Die Opferproblematik in Hebbels "Agnes Bernauer"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Opferdefinitionen und Opfertheorien

3. Agnes als Sündenbock

4. Agnes – das reinste Opfer der Notwendigkeit

5. Agnes Opferbereitschaft

6. Agnes Opfer aus Liebe

7. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Hebbels Interesse am Opferproblem zeigt sich wie in vielen seiner Dramen auch in der „Agnes Bernauer“. So wird Agnes Tod sowohl von Herzog Ernst als auch von der Protagonistin als Opfer bezeichnet. Im Verlauf dieser Arbeit soll die Opferproblematik in Hebbels Werk nun genauer untersucht werden. Es stellt sich die Frage, ob und inwiefern Agnes Tod als Opfer zu werten ist und inwieweit Agnes Opfer einen Einblick in den Charakter der Heldin ermöglicht. In einem ersten Schritt soll daher zunächst geklärt werden, ob und inwiefern sich Agnes Tod mit Hilfe des Sündenbock- Modells erklären lässt und welche Funktion ihr Tod hier erfüllt. Weiterhin soll gezeigt werden, ob und inwiefern Agnes zu Recht als „reinstes Opfer, das der Notwendigkeit im Lauf der Jahrhunderte gefallen ist“ bezeichnet werden kann. In diesem Zusammenhang soll Hebbels Auffassung der Thematik dargestellt und ihre Auswirkung auf die Gestaltung der einzelnen Charaktere genauer untersucht werden. Der letzte Teil dieser Arbeit soll Agnes Bereitschaft zum Opfer und zur Selbstaufgabe näher untersuchen.

Im Folgenden soll der Begriff „Opfer“ zunächst jedoch genauer definiert werden.

2. Opferdefinitionen und Opfertheorien

Etymologisch leitet sich das nhd. Wort Opfer aus dem kirchenlateinischen Verb operari mit der Bedeutung „werktätig sein, dem Gotte durch ein Opfer dienen“ sowie dem Verb offere, gleichbedeutend mit „darbringen“, ab[1]. Wie schon durch die verschiedenen Lehnwörter angedeutet wird, lässt sich das Wort Opfer semantisch in einen aktiven und einen passiven Bedeutungsbereich unterteilen: Opfer beschreibt sowohl die Opferhandlung, also den Akt in dem ein Opfer dargebracht wird (engl.: sacrifice), als auch das Objekt der Opferung (engl.: victim) selbst. Demzufolge definiert der Brockhaus Opfer als „ die Darbringung einer Gabe an die Gottheit (oder auch an die Ahnen), auch die Gabe selbst;“.

Zunächst möchte ich näher auf die Opferhandlung selbst eingehen. Religionsphilosophisch handelt es sich bei der Opferung zunächst um den Vollzug einer Handlung, die der teilweisen oder gänzlichen Hingabe von Tieren oder Pflanzen dient und die dadurch Kontakt zu unsichtbaren Kräften herstellt. Auch Menschenopfer waren nicht unüblich. Die alttestamentarische Geschichte von Abraham, der seinen Sohn Isaak im Auftrag Gottes opfern will, wird jedoch als Absage an diese Praxis verstanden, da Gott den Jungen letztendlich durch ein Tier ersetzt[2].

Die Funktion des Opfers war vielfältig. In der Praxis des Volksglaubens wurde das Opfer oft einem Tauschhandel, einem do ut des (ich gebe, damit du gibst) gleichgesetzt. Anlässe für Opfer waren Dank, Bitte oder Buße. Das durch Schuld und Sünde gestörte Gottesverhältnis sollte so wiederhergestellt werden. Bezeichnend für das Opfer als Sühneopfer war die Tradition, einen mit den Sünden des Volkes beladenen Bock, den Sündenbock, in die Wüste zu treiben. In unserem heutigen Verständnis des Terminus bezeichnet ein Sündenbock daher einen Unschuldigen, dem stellvertretend für den wirklichen Schuldigen, die Schuld zugeschoben wird.[3] Neben der Versöhnung mit Gott diente das Opfer auch als Zeichen des Gehorsams, der Gemeinschaft und der Ehrerbietung.

