Okkultismus und Satanismus im Jugendalter - Eine Skizze zum Forschungsstand


Vordiplomarbeit, 2000

47 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Prolog- Gott ist tot ?!?

1. Einleitung

2. Die Okkultwelle unter Jugendlichen- mediales Produkt oder Tatsache?
2.1. Zu den okkulten Experimenten Jugendlicher
2.2. Zu den Motiven für jugendlichen Okkultismus
2.3. Zu den Gefahren des jugendlichen Okkultismus

3. Die „schwarze Szene“- zur jugendlichen Subkultur der Gothic- Punks
3.1. Der Zugang- wie wird man zum Schwarzen
3.2. Zu den Werten und Normen der schwarzen Szene
3.3. Zum Stil der Grufties
3.4. Zum Lebensgefühl der Grufties
3.5. Zum Verhältnis der Grufties zur Religion

4. Geht die Jugend zum Teufel?- Jugendliche und Satanismus
4.1. Die Einfallspforte des Teufels- zum Verhältnis von Rockmusik und Satanismus
4.1.1. Zu den kirchlichen Positionen
4.1.2. Zur Verwendung satanischer Symbole in der Rockmusik
4.2. Satanistische Praktiken Jugendlicher
4.2.1. Fallstudie Bill
4.2.2. Zu den Beweggründen für die jugendliche Beschäftigung mit Satanismus

5. Kurze Stellungnahme der Verfasserin

Literaturnachweise

0. Prolog- Gott ist tot ?!?

Schwarz verbreitet sich in meinem Kopf,
Ganz aufgequollen mein Augenlicht zerfetzt,
Das Herz verbrennt im weißen Nichts-
Und doch es wird-

Mein Körper ist in Stein gehauen-
Im tiefen Sog der Ewigkeit,
Dass Zeit vergeht ist mir entgangen,
Und doch es wird- es wird schon wieder weitergeh´n

Gott ist tot!

Eingesperrt im Wald des Wahns,
Dunkles Sein gesäht in meiner Hand-
Verstaubtes Denken in meinem Schädel-
Und doch es wird-

Mein Geist zerfleischt das Tageslicht-
Die Feuerglut in meinem Hals erlischt,
Ganz ohne Halt mein Fleisch zerfällt,
Und doch es wird- es wird schon wieder weitergeh´n

Gott ist tot!

Mein Gehirn zum Kerker wird
Ein kleiner Stich hat mich gelähmt,
Der Schrei in mir unhörbar schweigt-
Und doch es wird-

Mein Seelenhauch der Blitz verschlingt
Mein süsses Blut verfault im Sand
Mein Sinn zum Leben in Raum und Zeit-
Und doch es wird- es wird schon wieder weitergeh´n

Gott ist tot!

Der Schlund der blinden Worte
Hat mir einmal gutgetan...

( Text des Liedes „Gottes Tod“ der Gruppe Das Ich)

1. Einleitung

Sicher sind vielen die Berichte der Medien über jugendlichen Okkultismus und Satanismus noch vor Augen. Bemerkenswert ist hierbei, dass jegliche Regeln bezüglich einer tatsachenbezogenen Recherche in diesem Zusammenhang völlig über Bord geworfen werden, was zählt ist hier die Überschrift, die häufig auf eine angebliche Mode unter den Jugendlichen hinweist. Glaubt man einschlägigen Berichten, so sind Praktiken wie Gläserrücken, Pendeln und schwarze Messen unter Deutschlands Jugendlichen mittlerweile Gang und Gebe. Die Frage, die sich stellt, ist die nach dem Wahrheitsgehalt solcher medialen Prognosen. Was steckt wirklich hinter jenem vermeintlichen Trend? Suchen die Jugendlichen wirklich nach einer neuen Religion, die sie in der satanistischen Verkehrung christlicher Werte zu finden vermeinen oder ist die Beschäftigung mit okkulten Themen eine Flucht aus dem langweiligen Alltag?

