Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen


Thesis (M.A.), 2006
109 Pages, Grade: 2,7

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung und Aufgabenstellung

II. Hauptteil
1. Der Begriff der Volkspartei
A. Etymologische Wurzel
B. Stadien der Parteientwicklung
C. Generierung des Begriffs der Volkspartei bei Kirchheimer
D. Weiterentwicklung des Begriffs der Volkspartei
2. Messung von Bedeutungsverlust
A. Ansätze zum Messen von Bedeutungsverlust der Volksparteien
B. Bedeutungsverlust der Volksparteien gemessen in einer Abnahme des Wahlerfolgs
a. Verringerung des Zweitstimmenergebnisses der Volksparteien
b. Niedergang des Wertes der absoluten Zustimmung
3. Erklärungsmodelle für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
A. Der sozialstrukturelle Ansatz
a. Konzeptionelle Grundlagen
i. Mikrosoziologischer Ansatz
ii. Makrosoziologischer Ansatz
b. Aussagekraft des sozialstrukturellen Ansatzes für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
i. Die Union und die Katholiken
ii. Die SPD und die Arbeiter
c. Fazit
B. Der sozialpsychologische Ansatz
a. Konzeptionelle Grundlagen
b. Aussagekraft des sozialpsychologischen Ansatzes für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
i. Parteiidentifikation in Deutschland
ii. Die kurzfristigen Variablen der Kandidaten- und Sachthemenorientierung
c. Fazit
C. Der „Rational- choice“- Ansatz
a. Konzeptionelle Grundlagen
b. Aussagekraft des „Rational- choice“- Ansatzes für den Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
c. Fazit

III. Zusammenfassung und Fazit

ANHANG:
A. Literaturverzeichnis [- 1- bis -14-]
B. Abkürzungsverzeichnis i
C. Tabellen [ A bis G ]

ABBILDUNGSVERZEICHNIS:

Abbildung 1: Wahlergebnisse von Union und SPD im Zeitverlauf

Abbildung 2: Akkumulierte Anteile der Zweitstimmen für die Volksparteien bis 1990

Abbildung 3: Akkumulierte Anteile der Zweitstimmen für die Volksparteien seit 1990

Abbildung 4: Entwicklung der Wahlbeteiligung im Zeitverlauf

Abbildung 5: Absolute Zustimmung der VP im Zeitverlauf

Abbildung 6: Vergleich der Werte der absoluten Zustimmung mit Zweitstimmenanteil der Volksparteien

Abbildung 7: Absolute Zustimmung für Volksparteien und Nichtwähler im Zeitverlauf

Abbildung 8: Vergleich der Bundestagswahlergebnisse der Union bei Katholiken und der Gesamtbevölkerung

Abbildung 9: Katholikenanteil in Deutschland

Abbildung 10: Konfessionelle Zusammensetzung

Abbildung 11: Vergleich der Bundestagswahlergebnisse der SPD bei Arbeitern und der Gesamtbevölkerung (West)

Abbildung 12: Wähleranteil SPD Gesamt und Arbeiter (Ost)

Abbildung 13: Vergleich Zweitstimmen SPD Gesamt und Arbeiter in Deutschland

Abbildung 14: Berufsstruktur in Deutschland im Zeitverlauf

Abbildung 15: Bürger mit Parteiidentifikation im Zeitverlauf (West)

Abbildung 16: Bürger mit Parteiidentifikation im Zeitverlauf (Ost)

Abbildung 17: Stimmensplitting bei Bundestagswahlen im Zeitverlauf

Abbildung 18: Absolute Zustimmung für Volksparteien seit der Wiedervereinigung 1990

Abbildung 19: Anteile der Volksparteien bei Bundestagswahlen seit 1990 im Ost- West- Vergleich

Abbildung 20: Anteil der Nichtwähler bei Wahlen zum Deutschen Bundestag

Abbildung 21: Anteil der nicht- etablierten Parteien bei Bundestagswahlen (1)

Abbildung 22: Anteil der nicht- etablierten Parteien bei Bundestagswahlen (2)

TABELLENVERZEICHNIS:

Tabelle 1: Absolute Zustimmung der Volksparteien im Zeitverlauf

Tabelle 2: Akkumulierte absolute Zustimmung der Volksparteien im Zeitverlauf

Tabelle 3: Anzahl der im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien im Zeitverlauf

Tabelle 4: Absolute Zustimmung der Volksparteien und Nichtwähler im Zeitverlauf seit 1949

Tabelle 5: Berufsstrukturen in Deutschland im Zeitverlauf

Tabelle 6: Glaube in Deutschland

Tabelle 7: Schwindendes Vertrauen in die Volksparteien seit 1990 in Ost und West

Tabelle 8: Wähleranteile Union Gesamt und Katholiken (West)

Tabelle 9: Wähleranteile SPD Gesamt und Arbeiter (Ost)

Tabelle 10: Wähleranteile SPD Gesamt und Arbeiter (West)

Tabelle 11: Zweitstimmenanteile der Volksparteien und Wahlbeteiligung im Zeitverlauf

I. Einleitung und Aufgabenstellung

„Die Volksparteien sind zu mittelgroßen Parteien geworden“. Dieses Fazit ziehen Dieter Roth und Andreas Wüst aus der Bundestagswahl im Jahre 2005.1 Und es stimmt: Für alle Parteien, die der Volksmund in der Bundesrepublik gemeinhin als Volksparteien bezeichnet2, nämlich der CDU, der CSU und der SPD stellt das Ergebnis eines ihrer jeweils schlech- testen in der Geschichte der Bundesrepublik dar. Von allen Wahlberechtig- ten entschieden sich nur noch gut die Hälfte für Union3 und SPD (53,1%); so gering war die Zustimmung für die Volksparteien in Deutschland bis auf 1949 noch nie. Karl- Rudolf Korte sieht in dieser Entwicklung gar eine „Erosion der Volksparteiendemokratie“.4

Dies impliziert meiner Meinung nach einen Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen. Der Titel dieser Arbeit gibt auch die Struktur derselben wider, so dass der Hauptteil dieser Arbeit sich in verschieden Bereiche aufspalten lässt.

Dabei steht zunächst der Begriff der Volkspartei im Zentrum der Analyse. Dabei soll zunächst auf den Begriff der Volkspartei, dessen Ein- führung in die Wissenschaft sowie auf Weiterentwicklungen in der Folge- zeit eingegangen werden. Eine Arbeitsdefinition des Terminus wird die Grundlage meiner Bemühungen bilden, den Bedeutungsverlust der Volks- parteien bei Bundestagswahlen in Deutschland zu quantifizieren.

