"Heute, wo wir selbst beim Chinesen mexikanisch Essen können, während im Hintergrund Reggae läuft und im Fernsehen eine sowjetische Sendung über den Fall der Berliner Mauer, heute wo uns alles verdammt bekannt vorkommt, hat sich die Aufgabe des Realismus ebenfalls verwandelt. Um einen ähnlichen Erkenntnisschub zu erzielen wie vor hundert Jahren, müsste realistische Literatur eigentlich im Bekannten das Fremde aufdecken, müsste paradoxerweise das, was wir für >real< halten, das heißt die zweidimensionalen Medienbilder, in die dreidimensionale Welt zurückführen, also aus flachen Images des Fernsehens die verloren gegangene Wirklichkeit rekonstruieren." So erklärt David Foster Wallace in seinem Essay "E Unibus Pluram" seine Beziehung zum Realismus-Begriff, die sich als Leitfaden in seinen Kurzgeschichten wiederfinden bzw. lesen lässt. Wallace schreibt auch, dass man postmoderne Literatur daran erkennt, dass diese popkulturelle Realien bewusst einsetzt . In diesem Sinne möchte ich meine Arbeit ausrichten und am Beispiel der Kurzgeschichte "Lyndon" die postmodernen Strukturen als auch den Begriff des Neuen Realismus hinterfragen. Im Anschluss daran folgt ein allgemeiner Interpretationsansatz der allegorischen Ebene der Kurzgeschichte, um die Mehrdeutungen bzw. indirekten Kritikpunkte Wallace′ herauszuarbeiten.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: David Foster Wallace und die postmoderne Literatur
2. Postmoderne Literatur und Neuer Realismus
3. Einführende Interpretation zu Wallaces „Lyndon“
3.1. Verwendung von sprachlichen Besonderheiten und formal-stilistischen Mitteln
3.2. Interpretation der allegorischen Ebene
3.3. Fiktion und Wirklichkeit
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Darstellung von öffentlicher und privater Geschichte in „Lyndon“
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit David Foster Wallaces Kurzgeschichte „Lyndon“ auseinander, um deren postmoderne Strukturen sowie die Anwendung des Konzepts des „Neuen Realismus“ zu untersuchen. Dabei wird analysiert, wie der Autor durch die Vermischung von privater und öffentlicher Geschichte sowie durch den Einsatz formal-stilistischer Mittel eine vielschichtige Kritik an der amerikanischen Gesellschaft und Politik übt.
- Analyse postmoderner Erzählstrukturen in „Lyndon“
- Untersuchung des Begriffs „Neuer Realismus“ bei David Foster Wallace
- Interpretation der allegorischen Ebene und deren Mehrdeutigkeiten
- Hinterfragung der Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit
- Kritik an gesellschaftlichen Tabus und politischer Kultur in den USA der 1960er Jahre
Auszug aus dem Buch
3.1. Verwendung von sprachlichen Besonderheiten und formal-stilistischen Mitteln
In der Kurzgeschichte „Lyndon“ fällt besonders die Verschmelzung von Geschichte, Journalismus und Innsicht eines Mitarbeiters auf, was eine ganz unerwartete Sicht auf den Präsidenten Lyndon B. Johnson wirft. Alles beginnt mit einem Vorstellungsgespräch beim ehemaligen Senator Lyndon. Bereits zu diesem Zeitpunkt übernimmt der Erzähler sofort die Sicht des Arbeitgebers. Der Erzähler wird zum Pressemanager des späteren Präsidenten und schreibt die Geschichte, indem er sie zusammen mit dem Präsidenten entwickelt. Das heißt wiederum, dass die Story aus der Perspektive des fiktiven homosexuellen Beraters Boyd erzählt wird und Wallace auf grobe Art und Weise die Spekulationen um die sexuelle Orientierung des Präsidenten aufwirft. Als Wallace am Ende der Geschichte die finale Tabuverletzung wagt und dem sterbenden LBJ einen moribunden Aidskranken (Duverger) ans Sterbebett schickt, nimmt er den Jargon seiner Helden auf und überdehnt ihn bis zur grotesken Karikatur.
