„Übersetzen tu ich nicht, und wenn du mich auf den Rost legst.“ Schon Mörike sträubte sich vor dem Übersetzen (als Broterwerb), und doch sollte er sich zehn Jahre nach diesem Ausspruch an die Übersetzung des Horaz machen. Am Anfang des Übersetzens steht also der Widerstand gegen das Übersetzen. Der Anfang des Übersetzens kann ganz schnell das Ende des Übersetzens bedeuten.
So hat man Horaz nicht nur übersetzt, man hat ihn auch nicht übersetzt. Was banal klingt, hat einen tieferen Sinn. Aus den unterschiedlichsten Motiven weigern sich Übersetzer, das Original sinngemäß oder möglichst treu zu übersetzen. Nahe liegende Motive wie Vermeidung von Obszönität oder Vulgarität spielen zwar eine Rolle, sind aber für das Nicht-Übersetzen nicht allein ausschlaggebend.
Unser Augenmerk richtet sich vor allem auf das 18. Jahrhundert. Die Auseinandersetzung mit der deutschen, englischen und französischen Horaz-Rezeption – vertreten durch Wieland, Pope und La Beaumelle – soll die Übersetzungsarbeit der damaligen Zeit illustrieren. Dabei sollen die unterschiedlichen Beweggründe der jeweiligen Übersetzer für das Nicht-Übersetzen aufgezeigt werden.
Horaz ist nicht nur kommentiert, er ist auch nicht kommentiert worden. Was für das Übersetzen des Horaz gilt, gilt genauso für die Kommentierung des Horaz. Zwei Kommentare des Horaz aus dem 20. bzw. 21. Jahrhundert sollen dahingehend untersucht werden, wann und wieso ein Kommentar sich eines Kommentars enthält. Dabei wird sich zeigen, daß auch das moderne Zeitalter Grenzen der Scham kennt, die die sexuelle Revolution der 60er Jahre aufzuheben versucht hatte.
Der unübersetzte, unkommentierte und ungeliebte Horaz: Vielleicht kann uns dieser Horaz mehr über uns selbst sagen als der übersetzte, kommentierte und geliebte.
Inhaltsverzeichnis
I. Vom Anfang des Übersetzens
II. Der unübersetzte Horaz - Horaz im 18. Jahrhundert
1. La Beaumelle
1.1. Die Tradition der „belles infidèles“
1.2. Le bon goût
2. Pope
2.1. Die Form der Imitation
2.2. Imitations of Horace
3. Wieland
3.1. Wielands Übersetzungsmaximen
3.2. Wielands Nicht-Übersetzen
III. Der ungeliebte Horaz – Lessing versus Müller
IV. Der unkommentierte Horaz – Fraenkel und Maurach
1. Der textimmanente Zugang
2. Deutungskategorien
3. Geschmack
V. Vom Ende des Übersetzens
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Rezeptions- und Übersetzungsgeschichte des Horaz im 18. Jahrhundert, wobei der Fokus auf den Praktiken des Nicht-Übersetzens, der Zensur (Expurgation/Bowdlerization) und der Imitation liegt. Ziel ist es zu analysieren, wie verschiedene Übersetzer und Kommentatoren den antiken Text an zeitgenössische Moralvorstellungen anpassten und welche Rolle der "Geschmack" dabei spielte.
- Methoden der literarischen Zensur (Expurgation und Bowdlerization)
- Die Gattung der Imitation bei Alexander Pope
- Wielands Übersetzungsmaximen und die Forderung nach Lesefreundlichkeit
- Lessings Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Horaz-Kritik
- Moderne textimmanente Zugänge und das Problem des Geschmacksurteils
Auszug aus dem Buch
-„bowdlerization“
Man trifft vor allen an den Stellen „bowdlerization“ an, die auch Wieland anstößig fand. Um der “decency” Rechnung zu tragen, mildert Pope wie Wieland die V.45-46 ab:
Accidit, ut cuidam TESTIS, CAUDAMQUE SALACEM
Demeterent ferro.