Im Neuen Testament wurde die gängig Opferpraxis durch das Opfer Christi abgelöst, welcher stellvertretend für alle Menschen starb, um sie von ihren Sünden zu erlösen und damit ein neues Bündnis mit Gott schloss. Anstatt äußerlich sichtbare Opfer darzubringen sind die Christen von diesem Zeitpunkt an dazu angehalten, ihr ganzes Leben als Opfer für Gott zu gestalten, das heißt gottgefällig zu leben. Radikalisiert wird dieser Opfergedanke in der Aufforderung zur Selbstverleugnung und Todesbereitschaft, die sich im Martyrium erfüllt. Im heutigen christlichen Sprachgebrauch bezeichnet ein Märtyrer denjenigen, „..der sein Leben für Christus, das heißt um einer Wirklichkeit oder Wahrheit im Bereich der christlichen Offenbarung willen (Verteidigung des Glaubens, der Rechte und Einheit der Kirche, des Sakramentsgeheimnisses oder für eine christliche Tugend, zum Beispiel der Keuschheit) geopfert hat.“[4]. Märtyrer opfern ihr Leben um ihres Glaubens willen. Opferhandlung und Opfergabe fallen hier zusammen. Als säkularisierter Begriff kann ein Märtyrer jedoch auch jeden bezeichnen, der lieber sein Leben opfert, als seine Gewissenüberzeugung zu verraten.

Die Opferhandlung an sich beinhaltet immer ein Moment der Entäußerung, sei es den Verlust der geopferten Gaben im kultischen Opfer oder den Verzicht auf ein Verhalten, das der eigenen moralischen oder religiösen Auffassung widerspricht. Letzteres kann bis zum Verzicht auf das eigene Leben führen, nämlich dann, wenn die Überzeugung des Individuums wie zum Beispiel bei Märtyrern in Widerspruch mit der Auffassung der Gesellschaft gerät und durch den Tod bestraft wird.

In Hinblick auf Hebbels Agnes Bernauer stellt sich nun die Frage inwiefern sich diese Art des Selbstopfers auch zur Beschreibung des Opfers der Agnes verwenden lässt. Gegensätzlich dazu wäre die Interpretation von Agnes Tod, nicht als freiwillige Selbstaufgabe, sondern als zwangsweise Opferung zugunsten eines höheren Zwecks.

Das Menschenopfer erfüllt bestimmte Charakteristika. Zunächst wird die Opferung zwangs- weise vollzogen. Jedoch erfolgt der Tod hier nicht als Bestrafung; im Gegenteil ist das Menschenopfer völlig frei von Schuld. Der Brockhaus beschreibt das Opfer rechtlich gesehen sogar als: „Person, der durch eine Straftat ein Schaden zugefügt wurde.“[5] Nicht also das Opfer trägt Schuld an seinem Tod, sondern derjenige, der ihm ein Leid zufügt, der ihn opfert. Eng verbunden mit der Unschuld des Opfers ist das Moment der Stellvertretung, welches sich am ehesten im Modell des Sündenbocks wieder finden lässt. In diesem Sinne stirbt das Opfer nicht um seine eigene, sondern die Schuld anderer zu sühnen.

