Die Bedeutung des 2. Juni 1967 für die Entwicklung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in Deutschland


Hausarbeit, 2006

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Gegenstand der Arbeit und Zeitraum der Betrachtung
1.2. Leitfragen und Arbeitshypothese
1.3. Erkenntnisinteresse, theoretische Verortung und angewandte Methode

2. Die APO – eine Begriffsklärung

3. Die BR Deutschland am Vorabend des 2. Juni 1967
3.1. Politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
3.1.1. Das Heranwachsen einer neuen kritischen Generation und das Entstehen der Neuen Linken
3.1.2. Die Rolle des SDS und der SPD
3.1.3. Große Koalition und Notstandsgesetze
3.2. Sonstige Rahmenbedingung
3.2.1. Die Rolle der Medien
3.2.2. Die Rolle der Exekutive

4. Der 2. Juni und seine unmittelbaren Folgen
4.1. Der Ablauf des 2. Juni 1967
4.2. Die Reaktion auf den Tod Benno Ohnesorgs
4.2.1. auf Seiten des „Establishments“
4.2.2. auf Seiten der Protestierenden

5. Die Radikalisierung der Proteste und das Auseinanderfallen der APO
5.1. Das Attentat auf Rudi Dutschke und die Osterkrawalle
5.2. Die Selbstauflösung des SDS und das Ende der APO

6. Fazit und die Beantwortung der Leitfrage

Anhang : Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der 2. Juni 1967 wird, obwohl es schon zuvor Anzeichen für eine Politisierung der Studentenschaft gab[1], vielfach als die Geburtsstunde der APO bezeich­net[2]. Zumindest bezeichnet er einen markanten Punkt in der Auseinandersetzung der studentischen Linken mit dem Establishment[3]. In der vorliegenden Arbeit, geht es nicht darum, den bisherigen Sichtweisen[4] eine neue hinzuzufügen, es geht vielmehr darum aufzuzeigen, daß ohne ein bestimmtes Verhalten der Exekutive, bestimmte Folgen und Ereignisse, die das Bild der Bundesrepublik Deutschland ein Jahrzehnt lang prägten, niemals eingetreten wären, jedenfalls nicht so, wie sie eintraten.

1.1. Gegenstand der Arbeit und Zeitraum der Betrachtung

Zunächst soll daher aufgezeigt werden, was die APO war und welcher gesellschaftspolitische Kontext in den 60er Jahren vorherrschte, bevor die Auseinandersetzung mit dem 2. Juni und seinen unmittelbar anschließenden Folgen erfolgt. Im Hinblick auf die Diskussion der untersuchungsleitenden Hypothese und Beantwortung der Fragestellung, sind viele Aspekte, die eine ausführlichere Behandlung an anderer Stelle erfahren haben, gestrafft dargestellt.

Der von mir betrachtete Zeitraum beginnt mit der Bildung der Großen Koalition und endet mit dem Wahlsieg der Sozial – Liberalen Koalition 1969. Er wurde so gewählt, da sich in diesen 3 Jahren ein ganzer Generationenkonflikt[5] und die intellektuelle Abrechnung mit dem Naziregime, die seit Kriegsende ausgeblieben war[6], lawinenartig entladen haben. Ob in der Bildung der Großen Koalition und der von ihr verfolgten Politik ein Grund für die Bildung von Studentenprotesten und der APO zu sehen ist, bleibt umstritten[7]. Sie war jedoch rein zeitlich betrachtet eine Parallelerscheinung der APO[8].

1.2. Leitfrage und Arbeitshypothese

Ausgangspunkt ist die Frage: Wären die Studenten­pro­teste, ohne die Ereignisse des 2. Juni 1967, genauso verlaufen und hätte es später trotzdem das Jahrzehnt des Terrors[9], gegeben?

Hieraus entwickelt sich die zu überprüfende Hypothese: Ohne die todbringenden Schüsse auf Benno Ohnesorg am 2.6.1967, wäre es nie zu einer derartigen Eskalation der Proteste, dem Attentat auf Rudi Dutschke und der späteren Bildung der RAF gekommen.

