Was läßt Menschen schuldig werden? 'Täterprofile' in Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie und Jurek Beckers Roman Bronsteins Kinder


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

17 Seiten, Note: 1,75


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Abschied von Sidonie
1. Perversität des Weltbildes, in das Sidonie nicht paßt
2. Bestialität des Anstandes
3. „Siehst du, jetzt bin ich auch weiß“ – Sidonies Strategie der Anpassung

III. Bronsteins Kinder
1. Assimilationsversuch
2. Vom Opfer zum Täter

IV. Zusammenfassung

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Abschied von Sidonie und Bronsteins Kinder sind Bücher, die auf den ersten Blick gesehen, keinen Vergleichsansatz bieten. Allein der Zeitunterschied zwischen dem Erzählten läßt zunächst vermuten, daß die Inhalte nicht viele Ähnlichkeiten aufweisen. Hackls Werk handelt von einem Mädchen, das durch den in Deutschland herrschenden Rassismus und dessen Auswirkungen auf die Menschen ums Leben gekommen ist. Sidonie ist das Opfer, das sich nicht wehren kann und deshalb sterben muß. Die Täter sind ‚ganz normale Menschen‘, deren Opportunismus und Feigheit sie schuldig werden läßt.

In Jurek Beckers Roman ist es Arno Bronstein, ein anerkanntes Opfer des Faschismus, das zum Mittel der Selbstjustiz greift, um sich von den Ereignissen der Vergangenheit zu befreien. Er scheitert jedoch an diesem Versuch und stirbt. Indem Arno Bronstein selbst Gewalt ausübt, wird er vom Opfer zum Täter.

In den Büchern werden also zwei unterschiedliche ‚Täterprofile‘ gezeichnet. Ziel dieser Arbeit ist es, Gründe aufzuzeigen, warum einige handelnde Personen zum Täter und damit schuldig geworden sind. Ich gehe von der These aus, daß die Schuldigen in Abschied von Sidonie eine gewisse ‚Wahl‘ gehabt haben. Der Einsatz von Zivilcourage und gesundem Menschenverstand hätte Sidonie eine Überlebenschance gegeben.

Arno Bronstein wird schuldig, weil er unter einem gewissen Zwang handelt. Seine Psyche hat die Zeit im Lager nicht verarbeitet, so daß ihm ein normales Leben unmöglich ist. Sein Weg der Vergangenheitsbewältigung wäre nicht der Assimilations-versuch, der am Ende zur Katastrophe führt, sondern eine psychologische Betreuung, die auch auf eine verbesserte Beziehung zu seinem Sohn Hans gezielt hätte, gewesen. Doch auch Jahre nach dem Holocaust „verwüstet Hitler noch sein Leben“[1], so daß ihm eine seelische Gesundung verwehrt bleiben muß.

Im folgenden stelle ich die Personen jeweils vor den Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Umstände, um dann die Bedeutung der Zeit für Opfer als auch Täter deutlich zu machen. In einem abschließenden Kapitel fasse ich die Erkenntnisse über die Täterprofile zusammen.

II. Abschied von Sidonie

1. Perversität des Weltbildes, in das Sidonie nicht paßt

„Die Rassenideologie des Nationalsozialismus fußte auf langer Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurückreicht.“ (Schenk, S. 37). Bereits in dieser Zeit sind „sozialdarwinistische Selektionsvorstellungen [...]“, die die „‘unleugbare Inferiorität der unteren Volksklassen‘ behauptete und sie als ‚anthropologisch ausgesprochen minderwertig‘ brandmarkte“, entwickelt worden. Der Klassengegensatz leitet sich nach Meinung der damals herrschenden Klassen von einem „erbbiologischen Unterschied“ ab. Später ist der spezifisch ideologische „Terminus ‚Rasse‘ eingeführt und unter dem Stichwort der „Rasenhygiene“ [...] „auf bestimmte Rassen oder Völker bezogen worden“[2] (Röhr, S. 28ff).

Die Diskriminierungen und Terrormaßnahmen, denen die Juden, Sinti und Roma im Dritten Reich ausgesetzt gewesen sind, haben ihre Basis auf den pseudo-wissenschaftlichen Einstufungs- und Charakterisierungsverfahren der national-sozialistischen Politiker, Anthropologen und Mediziner. So ist beispielsweise von der These ausgegangen worden, daß die „Zigeuner in ihrer Gesamtheit,“ „[s]ozial und staatspolitisch gesehen, [...] keine „Bausteine eines geordneten Gemeinschaftswesens“ (Schenk, S. 100) seien. Diese konkrete Ausgrenzung der Sinti und Roma durch den „NS-Rassenantisemitismus“ (Röhr, S. 53) hat sich im Bewußtsein der Menschen festgesetzt. In Verbindung mit dem Neid, mit der Unzufriedenheit und den Minderwertigkeitskomplexen, die die Menschen „durch die unglückliche Geschichte“[3] erworben haben, haben Rassismus und Antisemitismus ihre Wirkung entfalten können.

