Mead, Blumer und der symbolische Interaktionismus


Seminararbeit, 2005
17 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 George Herbert Mead und der amerikanische Pragmatismus
2.1 Gesten und Symbole
2.2 Der generalisierte Andere
2.3 'I' und 'Me'

3 Herbert Blumer und der symbolische Interaktionismus
3.1 Die drei Kernprämissen des symbolischen Interaktionismus
3.2 (Nicht-)symbolische Kommunikation

4 Mead und Blumer – ein Vergleich
4.1 Von der Sozialphilosophie zur Forschungsmethodologie
4.2 Vom Objektivismus zum radikalen Subjektivismus

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einführung

George Herbert Mead wird gelegentlich als "Gründungsvater des symbolischen Interaktionismus" (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973: 25) bezeichnet – obwohl Herbert Blumer den Begriff des symbolischen Interaktionismus erstmals im Jahr 1937 in einem Aufsatz verwendete, zu einem Zeitpunkt also, zu dem George Herbert Mead bereits sechs Jahre tot war. Ich möchte in dieser Arbeit der Frage nachgehen, worauf sich der symbolische Interaktionismus von Herbert Blumer genau bezieht im Werk von George Herbert Mead.

Zuerst will ich in dieser Arbeit das Werk von Mead jeweils nach dem Kriterium betrachten, welchen Einfluss es auf den symbolischen Interaktionismus hatte. Ich werde den Fokus auf die Interaktion und die symbolvermittelte Kommunikation richten. Da Meads Werk viel zu breit angelegt ist, um es in einer Proseminar-Arbeit abzuhandeln, werde ich auf seine Theorien über Ethik und Demokratie nicht eingehen, ebenso wenig wie auf den Sozialbehaviourismus.

In einem weiteren Kapitel möchte ich klären, was der symbolische Interaktionismus ist und wie die zentralen Prämissen von Herbert Blumer lauten – dabei soll auch deutlich werden, wie sich der symbolische Interaktionismus gegenüber einer struktur-funktionalistischen Soziologie, vor allem aber gegenüber dem Pragmatismus von Mead, abgrenzt.

An dieser Stelle soll daran erinnert werden, dass Herbert Blumer 1928 an der University of Chicago bei promovierte. "Seine [Blumers] intellektuelle Entwicklung wurde von der Chicagoer Schule, insbesondere von George Herbert Mead geprägt" (Münch 2002: 259). Ob dies allerdings ausreicht, um Mead wirklich als Gründungsvater des symbolischen Interaktionismus zu bezeichnen, ist eine der Fragen, die ich mit dieser Arbeit klären will, möglicherweise sogar die Kernfrage.

2 George Herbert Mead und der amerikanische Pragmatismus

2.1 Gesten und Symbole

George Herbert Mead ist aus heutiger Sicht nicht eindeutig einer wissenschaftlichen Disziplin zuzuordnen. "Sein Grenzgängertum zwischen den Disziplinen der Philosophie, Psychologie, Soziologie und Naturwissenschaften fiel noch in eine Zeit geringer, allerdings gerade einsetzender Spezialisierung und Professionalisierung dieser Disziplinen" (Joas 1989: 10). Wenn man seine Kernprämisse zusammenfasst, dann ist sie sozialphilosophischer Natur und lautet, dass der Mensch grundsätzlich sozial ist – und dass die menschliche Identität ohne Sozialität nicht denkbar ist. Mead beobachtet nicht das Verhalten des Individuums, sondern jenes "einer kooperierender Gruppe spezifisch menschlicher Organismen" (Joas 2003: 172). Er hat den Ansatz überwunden, dass es einen eigentlichen Menschen jenseits der sozialen Welt gibt, "er denkt nicht Gesellschaft als lediglich historisches und kulturelles Phänomen, das die von Natur aus vereinzelten Individuen von aussen zusammenschliesst, sondern er denkt die menschliche Natur selbst als wesentlich gesellschaftlich" (Joas 2003: 112).

Im Grunde genommen kann man Meads Werk auch als anthropologischen oder sozialpsychologischen Erklärungsversuch verstehen, wie sich Bewusstsein und menschliche Identität im Laufe des Evolutionsprozesses konstituiert haben. Mead vertritt einen evolutionistischen Ansatz und grenzt sich deutlich vom deutschen Idealismus ab, den er als "solipsistischen Spuk" (Wikipedia.org) bezeichnete. Bewusstsein und Individualität sind nicht einfach gegeben, sie formieren sich. Doch wie?

Die Antwort lautet: Durch die soziale Welt. "Mead erklärt das Verhalten der Individuen durch den sozialen Kommunikationszusammenhang und nicht umgekehrt den sozialen Kommunikationszusammenhang aus den individuellen Beiträgen" (Schützeichel 2004: 91). Die beiden Schlüsselbegriffe in diesem Kommunikationszusammenhang lauten: Gesten und Symbole. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie beide eine Bedeutung haben, die sich kommuniziert lässt. Ihre Differenz besteht im Bewusstsein dieser Bedeutung. "Gebärden haben eine kommunikative Bedeutung, die einem Bewusstsein von dieser Bedeutung vorausgeht" (Schützeichel 2004: 93).

Eigentlich vertritt George Herbert Mead eine Evolutionstheorie: Tiere können nur über Gebärden kommunizieren – "feindselige Hunde bedienen sich einer solchen Gestensprache. Sie umkreisen einander, jaulen und schnappen, warten auf eine Möglichkeit zum Angriff" (Mead 1973: 53). Aber diese Hunde sind sich ihrer Gesten nicht bewusst. Daraus könnte sich, rein hypothetisch, eine Sprache entwickeln – und zwar durch "eine bestimmte Haltung eines Individuums, das in einem anderen eine Reaktion auslöst, die wiederum eine andere Einstellung und eine andere Reaktion auslöst und so weiter" (Mead 1973: 53). So könnte ein Bewusstsein entstehen. Denn das Bewusstsein entwickelt sich aus dem gesellschaftlichen Handeln – und nicht umgekehrt (Mead 1973: 56).