1.3. Erkenntnisinteresse, theoretische Verortung und Methode

Mein Erkenntnisinteresse ist emanzipatorisch und praktisch. Im Hinblick auf das praktische Element meines Erkenntnisinteresses, betrachte ich daher die Ereignisse des 2. Juni 1967 aus einer historisch-analytischen Perspektive. Diese ist, da es sich bei der APO um einen Entwicklungsprozess handelt, der zu einem vorläufigen Ende gekommen ist, auf der Ebene des Politischen Systems angesiedelt.

Die von mir verwendete Methode ist interpretativ, d. h. sie ist historisch-kritisch und hermeneutisch. Dabei stütze ich mich ausschließlich auf die Analyse von Sekundärmaterial.

2. Die APO – eine Begriffsklärung

Bevor die eigentlichen Fragen angegangen werden können, ist es notwendig zu klären, was sich hinter dem Kürzel APO verbirgt.

Unter APO versteht man zunächst ein sprachliches Kürzel für die Außerparlamentarische Opposition. Der Begriff Opposition bedeutet wörtlich den gegen Autoritäten gerichteten Widerstand[10]. In der Politologie meint Opposition Entgegensetzung, Widerspruch bzw. das Halten oder Einnehmen einer Gegenposition auf Seiten einer Partei oder mehrerer Parteien, einer politischen Bewegung oder mehrerer politischer Bewegungen gegenüber der herrschenden Partei bzw. der Regierung[11].

Im Gegensatz zu diesem organisierten und institutionalisierten Widerspruchs[12], war die APO eine politische Bewegung, die außerhalb des Parlaments und außerhalb der etablierten Formen und Verfahren des Politischen Systems sich gegen die als autoritär bezeichneten Herrschaftsstrukturen in Staat und Gesellschaft wandte[13]. Sie verstand sich selbst als Bewegung, nicht als Partei, daher war sie offen für eine Vielzahl von Protestströmungen wie z. B. den Ostermaschierern, der Studentenschaft oder den Abrüstungs-Befürwortern[14].

3. Die BR Deutschland am Vorabend des 2. Juni 1967

Die meisten in der Bundesrepublik Deutschland lebenden Menschen waren in den 60er Jahren mit den Zuständen im Land zufrieden und begrüßten mit dankbarer Erleichterung, was Ihnen an wirtschaftlichem Aufschwung und Ausbau des Sozialstaates geboten wurde[15]. Somit hört man oftmals, daß es sich bei den Studenten und der APO um eine kleine radikale Minderheit gehandelt habe[16]. Sicher haftet einer von intellektuellen Kräften getragenen Protestwelle stets etwas Avantgardistisches[17] an, da jedoch der Durchschnittsbürger kaum Zeit und Lust hatte sich den schwerwiegenden Fragen nach der Bezahlbarkeit des Sozialstaates oder dem Sinn des Lebens zu machen[18], war es der universitären Jugend vorbehalten, den Aufbruch ins lang ersehnte Land Arkadien zu suchen[19]. Hierbei gab es ein ganzes Bündel von Motiven und Entwicklungen[20], von denen bloß einige grobe Striche herausgehoben und nachgezeichnet werden sollen[21].

