Gestörtes Essverhalten - Was ist das?

Ein Fallbeispiel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Fallbeispiel der ’ehemals’ magersüchtigen Leila

II. Gesundes Essverhalten oder Essstörung?
a. Magersucht – eine Essstörung vor allem junger Frauen?
b. Bulimie: die verschwiegene Sucht
c. Was man unter einer Over-Eating-Störung versteht

III. Der Einfluss der Umwelt::
a. Die Familie
b. Kulturelle Aspekte: Idealfigur und Schlankheitswahn
c. Individuelles Stresserleben: Aushalten von Spannung
d. Mangelndes Selbstwertgefühl – geringe Selbstachtung

IV. Den eigenen Weg finden – erwachsen werden

V. Figur und Gewicht

VI. Im Teufelskreis

VII. Entwicklung weiterer Symptome: Folge der Essstörung

VIII. Literaturverzeichnis

I. Fallbeispiel der ’ehemals’ magersüchtigen Leila

Ich habe ein narratives Interview mit Leila[1] durchgeführt. Wir kennen uns aus dem entfernten Bekanntenkreis. Leila ist heute 20 Jahre alt. Ich habe sie gebeten sich in die Zeit von damals zurück zu versetzen und mir möglichst viel darüber zu erzählen. Der Anfang der Magersucht liegt schon sechs Jahre zurück und daher ist die Geschichte mit einige Lücken behaftet. „Da kann ich mich wirklich nicht mehr dran erinnern...!“[2] Außerdem konnte bzw. wollte ich an einigen Stellen nicht weiter nachhaken. „Das geht mir jetzt zu tief in die Geschichte rein. (...) Daran will ich mich auch gar nicht mehr erinnern.“ Ich habe an diesen Stellen aus emotionalen Gründen auch nicht weiter gefragt.

Leila war 14 Jahre alt als „das“, die Magersucht, anfing. Sie wog 67kg bei einer Körpergröße von 170cm. Dies entspricht einem Body-Maß-Index von 23,18.[3] Also war sie nicht gerade schlank, aber auf keinen Fall dick. Sie trieb Leistungssport in einem Verein[4]. Im Verein liefen viele extrem dürre Mädchen in knapper Kleidung, herum. Dieser Anblick hat sie davon überzeugt, dass sie abnehmen muss. „Ich hatte mir das schon öfter überlegt, und als ich die ganzen anderen Mädels sah... .“

Nach einer abfälligen Bemerkung einer Nachbarin stand der Entschluss dann entgültig fest nicht mehr so viel zu essen. Anfangs hat Leila 750kcal am Tag zu sich genommen, bald hat sie sich dann aber auf 1500kcal gesteigert. „Ich wollte auf 55kg kommen. Als ich das dann geschafft hatte, wollte ich dann immer noch ein bisschen weniger.“ Das niedrigste Gewicht war 50kg. „Ich hatte nie ein verzerrtes Spiegelbild, wie man sagt. Ich hab mich nie dick gesehen. Ich wusste, dass ich dünn war.“ Im Vergleich zu einigen extrem Fällen, welche dann nur knapp 35kg wiegen, könnte man sagen, dass es hier nicht so schlimm war. Jedoch ist der BMI hier von 17,5 knapp unterschritten. Somit kann man von einer Magersucht sprechen.

Der Tagesablauf sah so aus: morgens wurde Müsli und Milch peinlichst genau abgewogen. Mittags gab es eine Suppe oder einen Salat und zum Nachtisch einen Light-Joghurt und abends noch einen Light-Joghurt oder einen Apfel. Ich denke, dass den Light-Joghurts eine ganz bestimmte Rolle zukommen, vielleicht die enorme Präsens im TV, mit der fortwährenden Betonung auf das Gesunde im Joghurt.

Nach dem Mittagessen hat Leila, so oft es ging, Sport gemacht. Nach dem Abendessen ist sie joggen gegangen. Außerdem hat sie zu dieser Zeit 3mal die Woche Leistungssport im Verein gemacht. „Mein Vater wollte, dass ich mit dem Sport aufhöre. Er hat dem Sport die ganze Schuld gegeben.“

Das Erste und das Letzte was sie am Tag gemacht hat war der obligatorische Gang auf die Waage.

