Geld- und Gewaltverhältnisse in Veza Canettis 'Die Gelbe Straße'


Hausarbeit, 2004
15 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Geld und seine Bedeutung in Die Gelbe Straße
2.1. Der monetäre Einfluss auf Macht
2.2 Geld als Voraussetzung für Ansehen und Ehre

3. Gewalt als ein System
3.1. Physische Gewalt
3.2. Psychische Gewalt

4. Schlussbeurteilung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Jahr 1963 stirbt Veza Canetti. Erst 26 Jahre nach ihrem Tod, 1989, erscheint ihr Roman Die Gelbe Straße [1], dessen fünf Kapitel ursprünglich in den 30er Jahren als selbstständige Erzählungen in der Wiener Arbeiter-Zeitung abgedruckt wurden. Bereits damals, nachdem die Geschichten großen Anklang fanden[2], wollte Veza Canetti diese zu einem Roman zusammenfassen. „Doch durch die Februar-Ereignisse des Jahres 1934 wurde das Erscheinen des Buches unmöglich.“[3] Deshalb hat sich Elias Canetti, der Mann der Autorin, in den Neunziger Jahren für die späte Veröffentlichung von Veza Canettis Büchern eingesetzt und diese begleitet.

Der Roman Die Gelbe Straße lässt sich in formaler Hinsicht dem modernen Großstadtroman zuordnen. Zum einen sind die einzelnen Episoden in große, unkommentierte Zeitsprünge aufgeteilt. Zum anderen sind die Figuren ohne nähere Einführung gesetzt und auch die Perspektiven in den einzelnen Erzählungen wechseln rasch.[4] In dem Roman gibt es keine sich entwickelnde Hauptperson. Es existieren eine Vielzahl von Figuren, die in den verschiedenen Kapiteln von Haupt- zu Neben- und von Neben- zu Hauptpersonen wechseln. Dadurch entsteht ein Mikrokosmos, in dem alle Figuren und Handlungen miteinander verknüpft sind und nicht nur nebeneinander stehen.

Vorlage für den Spielort des Romans ist die ehemalige Ferdinandstraße in der Wiener Leopoldstadt.[5] Erzählt wird das Leben der Bewohner dieser Straße und fast beiläufig deren Lug und Betrug im täglichen Miteinander entlarvt. Die Menschen, die in Veza Canettis Gelber Straße leben, spiegeln eine Gesellschaft, die ihre Angehörigen in ‚Ausbeuter’ und ‚Ausgebeutete’ aufteilt, wieder.

Die Straße dient als räumlicher Rahmen des Romans. Der eigentliche Schauplatz des Geschehens wird durch die Figuren getragen. An ihnen werden die Auswirkungen, die die Machenschaften des ökonomischen Alltags mit sich bringen, aufgezeigt.[6] Dies führt zu Macht- und Ohnmachtverhältnissen, die den Mikrokosmos der Gelben Straße prägen. Einfluss und Einflusslosigkeit sind in der besagten Straße eng mit den herrschenden Geldverhältnissen verbunden, die in einem unabwendbaren Zusammenhang mit den Gewaltverhältnissen stehen.

Im Folgenden möchte ich untersuchen, wie die Geld- und Gewaltverhältnisse in Veza Canettis Die Gelbe Straße beschrieben werden.

Dazu möchte ich mich zunächst auf den Umgang mit Geld konzentrieren. Im Anschluss daran werde ich die im Roman geschilderte Gewalt betrachten.

2. Das Geld und seine Bedeutung in Die Gelbe Straße

Für die Figuren der Gelben Straße spielt Geld eine elementare Rolle.

Für eine Vielzahl der Charaktere ist es nicht allein ein lebenserhaltendes Mittel, sondern ein Medium von dem ihr Seelenheil abhängt. Ihr Blick ist überwiegend durch das Geld und die Umstände seines Erwerbs gelenkt.[7] Zudem ist das Zusammenleben der Figuren in entscheidender Weise durch die Gegebenheiten gekennzeichnet, in welchem Maße ihnen Geld zusteht. Der Einfluss des Zahlungsmittels verführt die Privilegierten dazu ihre Position auszunutzen. Im Umkehrschluss müssen sich die Besitzlosen dem immensen Druck einer geistigen und wirtschaftlichen Abhängigkeit stellen an dem sie vielfach zu Grunde gehen. Dadurch entsteht Neid, Missgunst, Gewinnsucht, Habgier, Geiz und Egoismus. Nur wenigen Figuren ist es möglich sich diesem Dunstkreis zu entziehen.[8]

Auffällig ist, dass die weiblichen Figuren noch stärker als die männlichen von ihren finanziellen Verhältnissen abhängig sind. In wiefern ihnen Entscheidungsmöglichkeiten zustehen hängt primär von ihrem Zugang zum Geld ab. Hiervon ausgehend entscheidet sich, ob sie zum Lager der ‚Ausbeuter’ oder ‚Ausgebeuteten’ gehören.

Im der Gelben Straße geht es nicht um den Umgang mit Geld als alltägliches Zahlungsmittel (auch wenn die Figuren dieses natürlich ebenso als solches nutzen). Vielmehr wird eine krankhafte Art und Weise aufgezeigt mit diesem Medium umzugehen.

Exemplarisch an zwei Charakteren möchte ich im Folgenden zeigen welche Auswirkungen der Besitz von Geld für die gesellschaftliche Stellung einer Figur hat und welche Ziele damit verfolgt werden.