Im Rahmen dieser Arbeit soll nun versucht werden, einen Überblick über den momentanen Stand der pädagogischen Forschung zu diesem Thema zu geben. Zu Beginn soll sich mit dem Bereich des jugendlichen Umgangs mit okkulten Praktiken beschäftigt werden, dabei soll nach der Darstellung der weitest verbreiteten okkulten Praktiken auf die Gründe eingegangen werden, die das jugendliche Interesse an diesem Themenbereich auslösen können, sowie eine anschließende vorsichtige Auseinandersetzung mit der Frage versucht werden, ob diese Beschäftigung mögliche Gefahren für den Jugendlichen mit sich bringt, wie es ja so oft behauptet wird. Daran anschließend soll eine ausführlichere Beschreibung der schwarzen Jugendkultur, der Szene der Gothics und Grufties, erfolgen, die sich vor allem mit den Aspekten befasst, wie es zur Hinwendung eines Jugendlichen zu jener Jugendkultur kommt und welche Werte und Normen innerhalb der Szene vorherrschen. Darüber hinaus wird der Stil und das Lebensgefühl der Schwarzen beschrieben, sowie abschließend ihr Verhältnis zur Religion näher betrachtet. Die überaus differenzierte Darstellung dieses Themenkomplexes scheint vor allem vor dem Hintergrund der vielen Missverständnisse und falschen Zuordnungen der Grufties in der Öffentlichkeit gerechtfertigt und nötig. Beim Thema des jugendlichen Satanismus wird zwischen zwei Teilbereichen unterschieden, dem des Satanismus in der Rockmusik, wo nach einer Darstellung der kirchlichen Position zu diesem Thema eine Betrachtung der tatsächlichen Bedeutung der verwendeten satanischen Symbole im Heavy- Rock erfolgt, sowie dem des tatsächlichen satanistischen Praktizierens Jugendlicher, wobei erst anhand einer Fallstudie der mögliche Verlauf einer „satanistischen“ Karriere eines Jugendlichen beispielhaft vorgestellt werden soll und im Anschluss daran auf der Basis dieser Fallstudie mögliche Gründe, welche die jugendliche Hinwendung zum Satanismus erklären können, erläutert werden sollen. Abschließend erfolgt eine kurze Stellungnahme der Verfasserin zu dem behandelten Themenbereich.

Als Hauptquelle diente die Arbeit Werner Helspers aus dem Jahre 1992. Leider stellt sich die Literaturgrundlage zu diesem Themenkomplex äußerst problematisch da. So gibt es kaum wissenschaftliche, vorurteilsfreie Untersuchungen. Dagegen stößt man ständig auf stark kirchlich geprägte Positionen, die allerdings einer kritischen Auseinandersetzung mit jugendlichen Okkultismus und Satanismus und somit letztlich auch einem Verständnis dieses Phänomens aufgrund ihrer einseitigen Blickweise mehr hinderlich als förderlich sind. Die Beschäftigung mit ihnen kann also lediglich als negativ Beispiel dienen und wurde deshalb für die Erstellung dieser Arbeit nicht zur Grundlage genommen.

2. Die Okkultwelle unter Jugendlichen- mediales Produkt oder Tatsache?

Seit nunmehr fünfzehn Jahren ertönen sie immer wieder, die mahnenden Stimmen, die von einer Zunahme okkulter Praktiken unter Deutschlands Jugendlichen berichten. Sei es nun von kirchlicher Seite oder in den Berichten der Illustrierten, überall wird von einer okkulten Welle berichtet, deren Gefahren nicht zu überschätzen seien. Häufig fehlen hierbei jedoch klare Nachweise für den prophezeiten Trend. So werden Einzelfälle aufgebauscht oder die Motive der Jugendlichen vollkommen missdeutet; so wird aus einem Freizeitspaß, der die Langeweile vertreiben sollte, gleich eine Weltanschauung gemacht.