Der NS-Rassenantisemitismus wirkte auf vielfältige Weise, sei es anspornend, fanatisierend, sei es lähmend, einschüchternd oder betäubend. Er kanalisierte Unmut und Aggressivität und enthemmte Gewalt und Bestialität. Für alles Ungemach und Unrecht wie für alle Probleme bot er einen Universalgrund und einen Universalschuldigen an, den ‚Juden‘. Jegliche Differenzierung und jegliche Erklärung wurde überflüssig. [...] Aber die Einschüchterung war in dieser Wirkungsdimension oft nur der erste Schritt. Denn die Ausgrenzung von ganzen Opfergruppen führte auf ihrer Grundlage als nächste Stufen zu Korrumpierung und Bestialisierung großer Teile der deutschen Bevölkerung[4]. In der Gewöhnung an terroristische Gewalt wirkte der Anti-semitismus demoralisierend, er war das entscheidende Bestialisierungsmittel (Röhr, S. 53f.).

In bezug auf Sidonie bedeutet die Umsetzung der Ideologie die Stigmatisierung zur Außenseiterin, was sie nach Ansicht der Behörden zu einer „Bedrohung für die Gesundheit von Gesellschaft und Nation“[5] macht.

Zunächst ist ihre „ergreifende Fremdheit“[6] im Ort vielleicht als etwas Exotisches angesehen worden, aber mit zunehmender Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts beginnt die langsame Ausgrenzung des Mädchens.

Ein paar Nachbarn, sie spürte es, stießen sich an Sidonies Gegenwart. Das schwarze Luder muß weg. Wäre sie wenigstens verstockt gewesen, unfreundlich, nachtragend! Aber ihre Hilfsbereitschaft, die Freundlichkeit, mit der sie diese Nachbarn grüßte, der Eifer, mit dem sie bei den Altstoffsammlungen für das Winterhilfswerk den Leiterwagen zog, erhöhten den Haß. Ein liebenswerter Untermensch, das fehlte noch (AvS, S. 75).

Aus dem Text läßt sich ableiten, daß der Heimatort der Breirathers an der Weltwirtschaftskrise zu leiden hat. Die Menschen befinden sich in großer Not, sie sind arbeitslos und unzufrieden. Mit der Einflußnahme durch die Nationalsozialisten ändert sich die Stimmung in Deutschland und Österreich, da ein ‚Sündenbock‘ für die desolate Situation geboten wird. Die Aggressionen richten sich zunehmend gegen die als rassisch minderwertig angesehenen Teile der Bevölkerung, wie z.B.: Juden, Asoziale, Sinti und Roma.

Zunächst ist Sidi in Letten noch akzeptiert. Sie „war den [Einwohnern] vertraut, noch störte [sie] nicht. Bürgermeister Eder zum Beispiel, ein eingefleischter Nazi, [...] grüßte es freundlich, ein liebes Dirndl, sagte er zu seiner Frau, schad, daß sie so schwarz ist. (AvS, S. 75). Diese Äußerung zeigt, wie sehr Eder die Rassenideologie übernommen hat. Die Freundlichkeit gegenüber Sidonie ist eine Reaktion des gesunden Menschenverstandes. Der gleichzeitige Hinweis auf die Hautfarbe des Mädchens drückt seine Ansicht über die Minderwertigkeit des Kindes aus.

2. Bestialität des Anstandes

Auf den letzten Seiten des Buches gibt der Erzähler Antwort auf Fragen, die sich dem Leser unwillkürlich stellen müssen: sind den Autoritätspersonen die Folgen ihres Handelns nicht bewußt gewesen? Warum haben sie die Gesetze gegen Sidonie ausgelegt? Hackls Interpretation des Geschehens verurteilt die Feigheit und den vorauseilenden Gehorsam der Beamten, die sich hinter dem Alibi der Befehlsgewalt versteckt und somit das Schicksal des Mädchens besiegelt haben:[7]

[w]as Hans nicht wußte, weder an jenem dreizehnten März, an dem er der Leiterin des Jugendamtes gegenübersaß, noch all die Jahre später, in denen die Wunde nicht verheilen wollte: daß Korn log, als sie sich mit höherem Befehl zu rechtfertigen versuchte, als sie behauptete Sidonie sei ihrer leiblichen Mutter zu übergeben, die Anordnung von höherer Stelle lasse keinen Ausweg zu, sie bedauere es zutiefst, zumal das Ehepaar Breirather, und sie wolle vor allem seiner Frau ihre Anerkennung nicht versagen, dem Mädchen stets die denkbar beste Pflege hätten angedeihen lassen. Kein Grund zur Klage, nie. Aber da sei nun einmal die Mutter, auch sie habe ein Anrecht auf Sidonie, da gebe es nichts zu deuteln (AvS, S. 88).

