen Transition oder den Gravitationsansatz.[31] )

Bei den neueren ökonomischen Tendenzen der Migrationstheorie können drei Ebenen unterschieden werden. Auf der Ebene der positiven Theorie wird den Fragen nach der Migrationsursache nachgegangen. Hier wird zwischen Mikro- und Makromodellen unterschieden.

Die Ebene der normativen Theorie beschäftigt sich mit den Migrationswirkungen auf Herkunfts- und Zielregion.

Die dritte Ebene, die Ebene der Wirtschaftspolitik befasst sich mit dem politischen Handlungsbedarf und dem Vergleich von Alternativen.[32] )

Innerhalb der positiven Migrationsebene können zwei differenzierte Bereiche betrachtet werden: Die mikroökonomische Ebene und die makroökonomische Ebene.

Die mikroökonomische Ebene analysiert die individuellen Migrationsgründe einzelner Handlungssubjekte.[33] )

Relevant hierbei sind neben der Lebenssituation und den jeweiligen Budgetrestriktionen der einzelnen Personen auch familiäre Motive oder kulturelle Normen und Werte. Auch die Möglichkeit der Religionsausübung, Ausländerfeindlichkeit im Zielland sowie politische Sicherheit und Integrationsmöglichkeiten spielen eine Rolle.

Die makroökonomische Ebene analysieren die internationalen Wanderungen zwischen Regionen und Ländern.[34] )

Im nachfolgenden wird auf die Arbeitsmigration im Sinne von Angebot und Nachfrage von Arbeitskräften als Teilbereich der allgemeinen Migration abgezielt. Als Überleitung zu Kapitel 3 und um auf die Problematik von Migration und Alterssicherung einzustimmen , werden einige Ansätze ökonomischer Migrationstheorien vorgestellt. Darauf aufbauend folgen dann spezielle Migrationstheorien mit unterschiedlicher Qualifikation.

2.2.2 Ökonomische Migrationstheorien

Auf makroökonomischer Ebene stehen das Heckscher-Ohlin Theorem und in Anknüpfung daran das Stolper-Samuelson Theorem der Außenwirtschaftstheorie im Gegensatz zu Migrationsbewegungen. Die beiden Theoreme werden kurz dargestellt. Durch unterschiedliche Ausstattungen der Länder mit Produktionsfaktoren sowie unterschiedliche Faktorintensitäten wird sich das eine Land auf eine kapitalintensive, das andere Land auf eine arbeitsintensive Produktion spezialisieren. Demnach variieren die relativen Faktorpreise und aufgrund der Grenzkosten-Preis-Regel sind auch die relativen Güterpreise unterschiedlich. Jedes Land wird das Gut exportieren, zu dessen Produktion relativ viel vom reichlich vorhandenen Produktionsfaktor eingesetzt wird und die Produktion des anderen Gutes einschränken (Faktorproportionentheorem). Steigt durch erhöhte Nachfrage der Preis des Gutes, so steigt die reale Entlohnung des intensiv eingesetzten Faktors. Der Preis des knappen Produktionsfaktors sinkt, da er durch Spezialisierung eingespart wird. Durch Tauschbeziehungen gleichen sich die relativen Güterpreise und demnach auch die relativen Faktorpreise an (Faktorpreisausgleichstheorem). Der Außenhandel ist das Substitut der Migration.[35] )

[...]


[1] Bommes (1998), Migration in nationalen Wohlfahrtsstaaten. Theoretische und Vergleichende Untersuchung. IMIS-Schriften 6, S. 239.

[2] Im Folgenden Deutschland abgekürzt.

[3] Bellermann (1995), Sozialpolitik, eine Einführung für soziale Berufe, S. 1ff.

[4] Börsch-Supan (2005), Rentenlücke und Lebenserwartung, Wie sich die Deutschen auf den Anstieg vorbereiten, S. 2, 5-8, 25-45 und

http://www2.wiwi.hu-berlin.de/institute/ioewp/finanz/dok/fiwi1/folien8.pdf.

[5] http://www.allianz.com, S.3. und Börsch-Supan (1997), Springers Handbuch der Volkswirtschaftslehre 2, S. 201-202.

[6] Börsch- Supan (2001), Six Countries And No Pension System Alike, S. 4-5 und

Krieger (2002), Chancen und Risiken für die nationalen Rentensysteme durch internationale Arbeitsmobilität, Vierteljahresheft zur

Wirtschaftsforschung. Bd. 71, S. 200 ff.

[7] Jäger (2002)‚ Migration und Wirtschaftswachstum, S. 1-6.

[8] Woll (1993), Allgemeine Volkswirtschaftslehre, S. 305-309.

