„I’m a long way from Tipperary“ war ursprünglich ein Song der irischen Auswanderer nach Nordamerika. Trotz der Abspaltung Irlands von Großbritannien, wurde es der Song der englischen Truppen während des 2. Weltkrieges, der für ihren damaligen Prime Minister Winston Churchill unter dem Motto stand, Kontinentaleuropa zurück zur Demokratie zu führen.
Welchen Weg der Wandel des britischen Regierungsstils einschlägt, versuchen wir im Laufe des Vortrages zu klären. Max Weber bezeichnete, zu Anbeginn des 20. Jahrhunderts, den Regierungsstil des britischen Prime Ministers William E. Gladstone als plebiszitäre Diktatur auf dem Wahlschlachtfeld. Lord Hailsham, Mitglied des britischen Oberhauses, charakterisierte das britische Regierungssystem Mitte der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ebenfalls als elective dictatorship. Beide Äußerungen zeigen, dass sich das Amt und die Amtsführung des Prime Ministers aufgrund seiner Hegemonialstellung innerhalb der britischen Regierung stets einer starken Beachtung durch die Öffentlichkeit erfreuten. Die Regierung wird zwar grundsätzlich als Kollektivakteur angesehen, doch es waren oft herausragende Persönlichkeiten, die den, durch die fehlende Kodifizierung, bestehenden Freiraum nutzten, um dem Amt ihren persönlichen Stempel aufzudrücken.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts, mit der steigenden Bedeutung der medialen Präsenz des Premierministers, wodurch er zum neuzeitlichen Inbegriff von „Regierung" überhaupt stilisiert wurde, hat sich das Amt und der Regierungsstil des britischen Premiers noch mehr und stärker verändert als in den Jahrzehnten zuvor.
Gliederung
I. Einleitung
I.1. Vorbemerkung
I.2. Gegenstand des Vortrages und Zeitraum der Betrachtung
I.3. Stand der aktuellen Diskussion und Vortragszeitraum
I.4. Arbeitshypothese
I.5. Methoden und Quellen
I.6. Differenz zu anderen Vorgehensweisen
II. Die Veränderung in Whitehall
II.1. Prinzipen der Regierungsarbeit
II.2. Position des Prime Minister im Verfassungsgefüge und in der Realität
II.3. Regierungsarbeit in der Realität
II.4. Regierungsstil
II.4.a. Begriffsklärung
II.4.b. Grundtypen von Regierungsstilen
II.4.c. Typologie von Prime Ministern
II.4.d. Opposition als Voraussetzung für Regierungsstil
II.4.e. M. Thatcher – T. Blair
III. Fazit
III.1. Diskussion Prime Minister vs. Präsidentschaft
III.2. Verifikation der Arbeitshypothese.
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wandel des britischen Regierungsstils, um aufzuzeigen, dass sich hinter der Fassade scheinbarer Beständigkeit eine tiefgreifende Transformation vollzogen hat, weg vom klassischen Kollektivmodell hin zu einer stärkeren Konzentration der Macht beim Premierminister.
- Entwicklung des Regierungsstils vom Nachkriegs-Premier bis zur Ära Blair.
- Analyse der Machtfülle des Premierministers innerhalb des Regierungssystems.
- Kontroverse um das "Presidential Government" vs. "Cabinet Government".
- Einfluss von Persönlichkeiten und Parteistrukturen auf die Regierungsführung.
- Bedeutung der britischen Verfassungskonventionen und Traditionen.
Auszug aus dem Buch
II.4.b. Grundtypen von Regierungsstilen
In der englischsprachigen Literatur unterscheidet man 4 Grundtypen von Regierungsstilen:
1. Innovator / Erneuerer
Darunter versteht man einen Stil der die ihm anvertraute Macht zur Erreichung eines in ferner Zukunft liegenden Zieles nutzen will. Er ist ideologisch motiviert. Seine Ziele wurden außerhalb des Parteiapparates formuliert und entspringen eher gesellschaftlicher Notwendigkeit als der Zustimmung der Partei. Diese fehlt ihm oft in weiten Teilen. Die Inhalte der Regierungspolitik werden stark über seine Persönlichkeit definiert.