Demnach stellt es ein Ziel dieser Arbeit dar zu illustrieren, wie jener Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Wahlen gemessen werden kann. Dabei ist zu konstatieren, dass der Bedeutungsverlust der Volksparteien innerhalb dieser Arbeit auf Bundestagswahlen in Deutschland beschränkt bleibt, da die Wahlen zum höchsten Legislativorgan in parlamentarischen Regierungssystemen, zu welchen die Bundesrepublik Deutschland zu rechnen ist, als die politisch Bedeutsamsten gelten.

Im Weiteren sollen Gründe aufgezeigt werden, warum es zu dem postulierten Bedeutungsverlust der Volksparteien auf Wahlebene gekom- men ist. Dabei stellen die Ergebnisse der Wahlen zum Deutschen Bundes- tag die Grundlage des empirischen Teils vorliegender Arbeit dar. Zuvor sol- len jedoch die verschiedenen Schulen der empirischen Wahlforschung vorgestellt werden, die den notwendigen konzeptionellen Unterbau für die jeweilige Analyse bilden. Demzufolge werde ich die differenten Erklärungs- ansätze auf das Wahlverhalten in Deutschland übertragen, so dass ich ab- schließend in der Lage sein werde, den Bedeutungsverlust der Volkspar- teien bei Bundestagswahlen vollständig erklären zu können.

II. Hauptteil

1. Der Begriff der Volkspartei

A. Etymologische Wurzel

Der Begriff der Partei, welcher vom lateinischen Wort pars für Teil abgeleitet wird, stellt eine Gruppe gleich gesinnter Bürger dar, die sich die Durchsetzung gemeinsamer politischer Vorstellungen zum Ziel gemacht haben.5

Es ist schwer, wenn nicht gar unmöglich, eine einheitliche Defini- tion des Begriffs der Volkspartei in der Literatur zu finden. Der Terminus wird sowohl als entwicklungstypologisches Konzept in den Sozialwis- senschaften, als auch von den Parteien selbst zur Selbstcharakterisie- rung „als politischer Kampfbegriff“6 benutzt. Das macht es mitunter schwer begrifflich abzugrenzen, um was es sich bei einer Volkspartei wissenschaftlich eigentlich handelt. Ich möchte versuchen dies zu klä- ren, indem ich zunächst untersuche, wann der Begriff Einzug in die wissenschaftliche Diskussion hatte. Der Begriff der Volkspartei in der Politikwissenschaft ist aufs engste mit dem Namen Otto Kirchheimer verbunden.7 In seinem im Jahre 1965 erschienenen Buch „Wandel des westeuropäischen Parteiensystems“ führte er den Terminus der Volks- partei als Parteitypus in die Wissenschaft ein. Er entwarf damit ein ent- wicklungstypologisches Konzept, das als „wichtigste Quelle der sozial- wissenschaftlichen Volksparteiendebatte“8 anzusehen ist.

Da Kirchheimer den Begriff der Volkspartei im Rahmen einer Ent- wicklungstypologie verwendet, erscheint es mir im Hinblick auf den Ge- samtzusammenhang notwendig, einen Blick auf die Stadien der Partei- enentwicklung bis zur Einführung des Begriffs in die wissenschaftliche Debatte zu werfen.9

B. Stadien der Parteienentwicklung

In Deutschland hat es erst mit der Revolution von 1848 im Par- lament der Frankfurter Paulskirche Vorformen von Parteien gegeben. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Industrialisierung in Deutsch- land immer mehr zu, was auch tief greifende Umwälzungen im sozialen Gefüge mit sich brachte: Die Menschen strömten in die Städte, um Ar- beit zu finden und wurden dort von der Großindustrie ausgebeutet, de- ren Eigentümer immer wohlhabender wurden. Analog dazu kam es zu einer zunehmenden Verweltlichung und Trennung von Staat und Kir- che. Auch die Kapitalkraft der Gutsherren auf dem Land stieg an, wäh- rend die einfache Landbevölkerung verarmte. Anhand dieser tief grei- fenden gesellschaftlichen Veränderungen und Konflikte entstand Pro- test gegen die etablierte nationale Elite, die zu einer breiten Welle der politischen Emanzipation und Mobilisierung führte.10

Ulrich von Alemann unterscheidet vier Hauptstämme der deut- schen Parteiengeschichte und Seymour Martin Lipset und Stein Rok- kan heben vier grundlegende Konfliktlinien (cleavages11 ) für die Ge- schichte der westeuropäischen Parteiengeschichte hervor, die sich an- hand der zuvor illustrierten sozialen Umwälzungen ergeben. Der erste Konflikt ergibt sich demnach aus der Auseinandersetzung zwischen herrschender zentraler Elite und abhängigen Bevölkerungsgruppen in den Regionen. Der zweite Konflikt liegt zwischen dem säkularisieren- dem Machtanspruch des Staates und den historisch erworbenen Privi- legien der Kirche, ferner der Spaltung zwischen agrarischen und kom- merziell- industriellen Interessen, sowie die Auseinandersetzung zwi- schen besitzender Klasse und Arbeiterschaft. Auch Karl Rohe betont die Bedeutsamkeit dieser vier Hauptspannungslinien, die „außerordent- lich hilfreich sind, um Grundmöglichkeiten der Parteienbildung zu erfas- sen“12. Anhand dieser Konfliktlinien bildeten sich vier Parteiströme her- aus: Konservative, Liberale, Katholiken und Sozialisten. Es lässt sich resümieren, dass die große Mehrheit der Parteien aus Opposition gegenüber dem jeweiligen institutionellen, staatlichen, verfassungspolitischen und sozialen Status quo entstanden ist.

Allerdings muss betont werden, dass der Begriff der Partei zu dieser Zeit noch kein Begriff für eine konkrete Organisation war, son- dern für eine mehr oder weniger formlose Gesinnungsgemeinschaft stand.13 So war die Zeit bis zur Universalisierung des Wahlrechts um 1918 geprägt von elitären Kaderparteien, die ganz auf den Wahlkampf und die Wahrung öffentlicher Ämter ausgerichtet waren, was die Vor- herrschaft des bürgerlichen Lagers im politischen System zementieren sollte.14

