Neuer Realismus und Interpretationsansätze zu David Foster Wallaces Lyndon


Seminararbeit, 2002

14 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: David Foster Wallace und die postmoderne Literatur

2. Postmoderne Literatur und Neuer Realismus

3. Einführende Interpretation zu Wallaces „Lyndon“
3.1. Verwendung von sprachlichen Besonderheiten und formal-stilistischen Mitteln
3.2. Interpretation der allegorischen Ebene
3.3. Fiktion und Wirklichkeit

4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Darstellung von öffentlicher und privater Geschichte in „Lyndon“

Literaturverzeichnis

1. Einleitung: David Foster Wallace und die postmoderne Literatur

„Heute, wo wir selbst beim Chinesen mexikanisch Essen können, während im Hintergrund Reggae läuft und im Fernsehen eine sowjetische Sendung über den Fall der Berliner Mauer, heute wo uns alles verdammt bekannt vorkommt, hat sich die Aufgabe des Realismus ebenfalls verwandelt. Um einen ähnlichen Erkenntnisschub zu erzielen wie vor hundert Jahren, müsste realistische Literatur eigentlich im Bekannten das Fremde aufdecken, müsste paradoxerweise das, was wir für >real< halten, das heißt die zweidimensionalen Medienbilder, in die dreidimensionale Welt zurückführen, also aus flachen Images des Fernsehens die verloren gegangene Wirklichkeit rekonstruieren.“[1] So erklärt David Foster Wallace in seinem Essay „E Unibus Pluram“[2] seine Beziehung zum Realismus-Begriff, die sich als Leitfaden in seinen Kurzgeschichten wiederfinden bzw. lesen lässt. Wallace schreibt auch, dass man postmoderne Literatur daran erkennt, dass diese popkulturelle Realien bewusst einsetzt[3]. In diesem Sinne möchte ich meine Arbeit ausrichten und am Beispiel der Kurzgeschichte „Lyndon“ die postmodernen Strukturen als auch den Begriff des Neuen Realismus hinterfragen. Im Anschluss daran folgt ein allgemeiner Interpretationsansatz der allegorischen Ebene der Kurzgeschichte, um die Mehrdeutungen bzw. indirekten Kritikpunkte Wallace’ herauszuarbeiten.

2. Postmoderne Literatur und Neuer Realismus

Thomas Pynchon oder auch Don DeLillo gehören zur amerikanischen Hochmoderne. Sie haben Ende des 20. Jahrhunderts mit Romanen wie „Gravity’s Rainbow“ oder „Unterwelt“ gezeigt, was Literatur im Bezug zur indirekten Kritik zu leisten vermag. Spuren haben diese zwei bedeutenden Schriftsteller auch bei David Foster Wallace hinterlassen: auch er meldet sich zu Wort und macht seinen Standpunkt mit indirekter bzw. versteckter Kritik an der amerikanischen Gesellschaft deutlich. 1962 geboren, studierte er Philosophie und lehrte an der Illinois State University in Bloomington Normal[4].

„Mit der Gegenkultur der Studentenbewegung und der populären Jugendkultur wurde auch die strikte Trennung zwischen hoher und populärer Kultur in Frage gestellt.“[5] In der Literatur der Postmoderne dominiert „die Frage nach dem Was der Welt, die uns umgibt“[6] und unser Leben bestimmt. Das Triviale bzw. Alltägliche kann zum literarischen oder ästhetischen Gegenstand werden und umgekehrt. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichsten kulturellen Ebenen, auch aus literarischer Sicht gesehen, werden verwischt[7]„... eine Tendenz, die in der amerikanischen Postmoderne zum selbstverständlichen Ausgangspunkt geworden ist...“[8]. In der postmodernen Literatur wird die Wirklichkeit als sprachlich konstruiert und damit als künstliche Ordnung angesehen; das Wirklichkeitsverständnis befindet sich in einer Krise[9]. Dies kann man auch sehr gut an Wallaces Kurzgeschichte nachvollziehen, in der er sich die Postmoderne zum Vorbild nimmt. Öffentliche und private Geschichte werden erzählt und dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.

