In „Lernen sichtbar machen“ stellte Bjørnåvold Ende der 1990er Jahre einen europäischen Vergleich zur Anerkennung nicht-formal erworbener Kompetenzen dar. Treffend beschreibt er, dass diesbezügliche Ansätze insbesondere in Deutschland und Österreich, aufgrund der starken formalen Ausprägung des Berufsbildungssystems, nahezu nicht vorhanden waren. Die bildungspolitische Bedeutung nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen gewinnt vor dem Hintergrund der Forderungen nach lebenslangem Lernen, Flexibilisierung und Öffnung der europäischen Bildungslandschaften eine immer größere Bedeutung. Die Normalität sind nicht mehr unbefristete auf Langfristigkeit ausgerichtete Arbeitsplätze sondern befristete und projektorientierte Jobs mit wechselnden Aufgaben bei verschiedenen Arbeitgebern. Arbeitnehmer die ohne eine Unterbrechung ihrer beruflichen Tätigkeit oder Umschulungs- und Orientierungsphasen das Rentenalter erreichen, werden seltener. Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend fortsetzt.
Es wird somit deutlich, dass die Notwendigkeiten einer umfassenderen Evaluation von Kompetenzen bestehen. In dieser Ausarbeitung werden Versuche in Deutschland zur Anerkennung nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen aufgezeigt. Die Evaluationsmethodik auf Seiten der Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsgemeinschaften und ihrer Träger wird dabei untersucht und im Vergleich dargestellt. Eine qualitative Untersuchung ergänzt die Evaluation ausgesuchter Ansätze und zeigt deren Charakteristiken in einem direkten Vergleich.
Ein Ergebnis meiner Literaturrecherche im Rahmen dieser Examensarbeit hat gezeigt, dass eine Vielzahl von Veröffentlichungen über nicht-formales und informelles Lernen, insbesondere im europäischem Kontext und durch Ministerien, erschienen sind. Zum Thema Profiling ist in der wissenschaftlichen Diskussion jedoch wenig Material vorhanden. Einerseits ist dies damit zu begründen, dass Profiling ein neuer Ansatz ist und es zum anderen einen Diskurs darüber gibt was darunter zu verstehen ist. Der Schwerpunkt dieser Ausarbeitung liegt aus diesem Grund darin die verschiedenen Ansätze zur Kompetenzevaluation aufzuzeigen und aktuelle Profilingmethoden, vor dem Hintergrund nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen zu untersuchen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Qualifikation und Kompetenz – Eine Spurensuche begrifflicher Grundlagen
