Immer wieder versuchen Erwachsene, das Geheimnis der für sie meist unverständlichen Sprache von Jugendlichen und Kindern zu ergründen. Damit einher geht oftmals parallel eine Klage über einen Verfall und Verarmung der Sprache und die Verflachung der Inhalte. Teilweise wird sie sogar mit einem Sittenverfall gleichgesetzt. Der Forschungsgegenstand der Jugendsprache unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist aber keinesfalls ein Phänomen der heutigen Zeit.
In einem Literaturbericht zur Jugendsprache unterscheidet Edgar Lapp mehrere historische Phasen der Jugendsprachforschung:
Bereits seit Anfang der 50er Jahre wird gezielt die Sprache der Jugendlichen betrachtet und untersucht, auch wenn dies zunächst unter anderen Bezeichnungen geschieht. So wird diese damals noch als „Sprache der Halbstarken“ (Halbstarken-Chinesisch) bezeichnet. Vorher gab es bereits Untersuchungen, die sich mit Studenten- bzw. Schülersprache („Pennälersprache“) beschäftigten.
In den 60er Jahren machte sich der steigende anglo-amerikanische Einfluss auch in diesem Bereich bemerkbar, jetzt rückte die „Teenagersprache“ in den Fokus des Interesses. In den folgenden Jahrzehnten wurden eher spezielle Untergruppen der Jugendsprache genauer untersucht, wie beispielsweise die APO- oder Szenesprache der 70er Jahre, in den 80er Jahren die Sprache der Punks oder Ökos und in den 90er Jahren die Sprachen verschiedener Jugendgruppen, welche sich vor allem durch die Zugehörigkeit zu verschiedenen Musikrichtungen unterschieden (z.B. Techno, HipHop, Rap usw.).
Auch heute versuchen eine Vielzahl von unterschiedlichen Werken uns die Sprache der Jugend verständlich zu machen. Beispielsweise gibt es ein spezielles Wörterbücher der Jugendsprache von Pons oder die diversen Lexika von Hermann Ehmann zum Thema Jugendsprache, deren Titel von „Affengeil“, über „Oberaffengeil“ und „Voll Konkret“, bis hin zu „Endgeil“ reichen.
Alle diese Sachbücher aber haben eins gemein. Sie suggerieren den verzweifelten Eltern pubertierender Kinder und Jugendlicher, dass sie durch die Lektüre endlich die eigenen Kinder wieder verstehen könnten. Ist es aber überhaupt möglich die Sprache „der Jugend“ zu erfassen und auf bestimmte Begrifflichkeiten und Ausdrucksformen zu reduzieren?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsklärungen
2.1 Definition Jugend
2.2 Begriff der Jugendsprache
3 Funktionen sprachlicher Merkmale
4 Jugendsprache im Deutschunterricht
4.1 Mögliche Probleme bei der Integration von Jugendsprache in die schulische Praxis
4.2 Thematische Vielfalt von Jugendsprache im Unterricht
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern und auf welche Weise Jugendsprache als schülerorientiertes Thema sinnvoll in den Deutschunterricht integriert werden kann, um Sprachbewusstsein und Motivation der Lernenden zu fördern.
- Historische Entwicklung der Jugendsprachforschung
- Soziolinguistische Definitionen von Jugend und Jugendsprache
- Sprachliche Merkmale und gruppenspezifische Funktionen
- Didaktische Möglichkeiten der Integration in die Schulpraxis
- Kritische Auseinandersetzung mit Sprachnormen und Sprachwandel
Auszug aus dem Buch
4.2 Thematische Vielfalt von Jugendsprache im Unterricht
Das Thema Jugendsprache im Deutschunterricht lässt sich in den verschiedensten Fragestellungen und Perspektiven bearbeiten. Bevor die Lehrkraft dieses jedoch im Unterricht als Thema bearbeiten möchte, muss der Aspekt, dass die Jugendsprache nicht als homogen anzusehen ist, sondern abhängig von der jeweiligen Gruppe und Situation der Jugendlichen ist, im Unterricht behandelt werden. Dieser Aspekt muss sozusagen als grundsätzliche Basis stetig mit berücksichtigt werden, um Jugendsprache im Deutschunterricht thematisieren zu können.