Des weiteren fallen dem Leser die journalistischen Einschübe auf, welche die Erzählung aufbrechen und wie authentische und wahrheitsgemäße Statements und Reden LBJs und seiner Mitarbeiter wirken. Auch ist die Darstellung Johnsons eine andere, als viele Intellektuelle Amerikas sie sehen. LBJ wird von ihnen als skrupelloser Völkermörder und Vietnam-Bombardierer angesehen. Wallace allerdings stellt ihn zwar als raubeinig (Texanermentalität) dar, aber auch als Sympathieträger, bei dem sich Gerechtigkeitssinn und politische Naivität paaren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: David Foster Wallace und die postmoderne Literatur: Das Kapitel führt in das Werk von David Foster Wallace ein und verortet es im Kontext der Postmoderne, wobei die Zielsetzung der Arbeit sowie das Interesse an den postmodernen Strukturen der Kurzgeschichte „Lyndon“ definiert werden.
2. Postmoderne Literatur und Neuer Realismus: Hier werden theoretische Grundlagen zur postmodernen Literatur sowie der spezifische Begriff des „Neuen Realismus“ erläutert, wobei insbesondere die Verwischung von Fiktion und Realität im Vordergrund steht.
3. Einführende Interpretation zu Wallaces „Lyndon“: Dieses Kapitel gibt einen inhaltlichen Überblick über die Kurzgeschichte, die die Karriere von Lyndon B. Johnson durch die Augen eines fiktiven, homosexuellen Mitarbeiters beleuchtet.
3.1. Verwendung von sprachlichen Besonderheiten und formal-stilistischen Mitteln: Es wird analysiert, wie Wallace durch journalistische Einschübe, Ironie und Symbole eine komplexe, teils groteske Erzählweise etabliert, um die Figur des Präsidenten zu charakterisieren.
3.2. Interpretation der allegorischen Ebene: Dieser Abschnitt widmet sich der symbolischen Bedeutung von Figuren wie Duverger und der „Vater-Sohn-Beziehung“ zwischen Boyd und Johnson, um die Kritik an gesellschaftlichen Tabus der 60er Jahre herauszuarbeiten.
3.3. Fiktion und Wirklichkeit: Das Kapitel untersucht die methodische Ebene der Geschichte, in der der Leser gezwungen wird, die Grenze zwischen historischer Realität und literarischer Fiktion zu hinterfragen.
4. Zusammenfassung und Schlussfolgerungen: Darstellung von öffentlicher und privater Geschichte in „Lyndon“: Die Arbeit schließt mit einer Bilanz ab, in der Wallace als „Schockästhetiker“ gewürdigt wird, der die Grenzen zwischen privater Identität und öffentlichem Image dekonstruiert.
Schlüsselwörter
David Foster Wallace, Lyndon, Postmoderne, Neuer Realismus, Lyndon B. Johnson, Literaturwissenschaft, Allegorie, Fiktion, Wirklichkeit, Gesellschaftskritik, Vietnamkrieg, Identität, US-Geschichte, Stilistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Kurzgeschichte „Lyndon“ von David Foster Wallace im Hinblick auf deren postmoderne Erzählstruktur und die Anwendung des Konzepts des Neuen Realismus.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit befasst sich mit der Vermischung von privater und öffentlicher Geschichte, der Dekonstruktion von US-Präsident Lyndon B. Johnson und der kritischen Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Tabus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die „Lyndon“-Kurzgeschichte als allegorisches Werk zu interpretieren und aufzuzeigen, wie Wallace mittels spezifischer sprachlicher Mittel indirekte Gesellschaftskritik übt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text eng am Inhalt sowie an zeitgenössischen Theoriekonzepten (Postmoderne, New Historicism) prüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Einführung, eine Analyse der formal-stilistischen Mittel, eine allegorische Deutung der Figurenkonstellationen sowie eine Erörterung des Verhältnisses von Fiktion und Realität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen David Foster Wallace, Neuer Realismus, Postmoderne, Allegorie, Fiktion und gesellschaftliche Identität.
Welche Rolle spielt die Figur „Boyd“ in der Geschichte?
Boyd fungiert als fiktiver, homosexueller Berater und Erzähler, dessen Perspektive eine „innsichtige“, aber zugleich manipulierte Sicht auf den Präsidenten LBJ ermöglicht.
Warum spielt das Thema Aids in der Analyse eine Rolle?
Das Thema Aids wird in der Kurzgeschichte als unbenanntes Tabu der 60er Jahre verwendet, welches symbolisch für die Unterdrückung von Sinnlichkeit und die „dunkle Seite“ des US-Bürgers steht.
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- Antje Pankow (Author), 2002, Neuer Realismus und Interpretationsansätze zu David Foster Wallaces Lyndon, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6618