Der Konservatismus in der Weimarer Republik und in der jungen BRD


Hausarbeit, 2006

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Konservatismus – Der Versuch einer Definition
2.1 Der Konservatismus im Gegensatz zum Liberalismus

3. Konservatismus in der Weimarer Republik
3.1. Elitenkontinuität nach dem Ende des Krieges
3.2. Konservative Parteien der Weimarer Republik
3.3. Der Konservatismus als antidemokratische Kritik
3.3.1. Kritik des Liberalismus und die Verteidigung des Unpolitischen
3.3.2 Kritik an Parlamentarismus und Parteienstaat
3.4 Die Konservative Revolution

4. Der Konservatismus in der Bundesrepublik
4.1 Konservatismus in der Nachkriegszeit
4.1.1 Die konservative Geschichtsphilosophie
4.1.2 Die Soziale Marktwirtschaft
4.2 Die Tedenzwende

5. Fazit

1 Einführung

Diese Arbeit hat zum Gegenstand, die konservativen Hauptströmungen in der Weimarer Republik und in der jungen Bundesrepublik nachzuzeichnen. Im Wesentlichen soll ein Bild des Konservatismus entworfen werden, dass die facettenreichen Strömungen skizziert und einzelne, wesentliche Positionen formuliert. Eine historische Monographie kann an dieser Stelle nicht vorgenommen werden. Dies ist zum einen dem Umfang geschuldet, den diese Arbeit einnehmen darf. Zudem soll es vielmehr um den Konservatismus als Gesamtphänomen gehen und weniger etwa um seine parteipolitische Realisierungen. In welchen Parteien sich konservative Theorien welcher Colleur wiederfinden, setzt gerade in der Betrachtung der bundesrepublikanischen Geschichte eine umfangreiche Untersuchung voraus, die hier nicht zu leisten ist.

Es gilt vielmehr nachzuweisen, ob und in wie weit es Kontinuitätslinien in der Theorie der einflussreichen konservativen Denker gibt, die über die konservative Orientierung, die ihre Bezeichnung als Konservative überhaupt erst rechtfertigt, hinausgeht.

Das Zeitfenster dieser Betrachtung stellt das Ende des ersten Weltkrieges auf der einen Seite und der Historikerstreit auf der anderen Seite dar. So interessant eine Betrachtung etwa der konservativ orientierten Faschismustheorie von Ernst Nolte und die Kritik, die er sich damit aussetzt, auch ist, muss sie ob des gesetzten Rahmens doch außen vor bleiben.

Ausgehend von einer Definition, soll im folgenden der Konservatismus in der Weimarer Republik beschrieben werden. Hier ist wichtig zu untersuchen, wer konservativ und was das Besondere des Konservatismus dieser Zeit ist. Welcher Ausgangslage sich die Konservativen nach Ende des zweiten Weltkrieges gegenübersehen und wie sich der Begriff sowohl positiv als auch negativ bestimmen lässt, sind weitere Fragen, auf die ich in dieser Arbeit antworten möchte.

Anschließend gilt es, den Blick auf die Bundesrepublik zu richten. Inwiefern sind die Ausgangslagen nach den Weltkriegen ähnlich, wo unterscheiden sie sich? Welche Interpretation der Geschichte im allgemeinen und des NS-Regimes im Besonderen bietet die konservative Geschichtsphilosophie an? Gibt es Beispiele für die Realisierung von konservativ orientierten Ideen in der BRD, auch wenn es keine relevanten Parteien mehr gibt, die den Begriff im Namen tragen? Und wie schaffen es konservative Denker, den technischen Fortschritt und die veränderten Bedingungen mit der konservativen Haltung zu versöhnen?

Auf diese Fragen soll nun eingegangen werden, bevor ein Fazit die gewonnenen Ergebnisse noch einmal kurz zusammenfasst, und eventuell Probleme nennt, die sich bei der Ausarbeitung ergeben.

2 Konservatismus – Der Versuch einer Definition

Zunächst gilt es, über den Gegenstand dieser Arbeit begriffliche Klarheit zu gewinnen. Die Schwierigkeit einer klaren Definition des Begriffs Konservatismus[1] zieht sich durch seine über zweihundert jährige Geschichte. Es gilt festzulegen, welchen Inhalt der Begriff des Konservatismus in allen Stadien seiner Geschichte besitzt; wodurch also der Gebrauch des Begriffs zu den unterschiedlichen Zeitpunkten seiner Verwendung gerechtfertigt ist. Nach dem aktuellen Forschungsstand können im wesentlichen drei Interpretationsansätze unterschieden werden:

