Als am 1. Mai 2004 durch die EU-Osterweiterung zehn neue Mitglieder der Europäischen Union (EU) beitraten, gingen dem unter anderem in Deutschland nicht immer seriös geführte Diskussionen über die Auswirkungen voraus. Insbesondere die Angst vor hohen Einwanderungsströmen, Lohndumping und die Abwanderung der heimischen Industrie auf Grund der niedrigeren Produktionskosten bestimmten die Diskussion. Das Ziel dieser Arbeit ist es daher die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Folgen der EU-Osterweiterung aufzuzeigen. Um die Auswirkungen, sowohl auf die Beitrittsländer, als auch auf die bisherigen Mitgliedsstaaten analysieren zu können, bedarf es zunächst einer genaueren Untersuchung der wirtschaftlichen Entwicklung und Ausgangssituation in den mittel- und osteuropäischen Ländern (MOEL). Dem wird im zweiten Kapitel Rechnung getragen, indem zunächst die makroökonomische Entwicklung und Arbeitsmarktsituation, die Auswirkung von ausländischen Direktinvestitionen, dann die Höhe der Reallöhne und Lohnstückkosten, sowie die institutionellen Rahmenbedingungen untersucht werden. Im dritten Abschnitt werden dann die theoretischen Grundlagen für eine Analyse der Osterweiterung gelegt, sowie die laut Theorie zu erwarteten Auswirkungen aufgezeigt. In Kapitel vier und fünf werden dann unter Berücksichtigung neuster Studien die Auswirkungen sowohl auf die alten als auch auf die neuen Mitgliedsstaaten der EU analysiert, bevor im letzten dann ein wirtschaftspolitischer Ausblick gegeben wird.
Inhaltsverzeichnis
1.) Einführung in die Problematik
2.) Analyse der Ausgangslage der Beitrittsländer im Vergleich zu den alten Mitgliedsstaaten
2.1) Strukturelle makroökonomische Entwicklung und Situation auf dem Arbeitsmarkt
2.2) Umfang, Bedeutung und Struktur des Außenhandels mit der „alten“ EU
2.3) Analyse der ausländischen Direktinvestitionen
2.4) Pro Kopf Einkommen, Reallöhne und Lohnstückkosten
2.5) Institutionelle Rahmenbedingungen auf dem Arbeitsmarkt
2.5.1) Lohnersatzleistungen und Lohnnebenkosten
2.5.2) Tarifsystem und Kündigungsschutz
3.) Theoretische Grundlagen und mögliche Effekte der Osterweiterung
3.1) Das Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell
3.2) Die neoklassische, die neue und die moderne ökonomische Migrationstheorie
4.) Auswirkungen des EU-Beitritts auf die MOEL
4.1) Die EU-Sozialcharta und ihre Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte der MOEL
4.2) Veränderung des Außenhandels und daraus resultierende Effekte
4.3) Veränderung der ausländischen Direktinvestitionen
5.) Konsequenzen der EU-Osterweiterung für die „alten“ Mitgliedsländer
5.1) Auswirkungen einer zunehmender Ost-West-Wanderung
5.1.1) Schätzung des Migrationspotentials
5.1.2) Auswirkungen zusätzlicher Migration
5.2) Effekte der Integration der Gütermärkte
5.3) Integration der Kapitalmärkte
5.4) Erhöhung des Reformdrucks und Beschleunigung des Strukturwandels
5.5) Effekte der Finanzierung der EU-Osterweiterung
6.) Wirtschaftspolitscher Ausblick
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel der vorliegenden Arbeit besteht darin, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Folgen der EU-Osterweiterung für die Beitrittsländer sowie die bisherigen Mitgliedsstaaten zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, um populären Ängsten wie Lohndumping oder massiven Einwanderungsströmen sachliche Informationen entgegenzusetzen.
- Makroökonomische Ausgangslage und Arbeitsmarktsituation in den MOEL
- Theoretische Modelle zur Migration und Handelsintegration
- Auswirkungen der EU-Sozialcharta auf die Arbeitsmärkte der Beitrittsländer
- Konsequenzen der Ost-West-Migration für die "alten" Mitgliedsländer
- Effekte der Integration von Güter- und Kapitalmärkten
Auszug aus dem Buch
3.1) Das Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell
Das Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell (HOS-Modell) betrachtet zwei gleich große Länder A und B, die beide zwei handelbare Güter x und z unter dem Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital produzieren. Annahmegemäß geschieht dies mit der gleichen Technologie, das heißt beide Länder haben die gleiche Produktionsfunktion, und bei vollkommener Konkurrenz. Allerdings besitzen beide Länder eine unterschiedliche Faktorausstattung. Land A ist reich mit Kapital versehen, Land B ist reich an Arbeit. Die Produktion des Gutes x benötigt den intensiven Einsatz von Kapital, die von Gut z hingegen ist arbeitsintensiv. Unter Autarkie, also ohne Handel und Faktorbewegungen, ist das Zinsniveau in Land A daher niedriger als in Land B, umgekehrt ist dort allerdings das Lohnniveau geringer. Als Folge davon ist die Produktion von x in A günstiger, und y in B. Bei der Schaffung eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes werden sich die Länder daher auf die Produktion der Güter spezialisieren, bei denen sie einen komparativen Kostenvorteil haben.