Im folgenden möchte ich einen kurzen Einblick geben, was für Möglichkeiten der Thematisierung dies sein könnten. Dieser Einblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Sicherlich sind noch diverse andere thematische Umsetzungen denkbar.
Als erstes mögliches Unterrichtsthema würde sich die Betrachtung von Jugendsprachen als beispielhafte Behandlung von Sprachvariationen im Deutschen eignen. Dabei soll deutlich werden, dass die deutsche Sprache keinesfalls eine homogene Erscheinung ist, sondern vielmehr eine Vielzahl von Varietäten zusammen mit der Standardsprache des Deutschen existieren. Dieses kann gut durch die Betrachtung von Jugendsprache geschehen, da die Schüler je nach Persönlichkeit keine oder nur eine geringe Distanz zur Varietät der eigenen Alterssprache aufweisen. Vor allem eigene Erfahrungen mit dieser Varietät im Gegensatz zu historischen oder regionalen Varietäten dürften sich motivations- und interessefördernd auf die Schüler auswirken. Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Hinblick auf die Standardsprache können hier einfacher aufgezeigt werden, da die Jugendlichen bereits mit beidem konfrontiert worden sein dürften.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung der Jugendsprachforschung und hinterfragt das populärwissenschaftliche Interesse an der Sprache von Jugendlichen.
2 Begriffsklärungen: Dieses Kapitel erörtert die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition von „Jugend“ sowie den umstrittenen Status des Begriffs „Jugendsprache“ als Sammelbegriff für gruppenspezifische Kommunikationsmuster.
3 Funktionen sprachlicher Merkmale: Hier werden die verschiedenen sprachlichen Ausdrucksformen wie Anglizismen, Lautwörter oder formelhaftes Zitieren sowie deren soziale Funktion zur Gruppenidentitätsbildung analysiert.
4 Jugendsprache im Deutschunterricht: Dieser Abschnitt thematisiert die Berührungsängste von Lehrkräften, mögliche Probleme bei der Integration in den Unterricht und konkrete methodische Ansätze zur Thematisierung.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Jugendsprache bei sorgfältiger Planung ein lohnendes, schülerorientiertes Thema darstellt, das die Sprachkreativität der Lernenden fördert.
Schlüsselwörter
Jugendsprache, Deutschunterricht, Didaktik, Sprachwandel, Peer-Group, Sprachvariation, Identitätsbildung, Sprachnormen, schülerorientierter Unterricht, Soziolinguistik, Kommunikation, Sprachliche Merkmale, Sprachbiographie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der didaktischen Aufarbeitung von Jugendsprache und deren Integration in den Deutschunterricht an Schulen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Einordnung von Jugendsprache, ihre soziale Funktion in Peer-Groups sowie die praktischen Herausforderungen für Lehrkräfte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie das Thema Jugendsprache genutzt werden kann, um Motivation, Sprachbewusstsein und Kreativität bei Schülern zu steigern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, die verschiedene soziolinguistische und didaktische Positionen zur Jugendsprachforschung zusammenführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen der Jugendsprache sowie konkrete methodische Vorschläge für den Unterricht, wie etwa Sprachvergleiche oder Textanalysen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jugendsprache, Deutschunterricht, Sprachvariation, Peer-Group und didaktische Integration.
Warum gibt es laut Autor Vorbehalte bei Lehrkräften gegenüber der Jugendsprache?
Der Autor führt dies auf die Rolle des Lehrers als Schützer der Norm und auf die Unsicherheit gegenüber dem rasanten Sprachwandel zurück.
Inwiefern ist das „formelhafte Zitieren“ ein wichtiges Merkmal?
Es dient dazu, eine gemeinsame Identität innerhalb der Peer-Group zu schaffen und sich durch Insiderwissen von der Erwachsenenwelt abzugrenzen.
Warum sollte der Lehrer nicht versuchen, die Jugendsprache selbst zu sprechen?
Eine sprachliche Anpassung wirkt auf Schüler oft anbiedernd und lächerlich, was die professionelle Distanz und die Akzeptanz des Lehrers als Lehrperson gefährdet.
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- Dipl.-Hdl. Steffen Asendorf (Author), 2006, Jugendsprache im Deutschunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66117