3.1. Politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen

3.1.1. Das Heranwachsen einer neuen kritischen Generation und das Entstehen der Neuen Linken

In den 60er Jahren drängte eine Generation von jungen Menschen an die Universitäten, deren Väter und Mütter den Faschismus in Deutschland erlebt und überlebt hatten. Diese Elterngeneration war nach 1945 zu müde und ausgebrannt, um sich mit dem Unfassbaren des 3. Reiches auseinanderzusetzen und so war es den nun Heranwachsenden vorbehalten, all die kritischen Fragen zu stellen, die ihre Eltern nicht gestellt hatten[22]. Diese heranwachsende Generation hatte ein eher dialektisches Verständnis von der jüngsten Vergangenheit[23]. Es fußte sehr stark auf dem materialen, ge­schichtsphilosophischen Historismus[24]. Dieser wurde von Karl Marx und Friedrich Engels als methodologischer Zugang zur Geschichtsanalyse entwickelt[25]. Beeinflusst durch Adorno und Marcuse[26], ver­banden sie diesen mit einem kritischen Ansatz. Hierdurch erblickte die Neue Linke für sich das Recht, das gesetzmäßige Mo­dell vom Verlauf der Geschichte, gewaltsam und moralisch rücksichtslos, in eine so­ziale Gesamtplanung zu übertragen[27]. Diese dialektische Logik und Geschichtsdeutung wurde in Anlehnung an den Marxis­mus »materialistisch«, d.h. politökonomisch zur revolutionären Dialektik gewendet[28]. Hierdurch sollte die Klassengesellschaft und der Staat in die klassenlose Gesell­schaft sowie das entfremdete Menschenbild in ein neues ganzheitliches Menschsein transformiert werden[29]. Sie sahen die Geschichte als Rechtfertigung für ihren Protest. Hatten sie doch erlebt, wie in den Glanzjahren des Wirtschaftswunders die Institutionen des Landes, erneut mit alten Nazis durchdrungen wurden[30].

Ausgehend von ihrem eigenen persönlichen Umfeld, gerieten zunächst der Aufbau und die Struktur der Universitäten in ihren Focus. Gleichzeitig entzündete sich der Protestfunke an dem Krieg der USA gegen Vietnam, was vielen Jugendlichen die Urangst vor dem Krieg, den sie als Kinder erlebt hatten, zurück brachte[31]. Gleichzeitig entwickelte sich ein Schuldkomplex der jüngeren Generation, die anders als ihre Eltern, nicht passiv zusehen wollten wie ein Krieg entsteht, um nicht anschließend mit hineingezogen zu werden[32].

Diese Bewegung war nicht auf Deutschland alleine beschränkt. Sie fand in den USA, Italien oder auch Frankreich ebenso statt. Doch gerade in dem fragilen Gebilde der Bonner Demokratie ohne geschichtliche Entwicklung, mit offener Flanke nach Osten, war sie von besonderer Bedeutung[33].

3.1.2. Die Rolle des SDS und der SPD

Wortführer des Protestes war der Sozialistische Studentenbund, der SDS. Bis 1961 war dies die Hochschulorientierte Jugendorganisation der SPD. Doch nach der Verabschiedung des Godesberger Programms und der Transformation der SPD von der Oppositionspartei, zu der pragmatisch agierenden Staatspartei im Sinne Herbert Wehners, entfremdeten sich der SDS und die SPD[34]. 1961 kam es gar zum Ausschluss des SDS und seiner Mitglieder aus der SPD[35]. Dieser Akt führte jedoch nicht zum Erlahmen des SDS. Ganz im Gegenteil, getrieben von Rudi Dutschke und Hans-Jürgen Krahl, dem Chefideologen[36], erreichte der SDS eine Schlagkraft, die ihn zum ernstzunehmenden Sammelbecken der Opposition gegen alles Etablierte der damaligen Zeit machte. Seine Strategie war neu, provokativ, poppig und grundsätzlich gewaltlos[37]. Oftmals, wie die als Kommune 1 bekannt gewordenen Aktionskünstler Rainer Langhans und Fritz Teufel belegen, auch lächerlich[38].

[...]


[1] Mager, Friedrich; Spinnarke, Ulrich S. 15; Vogt, Hannah S. 77

[2] Hildebrand, Klaus S. 381; Kraushaar, Wolfgang S. 253; Conti, Christoph

S. 152; Schmoekl, Reinhard / Kaiser, Bruno S. 249

[3] Juchler, Ingo S. 230

[4] Ahlberg, Rene S. 7; Kukuck, Margareth; S. 31;

Schmoekl, Reinhard / Kaiser, Bruno S. 233; Sack, Fritz in: Sack, Fritz / Steinert, Heinz S. 146 ff; Bauß, Gerhard S. 52;

[5] Bauß, Gerhard S. 17; Ahlberg, Rene S. 82 ff.; Jeziorowski, Jürgen S. 31, 33

[6] Winkler, August S. 147

[7] dafür : Brusis, Ilse in: Hertle, Hans – Hermann, Günther, Wolfgang (Hg.) S. 7;