2.1 Was ist eine Qualifikation?
2.2 Was sind Kompetenzen?
2.3 Definition der Schlüsselkompetenzen
2.4 Kompetenzentwicklung
3 Das Verhältnis von formalen, nicht-formalen und informellem Lernen
3.1 Lebenslanges Lernen
3.2 Formales Lernen als standardisierter Kompetenzerwerb
3.3 Nicht-formales Lernen
3.4 Informelles Lernen
3.5 Formales, nicht-formales und informelles Lernen
4 Dokumentation nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen
4.1 Deutschland
4.1.1 Weiterbildungspässe
4.1.2 Externenprüfung
4.2 Europäischer Vergleich am Beispiel Großbritannien und Frankreich
4.2.1 Großbritannien
4.2.2 Frankreich
5 Kriterien der Evaluation und methodische Ansätze der Kompetenzermittlung
5.1 Employability vs. Kompetenzevaluation
5.2 Selbstevaluation vs. Fremdevaluation
5.3 Ansätze zur Evaluation nicht-formal erworbener Kompetenzen
5.3.1 Kompetenzbilanz
5.3.2 Kompetenzhandbuch im Jobnavigator
5.3.3 Qualipass
5.3.4 Europass
5.3.5 Landesnachweis NRW
5.3.6 Hamburger Nachweis über bürgerschaftliches Engagement
5.3.7 ProfilPASS
6 Profilanalyse und Kompetenzevaluation durch „Profiling“
6.1 Was ist Profiling?
6.2 Kompetenzevaluation mit Profiling
6.3 Anforderungen an „Profiler“
6.4 Profiling als Methode der BA zur Vermittlung Arbeitssuchender
7 Dokumentenanalyse ausgewählter Kompetenzevaluationen
7.1 Profiling der Bundesagentur für Arbeit
7.2 Kompetenzevaluation bei Trägern der BA am Beispiel der „bequa“
7.3 Profiling und Kompetenzevaluation bei der DAA
7.4 Die Kompetenzbilanz des DJI
7.5 Untersuchung der Employability mit dem Jobnavigator (IG-Metall)
7.6 Überblick der Dokumentenanalyse
8 Qualitative Untersuchung zum Profiling
8.1 Expertenebene
8.1.1 Helmut Rudolph IAB
8.1.2 Thekla Schlör BA Nürnberg (PP14)
8.1.3 Frau von der Heide und Frau Hornberger DAA Kiel
8.1.4 Frau Gerzer-Sass DJI
8.2 Praktikerebene
8.2.1 Selbsterfahrung des Autors bei einem Träger
8.2.2 Herr Affeldt „bequa“ Flensburg
8.2.3 Herr Gebhardt Arbeitsagentur Flensburg
8.2.4 Herr Thomsen Arbeitsgemeinschaft Flensburg
8.3 Teilnehmerebene
8.3.1 Teilnehmer/in A (Klient der „bequa“)
8.3.2 Teilnehmer/in B (Arge Flensburg)
8.3.3 Teilnehmer/in C (Arge Flensburg)
8.3.4 Teilnehmer/in D (DAA Kiel – Ü25)
8.3.5 Teilnehmer/in E (DAA Kiel – U25)
8.3.6 Teilnehmer/in F (DAA Kiel – Ü25)
8.3.7 Teilnehmer/in G (DAA Kiel – Ü25)
9 Auswertung der Dokumentenanalyse und qualitativen Untersuchung
9.1 Profiling bei den Arbeitsagenturen und Arbeitsgemeinschaften
9.2 Profiling und Kompetenzevaluation bei Trägern
9.3 Weitere Ansätze zur Evaluation von Kompetenzen
10 Zusammenfassung
10.1 Lernprozesse unter dem Blickwinkel des Qualifikations- und Kompetenzerwerbs
10.2 Nicht-formales und informelles Lernen als Alternative zum formalen Lernen
10.3 Evaluationsansätze nicht-formaler und informell erworbener Kompetenzen
10.4 Profiling - Ergebnisse der qualitativen Untersuchung und Reflektion
10.5 Anerkennung nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen
11 Ausblick
11.1 Der Blick über den Tellerrand – ein europäischer Vergleich
11.2 Weitergehende Untersuchungen
11.2.1 Kompetenzevaluierung
11.2.2 Profiling
11.2.3 Formale Anerkennung nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen
11.3 Kritische Betrachtung der Ausarbeitung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Ansätze zur Anerkennung von nicht-formal und informell erworbenen Kompetenzen in Deutschland. Ziel ist es, die Evaluationsmethodik der Bundesagentur für Arbeit sowie ihrer Träger kritisch zu hinterfragen, aktuelle Profilingmethoden zu analysieren und diese im Rahmen einer qualitativen Untersuchung auf ihre Wirksamkeit und Praxisrelevanz hin zu bewerten.