Als „aristokratisch – klerikale Reaktion auf die französische Revolution“ versteht ihn die historisch-spezifizierte Interpretation.[2] Der Konservatismus wird als reaktionäre Bewegung der vormals privilegierten Stände, im Besonderen des Adels, verstanden, die auf die Wiederherstellung der vorrevolutionären Verhältnisse sinnen. Dieser Ansatz versteht den Konservatismus als singuläres historisches Phänomen, dessen Ende mit der sukzessiven politischen und gesellschaftlichen Marginalisierung des Adels bis Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts zusammenfällt. Als Beispiel für einen Interpreten des Konservatismus, der diesen Ansatz vertritt, ist Panajotis Kondylis zu nennen.[3] Nach ihm ist der Gebrauch des Begriffs Konservatismus nach Ende der innerhalb des Ständesystems geführten Auseinandersetzung nicht länger gerechtfertigt. Wenn aktuelle, politische Programme und Parteien sich etwa „dem neuzeitlichen Grundsatz der Machbarkeit der Welt“ und dem technologischen Fortschritt verschrieben haben und sich gleichzeitig konservativ nennen, verletze dies die Identitätskriterien des Begriffs. So werde der Begriff zu einer polemischen Parole und beschreibe nicht länger tatsächliche Vorgänge in der Geschichte.[4]

Eine zweite Interpretation entspricht dem Selbstverständnis vieler Konservativer. Nach ihr ist der Konservatismus die politische Entsprechung einer allgemein gültigen Weltordnung. Bei dieser universalistisch-anthropologischen Interpretation wird Konservatismus als eine „große, kontinuitätsbildende Konstante“ betrachtet. So wird er als wesensimanente Eigenschaft des Menschen aufgefasst, wenn etwa Werte wie Gleichgewicht, Mäßigung und Ordnung unter dem Begriff des Konservatismus subsumiert werden[5] Dieser Ansatz nimmt unweigerlich den Konservatismus aus der Kritik, dogmatisiert er doch seine Wahrheitsgeltung. Er psychologisiert zudem die Theorie dergestalt, als dass er unterstellt, dass es sich bei der Bewahrung des Bestehenden um eine Naturanlage des Menschen handle. Der Konservative lebe in Übereinstimmung mit diesem Gottes- bzw. Naturgebot und suche somit im Gegensatz etwa zu aufklärerischen Aufrührern nie als erster Streit. Der konservativen Ansicht, dass Konservatismus und Aktivismus ein Gegensatzpaar bilden, hält Kondylis zurecht entgegen, dass die Betrachtung sich als unhistorisch erweisen müsse. Denn

„weder der Trieb zur Bewahrung noch der zum Umsturz kennzeichnen menschliches Verhalten überhaupt, sondern das Bestreben, sich zu erhalten oder die eigene Macht zu steigern; diesem oberste Zweck dient bald die Bewahrung bald der Umsturz.“[6]

Eine ideologische Kontinuität zu berücksichtigen, ohne die zahlreichen Brüche in der Geschichte des Konservatismus zu übergehen, lässt allerdings nur eine situationsspezifische Interpretation zu. Nach diesem unter anderem von Kurt Lenk vertretenden Ansatz, erfährt der Konservatismus in der Regel immer dann eine Aktualisierung, wenn sich die bis dahin vorherrschenden sozialen Strukturen aufzulösen beginnen.[7] Diese Interpretation erkennt an, dass die Argumentationsmuster konservativen Denkens in der Geschichte Brüche und Variationen erfahren, sich jedoch stets aus einem spezifischen Traditionsbestand rekrutieren.[8]

Diesem Ansatz folgend, scheint für eine Definition des Begriffs im weiteren wichtig zu sein, woraus der Inhalt dieses Traditionsbestandes besteht. Intuitiv nahe liegende Begriffe wie etwa Nation, Etatismus oder Autorität lassen sich nicht so problemlos in das Arsenal der Argumentationsmuster aufnehmen, wie es den Anschein haben mag. Eine Verbindung des Begriffs der Nation mit dem Konservatismus ist zum Beispiel nicht immer möglich.

So umstritten wie im wissenschaftlichen Diskurs dieser Inhalt ist, so einig sind sich die meisten Autoren darin, dass der Konservatismus als ein Antipode der Aufklärung zu verstehen ist. Eine Definition des Begriffs über seinen Gegensatz zum liberal-aufklärerischen Prinzip erscheint hier hilfreicher als eine trügerische Festlegung des Inhalts eines spezifischen Traditionsbestands durch nur scheinbar nahe liegende konservative Standards.

