Franz Kafka - Eine kaiserliche Botschaft. Ein theologischer Deutungsversuch


Hausarbeit (Hauptseminar), 1996

19 Seiten, Note: 1,25


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Definition
1.1 Vergleich mit anderen Texten Kafkas und Einordnung in das Gesamtwerk
1.2 Zur Gestaltung und Grobstruktur
1.3 Der zehnte Satz (Schlußsatz)

2. Erzählstruktur und Erzählsituation

3 Beschreibung der Charaktere:
3.1. Der Bote
3.2 Der Kaiser:

4 Ansatz einer theologischen Deutung

5. Deutung unter Berücksichtigung der "Tod-Gottes-Theologie"

6. Schlußbemerkung

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung und Definition

Zu Kafkas Prosa sind bis heute vielfältige Interpretationsversuche unternommen worden. Die meisten in der Form von Träumen konzipierten und gestalteten Prosadichtungen entziehen sich der rationalen Deutung und erfahren in aller Welt sich widersprechende Auslegungen: psychoanalytische, soziologisch-existenzialistische, metaphysisch-spekulative und dergleichen. Als Schlüssel zum Verstehen der Werke gelten Kafkas Konflikte zwischen religiöser Veranlagung und skeptischem Intellekt, die Spannung zwischen ihm und seinem despotischen Vater und der Widerstand gegen das erbarmungslose, unüberwindlich scheinende System der Bürokratie. Das Hauptaugenmerk meines Deutungsansatzes wird im folgendem auf einer theologischen Betrachtungsweise liegen.

Bei der "kaiserlichen Botschaft" handelt es sich um eine Passage aus der Erzählung "Beim Bau der chinesischen Mauer". Innerhalb dieses Erzählfragmentes wird der parabolische Text als "Sage" bezeichnet, die das Verhältnis zwischen dem chinesischen Volk und dessen Kaiser ausdrückt (womit selbstverständlich nur eine vordergründige Seite der Erzählung berührt wird). Meiner Meinung nach kann man den Text jedoch als Parabel bezeichnen, da er alle Voraussetzungen, die an eine solche gestellt werden, erfüllt: Es ist eine lehrhafte Erzählung, die eine Wahrheit oder Erkenntnis durch analogen Vergleich, also durch Analogieschluß, aus einem anderen Vorstellungsbereich erhellt, der nicht ein in allen Einzelheiten unmittelbar übereinstimmendes Beispiel gibt (wie etwa die Fabel), sondern nur in einem Vergleichspunkt mit dem Objekt übereinstimmt und im Gegensatz zum Gleichnis keine direkte Verknüpfung mit dem zu erläuternden Objekt enthält, wenngleich sie das Beziehungsfeld erkennen läßt, sondern vom Gegenstand abgelöst zur selbstständigen Erzählung wird.

Ursprünglich sollte - nach dem Willen Kafkas - das Fragment "Beim Bau der chinesischen Mauer" vernichtet werden, nicht aber die "Kaiserliche Botschaft". Diese Tatsache spricht dafür, daß der Text unabhängig von einer rahmenden Erzählung verstanden sein sollte.

1.1 Vergleich mit anderen Texten Kafkas und Einordnung in das Gesamtwerk

"Eine kaiserliche Botschaft" läßt sich gut in den Kreis der Geschichten stellen, die in der Nähe alttestamentlichen und jiddischen Erzählmaterials entstanden sind (u.a. "Brudermord" und "Vor dem Gesetz"). Für diese Texte - so ist zu folgern -war der judaistisch zu verstehende Obertitel "Verantwortung" wohl zutreffend, unter dem Kafka Geschichten des späteren "Landarzt"- Bandes für die Zeitschrift "Der Jude" anbot. "Gemeinsam ist den so verschiedenartigen Mythologien verbundenen Geschichten das zur Vollendung entwickelte Verfahren, vorgefundene Muster zu erweitern und zu verwandeln"[1]

