Todesurteile gegen Abiturienten aus Wittenberge


Wissenschaftliche Studie, 2006
13 Seiten

Leseprobe

Todesurteile gegen Abiturienten aus Wittenberge

Vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen

Von Armin Feldmann

Auch mehr als sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs tauchen Dinge aus der Vergangenheit auf, die in Beziehung mit dem heutigen Marie-Curie-Gymnasium Wittenberge stehen, aber bisher noch nicht allgemein bekannt waren. Das gilt auch für die beiden im Titel dieses Beitrags angedeuteten Vorfälle.

Von einem alteingesessenen Wittenberger war zu erfahren, dass ein Abiturient der Städtischen Oberschule für Jungen gegen Kriegsende noch durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt und tatsächlich erschossen wurde. Der Betroffene war Klaus Otto Jürgen Stoffregen.

Seine Mutter, Frau Stoffregen, geboren 1894 als Agnes Edith Lawes in Wolmirstedt, war 1933 von Nowawes, heute ein Stadtteil Potsdams, aus verwandtschaftlichen Gründen nach Wittenberge verzogen, da sie verwitwet war und hier eine Schwester wohnte. Ihr Sohn war am 12.06.1922 in Berlin geboren, sein Vater Karl Stoffregen, im Schüleralbum als Kaufmann bezeichnet, war zum Zeitpunkt des Umzugs nach Wittenberge bereits verstorben. Nach dem Adressbuch von 1935/36 wohnten Mutter und Sohn in der Krausestraße 17, nach dem von 1940/41 in der Hohenzollernstraße 19 im Haus des Stadtoberinspektors Walter Thiedke (heute Dr.-Wilhelm-Külz-Straße 3), dann bis 1945 in der sog. Albrecht’schen Villa in der Parkstraße 109, die Mutter schließlich bis zu ihrem Tod 1954 in der Zollstraße 8. In Nowawes hatte der Sohn das Reformrealgymnasium Althoffschule besucht, benannt nach dem preußischen Kulturpolitiker Friedrich Althoff, der von 1897 bis 1907 als Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium eifrig für den Ausbau der preußischen Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen, aber auch der höheren Schulen gewirkt hatte. Im Stadtteil Nowawes gibt es auch heute eine Althoffstraße.

In Wittenberge wurde Klaus-Otto Stoffregen im September 1933 in die Quinta (heute Klasse 6) des Reformrealgymnasiums aufgenommen. Infolge der 1937 erfolgten Verkürzung des Abiturschulgangs von neun (Sexta bis Oberprima) auf acht Jahre (damalige Zählung: Klassen 1 – 8) hätte er die Reifeprüfung am Ende des Schuljahres 1939/40 ablegen müssen. Aber durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war dies der erste Jahrgang, von dem Schüler bereits vor Ende ihrer Schulzeit zur Wehrmacht eingezogen wurden. Das betraf sechs von achtzehn Schülern, Stoffregen ging von der nunmehrigen Oberschule für Jungen Wittenberge am 28. November 1939 aus der Klasse 8 s (sprachlicher Zweig) ab, da er „zum Heeresdienst einberufen“[1] war. Die sechs eingezogenen Schüler erhielten am Ende des Schuljahres die Reife ohne Prüfung zuerkannt. In den Jahren des Zweiten Weltkriegs wurden an dieser Wittenberger Schule insgesamt 99 Reifezeugnisse ausgegeben, davon 61 ohne Prüfung, da ihre Empfänger entweder zum Reichsarbeitsdienst oder zur Wehrmacht eingezogen waren.

Über die militärische Laufbahn von Klaus-Otto Stoffregen ist bekannt, dass ihm am 31.08.1942 das Eiserne Kreuz 2. Klasse (EK II) verliehen wurde, er hatte zu diesem Zeitpunkt den Dienstgrad eines Unteroffiziers. Am 1.10.1942 wurde er zum Leutnant der Reserve befördert, er diente im II./AR [Artillerieregiment] 47. Im folgenden Jahr, 1943, nahm er in Wittenberge an der Hochzeit von Bekannten teil, er trug dabei seine Offiziersuniform.