In der Zeit der Weimarer Republik, aber auch noch in der frühen Phase der Bundesrepublik, war der Parteitypus der Massen- oder Mas- senintegrationspartei vorherrschend. Dieser Parteitypus bildete sich in der modernen Massendemokratie heraus. Historisch ist er in der Arbei- terbewegung des späten 19. Jahrhunderts begründet.15 Er zeichnet sich dadurch aus, dass gesellschaftlich benachteiligte Großgruppen damit begannen sich politisch zu engagieren und zu mobilisieren, um Macht zu gewinnen. Zu den zentralen Zielen dieses Parteientyps ge- hörte es, die große, entweder durch Klassen- oder Religionszugehörig- keit- sozial definierte Anhängerschaft in den Einflussbereich der Partei zu integrieren und politisch zu sozialisieren.16 Die Massenpartei wollte eine möglichst hohe Anzahl an Mitgliedern erreichen, um die politische Durchsetzungskraft zu steigern. Dies sollte auch geschehen, indem es eine starke lokale und formale Organisation gab, die hauptamtliche Funktionäre beispielsweise als Ortsgruppenleiter einsetzte, was die Ef- fizienz in der Organisationsfähigkeit erheblich steigerte. Zudem zeich- nete sich die Massenpartei durch einen ausgedehnten Wirkungsbereich aus, d.h. dass die Partei mit einem „dichten Netz an angeschlossenen Verbänden“17, beispielsweise Kirchen und Gewerkschaften verbunden war. Dies hatte wiederum auch positive Effekte auf die Fähigkeit zur Organisation und der Artikulation spezifischer Interessen. Die Massen- parteien verstanden sich somit als Parteien, die für die soziale Integra- tion einer durch sozialen Klassen- oder Konfessionszugehörigkeit defi- nierten Klientel von Mitgliedern und Wählern verantwortlich waren. Die Parteien begleiteten die Menschen „von der Wiege bis zur Bahre“ mit weltanschaulicher Geschlossenheit, was zu äußerst stabilen Beziehun- gen zwischen Partei und Stammwählerschaft führte. Der Organisations- typus der Massenpartei mit fester Klassenbasis dominierte die politi- sche Landschaft in der Bundesrepublik bis Ende der 50er Jahre.

C. Generierung des Begriffs der Volkspartei bei Kirchheimer

Wie zuvor erwähnt, war es Otto Kirchheimer, der den Begriff der Volkspartei in die Wissenschaft einführte.18 Nach Kirchheimer ist eine Volkspartei „ein politischer Verband, der auf feste Klassen- oder Milieu- bindungen verzichtet und versucht, Angehörige aus allen gesellschaftli- chen Gruppen vor allem als Wähler zu mobilisieren, was als Hauptan- liegen der Volkspartei zu betrachten ist“.19 Die stabilen Beziehungen zwischen Partei und Stammanhängerschaft, wie es für die Massenpar- teien charakteristisch war, erodieren durch die Auflösung der ökono- misch definierten Klassenbeziehungen.20

Gründe für diese Entwicklung war ein tief greifender gesellschaft- licher Wandel nach dem Zweiten Weltkrieg21: Soziale Konflikte nahmen ab, weil es eine gewisse ökonomische Prosperität gab, das durch ein stetig ansteigendes Wirtschaftswachstum ausgelöst wurde. So verloren die alten Klassengegensätze schnell an Intensität. Die soziale Sicherheit stieg für alle an, da durch den ökonomischen Aufschwung auch die Wohlfahrtseinrichtungen ausgebaut werden konnten.

Die bestehenden Parteien gestalteten sich als Reaktion auf die gewandelten sozialen Gegebenheiten um und generierten einen neuen Typus, den der Volkspartei. Aus entwicklungstypologischer Sicht er- setzt die Volkspartei den älteren Begriff der „Massen(integrations- )partei“ als dominanten Parteitypus. Dabei ist zu betonen, dass die Ver- drängung der Parteien alten Typs nicht durch die Gründung neuer Par- teien von statten ging22, sondern durch eine Umgestaltung der zuvor schon bestandenen Massenparteien. „Zugleich formt sich die Massen- integrationspartei, die in einer Zeit schärferer Klassenunterschiede und deutlicher erkennbarer Konfessionsstrukturen entstanden war (…) zu einer echten Volkspartei um“, so Otto Kirchheimer 1965.

Für Kirchheimer ist das Stimmenmaximierungsprinzip, also „am Wahltag die größtmögliche Zahl von Wählern für sich zu gewinnen“ das zentrale Merkmal der Volkspartei. Dies stellt gleichzeitig den Hauptun- terschied zur Massenpartei dar, die in erster Linie auf die soziale Integ- ration einer durch Klasse oder Konfession definierten sozialen Groß- gruppe ins politische System ausgerichtet war. Die ideologischen Kom- ponenten sind aufgrund der geringeren sozialen Konflikten und damit einhergehender allgemeiner Systemakzeptanz weniger ausschlagge- bend als dies beispielsweise in der Weimarer Republik noch der Fall gewesen war. So haben die Volksparteien auch nicht mehr das Ziel das politische System zu verändern, sondern die Regierung durch Wahlsie- ge zu übernehmen.23 Wahlen werden demnach als Marktsituation ge- sehen, bei denen die Parteien um Wählerstimmen konkurrieren. Da die Mehrheit der Wählerstimmen nicht innerhalb eines einzigen sozialstruk- turellen oder konfessionell abgegrenzten Segments zu erreichen ist, ten, was derselbe als eine Voraussetzung für das Entstehen der Volksparteien wertet. Vgl. Beyme (1997): S.360.

„muss die Volkspartei zur Ausweitung ihres Stimmanteils eine Wähler- schaft ansprechen, die potenziell die gesamte Nation umfasst“. Dem Hauptziel der Stimmenmaximierung müssen sich demnach alle ande- ren Ziele unterordnen, denn die Gewinnung parlamentarischer Mehrhei- ten in Wahlen ist zentral für die Volkspartei. Der Wahlkampf stellt somit auch das Zentrum der Aktivitäten der Partei dar. Die Volkspartei „opfert ihre tiefere ideologische Durchdringung für eine weitere Ausstrahlung und einen rascheren Wahlerfolg“, so Kirchheimer weiter. Dabei müssen nach Kirchheimer fünf Bedingungen erfüllt sein, damit die Volkspartei ihrem Ziel der Stimmenmaximierung möglichst nahe kommt24:

- Radikales Beiseiteschieben der ideologischen Komponenten einer Partei und damit absolute Vorrangigkeit kurzfristiger taktischer Über-
- Stärkung der Politiker an der Parteispitze
- Entwertung der Rolle des einzelnen Parteimitglieds
- Abkehr von „chasse gardee“ einer Wählerschaft auf Klassen- oder

Konfessionsbasis, statt dessen Wahlpropaganda mit dem Ziel die ganze Bevölkerung zu erfassen, also für jedermann potenziell wähl- bar zu sein.

- Streben nach Verbindungen zu den verschiedensten Interessen- gruppen.