Wie "Auf der Galerie" gehört auch die "Kaiserliche Botschaft" zu zwei kürzeren Texten der Sammlung, in denen der Erlebnischarakter der Erfahrung hinter einer abstrakten Darstellungsform zurücktritt. Das Kernstück der "Chinesischen Mauer" ist ebenso wie die Erzählung "Auf der Galerie" durch jene sprachliche Zweischichtigkeit bestimmt, die für die Prosa Kafkas charakteristisch ist. "Es sind aber zwei Erzählungen, in denen es der Wahrheit nicht gelingt, in die Wirklichkeit einzubrechen"[2]. Gemeinsam ist beiden ferner, daß zur "Lösung" (Der Traum als "Ersatz" für die nicht als Wirklichkeit faßbare Wahrheit) in beiden Fällen auf den letzten Satz verwiesen wird.[3] Im Gegensatz zu "Auf der Galerie" wird hier aber nicht derselbe Vorgang einmal in der dreidimensionalen Gegenständlichkeit, das andere Mal in der vierten Dimension dichterischer Schau erzählt. Vielmehr sind von Anbeginn an beide Wirklichkeitsebenen in einer eigentümlichen Doppelbödigkeit vorhanden, freilich in wechselnder Mächtigkeit.

"Wie in der Türhüterlegende aus den `Proceß' hat die `kaiserliche Botschaft' als `Sage' die Funktion, das Hauptgeschehen in geraffter und exemplarischer Form darzustellen"[4]. Ebenso wie bei der Parabel "Vor dem Gesetz" ist sie aus einem größeren epischen Zusammenhang herausgelöst und in der Erzählsammlung "Ein Landarzt", einem der wenigen Bücher, die Kafka selbst zur Veröffentlichung gebracht hat, auf sich selbst gestellt. Der zweite veröffentlichte Auszug aus der "Chinesischen Mauer" mit dem Titel "Ein altes Blatt" schildert auf sehr realistische, nicht mehr parabolische Weise die "irdischen" Konsequenzen der Entfernung des Kaisers und die Unordnung, in welche die Welt geraten ist.

Die Niederschrift im sogenannten "Sechsten Oktavheft" entstand ungefähr im März/April 1917 und wurde erstmals in der unabhängigen jüdischen Wochenzeitschrift "Selbstwehr" (13. Jahrgang, Nr. 38-39, Neujahresfestnummer, Prag) am 24.09.1919 veröffentlicht. Die Entstehungszeit fällt in eine Phase der "Begegnung" zwischen Ost- und Westjudentum: "Die östlichen Kriegsschauplätze der Mittelmächte konfrontierten die Westjuden über die Flüchtlingsprobleme ständig mit den ostjüdischen Interessen. Martin Buber, der seit Jahren den Plan einer jüdischen Revue verfolgt hatte und nun 1916 verwirk-lichte mit der Monatsschrift "Der Jude", wollte gerade auch dieses neue und fruchtbare Verhältnis zum Ostjudentum diskutieren (..). Kafka gab seit 1915 wiederholt Beiträge in die Wochenzeitschrift"[5]. Die Verachtung vieler Ostjuden gegenüber ihren Prager Mitbürgern saß tief; "Gerade die Erzählung `Beim Bau der chinesischen Mauer' zeigt, daß die oft sehr harte Kritik von großer Bedeutung war, mit dem man dem Ostjudentum begegnete, dessen Rückständigkeit (..) man beklagte"[6] Die "Sage" von der "Kaiserlichen Botschaft" ist in den Text der "Chinesischen Mauer" ähnlich eingefügt wie die "Legende vom Gesetz" im "Prozeß". Wie in "Der Prozeß" und in vielen anderen seiner Werke, finden sich Kafkas Protagonisten in "Eine kaiserliche Botschaft" im Zustand des Ausgeliefertseins, die auf den "Ruf" warten, der ihnen alles erklärt und sie erlösen könnte; aber selbst wenn dieser Ruf, diese Botschaft ergeht, bleibt der "Sender" und die Botschaft im undurchdringlichen Ungewissen, so daß von ihr nur "geträumt" werden kann. Dieser "Traum" ist der Indikativ, Sender und Botschaft bleiben im Konjunktivischen, im Bildhaften, im Unverbindlichen. "Alle diese Gleichnisse wollen eigentlich nur sagen, daß das Unfaßbare unfaßbar ist, und das haben wir gewußt"[7]