Ahlberg, Rene S. 67, 68; Jeziorowski, Jürgen S. 33, 41

mit Vehemenz dagegen: Schmoekl, Reinhard / Kaiser, Bruno S. 233;

Hildebrand, Klaus S. 378

[8] Haffner; Sebastian zit. bei: Kraushaar, Wolfgang S. 8

[9] Sack, Fritz in: Sack, Fritz / Steinert, Heinz S. 20, 21

[10] Schüttemeyer, Suzanne S. in: Nohlen, Dieter (Hg.); Band 7 S. 9214

[11] Schmidt, Manfred G. in: Nohlen, Dieter (Hg.); a. a. O. Band 3 S. 3660

[12] Schüttemeyer, Suzanne S. a. a. O. S. 9214

[13] Schüttemeyer, Suzanne S. S. 8022; Vogt, Hannah S. 77 - 81

[14] Gil­cher-Holtey, Ingrid S. 15, 16

[15] Hildebrand, Klaus S. 365, 366

[16] so BK Kurt-Georg Kiesinger, zit. bei: Hildebrand, Klaus S. 374; Schmoekl,

Reinhard / Kaiser, Bruno S. 241; Mager, Friedrich; Spinnarke, Ulrich S. 13

dagegen: Sack, Fritz in: Sack, Fritz / Steinert, Heinz S. 133

[17] Bittorf, Wilhelm (II); S. 18; Kukuck, Margareth; S. 20, 40

[18] Mager, Friedrich; Spinnarke, Ulrich S. 75, 76

[19] Hildebrand, Klaus S. 365, 366

[20] Sonnenmann, Ulrich S. 7 ff; Schmoekl, Reinhard / Kaiser, Bruno S. 242 ff

[21] so schon: Sack, Fritz in: Sack, Fritz / Steinert, Heinz S.135

[22] Sack, Fritz in: Sack, Fritz / Steinert, Heinz S. 136; Winkler, August S. 248;

Leinemann Jürgen S. 60

[23] negativ formuliert bei: Schmoekl, Reinhard / Kaiser, Bruno S. 245

[24] Bartol, Gerda S. 54 ff. u. 231 ff; Agnoli, Johannes; S. 13 ff.; Vogt, Hannah; S. 112 f.; Juchler, Ingo; S. 230 f.; Dutschke, Rudi S. 15

[25] Weiß, Ulrich; S. 8625

[26] Adorno, Theodor W. S. 78 ff.

Marcuse, Herbert; S. 265, 266

[27] Kukuck, Margareth; S. 31

[28] Dutschke, Rudi S. 21, 23; Vossberg, Henning S. 1, 23, 67

[29] Vogt, Hannah; S. 112 f.; Weiss, Hildegard; S. 17

[30] Sonnenmann, Ulrich S. 7; Sack, Fritz in: Sack, Fritz / Steinert, Heinz S. 136;

Leinemann Jürgen S. 60; Rietzler, Rolf S. 42

[31] Juchler, Ingo S. 363

[32] Elias, Norbert; S. 341; Juchler, Ingo S. 397

[33] Hildebrand, Klaus S. 377; Brügge, Peter S. 52; Conti, Christoph S. 66

[34] Fichter, Tilman; Lönnendonker, Siegwald S. 64, 65;

[35] Fichter, Tilman; Lönnendonker, Siegwald S. 64, 65, 70, 71; Winkler, August

S. 249; Schmoekl, Reinhard / Kaiser, Bruno S. 249

[36] Noack, Hans-Joachim S. 44

[37] Conti, Christoph S. 152, 153; Rietzler, Rolf S. 43

[38] Brügge, Peter S. 52

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des 2. Juni 1967 für die Entwicklung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in Deutschland
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
26
Katalognummer
V66101
ISBN (eBook)
9783638588317
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Juni, Entwicklung, Außerparlamentarischen, Opposition, Deutschland
Arbeit zitieren
Oliver Kumpfert (Autor), 2006, Die Bedeutung des 2. Juni 1967 für die Entwicklung der Außerparlamentarischen Opposition (APO) in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66101

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