- Bedeutung des lebenslangen Lernens und der Kompetenzentwicklung
- Methoden der Dokumentation informell erworbener Kompetenzen
- Analyse und Kritik von Profiling-Instrumenten in der Arbeitsvermittlung
- Europäischer Vergleich (Großbritannien/Frankreich) als Impulsgeber
- Qualitative Untersuchung durch Experten-, Praktiker- und Teilnehmerinterviews
Auszug aus dem Buch
3.4 Informelles Lernen
Die Stärkung zur Fähigkeit zum eigenverantwortlichem und selbstgesteuertem Lernen wurde im April 2000 als eine der wesentlichen Aufgaben zukünftiger Bildungspolitik und Bildungspraxis von der Kultusministerkonferenz (KMK) tituliert. Die von Drees pointiert formulierte Aussage, dass man nicht nicht selbst lernen könne und deshalb selbst- bzw. selbstgesteuertes und informelles Lernen eine reductio ad absurdum sei, ist berechtigt. Vielmehr ist der Lernprozess gemeint, bei dem Lernende selbstmotiviert und eigenverantwortlich die Form des Lernens, dementsprechend die Aneignung von Fähigkeiten, bestimmen.
Informelles Lernen in der Familie und Freizeit führt zu persönlich und gesellschaftlichen nützlichen und anwendbaren Qualifikationen. An diesem Punkt nähert man sich dem Begriff des informellen Lernens unter dem der Lernprozess losgelöst von allen gelenkten institutionellen Lernprozessen vollzogen wird. Informelles Lernen ist also als Begriff weiter gefasst und wird z.B. von Dohmen geschildert als: „Der Begriff des informellen Lernens wird auf Lernen bezogen, das sich in unmittelbaren Lebens- und Erfahrungszusammenhängen außerhalb des formalen Bildungswesens entwickelt“.
Bei weiterer Untersuchung der Begrifflichkeit des informellen Lernens lassen sich folgende Charakteristika feststellen: Informelles Lernen ist ein Sammelbegriff für das Lernen außerhalb des organisierten Lehrens und Lernens in Bildungsinstitutionen, ist offen für das problemlösende, pragmatische Lernen in konkreten Alltagssituationen, bedeutet die ganzheitliche Integration, nicht nur kognitiver, sondern auch nicht intendierter Prozesse der Verarbeitung von Eindrücken, Erfahrungen und Informationen, ist im Kern selbst gesteuert, aber angewiesen auf lernförderliche Strukturen und anregbar durch eine Umwelt mit Lernanlässen und Lernhilfen, sowie noch unzureichend anerkannt, bezogen auf den damit verbundenen individuellen Kompetenzgewinn.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung motiviert die Relevanz der Anerkennung nicht-formaler Kompetenzen vor dem Hintergrund sich wandelnder Arbeitsmarktstrukturen und führt in die Problemstellung ein.
2 Qualifikation und Kompetenz – Eine Spurensuche begrifflicher Grundlagen: Dieses Kapitel definiert und differenziert die zentralen Begriffe Qualifikation, Kompetenz und Schlüsselkompetenz im pädagogischen und bildungspolitischen Kontext.
3 Das Verhältnis von formalen, nicht-formalen und informellem Lernen: Hier wird der theoretische Rahmen für lebenslanges Lernen und die Abgrenzung zwischen den verschiedenen Lernformen (formal, nicht-formal, informell) erörtert.
4 Dokumentation nicht-formal und informell erworbener Kompetenzen: Dieses Kapitel analysiert aktuelle Instrumente zur Kompetenzdokumentation in Deutschland und stellt diese einem europäischen Vergleich gegenüber.
5 Kriterien der Evaluation und methodische Ansätze der Kompetenzermittlung: Es werden methodische Ansätze zur Evaluation verglichen, wobei insbesondere der Konflikt zwischen Employability-Orientierung und individueller Kompetenzbetrachtung im Fokus steht.
6 Profilanalyse und Kompetenzevaluation durch „Profiling“: Dieses Kapitel führt in den Begriff des Profiling in der Arbeitsvermittlung ein, definiert dessen Ziele und skizziert die Anforderungen an die beratenden Fachkräfte.
7 Dokumentenanalyse ausgewählter Kompetenzevaluationen: Eine detaillierte Betrachtung spezifischer Evaluationsinstrumente wie die Kompetenzbilanz oder das Kompetenzhandbuch im Jobnavigator wird vorgenommen.