1.2 Zur Gestaltung und Grobstruktur

Die Parabel wird hauptsächlich durch eine sprachliche Zweischichtigkeit bestimmt, wie sie für Kafkas Prosa charakteristisch ist: Sie umfaßt - grob gesagt - eine reale und eine irreale Welt. Gleich der erste Satz umfaßt beide. Danach sind jedoch die Teile mehr oder weniger deutlich voneinander getrennt. Wenn der Wendepunkt etwa bei "Aber die Menge ist so groß...[8]." als Hauptmerkmal der Strukturierung gesehen wird, dann umfaßt der erste Teil die Sätze eins bis fünf. In ihnen wird ein sinnfälliger Vorgang berichtet.

Der Modus ist die Wirklichkeitsform, Wortwahl ("so sehr gelegen", "Richtigkeit bestätigt", "abgefertigt", "kräftiger und unermüdlicher Mann", "schafft sich Bahn", "kommt leicht vorwärts"), Satzbau (die Umklammerung des Perfekts schmiedet die Sätze zu einer festen Einheit zusammen) und Rhythmus (die Sätze, die als in sich geschlossene Sinneinheiten geformt sind, lassen die Tonbewegung gleichmäßig ansteigen und fallen) entsprechen der Sicherheit, die keinen Zweifel an der Übermittlung der Botschaft aufkommen läßt und zeugen von einem unbeirrbaren Willen und sind positiv, bestätigend.

Der zweite Teil umfaßt die Sätze sechs bis neun. Während das Absenden der Botschaft im ersten Teil plausibel gemacht werden soll, wird im folgenden die Unmöglichkeit der Ankunft beschrieben (was nach der erst erzeugten Sicherheit im bisherigen Text noch erschütternder wirkt). Statt der festen, positiven Aussagen häufen sich hier Negationen in der Wortwahl: "kein Ende", "nutzlos", "niemals", "nichts", "niemand". Der Indikativ wird abgelöst vom Konjunktiv, die Umklammerung von der Offenheit ("und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast" etc.).Die sinnfällige Welt wandelt sich zu einer irrealen Welt. Der Rhythmus wird schwebender; alles Feste, Bestimmte löst sich auf: Die Zeit wird zur Ewigkeit, die Residenzstadt zur Mitte der Welt.

[...]


[1] Dietz, Ludwig: Franz Kafka, Sammlung Metzler, Bd 138, Stuttgart 1990, S.80

[2] Raboin, Claudine: `Ein Landarzt' und die Erzählungen aus den `Blauen Oktavheften'1916-1921, S.167; In: Text und Kritik, Son-derband.`Franz Kafka', von H.Ludwig Arnold (Hrg), München 1994

[3] vgl. Ebd.

[4] Ebd., S.168

[5] Ebd., S. 21,23

[6] Baioni, Giuliano: Kafka - Literatur und Judentum, Stuttgart 1994, S.145

[7] Kafka, Franz: Die Erzählungen, Frankfurt 1961, Seite 328

[8] Kafka, Franz: Erzählungen, Frankfurt a.M. 1963

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Franz Kafka - Eine kaiserliche Botschaft. Ein theologischer Deutungsversuch
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Neue deutsche Literatur und Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar Franz Kafka
Note
1,25
Autor
Jahr
1996
Seiten
19
Katalognummer
V6639
ISBN (eBook)
9783638141710
ISBN (Buch)
9783638926324
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich bei der Arbeit um einen theologischen Deutungsversuch zu Kafkas Kaiserliche Botschaft, die evt. auch für den Fachbereich Theologie interessant sein könnte.
Schlagworte
Kafka, Kurzgeschichte, Kaiserliche Botschaft, Theologie
Arbeit zitieren
Magister Ansgar Schwarzkopf (Autor), 1996, Franz Kafka - Eine kaiserliche Botschaft. Ein theologischer Deutungsversuch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6639

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