Unser Gespräch begann damit, dass ich fragte wann das mit dem Abnehmen anfing. Die spontane Antwort hier drauf war: „Als Anna auch angefangen hat richtig Sport zu machen.“ Anna war zu diesem Zeitpunkt ihre beste Freundin und so gingen sie auch ‚durch dick und dünn’. Die beiden waren fast jeden Tag zusammen. Anna hat sich oft erbrochen, sie hatte Bulimie. Auf Feiern o.ä. hat Leila schon ab und zu viel Süßes gegessen. „Da hab ich aber trotzdem nicht gekotzt, da bin ich eben am nächsten Tag joggen gegangen. (...) Weil ich das auch wollte, hatte ich keine Fressattacken. Fressattacken sind dann ja ein Versagen. Mama hat immer schon gesagt, dass ich sehr perfektionistisch bin.“

Anna und Leila hatten sich zum Hungern angestachelt, aber auch sich immer wieder zum aufhören überreden wollen. Somit sind sie zusammen in die Sucht geraten, waren sich aber in dieser Zeit immer wieder gegenseitig eine Stütze. Als die Magersucht bei Leila begann, fing dass auch bei ihr in der Klasse an. „Da haben sich viele ein Beispiel an mir genommen.“ Dies zeigt, dass der Gruppen-Effekt eine enorme Auswirkung hat. Innerhalb der Gruppe wurde sich kaum darüber unterhalten. Auch sonst wurde die Problematik zwar öfter angesprochen, aber nie offen darüber gesprochen. „Das war einfach nur nervig, wenn jemand mich darauf angesprochen hat, weil ich nicht darauf angesprochen werden wollte.

Die Magersucht von Leila konnte ohne therapeutische Hilfe ‚überwunden’ werden. Mit 16/17 Jahren fand ein schulischer Austausch für eine Woche mit Frankreich statt. Leila und Anna haben daran teilgenommen. Die Mädchen kamen, jede für sich, in eine Gastfamilie. „Allein in einer Familie und da musste ich ja essen und dann hab ich richtig gefressen. (...) Da hab ich aufgehört Kalorien zu zählen. Da hat sich alles mit der Zeit normalisiert.“ Leila teilt heute noch die Nahrungsmittel nach Kalorienwert in gesunde und ungesunde auf. „Bin auch davon überzeugt, dass wenn man einmal so was hatte man nie richtig davon loskommt.“

„Ich habe das Lachen verlernt, haben alle gesagt, aber als ich damit wieder aufhörte ist es wiedergekommen!“

II. Gesundes Essverhalten oder Essstörung?

Man kann keine genaue Grenze zwischen gesundem und gestörtem Essverhalten ziehen. „Zwischen dem, was wir als normal akzeptieren, dem gestörtem und dem süchtigen Essverhalten sind die Grenzen fießend.“[5] In der heutigen Gesellschaft wird das Kalorienzählen, eine Diät oder die ausgiebige Mahlzeit akzeptiert und niemand würde denken, dass eine Essstörung die Ursache sei. Menschen mit einer Essstörung erleben ihr Essverhalten als eine Art Zwang, sei es das zwanghafte Abnehmen, ohne damit aufhören zu können (Magersucht) oder sei es das zwanghafte ‚Hineinstopfen’ von Nahrung, mit (Bulimie) oder ohne (Over-Eating-Störung) anschließendem Erbrechen. Die Verbindung dieser Zwänge besteht darin, dass die Kontrolle des Gewichts das Leben der betroffenen Personen bestimmt. Außerdem wird das Körperbild verzerrt wahr genommen und Gefühle ,z.B. satt oder hungrig, werden unterdrückt. Bei allen Formen ist ein „Drang nach Perfektion (... verbunden mit dem ...) Gefühl, ihren eigenen und den Ansprüchen anderer nicht gerecht zu werden.“[6]

Bei einer starken Gewichtsab- oder Zunahme einer Person darf nicht sofort auf eine Essstörung geschlossen werden, da organische Krankheiten die Ursache sein können.

a. Magersucht – eine Essstörung vor allem junger Frauen?

„Die Betroffenen verweigern die Nahrung und verfolgen ihr Ziel, immer schlanker zu werden, mit unerbittlicher Härte.“[7]

Magersucht ist der Zwang abzunehmen bis hin zum lebensbedrohlichem Untergewicht. Ab einem Body-Maß-Index von 17,5 kann man von einer Magersucht sprechen. „Von Magersucht sind zu 95% Frauen betroffen.[8] Die meisten Magersüchtigen Frauen befinden sich in der Pubertät. Es kann aber auch erst in einem höheren Alter auftreten.