2.1. Der monetäre Einfluss auf Macht

Charakteren, die in Die Gelbe Straße Geld besitzen, ist im gleichen Maße Macht zu eigen. Inwiefern dies in dem Roman dargestellt wird, soll im Folgenden an der Figur der Runkel deutlich gemacht werden.[9]

Die Runkel ist eine der Hauptfiguren im Kapitel Der Unhold. Sie ist körperlich behindert[10] und dadurch bedingt nicht eigenständig lebensfähig. Sie sitzt in einem Kinderwagen und ist rein physisch auf die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen angewiesen[11].

Im Kontrast zu ihrer körperlichen Abhängigkeit steht ihre ökonomische Unabhängigkeit[12]. Runkel ist Eigentümerin des Seifengeschäftes und der Trafik in der Gelben Straße. Die beiden Läden stellen ein bedeutendes wirtschaftliches Potential dar. Die davon ausgehende ökonomische Macht wird von den Bewohnern der Gelben Straße, zum größten Teil geldgierig, hoch geschätzt. Für die Figur der Runkel hat dies zur Folge, dass sie ein Selbstbewusstsein erlangt welches nicht ein Resultat ihres Aussehens, sondern ihrer ökonomischen Stellung ist. Deshalb bestimmt tagsüber die ökonomische Praxis das Selbstbild der Runkel. Nur in der Nacht findet sie über die Anschauung ihres Körpers zu sich selbst und erfährt dies als traumatisches Erlebnis.[13] Dieses gestörte Verhältnis zum eigenen Körper kann sie nur durch autoritäres Verhalten kompensieren. Nur als besitzende Person, die im Mittelpunkt des Geschäftslebens steht, gewinnt sie an Würde, Stabilität und Identität.[14] Der Besitz der beiden Betriebe bringt die Ehrfurcht der anderen Charaktere mit sich. Dies hilft der Runkel ihre körperliche Abhängigkeit in den Hintergrund zu stellen[15] und die Abhängigkeit der anderen ihr gegenüber zu betonen[16].

[...]


[1] Veza Canetti: Die Gelbe Straße, München 2000.

[2] Vgl. Elias Canetti: Veza. In: Veza Canetti: Die Gelbe Straße, München 2000, S. 10.

[3] Ebd., S.10.

[4] Vgl. Andreas Erb: Die Zurichtung des Körpers in der Großstadt Wien, Veza Canettis Roman Die Gelbe Straße. In: Der Deutschunterricht 47, 1995, Heft 5, S. 56.

[5] Vgl Helmut Göbel: Gelb: Bemerkungen zum verdeckten Judentum in Veza Canettis Die Gelbe Straße. In: Gerald Stieg und Jean- Marie Valentin (Hg.): „Ein Dichter braucht Ahnen“, Elias Canetti und die europäische Tradition. Akten des Pariser Symposiums/ Actes du Colloque de Paris, 16.- 18- 11. 1995. Bern, Berlin u.a. 1997, S. 285.

[6] Andreas Erb: a. a. O., S. 57.

[7] Vgl. Vera Jost: Fliegen oder Fallen, Prostitution als Thema in Literatur von Frauen im 20. Jahrhundert, Königstein/ Taunus 2002, S. 106.

[8] Beispielsweise: Maja Iger, Andrea Sandoval, Diana Sandoval und das kleine Mädchen Heidi.

[9] Runkel ist in dem Roman Die Gelbe Straße wahrlich nicht die einzige Figur die ihr Geld als Machtmittel einsetzt. Weitere sind z.B. Frau Hatvany, die Herrschaften in dem Vermittlungsbüro, Herr Iger etc. Auf Grund der Vielzahl der in dieser Art und Weise auftretenden Charaktere, ist es an dieser Stelle nicht möglich allen gerecht zu werden. Deswegen soll stellvertretend an der Runkel der im Roman aufgezeigte Machtmechanismus, der durch den Besitz von Geld ausgelöst wird, deutlich gemacht werden.

[10] Zitate aus Veza Canetti: Die Gelbe Straße, München 2000. werden im Folgenden durch (GS +Seitenzahl) angegeben.

Runkel hat „Beine, die ganz kurz und leblos herunterhingen, wie bei einem Hampelmann.“ (GS 15).

[11] „Rosa [die] sie seit Jahren betreute, pflegte, vom Wagen in die Wohnung trug, von der Wohnung in den Wagen.“ (GS 15)

[12] „Zwei Geschäfte hast du, beide gehen.“ (GS 16)

[13] “Jeden Morgen, knapp ehe die Runkel erwacht, sieht sie die Wahrheit. Sie sieht ihr eigenes Bild. Sie fühlt sich selbst, wie sie wirklich ist. Sie stöhnt so laut, daß sie erwacht. Am Tage vergisst sie es wieder.“ (GS 71).

[14] Vgl. Andreas Erb: a. a. O., S. 59.

[15] „Was hat sie mich zu bedauern! Häng ich vielleicht von ihr ab!“ (GS 17).

[16] „Wer hängt von mir ab?! Die Mutter, denn die Geschäfte sind auf meinen Namen, die Alte, die Cousine, die Großmutter, die Rosa ist tot, aber die Anna, der Alois, die Lina, ja, alle hängen von mir ab!“ ( GS 17).

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Geld- und Gewaltverhältnisse in Veza Canettis 'Die Gelbe Straße'
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Geldromane im frühen 20. Jahrhundert
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
15
Katalognummer
V66225
ISBN (eBook)
9783638589000
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geld-, Gewaltverhältnisse, Veza, Canettis, Gelbe, Straße, Geldromane, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Kristina Horn (Autor), 2004, Geld- und Gewaltverhältnisse in Veza Canettis 'Die Gelbe Straße', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66225

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