2. Reformer
Genau wie der Innovator ist er ideologisch motiviert und will auch die Macht zur Zielerreichung nutzen, doch unter Einbeziehung seiner ihn unterstützenden Partei. Seine Ideen entspringen dem Parteikonsens. Er personalisiert die Politikinhalte nicht notwendigerweise.
3. Egoist
Der Egoist nutzt die Macht um ihrer selbst willen. Er will bloß an die Macht und hält so lang als möglich an ihr fest. Er hat kein Interesse an langfristiger Planung und irgendwelchen Zukunftsvisionen. Seine Motivation ist die Selbstverliebtheit und die Leidenschaft für die Macht an sich.
4. Balancer / Ausgleicher
Sein Bestreben sind politische Stabilität, Frieden und Kontinuität. Er sucht diese Ziele zu verwirklichen sowohl in seiner Partei als auch im gesellschaftlichen Konsens. Ihn gibt es in zwei Ausprägungen. Der eine sucht bewusst das offizielle Amt, um Ruhe und Stabilität herzustellen, der andere hat sich innerhalb der Partei als für alle Seiten akzeptabel erwiesen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein, begründet den Forschungsgegenstand und stellt die Arbeitshypothese auf, die eine strukturelle Rückbesinnung auf das Modell der britischen Regierung sieht.
II. Die Veränderung in Whitehall: Dieses Kapitel analysiert detailliert die Prinzipien der Regierungsarbeit, die Machtposition des Premierministers, die Realität der Entscheidungsfindung sowie verschiedene Regierungsstile und ihre Vertreter.
III. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert die Debatte um die Präsidialisierung des Amtes und verifiziert die aufgestellte Arbeitshypothese im Kontext der britischen Verfassungsrealität.
Schlüsselwörter
Großbritannien, Regierungsstil, Premierminister, Whitehall, Kabinettsregierung, Presidential Government, Margaret Thatcher, Tony Blair, Politische Systeme, Verfassungswandel, Machtkonzentration, Parlamentarismus, Regierungsführung, Westminster-Modell, Politische Kultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Transformation des britischen Regierungssystems und wie sich der Regierungsstil der Premierminister seit dem Zweiten Weltkrieg verändert hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Machtfülle des Premierministers, die Rolle des Kabinetts, der Einfluss individueller Stile sowie die Debatte über eine angebliche "Präsidialisierung" der britischen Politik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, nachzuweisen, dass der Wandel des britischen Regierungsstils keine willkürliche Entscheidung einzelner Premierminister ist, sondern eine logische strukturelle Anpassung an moderne Erfordernisse.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren nutzen eine interpretative, historisch-kritische und hermeneutische Vorgehensweise auf Basis der Analyse von Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich den Prinzipien der Regierungsarbeit, der realen Machtposition des Premiers, der Typologie von Regierungsstilen sowie Fallbeispielen wie Margaret Thatcher und Tony Blair.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Cabinet Government, Prime Ministeriell Government, Whitehall, Regierungsstil, politische Führung und das Westminster-Regierungsmodell.
Warum wird Margaret Thatcher in der Arbeit besonders hervorgehoben?
Thatcher gilt als zentrale Figur, deren Amtszeit den Wandel zur stärkeren Dominanz des Premierministers und die "Kulturrevolution" im Civil Service maßgeblich vorangetrieben hat.
Was unterscheidet den britischen Premierminister laut Arbeit von einem US-Präsidenten?
Der britische Premier entstammt dem Parlament und ist Parteiführer, während der US-Präsident getrennt von der Legislative gewählt wird und eine andere verfassungsrechtliche Stellung einnimmt.
Wie bewerten die Autoren die Rolle der Tradition im britischen System?
Trotz inhaltlicher und struktureller Veränderungen zelebriert das britische System seine alten Rituale und Institutionen weiter, was nach außen eine "wunderbare äußere Beständigkeit" erzeugt.
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- Oliver Kumpfert (Author), Sabrina Mohr (Author), 2006, 'Whitehall' auf dem Weg in die Moderne - Regierungsstile Großbritanniens im Wandel der Zeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66102