Aus der neuen Ausrichtung mit dem Ziel einer allumfassenden Wähleransprache ergeben sich Konsequenzen für die Volksparteien: Zum einen kommt es zu einer schwindenden Wählerbindung. Mit der Ansprache neuer Wählerschichten verbindet sich eine Lockerung der Bindung traditioneller Wähler, deren Interessen aufgrund der breiteren Ausrichtung der Partei nicht mehr so radikal wahrgenommen werden können, da sonst andere Bevölkerungsschichten abgeschreckt werden könnten. Das Ziel der Stimmenmaximierung könnte in Gefahr geraten. Demnach ist es für die Volkspartei wichtiger kurzfristig viele vor allem Wechselwähler zu binden, als die Bänder mit der Stammanhänger- schaft enger werden zu lassen. Die Volkspartei muss somit um politisch zu reüssieren zwei Ziele verfolgen, die oftmals im Gegensatz zueinander stehen.25 Sie muss sich zum einen an dem erfolgreichen Konkurrenten orientieren und darf zum anderen dabei nicht vergessen zur Verdeutlichung des eigenen Profils sich von demselben abzugrenzen. So werden die Parteien entideologisiert und es kommt zu einem Kampf der Volksparteien vor allem um die politische Mitte.

D. Weiterentwicklung des Begriffs der Volkspartei

Nach der Implementierung des Begriffs Volkspartei in die Sozial- wissenschaften durch Otto Kirchheimer wurde das Konzept der Volks- partei von vielen anderen Autoren diskutiert und weiterentwickelt. Dabei differieren sowohl die Bezeichnung des Begriffs als auch die inhaltli- chen Merkmale, die eine Volkspartei auszeichnen, von Autor zu Au- tor.26

So nennt beispielsweise Gordon Smith eine Reihe von Bedin- gungen, die erfüllt sein müssen, damit von „people’s parties“, seiner Konzeption von Volksparteien, gesprochen werden kann. Dies ist zum einen die Voraussetzung, dass eine Volkspartei ein Wähleranteil von mindestens 30% des Elektorats hinter sich haben muss. Weitere sind Koalitionsfähigkeit, also die Bereitschaft sich an der Regierung zu betei- ligen und damit auch Kompromisse mit anderen Parteien eingehen zu können.27

Wie auch Otto Kirchheimer betont Alf Mintzel den Bedeutungs- verlust der einzelnen Mitglieder und die nur noch geringen Anreize zum Parteibeitritt; Er betont dabei, dass die Volksparteien auch nur über ein Mindestmaß an Parteimitgliedern verfügen müssen, nämlich genauso viel um die flächendeckende organisatorische Präsenz zu gewährleis- ten. Daher müssen die Volksparteien auch nicht zwangsläufig Massen- parteien sein. Zentral ist für Alf Mintzel die Organisation der Partei, die letztlich darauf abzielt Wähler zu werben und einen Stimmengewinn zu erhalten.28

Eine Reihe weiterer Autoren sieht vielerlei Eigenschaften die eine Volkspartei erfüllen muss, die ich im Folgenden zusammenfasse möch- te: So sehen fast alle Autoren29 eine Grundvoraussetzung darin, dass eine Volkspartei hohe Wähleranteile braucht, wobei die Definition der prozentualen Gewichtung differieren. Peter Lösche sieht im Stimmen- maximierungsprinzip und entsprechendem Erfolg, d.h. mehr als 30% Stimmanteil bei nationalen Wahlen30 und auch Wulf Schönbohm nennt 30% Wähleranteil als Charakteristikum für eine Volkspartei31. Dieter Nohlen32 kennzeichnet keine genaue Zahl, sondern spricht von einer „gewissen Größe“ gemessen an Wählerstimmen der Partei. Auch An- gelo Panebianco spricht sich in seinem Konzept der wahlprofessionel- len Partei von einer Konzentration der Parteien auf die Wählermobilisie- rung aus.

Es ist auffällig, dass in der Gesamtheit das Kriterium des tat- sächlichen Wahlerfolgs und damit einhergehend das Stimmenmaximie- rungsprinzip in dieser Form als einziges bei allen Autoren genannt wird. Eine große Anzahl anderer Faktoren wird auch von mehreren Wissen- schaftlern bejaht, solche als eine heterogene Zusammensetzung der Wählerschaft33, eine hohe Mitgliederzahl34 oder die Organisationsfä- higkeit der Partei35. Jedoch erfährt keine Eigenschaft soviel Zustim- mung als Merkmal einer Volkspartei wie das Abschneiden und somit der tatsächliche Erfolg bei (nationalen) Wahlen. „Das Hauptziel der Par- teien bleibt die Maximierung von Wählerstimmen, um Macht zu gewin- nen“, wie es Klaus von Beyme prägnant ausdrückt36. Die Ausrichtung auf Stimmenmaximierung stellt bei den genannten Autoren ein, wenn nicht das konstitutive Merkmal einer Volkspartei dar.

Ich möchte daher hinsichtlich der zu beantwortenden Fragestellung dieser Arbeit darauf hinweisen, dass eine Volkspartei in diesem Zusammenhang als eine Partei zu sehen ist, die in erster Linie darauf ausgerichtet ist, ihre politische Macht zu steigern, indem sie alle anderen Ziele dem Ziel des Reüssierens bei Wahlen unterordnet und ihr dies tatsächlich auch gelingt. Die Definition des Terminus Volkspartei ist somit zweigeteilt. Zum einen besteht die Ausrichtung der Volkspartei darauf, möglichst viele Wähler hinter sich zu binden und zum anderen auch einen tatsächlichen Wahlerfolg einzufahren.

Mir erscheint es wichtig an dieser Stelle für diese Arbeit quantitativ zu bestimmen, was unter einem tatsächlichen Erfolg einer Partei bei einer Wahl verstanden wird, damit diese auch als Volkspartei apostrophiert werden kann: Ich setzte einen Wert von 25% absoluter Zustimmung für eine Partei an.37

Absolute Zustimmung bedeutet dabei, dass nicht nur die abgegebenen Stimmen für eine Partei berücksichtigt werden, sondern dass auch die Nichtwähler in die Analyse miteinbezogen werden. Der Wert der absoluten Zustimmung errechnet sich somit aus dem prozentualen Anteil an Zweitstimmen38 einer Partei bei einer Bundestagswahl multipliziert mit der Wahlbeteiligung (in von 100).

Der Ansatz der „absoluten Zustimmung“ bringt für den For- schungsgegenstand vor allem einen signifikanten Vorteil mit sich, näm- lich dass auch Veränderungen in Bezug auf die Wahlbeteiligung er- kannt werden können, was in einer Untersuchung der abgegebenen Stimmen auf die Volksparteien nicht möglich wäre. Es ist bei diesem Wert beispielsweise möglich, eine steigende Anzahl an Nichtwählern, d.h. eine sinkende Wahlbeteiligung, in die Analyse mit ein zu beziehen, da demnach auch der Wert der absoluten Zustimmung für die Volkspar- teien sinken würde. Der Wert der absoluten Zustimmung ist somit aussagekräftiger, da er die gesamte wahlberechtigte Bevölkerung berücksichtigt und nicht nur die tatsächlichen Wähler.