3. Agnes als Sündenbock

In zahlreichen Opfertheorien wird die soziale Funktion des Opfers betont. So gehen zum Beispiel Hubert und Mauss in ihrem Aufsatz Essai sur la nature et la fonction du sacrifice als einer der Ersten davon aus, dass das Opfer nicht nur der Kommunikation mit Gott dient, sondern der Gesellschaft auch anderweitig zugute kommt. Nach ihrer Auffassung verfolgen sacrifices curatifs (Heilungsopfer) und sacrifices expiatoires (Sühneopfer) dasselbe Ziel, nämlich die Unreinheit des Opferers und der Gemeinschaft auf das Opfertier zu übertragen um sich durch die Elimination des Opfers von dieser zu befreien.[6] Die oben beschriebene Sündenbock-Praxis liefert hierfür ein Beispiel. Auch der Literatur- und Kulturwissenschaftler Renè Girard bezieht sich in der von ihm in seinem Werk Das Heilige und die Gewalt aufgestellten Theorie zur Erklärung des Opfers auf den Sündenbockmechanismus. In seiner Erklärung des Opfers geht Girard von einer Krise der Unterschiede aus, d.h. von „einer Krise der kulturellen Ordnung insgesamt“[7]. Rangordnungen, so argumentiert er, machen die Zuordnung von Menschen in ihren Beziehungen zueinander erst möglich und geben den Dingen innerhalb eines organisierten Ganzen erst einen Sinn.[8] Ähnlich argumentiert auch Herzog Ernst, wenn er das hierarchische System des Staates als eine Notwendigkeit zur Aufrechterhaltung der Ordnung verteidigt (5.10). Bei Verlust dieser Unterschiede wird die Gesellschaft von einer epidemischen Ausbreitung der Gewalt bedroht, die nur beendet werden kann, indem sich ein Opfer findet, dass für das Ausbrechen der Krise verantwortlich gemacht werden kann und in einem neuerlichen Akt der Gewalt vertrieben oder getötet wird und so eine neue Ordnung herstellt:

Eine Gemeinschaft, die in Gewalt verstrickt ist oder vom Unheil bedrängt wird, dem sie nicht Herr werden kann, stürzt sich oft blindlings in die Jagd auf den Sündenbock. [..] Die Menschen wollen sich davon überzeugen, dass ihr Unglück von einem einzigen Verantwortlichen kommt, dessen man sich leicht entledigen kann.[9]

Wichtig ist dabei, dass der vermeintlich Verantwortliche an den ihm vorgeworfenen Taten keine Schuld trägt. Er ist unschuldiges Opfer der Hetzkampagne.

Der finale Akt der Gewalt, d.h. das versöhnende Opfer, lässt sich als Gründungsgewalt bezeichnen. Durch den Tod des Sündenbocks wird ein kathartischer Effekt erzielt. Die Gemeinschaft findet ihren Frieden wieder.

Auch in Hebbels Agnes Bernauer befindet sich die Gesellschaft in einer Krise, die sich auf einen Verlust von Unterschieden gründet, nämlich auf die Missachtung der Ständeordnung. Der Sohn des Herzogs heiratet die tief unter ihm stehende Baderstochter Agnes Bernauer. Durch die unstandesgemäße Heirat ist die Erbfolge nicht mehr gesichert. Ein Bürgerkrieg droht: „Er bricht herein, wenn sie Kinder bekommen, er bricht herein, wenn sie keine bekommen.!“(4.4). Kurzfristig scheint sich das Problem zu lösen, indem Herzog Ernst seinen Neffen Adolph als seinen Nachfolger proklamiert. Drei Jahre später sterben jedoch sowohl Adolph als auch seine Eltern. Der Konflikt spitzt sich zu. Der vermeintlich Schuldige ist schnell gefunden: Wie sich an den Äußerungen Stachus festmachen lässt, wird Agnes - als Hexe verschrien - von der Bevölkerung für die Todesfälle verantwortlich gemacht:

Stachus: .. Herr Kanzler, die Augsburger Hexe passt aber auf, und der Teufel lässt sie nicht im Stich, wie sollt`s besser werden? (4.2)

Stachus: Was sie alle reden! In der Burg, auf der Straße, an der Schranne, im Klosterhof, wo man auch hinkommt, alle, alle! Ein hochwürdiger Pater Franziskaner hat diese Bernauerin schon von der Kanzel herab verflucht, er hat gesagt, sie sei wert, bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden, da wird´s doch wohl wahr sein. Und wie sollt`s auch nicht! Erst stirbt der Vater, der gute, gute Herzog Wilhelm .. Dann folgt seine Gemahlin! .. Nun der Prinz, der freundliche kleine Adolph! (4.2)