In seinem Aufsatz Faschismus und Rassismus fragt sich der Autor Röhr, ob „von allen Wirkungen des NS-Rassismus nicht die mobilisierende und aktivierende, sondern die entwaffnende, passivierende die verhängnisvollste“ Wirkung auf die Bevölkerung gewesen ist. Er begründet dies damit, daß der Antisemitismus ein bedeutendes Einschüchterungsmittel für die Menschen gewesen ist und daß daraus Angst, Lähmung, Betäubung und Terror entstanden sind (vgl. Röhr, S. 53). Als weitere Folgen müssen, wie von Hackl beschrieben, Verdrängung, Feigheit und mangelnde Zivilcourage hinzugefügt werden.

In der Frage, ob Sidonie ihrer leiblichen Mutter zu überstellen ist oder ob sie bei den Breirathers bleiben kann, hätten die Leiterin des Jugendamtes, Frau Korn, und der Bürgermeister des Ortes, frei entscheiden können. Frau Korn hat aus Innsbruck „keine genauen Richtlinien“ darüber erhalten, wie sie vorzugehen habe, im Gegenteil: „man überließ ihr die Entscheidung“. Ihr ‚Untertanengeist‘, der sonst wahrscheinlich klare Anweisungen gewohnt gewesen ist, reagiert darauf „entrüstet“. In ihrer Ratlosigkeit beginnt sie „Minuspunkte“ (AvS, S. 91) zu sammeln.

Oberlehrer Frick fühlt sich in seiner Eitelkeit als Pädagoge befleißigt, ebenfalls Sidonies negative Eigenschaften herauszustellen. Er zeigt somit ein ähnlich schwaches Rückgrat wie Bürgermeister Eder, der den Breirathers versichert hat, sich für deren Ziehtochter einzusetzen. Als sich dieser jedoch der „Tragweite des Falls“ (AvS, S. 93) bewußt wird, zieht er sich aus der Verantwortung zurück und befürwortet die Überstellung des Kindes an die leibliche Mutter.

[...]


[1] vgl. Wedemeier, K.: Mut zum Erinnern – Gegen das Vergessen. Reden und Texte zum Umgang mit deutscher Schuld und Verantwortung. Mit einem Geleitwort von Ignatz Bubis. Bremen 1994, S. 51.

[2] Röhr, W.: Faschismus und Rassismus. Zur Stellung des Rassenantisemitismus in der national- sozialistischen Ideologie und Politik. In: Röhr, W. (Hg.): Faschismus und Rassismus. Kontroversen um Ideologie und Opfer / Arbeitsgruppe Faschismusforschung. Berlin 1992, S. 28ff.

[3] König, H.: Heinrich Mann. Dichter und Moralist. Tübingen 1972, S. 118. Der Autor bezieht sich auf die 1918 erlittene Niederlage. Heinrich Mann schreibt 1935 hierzu: „Jetzt werden alle historischen Enttäuschungen zu schnaubender Rache, und Minderwertigkeitsgefühle, erworben durch die unglückliche Geschichte, entladen sich in einer nationalen Bösartigkeit.“

[4] Der Bezug auf die deutsche Bevölkerung soll auch auf die Österreichs gelten, da ich annehme, daß in Österreich ähnliche Wirkungen auf die Menschen zu spüren gewesen sind.

[5] Mosse, G.L.: Geschichte des Rassismus in Europa. Frankfurt 1990, S. 171.

[6] Hackl, E.: Abschied von Sidonie. Zürich 1991, S. 8. (im folgenden AvS).

[7] Hackl, S. 93.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Was läßt Menschen schuldig werden? 'Täterprofile' in Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie und Jurek Beckers Roman Bronsteins Kinder
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Jüdisch-deutsche Nachkriegsliteratur
Note
1,75
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V6650
ISBN (eBook)
9783638141796
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abschied von Sidonie; Erich Hackl; Bronsteins Kinder; Jurek Becker
Arbeit zitieren
Manuela Freese (Autor), 2000, Was läßt Menschen schuldig werden? 'Täterprofile' in Erich Hackls Erzählung Abschied von Sidonie und Jurek Beckers Roman Bronsteins Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6650

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