Im folgenden werden seriöse Forschungsergebnisse dargestellt, die einen Überblick darüber geben sollen, mit welchen okkulten Praktiken Jugendliche tatsächlich umgehen und was die Motive für die Beschäftigung mit solchen Themen seien können. Abschließend soll noch kurz auf die – immer wieder beschworenen – Gefahren des Experimentierens mit okkulten Praktiken verwiesen werden, wobei zunächst noch offengelassen werden soll, ob es sich wirklich um eine „Gefahr“ für die Betroffenen handelt.

2.1. Zu den okkulten Experimenten Jugendlicher

Bevor im folgenden auf die konkreten Erfahrungen Jugendlicher mit Okkultismus eingegangen werden soll, scheinen einige grundlegende Hinweise angebracht.

So ist es zunächst keinesfalls so, dass mit dem jugendlichen Okkultismus ein lang verschwundenes Phänomen wiederaufgetaucht ist. Praktiken wie Karten legen oder Pendeln, aber vor allem die Deutung der Zukunft des Einzelnen aus den Sternen in Form der allseits beliebten und in nahezu jeder Illustrierten auftauchenden Horoskope, sind nie gänzlich aus dem Alltagsleben verschwunden. In diesem Zusammenhang erscheint es auch als bedeutsam darauf zu verweisen, dass viele Jugendliche nicht von alleine in Kontakt mit Okkultismus kommen, sondern vielmehr durch Erwachsene, z. B. die Beschäftigung der eigenen Eltern mit Themen wie Hexerei, Karten legen oder auch Ufos, auf solche Phänomene aufmerksam gemacht werden. Somit ist die Beschäftigung mit okkulten Themen nicht typisch jugendlich. Allerdings unterscheiden sich Jugendliche und Erwachsene bezüglich der Bedeutung, die der Umgang mit okkulten Praktiken für sie hat. Während bei den Erwachsenen die Beschäftigung mit diesen Themen meist Bestandteil einer bestimmten geschlossenen Weltanschauung ist, „sind die okkulten Engagements Jugendlicher eher im Sinne eines ‚manipulativen Okkultismus’ oder als ‚okkulte Praxis des Machens’ zu verstehen“ (Helsper, 1992, S. 48). Es geht den Jugendlichen vorrangig darum Erfahrungen zu machen, einfach mal auszuprobieren, „ob da was dran ist“. Natürlich gibt es auch Jugendliche, für die die Beschäftigung mit okkulten Praktiken zu mehr wird als nur zu einem Freizeitvergnügen. Allerdings dürfte zu Beginn der Auseinandersetzung mit diesen Themen meist Neugierde oder Langeweile den Ausschlag geben (vgl. Kapitel 2.2.; vgl. Helsper, 1992).

Im Anschluss an diese grundlegenden Thesen soll nun ein, sicher nicht vollständiger, Überblick über die unter Jugendlichen verbreiteten okkulten Praktiken erfolgen. Meist handelt es sich hierbei um spiritistische Vorgänge, d.h. die Versuche mit Geistern Kontakt aufzunehmen oder Antworten auf Fragen zu finden, die die eigene Zukunft betreffen.

Zu den am weitesten verbreiteten Praktiken gehört hierbei sicher das Gläserrücken, was zum einen wohl daran liegt, dass es relativ einfach durchzuführen und zum anderen eine gesellige Praktik ist. Beim Gläserrücken wird ein möglichst leichtes Glas mit der Öffnung nach unten auf einen glatten Holztisch gestellt. Das Glas befindet sich in der Mitte eines Kreises aus Kärtchen, auf die die gesamten Buchstaben des Alphabetes, die Ziffern von Null bis Neun und die beiden Antwortmöglichkeiten „ja“ und „nein“ geschrieben stehen. Die Teilnehmer dieser Praktik sitzen um den Tisch herum und legen jeweils einen Finger auf das Glas (möglichst leicht, um das Glas nicht zu schieben). Im Anschluss hieran wird eine Frage laut gestellt, auf die ein Geist durch die Verschiebung des Glases zu den einzelnen Buchstabenkärtchen antwortet. Die meisten Teilnehmer solcher Sitzungen berichten hinterher erstaunt, dass es trotz ihrer anfänglichen Skepsis tatsächlich funktioniere und sie sich absolut sicher seien, dass niemand der anderen das Glas geschoben hätte[1] (vgl. Helsper, 1992; Hunfeld/Dreger, 1990).