Im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik haben nur zwei Par- teien den Wert der 25% absoluter Zustimmung überschritten, nämlich Union und SPD. Wenn man einen Blick auf die Werte der absoluten Zustimmung von der ersten Bundestagswahl 1949 bis einschließlich 2005 wirft, dann fällt auf, dass die Union39 ab 1953 sowie die SPD ab 1957 immer über der Marke von 25% lag. Meiner Definition nach kann also davon gesprochen werden, dass die Union spätestens seit 1953 und die SPD spätestens seit 1957 als eine Volkspartei zu betrachten sind.

Tabelle 1 Absolute Zustimmung der Volksparteien im Zeitverlauf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt/ Forschungsgruppe Wahlen.

Genauso wird es in der Literatur gesehen. Peter Haungs bezeichnet die Union als „Prototyp einer Volkspartei“40 und auch im Falle der SPD wird davon ausgegangen, dass sie „spätestens seit dem Godesberger Pro- gramm 1959 zu einer für alle Schichten wählbaren Partei wurde“41, also zu einer Volkspartei wurde, wie es Eckhard Jesse treffend formuliert.

Die Tabelle 1 zeigt, dass das Niveau der absoluten Zustimmung für die Volksparteien zunächst auf sehr hohem Niveau lag. Dies war vor allem in den 70er Jahren der Fall als beispielsweise beide Parteien 1972 über den Wert von 40% absoluter Zustimmung kommen. Danach kam es zu einem Abfall der absoluten Zustimmung für beide Parteien, der bei der Bundestagswahl 2005 seinen- vielleicht nur vorläufigen- Tiefpunkt erreichte, als beide Parteien nur noch auf einen Wert von je knapp über 25% absoluter Zustimmung kommen. Trotz dieser Entwick- lung kann resümiert werden, dass nur Union und SPD in Deutschland meiner Definition nach als Volksparteien betrachtet werden können. Daher stehen diese beiden Parteien, die als einzige dem Kriterium der 25% absoluter Zustimmung genügen, auch im Zentrum dieser Arbeit.

2. Messung von Bedeutungsverlust

A. Ansätze zum Messen des Bedeutungsverlustes von Volkspar- teien

Im vorhergehenden Kapitel habe ich illustriert, dass eine einheit- liche Definition des Begriffs der Volkspartei in der Literatur umstritten ist. Nichtsdestotrotz habe ich gezeigt, dass der Begriff der Volkspartei mit Merkmalen einhergeht, welche von der Mehrheit der Autoren bei al- ler Uneinigkeit der Begriffsbestimmung auch als hinreichende Charak- teristika beschrieben werden.42 Anhand dieser differenten Eigenschaf- ten versuchen einige Autoren zu erklären, wie sich die (Volks-) Parteien in den letzten Dekaden in der Bundesrepublik Deutschland gewandelt haben. So wäre es beispielsweise möglich den Bedeutungsverlust einer Volkspartei in einer Analyse der Mitgliederzahlen derselben oder aber in der Organisationsstruktur zu untersuchen, da in der Literatur Mas- senmitgliedschaft und eine straffe Organisation auch als Kriterien ge- sehen werden, damit von einer Volkspartei gesprochen werden kann.43 Dies ist jedoch auch schon an anderer Stelle ausführlich veranschau- licht worden44, zudem erscheint mir ein anderes Kriterium als wesent- lich bedeutsamer. Vielen Autoren erweist sich ein anderes Kennzeichen als konstitutiv, damit eine Partei als Volkspartei gesehen werden kann. Dies stellt die Ausrichtung der Partei auf Stimmenmaximierung, also ei- nen möglichst hohen Wähleranteil dar.45

Ich folge dieser Argumentation und stelle in dieser Arbeit das Merkmal des Reüssierens bei Bundestagswahlen in den Vordergrund meiner Analyse, da dieses wie soeben illustriert als das wichtigste betrachtet werden kann.

B. Bedeutungsverlust der Volkparteien gemessen in einer Abnahme des Wahlerfolgs

Das Merkmal des relativ erfolgreichen Abschneidens bei Wahlen und damit verbunden der Bindung von möglichst vielen Wählern hinter einer Partei erscheint mir als das wichtigste Kriterium zum Messen des politischen Erfolgs und damit auch der Bedeutung einer Partei.46 Wie im vorhergehenden Abschnitt gezeigt, wähle ich einen Wert von 25% absoluter Zustimmung, die eine Partei bei einer Wahl erreichen muss, um als Volkspartei zu gelten.

In einem parlamentarischen Regierungssystem stellen die Wah- len zum höchsten Legislativorgan die wichtigsten und somit auch die politisch Bedeutsamsten dar. Im Falle der Bundesrepublik Deutschland sind dies die Wahlen zum Deutschen Bundestag. Wenn per definitio- nem das Hauptaugenmerk von Volksparteien darin liegt, ihre Wähler- stimmen zu maximieren und es ihnen gelingt, jeweils mehr als ein Vier- tel der Wahlbevölkerung hinter sich zu bringen, dann bietet es sich an, die Bedeutung von Volksparteien auf den tatsächlichen Erfolg bei der wichtigsten Wahl im politischen System zu reduzieren. Dabei kann die- ser Erfolg auf zweierlei Weise gemessen werden.

Zum einen ist dies den prozentualen Anteil der Partei von allen abgegebenen Wählerstimmen zu ermitteln, also das Zweitstimmener- gebnis einer Partei. Auf diesem Wert bauen auch die meisten Analysen auf, da derselbe Wert auch entscheidend für die Sitzverteilung im Par- lament ist.

Zum anderen kann man den Anteil der Parteien von den gesam- ten Wahlberechtigten bestimmen, was ich zuvor als den Wert der abso- luten Zustimmung apostrophiert habe. In dieser Arbeit wird beiden An- sätzen Rechnung getragen. Der Fokus dieser Arbeit wird somit nicht nur auf dem Vergleich der Wähleranteile der Volksparteien bei den Bundestagswahlen liegen, sondern auch auf dem Anteil der Volkspar- teien an allen Wahlberechtigten. Es werden demnach auch Unterschiede beachtet, die sich in der Interpretation beider Werte ergeben.

a. Verringerung des Zweitstimmenergebnisses der Volksparteien

Der Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen kann demnach zunächst gemessen werden, indem die Ergebnisse also die Zweitstimmenanteile bei Bundestagswahlen der beiden Volkspar- teien in Deutschland, nämlich der Union und der SPD, im Zeitverlauf analysiert werden.