Zum Neuen Realismus der Literatur (Ende des 20.Jh.) ist zu sagen, dass es sich hier ähnlich wie bei der Malerei verhält. So wurden z.B. ab 1960 reale Gegenstände verwendet[10], um diese dann ins Bild einzufügen und mit der Farbe zu verbinden. Bezugnehmend zur Literatur bedeutet dies, dass der

„... Wahrheitsanspruch (...) die Tendenz hatte, auf (...) [eine] nicht-abbildliche Wahrheit zuzulaufen...“[11]. Wahrheit und Fiktion, Original und Abbild – die Grenzen verschwimmen und es ergibt sich aus dieser neuen Kombination eine völlig neue Geschichte mit Doppel- oder Mehrfachdeutungen, die oft der Kritik bzgl. Politik und Gesellschaft dienen. Die Realismusforschung der 60er Jahre zog daraus den Schluss, dass die Realitätsnähe nichts weiter sei als eine Illusion und damit bei dem Gedanken an den Begriff ‚Neuer Realismus’ nicht an Realismus zu denken ist[12]. Laut Wallace geht es dem Neuen Realismus besonders darum, „... die Fremdheit in all dem Bekannten aufzudecken...“[13]. Der Neue Realismus berücksichtigt die postmoderne Einsicht in die sprachliche Konstruiertheit aller Repräsentationen von Wirklichkeit, aber andererseits will er nicht auf eine Wirklichkeitsdarstellung verzichten[14].

Wallace, der zusätzlich auch als Vertreter des Schwarzen Realismus gehandelt wird, erhielt diese Zuordnung aufgrund seiner „... bösen, kalten Erzählungen... , [die] von den Verwüstungen in unseren Seelen... [handeln]...“[15] und, weil sein pessimistisches Menschenbild diesen Realismus trägt[16].

3. Einführende Interpretation zu Wallaces „Lyndon“

Als abschließende Kurzgeschichte des Bandes „Girl with Curious Hair“ (1989)[17] bildet „Lyndon“ für Wallace die Möglichkeit nicht nur austauschbare Persönlichkeiten (Boyd) zu benutzen, sondern auch auf Geschichte und das Unantastbare (Präsident LBJ) zurückzugreifen[18]: die Karriere Lyndon Baines Johnsons wird geschildert. Dem ehemaligen US-Präsidenten wird ein schwuler Praktikant und späterer Redenschreiber an die Seite gestellt. Wenn nicht verstörende, so werden doch zum Nachdenken zwingende Dialoge zwischen Präsident und fiktiven Adlatus entworfen. Immer wieder wird die Erzählung aufgebrochen durch authentisch wirkende Statements und Reden LBJs und seiner Mitarbeiter. An diesen Stellen wird der Präsident greifbar, historisch fassbar gemacht – das Interesse des Lesers erwacht an dem Texaner. Tragik und Mitleid kommen hinzu als Aids beginnt eine Rolle zu spielen. Doch dann ist alles plötzlich vorbei, seine Jahre im Amt werden schnell abgehandelt und die Geschichte endet mit dem Tod LBJs[19].

[...]


[1] David Foster Wallace: Kleines Mädchen mit komischen Haaren. Storys. Nachwort von Denis Scheck (Hg.). Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Aufl., 2001, S. 251-252.

[2] Ebenda, S. 251.

[3] Ebenda, S. 251.

[4] Sacvan Bercovitch (Hg.): The Cambridge History of American Literature. Prose Writing 1940 – 1990. Cambridge: Cambridge University Press, Volume 7, 1999, S.760.

[5] Willi Paul Adams, Peter Lösche (Hg.): Länderbericht USA. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1998, S. 795.

[6] Paul Michael Lützeler (Hg.): Spätmoderne und Postmoderne. Beiträge zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1991, S. 13.

[7] Willi Paul Adams, Peter Lösche (Hg.): Länderbericht USA. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1998, S. 795.

[8] Ebenda, S. 795.

[9] Ebenda, S. 796.

[10] Wissens-Portal online, 04.04.2002, http://wispor.de/wpx-male.htm.

[11] Universität Bielefeld online, 04.08.2002,

http://lili.uni-bielefeld.de/~seiler/drucke/realismus/verundeutlichung.html.

[12] Ebenda.

[13] Titel – Magazin für Literatur und Film online, 29.04.2002,

http://www.titel-magazin.de/wallace.htm.

[14] Willi Paul Adams, Peter Lösche (Hg.): Länderbericht USA. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 1998, S. 798.

[15] Michael Braun: Der schwarze Realismus des David Foster Wallace online, 29.04.2002,

http://www.listen-rezensionen.de/Pages/Listen61/s61_liter3.html.

[16] Ebenda.

[17] s9.com/biography online, 05.05.2002, http://www.s9.com/cgi-s9/engine99.cgi?name=david+foster+wallace&keyword=&date.de.

[18] e-salon.de online, 05.05.2002, http://home.arcor.de/kyrsche/wallace.htm.

[19] Ebenda.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Neuer Realismus und Interpretationsansätze zu David Foster Wallaces Lyndon
Hochschule
Freie Universität Berlin  (JFK-Institut)
Veranstaltung
Performing History: Fiction, Memory and Historical Representation
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V6618
ISBN (eBook)
9783638141536
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neuer Realismus, David Foster Wallace, Lyndon
Arbeit zitieren
Antje Pankow (Autor), 2002, Neuer Realismus und Interpretationsansätze zu David Foster Wallaces Lyndon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6618

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