Eine ähnliche, ebenfalls sehr beliebte Praktik stellt das sogenannte „schreibende Tischchen“ dar. Hierbei handelt es sich um einen dreibeinigen Tisch, bei dem ein Bein durch einen Stift ersetzt ist. Dieses Bein wird auf ein Blatt Papier gestellt. Durch den angeblichen Kontakt mit einem Geist, beginnt der Stift Botschaften dieses Geisterwesens aufzuschreiben, die allerdings immer sehr undeutlich sind und deren Inhalt somit der Interpretation des Lesers überlassen bleibt. Das schreibende Tischchen hat gegenüber dem Gläserrücken den Nachteil, dass es aufwendiger in der Umsetzung ist, da erst einmal ein solcher Tisch benötigt wird, wohingegen die zum Gläserrücken notwendigen Gegenstände ohne großen Aufwand beschafft werden können (vgl. Helsper, 1992; Hunfeld/Dreger, 1990).

Ein weiteres beliebtes Experiment unter Jugendlichen ist das Pendeln. Hierbei wird ein Gewicht oder ein extra dafür gekauftes Pendel an einer dünnen Schnur befestigt und dann zwischen Daumen und Zeigefinger festgehalten. Das Pendel kann nach rechts oder links ausschlagen, wobei der jeweilige Ausschlag entweder als „ja“ oder „nein“ auf eine vorher gestellte Frage zu deuten ist. Welcher Richtung welche Antwortmöglichkeit zukommt, wird dabei durch eine Kontrollfrage festgelegt, deren Antwort schon bekannt ist, z. B. lautet die Antwort „nein“ und das Pendeln schlägt nach rechts aus, ist rechts somit die Richtung für die Antwortmöglichkeit „nein“. Gependelt wird in der Regel alleine, somit ist diese Praktik auch wieder dem Gläserrücken unterlegen, da hier der gesellige Effekt fehlt (vgl. Helsper, 1992; Hunfeld/Dreger, 1990).

Neben diesen Praktiken gibt es auch Versuche mit Magie zu experimentieren, beispielsweise das Ausprobieren von Zaubersprüchen, die man irgendwo aufgetan hat oder die Erprobung bestimmter Symbole, denen magische Kräfte zugeschrieben werden, z. B. den germanischen Runen. Ebenfalls sehr beliebt zu sein scheint das Ausprobieren eigener PSI- Kräfte, d. h. der Versuch andere Personen den eigenen Willen ausführen zu lassen. So lassen sich Äußerungen von Jugendlichen finden, die beispielsweise versuchten, den Lehrer in der Schule mittels Telepathie davon zu überzeugen sie nicht aufzurufen, was jedoch nicht von Erfolg gekrönt war (vgl. Helsper, 1992; Hunfeld/Dreger, 1990).

Zu den eher seltenen Praktiken der Jugendlichen gehört das Kartenlegen, auch als Tarot bekannt, bei dem mit Hilfe eines bestimmten Kartenspiels angeblich die Zukunft vorhergesagt werden kann. Die geringe Verbreitung dieser Praktik liegt vermutlich daran, dass das Tarotlegen sehr schwer zu erlernen ist; es erfordert einigen Aufwand in Form von Bücherstudium um sich die verschiedenen Kartenbedeutungen und die Legemuster anzueignen (vgl. Helsper, 1992).