In der Krise der Gesellschaft fungiert Agnes folglich als Sündenbock, der unschuldig und stellvertretend für andere zum Opfer gebracht wird. Dieses Vorgehen setzt die feste Überzeugung von der Verantwortlichkeit des versöhnenden Opfers voraus. Man wirft Agnes – genau wie Albrecht - jedoch nicht vor erst durch ihre Heirat die Krise ausgelöst zu haben. In diesem Falle wäre Agnes schuldig; ihr Tod wäre als Bestrafung zu verstehen. Ihr Opfer hätte in diesem Fall keine soziale Funktion mehr, da der kathartische Effekt ausbliebe. Das Volk macht sie jedoch im Gegenteil einmütig für etwas verantwortlich, an dem sie nicht schuldig ist, nämlich für die Todesfälle, die sie durch Hexenzauber bewirkt haben soll. Ihre Unschuld beweist auch Agnes ironischer Kommentar zu den Anschuldigungen: „So bin ich wieder Schuld? O freilich! freilich! Wer sonst wohl!“ (4.8).

Fraglich ist, was gerade Agnes, trotz ihrer Unschuld, als Opfer prädestiniert. Girard zufolge entstammt das Opfer immer aus einer opferfähigen Kategorie, d.h. aus einer Randgruppe.[10] Auch Agnes ist Mitglied einer Randgruppe, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Als Baderstochter hätte sie vor 50 Jahren noch nicht mal bei einem Turnier anwesend sein dürfen und auch ihr Vater ist wegen seiner Experimente als Hexenmeister im Gespräch. Doch schon allein durch ihr Geschlecht ist Agnes Mitglied einer Randgruppe. In ihrem Buch Nur über ihre Leiche definiert Elisabeth Bronfen die Frau als „Außenstehende per se[11] über deren Leiche kulturelle Normen neu verhandelt werden. Sie beschreibt damit genau den Vorgang, den auch Agnes auslöst und der durch ihren Tod zu einem Ende gebracht wird:

Die Konstruktion der Frau als Anderer dient rhetorisch dazu, eine Sozialordnung zu dynamisieren, während der Tod das Ende dieser Phase der Veränderung bezeichnet. Über ihre Leiche werden kulturelle Normen bestätigt oder gesichert, sei es, weil das Opfer der tugendhaften, unschuldigen Frau zur Gesellschaftskritik und Läuterung dient, oder sei es, weil eine Opferung der gefährlichen Frau eine Ordnung wiederherstellt, die durch ihre Anwesenheit vorübergehend in Auflösung geriet.[12]

[...]


[1] Vgl. Drexler: Die Illusion des Opfers, S. 9

[2] Vgl. Lexikon Theologie – Kirche. Band 7.S.296

[3] Vgl. Brockhaus 1971, S.556

[4] Lexikon Theologie – Kirche. Band 7. S.127

[5] Brockhaus 1996. Band 8. S. 1557

[6] Vgl. Drexler: Die Illusion des Opfers. S.32

[7] Girard: Das Heilige und die Gewalt. S.77

[8] Vgl. ebd. S. 79

[9] Vgl. ebd. S.121

[10] Vgl. Girard: Das Heilige und die Gewalt. S.24

[11] Bronfen: Nur über ihre Leiche. S.263

[12] Ebd. S.263f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Opferproblematik in Hebbels "Agnes Bernauer"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Wilde Frauen
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V66316
ISBN (eBook)
9783638589635
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Opferproblematik, Hebbels, Agnes, Bernauer, Wilde, Frauen
Arbeit zitieren
Elisabeth Kaulen (Autor), 2004, Die Opferproblematik in Hebbels "Agnes Bernauer", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66316

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