2.1 Konservatismus im Gegensatz zum Liberalismus

Oftmals als bloße Reaktion auf die historische Aufklärung verstanden, entbehrt der Begriff des Konservatismus in dieser Verwendung eine eigene theoretische Fundierung[9] Da sich der Konservatismus jedoch in der Opposition zur Aufklärung Mitteln ebendieser, nämlich zum Beispiel dem des rationalen Diskurses, bedient, wird deutlich, dass der Begriff in dieser Beschreibung allein nicht aufgeht. Und doch stellt der Kulminationspunkt der Aufklärung, die Französische Revolution, eine Initialzündung für den Konservatismus dar, wird doch in der Opposition zu ihr der eher gefühlte als formulierte Traditionalismus reflektiert. Das Festhalten an religiösen Überzeugungen und überlieferten Normen verliert seine Selbstverständlichkeit, wenn die traditionalistischen Elemente von den rationalistischen und liberalen Tendenzen der Aufklärung herausgefordert werden. Im gleichen Maße, in dem der Konservatismus dabei ein Wirklichkeitsverständnis, eine Haltung bleibt, reduzieren sich seine theoretischen Ansprüche. Eine Haltung bedarf nicht zwingend einer theoretischen Rechtfertigung[10]

Um die Struktur konservativen Denkens deutlich zu machen, skizziert Lenk verschiedene Gegensatzpaare – die konservativen Denkstrukturen auf der einen, die liberalen auf der anderen Seite:

„Anschauung/Erfahrung – Analyse/Konstruktion

Wachsen/Werden – Machen/Planen

Mannigfaltigkeit – Gleichförmigkeit

Konkretes/Besonderes – Abstraktes/Allgemeines

Ausgleich/Vermittlung – Widerspruch/Antagonismus“[11]

Begriffe wie Autorität, Nation oder Heimat sind nur insofern Bestandteile der konservativen Argumentationsmuster, als dass sie in Relation stehen zu der von Lenk dargestellten konservativen Denkstruktur. Diese Begriffe werden konservativ begründet und sind es nicht an sich.[12]

Es fällt also offensichtlich schwer, klare Identitätskriterien festzulegen, die den Gebrauch des Begriffs durch seine facettenreiche Geschichte hindurch rechtfertigen. Doch es lassen sich im wesentlichen drei Grundfiguren nachzeichnen, die sich durchhalten:

Zum einen wird jedwede Form von Ungleichheit, ob nun ökonomischer, politischer oder sozialer Natur, als notwendiges und damit dem menschlichen Wollen entzogenes Ergebnis der Selbstverwirklichung und damit der Freiheit angesehen. Die Ungleichheit unter den Menschen sei natürlich und historisch begründet durch den Willen Gottes, den Zweck des Wohlstandes[13], die Natur („Sozialdarwinismus“) oder – aktueller - genetisch.[14]

Zweitens lasse sich politische Herrschaft nach konservativer Auffassung stets nur von oben her legitimieren. Legitimation von Herrschaft ist nach dieser Auffassung stets transzendent. So ist dann auch die Religion und mit ihr die Kirche als ihre hierarchische Organisationsform ein wichtige Stütze des konservativen Ordnungsdenkens. Der Anspruch der Französischen Revolution auf Volkssouveränität steht damit im Widerspruch zu konservativem Denken.

[...]


[1] Dem Begriff „Konservatismus“ (von lat. conservare: erhalten, bewahren) wird hier gegenüber dem eigentlich sprachlich richtigen Begriff „Konservativismus“ der Vorzug gegeben, hat er sich in der Literatur doch mittlerweile weitgehend durchgesetzt.

[2] Einteilung der Interpretationsansätze nach: Lenk, Kurt: Deutscher Konservatismus, Frankfurt a.M./New York 1989, S.13 ff.

[3] Kondylis, Panajotis: Konservativismus, Geschichtlicher Gehalt und Untergang, Stuttgart 1986.

[4] Ebd.: S.507.

[5] Rohrmoser, Günter: Kampf um die Mitte: der Moderne Konservativismus nach dem Scheitern der Ideologien, München 1999, S. 336 f.

[6] Kondylis: Geschichtlicher Gehalt, S. 15.

[7] Vgl.: Lenk: Konservatismus, S. 15 ff.

[8] Vgl.: Wiegel, Gerd: Die Zukunft der Vergangenheit: konservativer Geschichtsdiskurs und kulturelle Hegemonie – vom Historikerstreit zur Walser-Bubis-Debatte, Köln 2001, S. 19 f.

[9] Vgl.: Lenk: Konservatismus, S. 22 ff.

[10] Vgl.: Ebd., S. 46 f.

[11] Ebd.: S. 25.

[12] Wiegel: Zukunft, S. 21.

[13] Vgl.: Mandeville, Bernard: Die Bienenfabel, oder: Privates Laster, öffentlicher Vorteil, Frankfurt am Main 1968.

[14] Vgl.: Eyseneck, Hans J.: Die Ungleichheit der Menschen, Gütersloh 1978.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Konservatismus in der Weimarer Republik und in der jungen BRD
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Veranstaltung
Zeitgeschichte im Streitgespräch
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V66007
ISBN (eBook)
9783638583916
ISBN (Buch)
9783638685092
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konservatismus, Weimarer, Republik, Zeitgeschichte, Streitgespräch
Arbeit zitieren
Philipp Farwick (Autor), 2006, Der Konservatismus in der Weimarer Republik und in der jungen BRD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66007

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