[9] Maier (2003), Aktuelle Sterblichkeitsentwicklung und extreme Langlebigkeit, Max- Planck-Institut für demografische Forschung, S. 229 -235 und Oeppen (2002), Broken Limits to Life Expectancy, Science 2002, Vol. 296, S. 1029-1031.

[10] Statistisches Bundesamt Genesis Datenbank (2003), Bevölkerung Deutschland bis 2050, 10. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung.

[11] Eurostat (2005), Jahrbuch, S. 78-81.

[12] Müller, U., Nauk, B., Diekmann, A.(2000) Handbuch der Demographie 1, Modelle und Methoden, S. 1 ff.

[13] Statistisches Bundesamt (2003), S. 31.

[14] Börsch-Supan (2005), S. 3,8 , 15.

[15] Eurostat, Datenbank New Cronos, Statistisches Bundesamt (2003), S.13.

Die mit --- gekennzeichneten Felder weisen darauf hin, dass aus diesen Ländern für diesen Zeitraum kein Datenmaterial vorhanden war.

[16] http://de.wikipedia.org/wiki/TFR oder Bundesinstitut für

Bevölkerungsforschung (2004) sowie Sinn (2002), Demographie, Migration und Immobilienwirtschaft, S. 4-13.

[17] Thum-Weizsäcker (1999), Implizite Einkommensteuer als Meßlatte für die aktuellen Rentenreformvorschläge, CESifo, S. 1.

[18] Börsch-Supan (2005), S. 3-4 und Krieger (2002), S. 204-207sowie IUSSP (2001) International Union for the Scientific Study of Population. Conference on Population Ageing in Industrialized Countries; Changes and Issues.

[19] Hunger (2003), Migration im Wettbewerbsstaat, S. 7.

[20] Opitz (1991), Welten im Aufbruch, Flüchtlings- und Migrationsbewegungen, Außenpolitik, 42(3), S. 261 ff. sowie Council of Europe (2001), Recent demographic developements in Europe, S. 11-13.

[21] Heilemann (1998), Ökonomische und fiskalische Implikationen der Zuwanderung nach Deutschland, RWI Papier Nr. 52, S. 95 ff.

[22] http://www.demographie.de/demographieaktuell//da19.pdf, S. 7ff.

[23] Syz (2002), Die Bedeutung der Ausländerpolitik für das Wirtschaftswachstum, S. 32 f.

[24] Castles (1993), The Age of Migration, International Migration Movements in the Modern World, S. 223 f.

[25] http://www.dejure.org/gesetze/EG und Hange (2001), Umlagefinanzierte Alterssicherung, Land und Migration. Eine theoretische Untersuchung, S. 43–46.

[26] www.christian-baden.net/data/rfm.pdf, S. 6 ff.

[27] Geisen (2005), WanderarbeiterInnen auf dem Weltmarkt für Arbeitskraft, Beiträge zur Regional- und Migrationsforschung, Band 5, S. 22-24.

[28] Phoenix (29.07.06) , Exodus aus Russland und http://www.daserste.de/weltspiegel/beitrag.asp?uid=ios3waufjlks9fcs
Ein Volk zieht in die USA 2006 oder http://de.wikipedia.org/wiki/Mescheten.

[29] Kalter, Frank (2000), Theorien der Migration, S. 184 ff. in: Müller et al. (2002) Handbuch der Demographie.

[30] Einen Überblick über viele unterschiedliche Theorieansätze findet man in Müller et al., (2000), Handbuch der Demographie, S. 298-475.

[31] Lebhart (2002), International Migration, Hypothesen, Perspektiven und Theorien, Bevölkerungswissenschaft, S. 16-23 und Haug (2000), Klassische und neuere Theorien der Migration. Arbeitspapiere Nr.30, S. 16-23.

[32] Straubhaar (1995), Migrationstheorien, S. 292-309.

[33] Haag, G., Grützmann, K., (2000), Wanderungsdynamik, S. 199-200, in: Müller, U.,

Nauck, B., Dieckmann, A., (2000) Handbuch der Demographie 1, Modelle und

Methoden. S. 1-728.

[34] Straubhaar (1995), S. 295- 309.

[35] Berthold (1995), Allgemeine Wirtschaftstheorie, Neuere Entwicklungen, S. 251-253 und Kleinhenz (2002), IBA Kompendium Arbeitsmarkt und Berufsforschung. Wirtschaftliche Integration und Arbeitskräftewanderungen in der EU,

Beitr. AB 250, S. 187 ff.

Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Migration und Alterssicherung
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
79
Katalognummer
V65986
ISBN (eBook)
9783638583787
Dateigröße
823 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, Alterssicherung
Arbeit zitieren
Anka Triebel (Autor), 2006, Migration und Alterssicherung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/65986

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