Wie ein Blitz schlug es im letzten Quartal 1944 bei Mitschülern, Freunden und Bekannten ein, als sie erfuhren, dass er durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen worden war, die Anklage hatte auf Feigheit vor dem Feind gelautet. Wittenberger Bekannte waren schockiert, als sie davon hörten. In Ostpreußen soll Stoffregen im Herbst 1944 seine Einheit nicht in einen befohlenen Angriff bzw. ein Späh- oder Stoßtruppunternehmen geführt, sondern zurückgezogen haben, da er die starke Überlegenheit des ihm gegenüberliegenden Verbandes der Roten Armee erkannt hätte, wissen mehrere Wittenberger Zeitgenossen Stoffregens zu berichten. Aber selbst die der Mutter vom Gericht übersandte Nachricht teilt das nicht detailliert mit, sie lautete:

Gericht der F.P.Nr.16840 O.U., den 18.11.1944

St.L.Nr. 300/44

Frau

Edith S t o f f r e g e n

W i t t e n b e r g e

Hohenzollernstrasse 19

Das gegen den Leutnant d.R. Otto Stoffregen wegen der von ihm begangenen Straftat am 11.9.1944 vom Kriegsgericht auf Todesstrafe erkannte Urteil ist durch Bestätigung durch den zuständigen Gerichtsherrn am 10.11.1944, 06.40 Uhr, vollstreckt worden.

Die Bestattung erfolgte auf dem Friedhof in Schröttersburg.

Todesanzeigen oder Nachrufe in Zeitungen, Zeitschriften u.dgl. sind verboten.

Nachrichtlich:

Dem Wehrbezirkskommando (Unterschrift: ... )

P e r l e b e r g . Oberfeldrichter.

Die Feldpostnummer 16840 bezieht sich auf die 5. Jägerdivision, deren Gericht das Urteil sprach.[2]

Die Erwartung, vom Bundesarchiv – Militärarchiv eine Kopie der Kriegsgerichtsverhandlung gegen Otto Stoffregen mit der Begründung des Todesurteils erlangen zu können, erfüllte sich nicht. Die Auskunft dazu lautete, „dass in den hier verwahrten wehrmachtgerichtlichen Unterlagen KEINE eigenständige Verfahrensakte zu Otto Stoffregen, sondern lediglich eine Strafverfahrensliste, in der Erwähnung findet.“ [Hier fehlt entweder „er“ oder „das Todesurteil“ – A.F.]

Folgende Informationen konnten zu Otto Stoffregen ermittelt werden:

Stoffregen, Otto

Geb.: 12. Juni 1922

Leutnant der Reserve

II./A.R. [Artillerieregiment] 47

Nov. 1944 Todesurteil wegen fortgesetzter Feigheit

vollstreckt am 10.11.1944

Weitere Informationen sind in den wehrmachtsgerichtlichen Unterlagen ... nicht zu erwarten.“[3]

Nur „eine Kopie aus der Karteikartensammlung der Kriegsreserve-Offiziere, welche bestätigt, dass Herr Klaus Otto Jürgen Stoffregen zum Tode verurteilt wurde und am 10.11.1944 hingerichtet wurde“,[4] konnte vom gleichen Bundesarchiv – Militärarchiv zur Verfügung gestellt werden (13.04.2006). Sie stammt vom Wehrbezirkskommando Perleberg und enthält Namen, Vornamen, Geburtsdatum, Truppenteil, Dienstgrad, Rangdienstalter und Datum der Aufnahme in das Offizierskorps sowie den Bleistiftvermerk „Nicht befördern!“. Dazu ist diese Karteikarte im DIN-A 6-Format ebenfalls mit Bleistift diagonal von links unten nach rechts oben durchgestrichen, über dem Strich steht „Am 10.11.44 verstorben“. Verstorben, nicht erschossen oder hingerichtet, vermerkte der Mitarbeiter im „W. Bez. Kdo. Perleberg“!

Der Beisetzungsort hatte seinen Namen 1941 erhalten, die polnische Kreisstadt Płock wurde in Schröttersburg umbenannt, nachdem der Landkreis gleichen Namens im Oktober 1939 von Deutschland annektiert, der preußischen Provinz Ostpreußen und dem neu gebildeten Regierungsbezirk Zichenau (polnisch bis dahin Ciechanow) angegliedert worden war. Er liegt an der Weichsel etwa in der Mitte zwischen Thorn (Toruń) und Warschau. Schröttersburg war nach dem preußischen Minister Friedrich Leopold Reichsfreiherr von Schrötter (1743-1815) benannt, der zu den preußischen Reformern um den Freiherrn vom und zum Stein gehörte; der Ort hatte bereits von 1793 („Zweite Polnische Teilung“) bis 1806 zum Königreich Preußen gehört.