Noch seltener sich wohl auch Satansbeschwörungen, beispielsweise in Form von schwarzen Messen, auch wenn diese Tatsache in den Medien immer wieder anders dargestellt wird. So gibt es zwar, häufig auch noch durch die Berichterstattung in Zeitung und Fernsehen, die oft mehr reißerischen als informativen Charakter hat, inspirierte, Versuche Jugendlicher schwarze Messen zu feiern, dennoch sind dieses Ausnahmen ( zum Themenbereich des jugendlichen Satanismus vgl. Kapitel 4). Es soll jedoch keinesfalls behauptet werden, dass es satanische Praktiken nicht auch unter Jugendlichen gibt (vgl. Helsper, 1992).

So lässt sich wohl zusammenfassend die These vertreten, dass es sich bei den okkulten Praxen Jugendlicher um „eine Art spannende Freizeitbeschäftigung“ zu handeln scheint ( Helsper, 1992, S. 53). Diese Behauptung kann sicherlich noch weitergehend unterstützt werden, wenn man sich den Motiven für den jugendlichen Umgang mit Okkultismus zuwendet.

2.2. Zu den Motiven für jugendlichen Okkultismus

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Faszination Jugendlicher für okkulte Thematiken und Praktiken nicht rein zufällig ist. So lassen sich aus den Aussagen von zu diesem Thema interviewten Jugendlichen gewisse Gemeinsamkeiten ableiten, die darauf hindeuten, dass es bestimmte Ursachen gibt, die das Interesse an diesem Bereich nicht unbedingt ausgelöst, aber doch zumindest gefördert haben.

Einen sicher nicht zu verachtenden Einfluss haben persönliche Erfahrungen, welche die Jugendlichen auf eine mehr oder weniger konkrete Art in Kontakt mit diesem Themenbereich brachten. Hierzu können sehr einschneidende Erlebnisse wie der Tod einer nahestehenden Person zählen, aber auch eher profan wirkende Dinge, wie das Interesse der Eltern für diesen Themenbereich oder die in der Kinderwelt immer wieder auftauchenden Phantasiegestalten, wie Hexen und Geister, die man in vielen Kindererzählungen antrifft. Ebenfalls sensibilisierend für die Faszination am Okkulten kann auch die frühe Konfrontation mit Grusel- oder Horrorfilmen wirken, welche die Frage weckt, ob es das in diesen Filmen Dargestellte nicht vielleicht wirklich gibt (vgl. Helsper, 1992).

Oftmals lässt sich in diesem Zusammenhang die These finden, es sei die Berichterstattung in den Medien, Fernsehen und Presse, gewesen, die die Jugendlichen erst auf das Thema Okkultismus aufmerksam werden ließ. Allerdings ist kein Fernseh- oder Zeitungsbericht als Auslöser für das Interesse der Jugendlichen zu werten, „vielmehr müssen diese Bilder und medialen Botschaften auf Erlebnisse und Erfahrungen der Jugendlichen bezogen sein, die einen Anknüpfungspunkt für das Übersinnliche, Unheimliche und Okkulte bilden“, somit kommt ihnen wohl eher eine Verstärker- oder Aktualisiererfunktion zu ( Helsper, 1992, S. 61). Schlussendlich machen die Berichte über Okkultismus die Jugendlichen also nur auf ein bereits latent vorhandenes Interesse aufmerksam (vgl. Helsper, 1992).

Zu der konkreten Auseinandersetzung mit und dem Umsetzen von okkulten Praktiken führen darüber hinaus weitere Motive, auf die im folgenden eingegangen werden soll.