Abbildung 1 zeigt die Anteile der Zweitstimmen, welche Union und SPD bei den jeweiligen Bundestagswahlen auf sich vereinigen konnten. Dabei weist dieselbe auf das geringe Anfangsniveau beider Parteien hin. Die Union konnte in der Folgezeit ihren Wählerstimmen- anteil auf über 50% bei der dritten Bundestagswahl im Jahre 1957 stei- gern. Die Wahlergebnisse von 1961 und 1990 zeichnen sich für die U- nion durch eine hohe Kontinuität ihres Ergebnisses aus. So erhält die Union immer zwischen knapp 44 und 49% an gültigen Zweitstimmen.

Abbildung 1 Wahlergebnisse von Union und SPD im Zeitverlauf47:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnung und Darstellung. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Anmerkungen:

- Werte stellen die Endergebnisse (Zweitstimmen) der Parteien im gesamten Bun- desgebiet im jeweiligen Bundestagswahljahr dar. Im Falle der SPD zeigt sich, dass sie seit der zweiten Bundes- tagswahl ihren Wähleranteil kontinuierlich bis ins Jahr 1972 verbessern konnte, als sie die Union erstmals knapp als stärkste Partei in der Bun- desrepublik ablösen konnte. Die SPD steigerte dabei ihren Wähleranteil von ungefähr 29% bei den ersten beiden Bundestagswahlen auf knapp 46% bei der besagten Wahl im Jahre 1972. Seit 1980 (42,9%) war der Wähleranteil der SPD bis zur Deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990 kontinuierlich rückläufig und erreichte bei der ersten gesamtdeut- schen Bundestagswahl mit 33,5% ihren Tiefpunkt. Nach der Bundes- tagswahl im Jahre 1990 kann die SPD kontinuierlich an Stimmen ge- winnen und erhält bei der übernächsten Wahl im Jahre 1998 einen An- teil von knapp 41% der Stimmen, danach verliert sie bei den darauf fol- genden Bundestagswahlen und erreicht im Jahre 2005 nur noch einen Anteil von 34,2%. Dabei ist zu konstatieren, dass die SPD zweimal in Folge stärkste Partei wurde (1998 und 2002) und das obwohl die Er- gebnisse im historischen Vergleich unterdurchschnittlich waren.

Die Union, die lange Zeit in der „strukturellen Mehrheitspositi- on“48 in der Bundesrepublik gewesen ist, hat es seit 1998 dreimal zum Teil deutlich nicht geschafft die 40% Marke zu übertreffen, einer Hürde die sie von 1953 bis 1994 noch bei jeder Wahl deutlich genommen hat- te.49

Auch dies spricht dafür, dass sich das Wählerverhalten insgesamt gravierend gewandelt hat.

Doch betrachten wir zunächst die Änderungen, die sich ergeben, wenn man sich die Entwicklung aus der Sicht beider Volksparteien zu- sammen anschaut. Wenn die Ergebnisse beider Volksparteien, gemes- sen in Zweitstimmen, akkumuliert werden, ist erkennbar, dass es bei- den Parteien „bis weit in die 80erJahre“ gelungen ist, einen Großteil der

Wähler hinter sich zu binden, was für eine „bemerkenswerte Stabilität für das Wählerverhalten in der Bundesrepublik“50 spricht. Dies manifestiert sich auch in Abbildung 2, welche die Zweitstimmenanteile der beiden Volksparteien Union und SPD aufsummiert. Es ist zu sehen, dass sich die Entwicklung des Wähleranteils der Volksparteien bis zur Deutschen Einheit 1990 in zwei Phasen aufteilt.

Abbildung 2 Akkumulierte Anteile der Zweitstimmen für die Volks-parteien bis 1990:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnung und Darstellung. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Die erste Phase dauert an von der ersten Bundestagswahl bis zur Wahl im Jahre 1976. Diese Phase ist durch ein fast ausnahmslos stetiges Ansteigen des Wähleranteils für die Volksparteien gekennzeichnet.51 Demnach war der niedrigste Wert für beide Volksparteien (60,2%) zu- sammen bei der Wahl zum ersten Deutschen Bundestag 1949. Den Höhepunkt dieser Entwicklung stellt die Wahl im 1976 dar, als beide Volksparteien zusammen einen Wert von über 91% aller Zweitstimmen erhielten, einen Wert der nie wieder erreicht werden sollte. Die zweite Phase von 1976 bis zur Deutschen Einheit ist die des kontinuierlichen Rückgangs des Wähleranteils der Volksparteien. Nachdem die Volks- parteien ihren Anteil 1976 auf 91,2% steigern konnten, fiel dieser unun- terbrochen bis zur ersten gesamtdeutschen Wahl, bei der die Volkspar- teien nur noch auf einen Anteil von 77,3% der Stimmen kommen.

Wie ich veranschaulicht habe, zeichnete sich die Zeit bis 1990 durch eine gewisse Kontinuität im Wahlverhalten aus, von 1949 bis 1976 durch stetig steigende, von 1976 bis 1990 durch kontinuierlich abnehmende Zweitstimmenanteile für die Volksparteien. Schauen wir uns nun die akkumulierten Zweitstimmenanteile für die beiden Volksparteien seit der Deutschen Wiedervereinigung an.

Abbildung 3 Akkumulierte Anteile der Zweitstimmen für die Volks-parteien seit 1990:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnung und Darstellung. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Es ist zu sehen, dass das Resultat bzw. der Trend nicht so eindeutig ist, wie das beispielsweise bis zur Deutschen Einheit der Fall gewesen war. Zwischen 1990 und 2002 bewegen sich die Volksparteien zusam- mengenommen auf relativ gleichem Niveau, ihr Gesamtanteil, gemes- sen an Zweitstimmen schwankt nur minimal52, so dass auf dem ersten Blick der Eindruck entstehen könnte, dass erst ab der letzten Bundes- tagswahl 2005 der Anteil der Volksparteien signifikant geschrumpft sei (auf 69,4%).

Doch der Schein des ersten Eindruckes trügt: Daher ist es hilfrei- cher, sich nicht nur die Wähleranteile der beiden Volksparteien im Zeit- verlauf anzusehen. Zudem sollte auch die Wahlbeteiligung mit einge- rechnet werden, denn gerade dieser Wert, kombiniert mit den Werten der Zweitstimmen für die beiden Volksparteien, kann aussagen wie vie- le Teile der gesamten wahlberechtigten Bevölkerung tatsächlich hinter den Volksparteien stehen. Hierfür bedarf es zunächst eines Blickes auf die Wahlbeteiligung bei den bisherigen Bundestagswahlen.

Abbildung 4 Entwicklung der Wahlbeteiligung im Zeitverlauf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt.

Anmerkungen:

- Angaben in Prozent.
- Werte beziehen sich auf Endergebnisse (Zweitstimmen) im jeweiligen Wahljahr.