Ein evangelischer Pfarrer hatte Klaus-Otto Stoffregen in der Zeit zwischen der Verurteilung und der Hinrichtung begleitet. Er hatte Post von Frau Stoffregen erhalten und antwortete darauf mit einem handschriftlichen Brief des folgenden Inhalts [Unterstreichungen im Original – A.F.]:

“Kriegpfarrer Willy Biesold 13. Jan. 45.

Feldpost-Nr. 27 309

Hochverehrte Frau!

Haben Sie für Ihren so lieben Br. vom 10. Jan. herzlich Dank! Ich will Ihnen nur gleich sagen, daß Klaus seinen Brief schon geschrieben hatte. Er hatte ganz nüchtern mit diesem Ausgang seiner Affäre gerechnet. Vorher hatte er es ver..., mich als Seelsorger im Gespräch zu erkennen. Ich komme ja regelmäßig ins Haus - . Desto froher war ich, daß er die Frage des Oberfeldrichters, ob er für die letzten Stunden einen Beistand erbitte, glatt bejahte. Er hat seine Entscheidung nicht bereut, sondern mich immer wieder seiner Dankbarkeit versichert. Klaus hatte einen Gottesglauben, der stark vom Idealismus und von der Jugendbewegung geprägt war. Er hatte in diesen Fragen keine Phrasen. Daher bin ich ihm taktvoll entgegengekommen, - so haben wir uns gut verstanden.

Über Klaus‘ Lippen ist kein böses Wort gekommen. Obwohl er wußte, daß der Führer den Gnadenerweis abgelehnt hatte, beugte er sich gehorsamst unter diese Entscheidung ... Klaus hat das innere „Muß“, eine einmal nun begangene Feigheitstat zu sühnen, voll eingesehen. Er ging ohne Bitternis aus der Welt. Sein letzter Gedanke sind Sie gewesen.

Nun, vielleicht kann ich Ihnen später mal berichten. [Es folgt seine Anschrift]. –

Indem ich Ihnen Gottes Hilfe und Kraft erbitte,

Ihr

(Unterschrift).“[5]

1950 verfasste derselbe bei der Erschießung anwesende Pfarrer Biesold eine „Bestätigung“, deren vorliegende Kopie nicht adressiert ist, so dass ihre Zuordnung Schwierigkeiten bereitet. Es könnte sich – dem vierten Absatz zufolge - um eine Stellungnahme für einen eventuellen Kriegsrentenantrag der Mutter gehandelt haben (sie ist im Dezember 1954 im Krankenhaus Perleberger Straße verstorben). Die Bestätigung lautet wie folgt (und wird in der originalen Form widergegeben):

„Richard Willy Biesold Limmersdorf, den 30. Oktober 1950.

Pfarrer

Mitglied des S.D.S.

Limmersdorf / Post Thurnau Ofr.

BESTÄTIGUNG

Ich bestätige hiermit, daß der Leutnant

Klaus S t o f f r e g e n aus Wittenberge/Bez. Potsdam

zu Plock in Polen

auf Befehl Hitlers durch die Wehrmacht erschossen wurde. Ich

war bei seiner Hinrichtung, die entweder im Dez.44 oder im

Januar 45 gewesen sein muß, als sein Seelsorger persönlich

anwesend und habe ihn anschließend beerdigt.

Nach meiner festen Überzeugung ist Klaus Stoffregen völlig

unschuldig gewesen. Er mußte für seinen feigen Kommandeur

den Sündenbock machen. Die Gnadengesuche für ihn verwarf

Hitler persönlich und ordnete in seinem damaligen Blutrausch

[...]


[1] Schüleralbum

[2] Information des Bundesarchivs - Militärarchivs Freiburg vom 09.12.2005.

[3] Information vom 11.05.2006.

[4] Information vom 13.04.2006.

[5] Erhalten von einem Alt-Wittenberger aus dem Nachlass der Frau Stoffregen.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Todesurteile gegen Abiturienten aus Wittenberge
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V66449
ISBN (eBook)
9783638584760
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Todesurteile, Abiturienten, Wittenberge
Arbeit zitieren
Dipl.-Lehrer Armin Feldmann (Autor), 2006, Todesurteile gegen Abiturienten aus Wittenberge, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66449

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