Ein erstes zentrales Motiv für den Umgang mit Okkultismus ist die Langeweile und die daraus resultierende Suche nach einer spannenden Freizeitbeschäftigung, denn dieses ist es, was sich die Jugendlichen vordergründig von beispielsweise Geisterbeschwörungen versprechen. Viele von ihnen glauben ja zu Beginn nicht, dass diese Praktiken tatsächlich funktionieren, vielmehr geht es um die Spannung beim Versuch: klappt es oder klappt es nicht? Darüber hinaus entsteht die Spannung auch dadurch, dass es sich hierbei um die Konfrontation mit dem Bereich des Unheimlichen, Unerklärten handelt. Schließlich spielt auch noch ein drittes Moment eine Rolle bei dem Versuch auszumachen, warum gerade okkulte Praktiken wie Gläserrücken oder Pendeln auch über längere Zeit das Interesse der Jugendlichen als spannende Freizeitbeschäftigung fesseln können, nämlich jener der Gefahr. Wer sich auch nur oberflächlich mit okkulten oder esoterischen Themen befasst, wird schnell auch auf Warnungen stoßen, die von einem leichtfertigen Umgang mit okkulten Praktiken abraten. Ob man nun den angeblichen Schauermärchen im Tenor von „die Geister die ich rief, wurde ich nicht mehr los“ glaubt oder nicht, auf Jugendliche, die auf der Suche nach dem „Kick“ für ihren langweiligen Alltag sind, werden solche Berichte sicher sehr reizvoll wirken. Schließlich unterstützen sie auch ein bisschen den jugendlichen Rebellengeist, der sich hier über die vermeintlichen Warnungen und Verbote der Erwachsenen hinwegsetzen kann, sicher ebenfalls ein Element, welches den Spannungsgehalt okkulter Praktiken unterstützt (vgl. Helsper, 1992).

Ein zweiter wichtiger Grund für Jugendliche, sich mit okkulten Themen zu befassen, ist jener der Neugierde. Im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen handelt es sich hierbei um ein Gebiet, das nahezu unerforscht ist, über das vielfach auch ein Mantel des Schweigens gebreitet wird. Auslösend für die Beschäftigung mit Okkultismus kann somit auch der Wunsch der Jugendlichen sein, etwas mehr über ein Thema zu erfahren, das sonst nicht gerade im Mittelpunkt des allgemeinen gesellschaftlichen Interesses steht, ein Thema auch, das im Gegensatz zu vielen anderen Bereichen noch relativ umstritten ist. Es gibt keinen öffentlichen Konsens bezüglich der Existenz übersinnlicher Phänomene, es handelt sich um ein Thema, das relativ offen ist und von gegensätzlichen Meinungen geprägt wird, was sicherlich den Anreiz für die jugendliche Neugierde bietet, festzustellen, was wirklich dahintersteckt (vgl. Helsper, 1992).

Ein weiteres Motiv für die Auseinandersetzung Jugendlicher mit okkulten Themen ist die bewusste Abgrenzung von den kirchlichen Institutionen, wobei die Hinwendung zum Okkultismus hierbei eine Negation der von den Kirchen vertretenen Glaubenssätze bedeutet. Allerdings ist dieses Motiv für den einzelnen Jugendlichen nur dann von Bedeutung, wenn die Religion bisher in seiner Erziehung und seinem Leben eine große, häufig auch einengende, Rolle spielte (vgl. Kapitel 4.2.1.). „In diesem Fall gewinnt die Faszination des Okkulten und das Experimentieren mit spiritistischen Praktiken oder mit Magischem die Bedeutung einer Selbstabgrenzung und Selbstverortung“, d.h. hier wird die Hinwendung zum Okkultismus wichtig für die Herausbildung einer eigenen Identität des Jugendlichen, zumindest in negativer Form, nämlich als Abgrenzung zu dem, was und wie man nicht sein will (Helsper, 1992, S. 71). In diesen Fällen geht es also um mehr als nur die Flucht aus dem langweiligen Alltag und die Suche nach dem „Kick“ (vgl. Helsper, 1992).

Darüber hinaus kann als Ursache für die Hinwendung zu okkulten Praktiken eine Überforderung der Jugendlichen, mit ihrem Leben und den zu treffenden Entscheidungen zurecht zu kommen, eine Rolle spielen. Gerade wenn sich die Probleme im Leben der Jugendlichen häufen, z.B. im familiären und schulischen Bereich, sehen sie sich häufig nicht mehr in der Lage selbständig die richtige Entscheidung für ihr Handeln zu treffen. Die Möglichkeit beispielsweise mit Hilfe eines Pendels die dringend benötigten Ratschläge zu erhalten, erscheint dann als eine denkbar einfache Methode. Dass es sich hierbei um ein Motiv handelt, welches eine gewisse Gefahr für den praktizierenden Jugendlichen beinhaltet, soll später noch näher erläutert werden (vgl. Kapitel 2.3.). An dieser Stelle soll zunächst der Hinweis genügen, dass der Jugendliche bei dieser Form des okkulten Praktizierens seine Fähigkeit selbständig Entscheidungen zu treffen, an eine doch sehr fragwürdige Technik bezüglich ihrer Verlässlichkeit abgibt (vgl. Helsper, 1992).