„Bezogen auf die Gesamtbevölkerung tritt die Anorexie (...) relativ selten auf. Bei Frauen in der Alterspanne vom 15. bis zum 25 Lebensjahr (...) findet sich die Erkrankung allerdings bei ca. 1% der Betroffenen. Es sei erwähnt, dass nur etwa 5% der Erkrankten Männer sind.“[9]

Zu diesen 1% kommen 4% gefährdete Frauen hinzu. In den letzten 20 Jahren hat die Anzahl der Betroffenen Menschen zugenommen. Gründe für diesen Anstieg könnten der Nahrungsmittelüberfluss, der die Vorraussetzung zur Nahrungsverweigerung ist sein, oder das aktuelle Schlankheitsideal, wobei das Schlanksein als Problemlösung empfunden wird, oder aber die Verwirrung über das Rollenbild der Frau in der Gesellschaft.[10]

Gerade in der Pubertät ist das Selbstbewusstsein noch nicht voll ausgebildet. Der letzte Auslöser für eine Magersucht kann eine abfällige Bemerkung einem jungen Mädchen gegenüber sein, welches daraufhin mit einer Diät beginnt. Viele Menschen machen eine Diät, hören aber irgendwann auch wieder damit auf. Magersüchtige erlangen durch den Gewichtsverlust und somit die vermeintliche Kontrolle des eigenen Körpers eine Art Selbstbestätigung. Daher versuchen sie immer mehr abzunehmen. In der ersten Zeit wird die Magersucht meist durch positive, bewundernde Bemerkungen anderer Personen unterstütz.

Bestimmte charakteristische Merkmale vereinen magersüchtige Menschen miteinander, sie zählen Kalorien, haben erlaubte und unerlaubte Speisen, treiben enorm viel Sport um die Kalorien zu verbrennen und vermeiden es mit anderen zusammen zu essen. Der tägliche Gang auf die Waage entscheidet über das Wohlbefinden der Magersüchtigen. Selbst Mädchen mit lebensbedrohlichem Untergewicht finden sich, wenn sie sich im Spiegel betrachten noch zu dick.

„Da die >letzten Ursachen< der Anorexia nervosa nur vermutet werden können, wird sie syndromatisch definiert. Einzelne Symptome werden zu ihrer Diagnose kombiniert, wobei es von der theoretischen Grundausrichtung des Diagnostikers abhängt, welche Symptome er beachtet und wie er sie (...) gewichtet.“[11]

[...]


[1] Alle verwendeten Namen sind aus Datenschutzgründen erfunden.

[2] Die Zitate in diesem Abschnitt stammen alle, solange nicht anders angegeben, aus dem Interview mit Leila.

[3] Body-Maß-Index (BMI): Gewicht in kg / Körpergröße in Metern2 Liegt das Ergebnis zwischen 20 und 24 hat man Normalgewicht, ein Hinweis auf Magersucht ist es, wenn das Ergebnis unter 17,5 liegt.

[4] Die Sportart wird auf Wunsch nicht genannt.

[5] Mader, P.: Gestörtes Essverhalten – Adipositas – Bulimia nervosa – Anorexia nervosa – latente Adipositas / Petra Mader. – 7.Aufl.,25.-26.Tsd. – Neuland-Verl.-Ges., Geesthacht1992. S. 10

[6] Mucha, S./Hoffman, K.: Essstörungen erkennen, verstehen, überwinden. Trias Verlag, Stuttgart 1998. S.13

[7] Mader, P.: Gestörtes Essverhalten – Adipositas – Bulimia nervosa – Anorexia nervosa – latente Adipositas / Petra Mader. – 7.Aufl.,25.-26.Tsd. – Neuland-Verl.-Ges., Geesthacht1992. S.5

[8] ebd. S.14

[9] www.stangl-taller.at/ARBEITSBLÄTTER/

[10] Mader, P.: Gestörtes Essverhalten – Adipositas – Bulimia nervosa – Anorexia nervosa – latente Adipositas / Petra Mader. – 7.Aufl.,25.-26.Tsd. – Neuland-Verl.-Ges., Geesthacht1992. S.21

[11] Karren, U.: Die Psychologie der Magersucht. Erklärung und Behandlung von Anorexia nervosa. – 2., durchgesehene Auflage – Huber, Bern; Stuttgart; Toronto 1990. S.19

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Gestörtes Essverhalten - Was ist das?
Untertitel
Ein Fallbeispiel
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
21
Katalognummer
V66025
ISBN (eBook)
9783638588119
ISBN (Buch)
9783638753753
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestörtes, Essverhalten
Arbeit zitieren
Benny Alze (Autor), 2003, Gestörtes Essverhalten - Was ist das?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66025

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