8 Qualitative Untersuchung zum Profiling: Die Ergebnisse der empirischen Untersuchung (Interviews mit Experten, Praktikern und Teilnehmern) werden strukturiert dargestellt und erläutert.
9 Auswertung der Dokumentenanalyse und qualitativen Untersuchung: Zusammenführung der theoretischen Analyse und der praktischen Interviewergebnisse zur Beurteilung der aktuellen Profilingpraxis.
10 Zusammenfassung: Die Kernaussagen der Arbeit werden pointiert zusammengefasst und kritisch reflektiert.
11 Ausblick: Der abschließende Teil skizziert zukünftige Forschungsnotwendigkeiten und formuliert eine kritische Betrachtung des aktuellen Handlungsbedarfs.
Schlüsselwörter
Profiling, Kompetenzentwicklung, Lebenslanges Lernen, Nicht-formales Lernen, Informelles Lernen, Qualifikation, Employability, Kompetenzbilanz, Arbeitsvermittlung, Bildungsberatung, Kompetenzfeststellung, Arbeitsmarktpolitik, Hartz IV, Selbstevaluation, Sozialkompetenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Evaluation und Anerkennung von Kompetenzen, die Menschen außerhalb des formalen Bildungssystems erworben haben, und wie diese im Kontext der deutschen Arbeitsmarktpolitik durch Profiling sichtbar gemacht werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind das lebenslange Lernen, die Differenzierung zwischen formalen und informellen Lernprozessen sowie die methodische Gestaltung von Kompetenzfeststellungsverfahren (Profiling) durch Arbeitsagenturen und deren Träger.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel besteht darin, bestehende Ansätze zur Kompetenzanerkennung in Deutschland aufzuzeigen, die Evaluationsmethodik der Bundesagentur für Arbeit kritisch zu hinterfragen und mittels einer qualitativen Untersuchung die praktische Anwendung zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Der Autor führt eine Kombination aus einer fundierten Dokumentenanalyse (theoretische Aufarbeitung) und einer qualitativen Untersuchung durch, wobei Interviews mit Experten, Praktikern (Beratern) und Teilnehmern die Grundlage der empirischen Analyse bilden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst theoretische Grundlagen von Qualifikation und Kompetenz geklärt, gefolgt von einer Analyse verschiedener Dokumentationsinstrumente. Zudem wird das "Profiling" als diagnostisches Instrument der Arbeitsagenturen detailliert analysiert und in Interviews mit verschiedenen Akteuren auf seine Qualität und Akzeptanz geprüft.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Profiling", "Kompetenzbilanz", "Employability", "lebenslanges Lernen" sowie die Abgrenzung von "formalem und informellem Lernen" maßgeblich geprägt.
Wie unterscheidet sich das Profiling bei der Bundesagentur für Arbeit von dem der externen Träger wie der DAA?
Während bei der BA durch standardisierte, EDV-gestützte Fragebögen eher eine formale Ressourcensteuerung im Vordergrund steht, nutzen Träger wie die DAA häufig tiefergehende Methoden, die an Assessment-Center erinnern, um soziale Kompetenzen und Verhaltensmerkmale in Handlungssituationen zu beobachten.
Was ist das zentrale Ergebnis hinsichtlich der Anerkennung informeller Kompetenzen in Deutschland?
Das Ergebnis ist ernüchternd: Trotz der bildungspolitischen Notwendigkeit scheitert eine formale Anerkennung an starren Strukturen des formalen Bildungssystems und dem primären Fokus der Arbeitsagenturen auf kurzfristige Vermittlungsergebnisse (Employability), statt auf die individuelle Entfaltung von Potenzialen.
- Quote paper
- Uwe Lammers (Author), 2006, Intensivierung durch Flexibilisierung: Neuere Tendenzen der Flexibilisierung und ihre Konsequenzen für Arbeitsbedingungen und Beschäftigungsverhältnisse in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66545