Menschen können über Symbole kommunizieren, aber sie müssen es nicht explizit. Symbolische Sprache ist bei den Menschen eine Option, die Gebärdensprache findet nach wie vor statt. "Auch bei einem Boxkampf reagieren die Kontrahenten weit gehend irreflexiv, ohne Bewusstsein über die objektive Bedeutungsstruktur ihrer Gesten und ihrer Mimik und ohne Bewusstsein für den Signalcharakter ihrer Gesten" (Schützeichel 2004: 93). Der Unterschied zwischen Gebärde und Sprache liegt im Bewusstsein der kommunizierten Signale. Nur: Wie entsteht aus einer gestischen Kommunikation eine Sprache, welche die Voraussetzung für die Entstehung des Bewusstseins ist?

An dieser Stelle muss das signifikante Symbol erklärt werden, das George Herbert Mead von der Geste unterscheidet. "Die Übermittlung von Gesten enthält kein Symbol, das für alle betroffenen eine universale Bedeutung hätte" (Mead 1973: 94). Anders die signifikanten Symbole, "die für alle Kommunikationsteilsnehmer eine identische Bedeutung haben" (Schützeichel 2004: 94). Dabei werden im Individuum objektive Bedeutungsstrukturen internalisiert. Mead bleibt nicht dabei, die Strukturen dieser Internalisierungen zu untersuchen, sondern geht der Frage nach, wie sich aufgrund dieser Internalisierungen ein Bewusstsein – Meads Originalbegriff lautet "Mind" – entwickeln konnte. Mead spricht diesbezüglich vom Begriff der "reflexiven Intelligenz" (Mead 1973: 159), also vom Abstraktionsvermögen, das den Menschen vom Tier unterscheidet.

Erst durch die Internalisierung objektiver Bedeutungsstrukturen und die Sprache – und die dadurch möglich gewordene binäre Codierung – kann der Mensch sich selbst in Bezug zur Welt setzen. "Selbstreflexivität kann dort entstehen, wo soziale Handlungen vom Handelnden selbst unmittelbar selbst wahrgenommen werden können, so dass – vor der Konstitution einer Ich-Identität – dieselben Reaktionen in mir selbst wie im angezielten Anderen auslösen kann" (Joas 1989: 107).

Dies führt zum Begriff der Rolle: Dank Abstraktionsvermögen ist es dem Menschen möglich, sich in einen Anderen hineinzuversetzen, so vorgreifend Rollen zu übernehmen und "das eigenen Verhalten auf das zu erwartende Verhalten des Gegenübers einzustellen und damit in einer kontrollierten und geplanten Weise mit den Dingen umzugehen" (Joas 1989: 154). Bei diesem Abstimmen spielt die Zeit eine entscheidende Rolle: "Die Möglichkeit der verzögerten Reaktion unterscheidet reflexives von nicht-reflexivem Verhalten, bei dem die Reaktion immer unmittelbar erfolgt" (Mead 1973: 158).

In diesen Punkten zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen George Herbert Meads Pragmatismus und dem symbolischen Interaktionismus. Während der symbolische Interaktionismus sich vorwiegend darauf konzentriert, wie im mikrosozialen Bereich Bedeutungen in gegenseitiger Interaktion entsteht, liefert Mead eine "objektive Gesellschaftstheorie" (Joas 1989: 111). Im folgenden Abschnitt allerdings möchte ich vertiefter auf die Theorie zur Rollenübernahme eingehen, da diese einen wesentlichen Einfluss auf den symbolischen Interaktionismus ausgeübt hat.

2.2 Der generalisierte Andere

Identität ist nach Mead nicht einfach ein gegebener Zustand; das Kleinkind entwickelt Identität, genauso wie das Individuum in einem sozialen und evolutionären Prozess ein Bewusstsein entwickelt. In beiden Fällen spielt die Kommunikation eine primäre Rolle. "Eine Kommunikation im Sinne signifikanter Symbole, eine Kommunikation, die nicht nur an andere, sondern auch an das Subjekt selbst gerichtet ist" (Mead 1973: 180). Erst so werden Selbstreflexivität, Identität und Bewusstsein möglich.

Die Rollenübernahme impliziert, dass im Individuum gleichzeitig zwei Rollen präsent sind: die eigene und jene des Anderen. George Herbert Mead nennt jenen Anderen den "generalisierten Anderen" (Mead 1973: 194 ff.). Mit dem generalisierten Anderen meint Mead nicht etwa eine Gruppe physischer Individuen, "sondern generalisierte Normen von Gruppen und Kollektiven" (Schützeichel 2004: 102). "Der vom grundlagentheoretischen Werk des pragmatischen Sozialphilosophen George Herbert Mead ausgehende symbolische Interaktionismus, wie er etwa von Herbert Blumer vertreten wird, hat im Theorem vom verallgemeinerten Anderen einen ähnlichen Begriff elementaren, von der Interaktion mit den übrigen Gesellschaftsmitgliedern abhängigen Wissens zur Bewältigung der alltäglichen Lebenspraxis entwickelt" (Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen 1973: 17).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Mead, Blumer und der symbolische Interaktionismus
Hochschule
Universität Luzern
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V66531
ISBN (eBook)
9783638591003
ISBN (Buch)
9783638753937
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Benotung:6
Schlagworte
Mead, Blumer, Interaktionismus
Arbeit zitieren
Francis Müller (Autor), 2005, Mead, Blumer und der symbolische Interaktionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66531

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