Es zeigt sich, dass die Wahlbeteiligung in der Bundesrepublik von 1953 bis 1983 auf konstant hohem Niveau lag, sie war immer zwischen 86 und gut 91%, wobei sie die höchsten Werte, mit zweimal über 90% bei den Wahlen 1972 und 1976 erreichte.53 Seit Ende der achtziger Jahre ist das Niveau der Wahlbeteiligung gesunken und erreicht in der letzten Bundestagswahl 2005 ihren bisher niedrigsten Wert mit 77,7%. Auch dies lässt darauf schließen, dass „irgendetwas im Verhältnis der Partei- en zum Wähler nicht mehr stimmt“54, wenn immer weniger Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen.

b. Niedergang der absoluten Zustimmung für die Volksparteien

Um etwas über die Zustimmung von allen Wahlberechtigten zu den Volksparteien zu sagen, ist es nun notwendig die Wahlergebnisse mit der Wahlbeteiligung zu verbinden. Ich kombiniere daher den Zweitstimmenanteil der beiden Volksparteien und multipliziere denselben mit der Wahlbeteiligung (ausgedrückt in Prozent von 100). Dies ergibt den Wert der absoluten Zustimmung.

Tabelle 2 Akkumulierte absolute Zustimmung der Volksparteien im Zeitverlauf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnung und Darstellung. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Dabei haben die beiden Volksparteien bei der ersten Bundes- tagswahl einen absoluten Zustimmungswert von zusammen 47,3%, was darauf schließen lässt, dass beide oder zumindest eine der beiden Parteien zu diesem Zeitpunkt noch keine Volkspartei war, da nach der Definition ein Anteil von mindestens 25% absoluter Zustimmung not- wendig ist, damit von einer Volkspartei gesprochen werden kann.55 Der Erfolg der Volksparteien wird deutlicher, wenn man sich den Wert der absoluten Zustimmung für beide zusammen vergegenwärtigt.

Abbildung 5 Absolute Zustimmung der VP im Zeitverlauf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eigene Berechnung und Darstellung. Quelle: Statistisches Bundesamt.

Anmerkungen:

- Abszisse: Jahreszahlen der jeweiligen Bundestagswahl
- Ordinate: Wert der absoluten Zustimmung in Prozent von allen Wahlberechtigten.

Auch hier zeigt sich, was sich bei der Analyse der Zweitstimmen der Volksparteien schon ergeben hat: Die größte absolute Zustimmung erhalten beide Volksparteien in den 70er Jahren, als nicht nur ihr Zweit- stimmenanteil, sondern auch die Wahlbeteiligung am höchsten gewe- sen ist. In dieser Zeit konnten die Volksparteien zusammen einen Wert von über 82% der gesamten wahlberechtigten Bundesbürger hinter sich bringen. Danach verloren sie aber kontinuierlich an Zustimmung und er- reichten bei der ersten gesamtdeutschen Wahl nur noch einen Wert von 60,1%. Bei den drei nachfolgenden Bundestagswahlen in den Jah- ren 1994 bis 2002 verharrt die absolute Zustimmung bei den Volkspar- teien auf niedrigem aber recht konstantem Niveau zwischen 60,9 und 62,5%. Bei der letzten Bundestagswahl 2005 bringen beide Parteien nur noch 53,9% aller Wahlberechtigten hinter sich, was einige Autoren dazu veranlasst die Volksparteien zu „mittelgroßen Parteien“ zu degra- dieren oder noch dramatischer von einer „Erosion der Volksparteien- demokratie “ zu sprechen.56

Hinsichtlich der Entwicklung seit der Deutschen Einheit 1990 ist offensichtlich, dass der Wert der absoluten Zustimmung wesentlich aussagekräftiger ist als eine bloße Analyse der Zweitstimmen. Denn wenn man die Wahlbeteiligung mit ein rechnet, ist der Verlust der Volksparteien viel größer als dies bei der Analyse der Zweitstimmen auf den ersten Blick vermuten lässt.

Die Abbildung 6 zeigt, dass die Unterschiede zwischen den Wäh- leranteilen für die Volksparteien und der absoluten Zustimmung für die Volksparteien für die Zeit nach der Deutschen Einheit, also in den Wah- len ab 1990 am größten sind. Dies verdeutlicht, dass parallel zu dem Rückgang des Stimmenanteils der Volksparteien zur Wahl 2005 auch die Wahlbeteiligung im historischen Vergleich zurückgegangen ist.57

[...]


1 Vgl. Roth/ Wüst (2006): S. 1.

2 Eine Definition des Begriffs der Volkspartei sowie eine Einordnung der bundesdeutschen Parteien finden Sie im Kapitel II. 1 und II. 2.

3 Begriff Union setzt sich zusammen aus CDU und CSU. Innerhalb dieser Arbeit werden beide als eine „Partei“ betrachtet.

4 Vgl. Korte (2006): S. 13.

5 Vgl. Schultze: S. 455.

6 Vgl. Mintzel (1984): S. 7.

7 Vgl. Hofmann (2004): S.51.

8 Vgl. Wildemann (1989): S.32.

9 Dieses Kapitel erhebt lediglich den Anspruch eine kurze Einführung zu geben, wie Parteien in Deutschland entstanden sind und wie sich die Parteien im Laufe der Zeit verändert haben.

10 In etwa Roth (1998): S. 28.

11 Die Konzeption der „cleavages“ von Lipset/ Rokkan wird in Kapitel II. 3. A. b. noch ausführlich behandelt.

12 Vgl. Rohe (1997): S. 37.

13 In etwa Alemann (2001): S.13.

14 Ausnahme war die SPD, die auch schon vor 1918 eine gut organisierte Massenpar- tei war, aber von der Führung des Systems ausgeschlossen blieb. Vgl. Beyme (1997): S. 367.

15 Elmar Wiesendahl betont hinsichtlich dieser Entwicklung hin zur Massenpartei die „Vorreiterrolle der Sozialdemokratie“. Vgl. Wiesendahl (1998): S. 34.

16 Empirische Beispiele für diesen Parteitypus stellen das katholische Zentrum in der Weimarer Republik oder die SPD sowohl in der Weimarer Republik als auch in der Bundesrepublik bis 1959 dar.

17 Vgl. Grabow (2000): S. 17.

18 In der Literatur ist umstritten, ob es sich bei der Konzeption Kirchheimers um einen Ideal- oder einen Realtyp handelt. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass auf diese Diskussion nicht ausführlich eingegangen werden kann. Für die bestehende Fragestellung sei gesagt, dass der Begriff der Volkspartei in dieser Arbeit als Realtyp zu verstehen ist, da Kirchheimer selbst in seiner Arbeit niemals von einem „Typus“ spricht, sondern sich auf die Beschreibung realer Phänomene konzentriert. Im Übri- gen spricht sich auch ein Großteil der Literatur dafür aus: Vgl. Hofmann (2006): S. 53, Grabow (2000): S. 22.