Abschließend soll noch kurz auf zwei weitere Gründe eingegangen werden, die ebenfalls Ausschlag dafür geben können, dass sich ein Jugendlicher mit Okkultismus beschäftigt. Zum einen kann die Tatsache, dass man sich mit diesem Thema befasst und, allem Anschein und der eigenen Behauptung nach auch auskennt, zu einer Aufwertung der eigenen Person innerhalb seiner Clique führen. Somit wird aus dem vorher langweiligen Außenseiter plötzlich der Mittelpunkt, von dem alle etwas über das „faszinierende“ Thema Okkultismus erfahren wollen. Zum anderen kann bei dem betroffenen Jugendlichen der Wunsch im Vordergrund stehen, durch okkulte Praktiken ein gewisses Maß an Macht zu erlangen, z. B. in Form von telepathischen Fähigkeiten, mit Hilfe derer man anderen Personen seinen Willen aufzwingen kann. Dieser letzte Grund scheint besonders auf „jene Jugendliche, die von den realen ökonomischen, sozialen und kulturellen Machtquellen und Ressourcen am deutlichsten ausgeschlossen sind“ zuzutreffen, somit ist er im Gegensatz zu den anderen, insbesondere den ersten beiden, wohl am wenigsten von allgemeiner Bedeutung (Helsper, 1992, S. 75). Schließlich soll hier nicht die These vertreten werden, dass nur solche Jugendliche, die in irgendeiner Form benachteiligt sind, sich dem Okkultismus zuwenden (vgl. Helsper, 1992).

Nachdem nun erläutert wurde, dass es sich bei dem Phänomen des jugendlichen Interesses für okkulte Themen wohl eher um eine Freizeitbeschäftigung zu handeln scheint denn um die vielfach beschworene neue Jugendreligion, bleibt dennoch zu klären, ob dieser anscheinend harmlose Freizeitspaß nicht doch Gefahren mit sich bringt.

2.3. Zu den Gefahren des jugendlichen Okkultismus

Bei der Beschäftigung mit den Fragen ob und wenn ja, inwieweit Okkultismus eine Gefahr für die praktizierenden Jugendlichen darstellt, muss man bezüglich der vorliegenden Informationen sehr vorsichtig und kritisch verfahren. So sind sicher vielen die reißerisch aufgemachten Berichte über angebliche okkult motivierte Mordfälle im Gedächtnis verblieben, erinnert sei an dieser Stelle noch einmal an den Fall Sandro Beyer, der nach Schätzung der Verfasserin wohl über zwei Monate durch die Medien „geisterte“.

Neben diesem Fall scheint es noch einige andere zu geben, die wie Standards in allen Berichten über Jugendokkultismus auftauchen. Eine Tatsache, die doch sehr verblüfft. Wenn die Beschäftigung mit okkulten Themen, wie ja suggeriert wird, so verbreitet und so gefährlich für die betroffenen Jugendlichen ist, so erstaunt es doch sehr, dass man insgesamt „nur“ auf eine Anzahl von 6 (!) Todesfällen kommt. Diese Zahl legt den Verdacht nahe, dass okkulte (und satanistische) Praktiken unter Jugendlichen „offensichtlich weit weniger lebensbedrohend sind, als zum Beispiel Autofahren“ (Hunfeld/Dreger, 1990, S. 147). Trotzdem stellt eine intensive Beschäftigung mit Okkultismus eine potentielle Gefahrenquelle dar, die im folgenden unter Bezug auf drei verschiedene Ebenen dargestellt werden soll (vgl. Hunfeld/Dreger, 1990).