One bleeds in Person (V. 58)
In der Anmerkung zu dieser Übersetzung beschwert sich Bentley sofort:
„-TESTIS CAUDAMQUE SALACEM Demeterent ferro (for so I say, and not Demeteret ferrum) Bleeds in Person. Silly! was he let Blood by a Surgeon? how short is this of the Amputation of the Testes and Cauda salax? What Ignorance also of Ancient Learning appears in his shallow Translation of Perminxerunt, totally missing the Mark and not entring into the deep Meaning of the Author.”
Die „shallow Translation“ von perminxerunt ist nicht so oberflächlich oder abgelegen, wie Bentleys Anmerkung suggeriert. In Vers 56 heißt es: „By worther Footmen pist upon and whipt!” Pope wagt hier eine recht getreue Wiedergabe von perminxerunt mit “pist upon”, auch wenn die Bedeutungsnuance paedicare damit nicht zum Ausdruck gebracht wird, was Bentley zu stören scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Vom Anfang des Übersetzens: Die Einleitung thematisiert den grundlegenden Widerstand gegen das Übersetzen und führt zentrale Begriffe wie Expurgation und Bowdlerization ein.
II. Der unübersetzte Horaz - Horaz im 18. Jahrhundert: Dieses Kapitel analysiert die Übersetzungsstrategien von La Beaumelle, Pope und Wieland, die durch Zeitgeschmack und Moral geprägt waren.
III. Der ungeliebte Horaz – Lessing versus Müller: Hier wird Lessings kritische Auseinandersetzung mit der moralisierenden Horaz-Deutung von Müller im 18. Jahrhundert behandelt.
IV. Der unkommentierte Horaz – Fraenkel und Maurach: Die Untersuchung beleuchtet, wie moderne Philologen durch textimmanente Ansätze und Geschmacksurteile bestimmte Gedichte Horaz' von der Kommentierung ausschließen.
V. Vom Ende des Übersetzens: Das Fazit fasst das Scheitern als essenziellen Bestandteil des Übersetzens zusammen und reflektiert die Spannweite zwischen antiker Fremdheit und moderner Anpassung.
Schlüsselwörter
Horaz, Übersetzungsgeschichte, Imitation, Bowdlerization, Expurgation, 18. Jahrhundert, Literaturkritik, Lessing, Wieland, Pope, Philologie, Textkritik, Ästhetik, Geschmack, Zensur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, warum und wie Horaz im 18. Jahrhundert und darüber hinaus übersetzt, nicht übersetzt oder zensiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit befasst sich mit den Spannungen zwischen antiken Originaltexten und den moralischen sowie ästhetischen Erwartungen späterer Epochen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Beweggründe für Zensurmaßnahmen wie "Bowdlerization" und "Expurgation" aufzuzeigen und zu analysieren, wie Übersetzer wie Pope und Wieland versuchten, den antiken Text für ihr Publikum lesbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse von Originaltexten mit verschiedenen Übersetzungen und zeitgenössischen bzw. modernen Kommentaren vorgenommen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rezeption durch La Beaumelle, Pope und Wieland, die Lessing-Müller-Kontroverse sowie die Methoden von Fraenkel und Maurach.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind vor allem Horaz-Rezeption, Imitation, Bowdlerization, Philologie und das Geschmacksurteil in der Literaturwissenschaft.
Wie unterscheidet sich die "Imitation" bei Pope von einer bloßen Übersetzung?
Für Pope ist die Imitation eine literarische Form, die das Ziel hat, ein eigenständiges Kunstwerk zu schaffen, das die Antike für die Gegenwart lebendig macht, anstatt nur wortgetreu zu übersetzen.
Warum lehnen Fraenkel und Maurach die Kommentierung bestimmter Gedichte ab?
Sie lehnen dies aus Gründen des "guten Geschmacks" ab, wenn ihnen Gedichte als "widerwärtig" oder "unappetitlich" erscheinen, was im Widerspruch zu ihrem eigenen Anspruch eines textimmanenten Zugangs steht.
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- Ulrich Richter (Autor), 2006, Der unübersetzte Horaz, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66459