19 Kirchheimer verwendet in seiner Arbeit „Der Wandel des westeuropäischen Partei- ensystems“ die Begriffe der „catch- all- party“, der Allerweltspartei und der Volkspartei synonym, so dass ich dem folge und im Weiteren nur den Terminus der Volkspartei verwende.

20 Vgl. Grabow: S. 22ff.

21 Andere Autoren wie z.B. Klaus von Beyme betonen neben den Faktoren der gesell- schaftlichen Veränderungen auch die Tatsache, dass die Parteien im Grundgesetz der Bundesrepublik erstmals in der Geschichte Deutschlands Verfassungsrang hat-

22 Wie das z.B. beim Übergang von elitären Kaderparteien zu den Massenparteien zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Fall gewesen war.

23 Also die Machterlangung mittels systemkonformer Verfahren.

24 Zusammenstellung in etwa Hofmann (2004): S.56.

25 Also bei Wahlen möglichst viele Stimmen auf sich zu vereinen.

26 Dieser Abschnitt soll nur grob die wichtigsten inhaltlichen Neuerungen, die mit dem Begriff der Volkspartei einhergehen, vorstellen. Dabei wird die Bezeichnung der Volkspartei von einigen Autoren geändert, so spricht z.B. Smith von „people’s parties“, Panebianco von wahlprofessionellen Parteien, Klaus von Beyme von Kartellparteien als jeweiligen Nachfolgetypus der Volkspartei. Ich möchte betonen, dass ich an dieser Stelle erstmal bei der Bezeichnung Volkspartei bleibe.

27 Vgl. in etwa Smith (1990): S.157ff.

28 Vgl. in etwas Hofmann (2004): S. 72ff.

29 Vgl. Schönbohm, Lösche, Panebianco, Nohlen.

30 Vgl. Hofmann: S.76.

31 Vgl. Grabow: S. 24. Wildemann nennt für den Fall der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1989 sogar einen Wähleranteil von 75% von allen Volksparteien zusammen. Vgl. Wildemann S.35.

32 Vgl. Bendel: S. 696.

33 Solche als Nohlen und Lösche.

34 Solche als Schönbohm und Haungs.

35 Solche als Mintzel, Wiesendahl und Grabow.

36 Vgl. Beyme (2000): S. 119.

37 Die Vorteile die dieser Terminus für den Forschungsgegenstand meiner Meinung nach mit sich bringt, finden Sie in Kapitel II. 2. B.

38 Die Zweitstimme ist im personalisierten Verhältniswahlrecht der Bundesrepublik eindeutig wichtiger als die Erststimme, da diese über die Zusammensetzung des Deutschen Bundestages entscheidet. Daher wird sich auch im Folgenden immer nur auf diese bezogen, wenn von Stimmabgabe oder Wählerstimmen die Rede ist. Vgl. Korte (2000): S. 43.

39 Wie schon zuvor erwähnt, werden in diesem Zusammenhang CDU und CSU als Union und damit als eine Partei betrachtet.

40 In Haungs (1992): S. 172.

41 Vgl. Jesse (1997): S.66.

42 Ausführlicher in Kapitel II. 1. c dieser Arbeit.

43 Sowohl bei SPD als auch bei Union gibt es in den letzten Dekaden einen Rück- wärtstrend bei den Mitgliedszahlen zu erkennen. Beispielsweise hatte die SPD in den 70er Jahren noch über eine Million Mitglieder, heute ist es nur noch knapp über 600000. Die Union hatte in den 80er Jahren über 800000 Mitglieder, heute ist es eine Viertel Million weniger. Auch dies kann als eine schlechter werdende Verankerung der Volksparteien in der Gesellschaft interpretiert werden, was auch für einen Bedeu- tungsverlust der Volksparteien spricht. Quelle: CDU, CSU, SPD

44 Vgl. zur Analyse von Mitgliederzahlen Wiesendahl (2006), zur Organisationsstruktur Grabow (2000), Wiesendahl (1998).

45 So bei Kirchheimer, Schönbohm, Nohlen.

46 Einige Autoren versuchen hierbei den Wähleranteil genau zu bestimmen, damit von einer Volkspartei gesprochen werden kann. Häufig wird 30% genannt (Schönbohm, Lösche).Mir erscheint es aus o. g. Gründen sinnvoll die Nichtwähler in die Analyse mit ein zu beziehen und setze daher einen Wert von 25% absoluter Zustimmung an, damit von einer Volkspartei gesprochen werden kann.

47 Für die genauen Zweitstimmenanteile der Volksparteien vergleichen Sie die Tabelle „Zustimmung für die Volksparteien im Zeitverlauf“. Diese befindet sich im Anhang.

48 In etwa: Berichte der FGW (Nr. 32): S.36.

49 So liegt der Durchschnittswert für die Unionsparteien von 1953 bis 1990 bei einem Zweitstimmenanteil von 46,3%, in den Jahren von 1994 bis 2005 bei gerade noch 37,6%. Der Unterschied bei der SPD stellt sich nicht so gravierend da, in der ersten Periode kommt sie auf 38,1%, in der zweiten auf 37,5%.

50 Vgl. Roth/ Bürklin (1994): S. 10.

51 Nur bei der Wahl von 1961 kommt es zu einem kleinen Rückgang des Gesamtanteils der Volksparteien im Vergleich zu 1957.

52 Bei vier aufeinander folgenden Wahlen liegt der Anteil beider Volksparteien zwischen 76 und 77,8%

53 So war auch das Niveau der Wahlbeteiligung von 1953 bis 1987 bei 87,8%, während es seit 1990 im Durchschnitt auf 79,2 % gesunken ist.

54 Vgl. Bürklin/ Klein (1998): S.18.

55 Siehe dazu Kapitel II. 1 .D. dieser Arbeit für die Definition des Terminus Volkspartei in dieser Arbeit. Sowohl Union (24,34%) als auch SPD (22,92%) erreichen 1949 den Wert der absoluten Zustimmung nicht, um als Volksparteien zu gelten.

56 Vgl. Roth/ Wüst (2006) sowie Korte (2005): S.13.

57 Vgl. Abbildung 4 dieser Arbeit.

Excerpt out of 109 pages

Details

Title
Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen
College
University of Heidelberg  (Institut für Politische Wissenschaft )
Grade
2,7
Author
Year
2006
Pages
109
Catalog Number
V66301
ISBN (eBook)
9783638584579
ISBN (Book)
9783638711104
File size
790 KB
Language
German
Tags
Bedeutungsverlust, Volksparteien, Bundestagswahlen
Quote paper
Diplom Volkswirt; M.A. Jan Henkel (Author), 2006, Bedeutungsverlust der Volksparteien bei Bundestagswahlen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66301

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