Eine der naheliegendsten Gefahren, auf die bereits Bezug genommen wurde, liegt sicher in der Delegation wichtiger Entscheidungen an sogenannte „Geistwesen“. Der Jugendliche gibt hiermit seine Selbständigkeit auf und überlässt wichtige Entscheidungen in seinem Leben ganz den vermeintlichen übersinnlichen Helfern. Darüber hinaus kann der Kontakt und der Glaube an Geister auch Folgen haben, die von Angst bis zum Verfolgungswahn reichen. Diese Einstellung beginnt meist mit der relativ harmlosen Interpretation von zufälligen Ereignissen als Zeichen einer übersinnlichen Macht etwas zu tun oder zu unterlassen, kann aber schließlich dazu führen, dass der Betroffene sich von den Geistern permanent umgeben und beeinflusst, sich somit eben verfolgt fühlt (vgl. Hunfeld/Dreger, 1990).

In diesem Zusammenhang sollte vielleicht auch noch auf einen Aspekt verwiesen werden, der bei jugendlichen Experimenten mit Okkultismus selten vorkommt, aber im Falle seines Auftretens häufig dramatische Folgen haben kann: die Frage nach dem eigenen Tod. Unter Spiritisten ist allgemein bekannt, dass diese Frage zu unterlassen sei, aber gerade auf die Jugendlichen, die auf der Suche nach spannenden Erlebnissen sind, kann diese Frage möglicherweise einen besonderen Reiz ausüben. Die Gefahr hierbei liegt darin begründet, dass allen, die diese Frage stellten, ein sehr nahes Todesdatum prophezeit wurde[2]. Die betroffenen Personen leben von da an mit dem ständig zunehmenden Druck der Angst vor dem angeblich bald eintreffenden Tod, was nicht selten zu Selbstmordversuchen führt. Diese extreme Form der Angst nach der Durchführung okkulter Praktiken ist sicherlich eher selten anzutreffen, aber die Angst an sich- vor den Geistern, die man angeblich beschwor- wirkt sich wohl auch nicht positiv auf die Gefühlswelt der Jugendlichen aus (vgl. Hunfeld/Dreger, 1990).

[...]


[1] Die Erklärung hierfür liegt nun aber nicht darin, dass tatsächlich ein Geist das Glas bewegt hätte. Vielmehr handelt es sich hierbei um den sogenannten „Carpenter- Effekt“. Die Hauptaussage dieser Theorie ist, „ dass jede Vorstellung, die wir uns von einer Bewegung machen, auch zu einem Antrieb zur Ausführung dieser Bewegung führt.“ (Hunfeld/ Dreger, 1990, S. 23) Das wirklich Erstaunliche ist somit nicht die Bewegung des Glases, sondern die Tatsache, dass es den Gläserrückern gelingt sich unbewusst auf eine Antwort zu einigen, die dann die Richtung bestimmt, in die das Glas sich bewegt. ( Zu näherer Erläuterung vgl. Hunfeld/Dreger, 1990, S.21ff.)

[2] Es liegt hier die Vermutung nahe, dass sich in diesem Phänomen eher eine allgemeine Angst vor dem Leben und das geheime Herbeisehnen des Todes ausdrückt, als ein tatsächlich eintretendes Ereignis.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Okkultismus und Satanismus im Jugendalter - Eine Skizze zum Forschungsstand
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Erziehungswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2000
Seiten
47
Katalognummer
V6622
ISBN (eBook)
9783638141567
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hausarbeit im Rahmen der Diplom- Vorprüfung. 257 KB
Schlagworte
Okkultismus, Satanismus, Jugendalter, Eine, Skizze, Forschungsstand
Arbeit zitieren
Tanja Adamus (Autor), 2000, Okkultismus und Satanismus im Jugendalter - Eine Skizze zum Forschungsstand, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6622

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