Als weitere Annahmen unterstellt das HOS-Modell Flexibilität der Preise und Vollbeschäftigung, zudem gelten die Prämissen der neoklassischen Produktionsfunktion, also lineare Homogenität und positive Grenzproduktivität der Produktionsfaktoren.
Geht man nun davon aus, dass die EU reich an Kapital und die MOEL reich an Arbeit ist, so ergeben sich nach dem HOS-Modell bei der Integration der osteuropäischen Staaten in den Wirtschaftsraum der EU für die „alten“ Mitgliedstaaten folgende Implikationen:
• Ein Rückgang des relativen Preises des arbeitsintensiven Gutes.
• Ein Anstieg der Produktion des kapitalintensiven Gutes.
• Die Verringerung des Lohnes relativ zur Entlohnung des Kapitals.
• Die Wanderung von Arbeit vom arbeitsintensiven in den kapitalintensiven Sektor, da Arbeit billiger geworden ist.
• Eine Konstante Beschäftigung und die Erhöhung der Arbeitintensität in beiden Sektoren.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einführung in die Problematik: Die Arbeit beleuchtet die wirtschaftswissenschaftlichen Hintergründe und Auswirkungen der EU-Osterweiterung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Ängste.
2.) Analyse der Ausgangslage der Beitrittsländer im Vergleich zu den alten Mitgliedsstaaten: Dieser Abschnitt untersucht die makroökonomische Transformation der MOEL, einschließlich Arbeitsmarktstrukturen, Außenhandel und Lohnentwicklungen.
3.) Theoretische Grundlagen und mögliche Effekte der Osterweiterung: Es werden ökonomische Modelle, insbesondere das HOS-Modell und verschiedene Migrationstheorien, vorgestellt, um die theoretischen Folgen der Integration abzuleiten.
4.) Auswirkungen des EU-Beitritts auf die MOEL: Hier werden die Folgen der Übernahme des EU-Acquis, speziell der Sozialcharta, sowie der Handelsintegration und Investitionsströme auf die Beitrittsländer analysiert.
5.) Konsequenzen der EU-Osterweiterung für die „alten“ Mitgliedsländer: Dieser Teil befasst sich mit den Migrationsfolgen, der Integration der Kapital- und Gütermärkte sowie den strukturellen Anpassungszwängen für die bisherigen EU-Staaten.
6.) Wirtschaftspolitscher Ausblick: Abschließend wird resümiert, dass Befürchtungen bezüglich massiver Verwerfungen oft unbegründet sind, während Reformdruck und Qualifizierungschancen im Vordergrund stehen.
Schlüsselwörter
EU-Osterweiterung, MOEL, Transformation, Arbeitsmarkt, Migration, Direktinvestitionen, HOS-Modell, Sozialcharta, Lohnstückkosten, Strukturwandel, Handel, Integration, Wirtschaftswachstum, Arbeitsproduktivität, Kapitalmobilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die ökonomischen Folgen der EU-Osterweiterung von 2004 für die neuen Mitgliedsländer in Mittel- und Osteuropa sowie für die bereits bestehenden EU-Staaten.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Arbeitsmarktentwicklung in den MOEL, die theoretischen Effekte von Integration und Migration, die Übernahme der EU-Sozialcharta sowie der Strukturwandel in den alten EU-Mitgliedsländern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die tatsächlichen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Osterweiterung darzulegen, um die zum Zeitpunkt des Beitritts in der Öffentlichkeit teils unseriös geführte Diskussion um Lohndumping und Einwanderungsströme einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Theorieanalyse sowie der Auswertung bestehender ökonomischer Studien und Statistiken, um die Auswirkungen der ökonomischen Integration auf Arbeitsmärkte und Handelsstrukturen zu beurteilen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die Ausgangslage der Beitrittsländer untersucht, gefolgt von der theoretischen Fundierung durch das Heckscher-Ohlin-Samuelson-Modell und Migrationstheorien, bevor die konkreten Auswirkungen des Beitritts auf MOEL und EU-15 analysiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wesentlichen Schlagworte sind EU-Osterweiterung, Transformationsprozess, Arbeitsmarkt, Migration, ausländische Direktinvestitionen (FDI) und Strukturwandel.
Inwiefern beeinflusst das HOS-Modell die Argumentation?
Das HOS-Modell dient als theoretischer Rahmen, um zu erklären, wie sich die Faktorausstattung (reich an Arbeit in den MOEL vs. reich an Kapital in der EU) auf die Spezialisierung und die Faktorpreisentwicklung nach der Marktöffnung auswirkt.
Warum wird die Übernahme des EU-Acquis bzw. der Sozialcharta kritisch gesehen?
Der Autor argumentiert, dass die schnelle Übernahme hoher Sozialstandards für die noch in der Transformationsphase befindlichen MOEL nachteilig sein könnte, da sie Wettbewerbsvorteile minimiert und die Attraktivität für Investitionen durch steigende Lohnnebenkosten dämpfen kann.
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- Markus Maisch (Author), 2006, Folgen der EU-Osterweiterung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66178