Der Ursprung der liberalen Sozialreform in Großbritannien: Der Wandel der Einstellung zu staatlichen Sozialleistungen 1880 - 1914


Seminararbeit, 2004
22 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Armenwesen und Armut
2.1 Soziale Institutionen 1880-1914
2.1.1 Das Öffentliche: Das Armenwesen
2.1.2 Das Private: Philantropie und Friendly Societies
2.2 Veränderte Voraussetzungen
2.3 Verändertes Bewusstsein der Armut
2.4 Ungleichheit der Anwendung des Armengesetzes

3 Politischer Wandel
3.1 Das Viktorianische Erbe
3.2 Der Ruf nach dem Staat: Die Debatte der National Efficiency
3.2.1 Die Arbeitgeber und das deutsche Modell
3.2.2 Der Burenkrieg: Die Ressource Mensch
3.3 New Liberalism
3.4 Labour
3.4.1 Die Entstehung der Labour Partei
3.4.2 Die Arbeiterbewegung und Sozialreformen

4 Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

English Comprehension

1 Einleitung

Der Beginn des 20. Jahrhunderts war in Großbritannien durch eine Welle von Reformen in der Sozialpolitik gekennzeichnet. Insbesondere die Jahre vor dem 1. Weltkrieg brachten neue Ansätze in der Sozialpolitik hervor, die nach Ansicht vieler Historiker die Grundlagen für den Wohlfahrtsstaat legten.[1] Zu diesen gehörten die steuerfinanzierte Altersrente, die Pflichtversicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit, Schulspeisungen und medizinische Versorgung für Kinder. Dies waren für eine durch die Ideologie des Individualismus und Laissez-faire geprägte politische Kultur ungewöhnliche Maßnahmen. Der Reformeifer ging auf ein gewandeltes Verständnis von Armut und staatlicher Verantwortung zurück. Dieser Wandel steht im Zentrum dieser Arbeit. Dabei soll die Frage beantwortet werden, wie sich das Verständnis von Armut und staatlicher Verantwortung für diese verändert hat. Im Vordergrund steht bei der Untersuchung die Einstellung der politischen Elite. Der betrachtete Zeitraum ist auf die Zeit von 1880 bis 1914 beschränkt. Die Begriffe Sozialreformen und liberale Sozialreformen werden in dieser Arbeit als Synonyme verwandt und bezeichnen die bereits erwähnte Sozialgesetzgebung vor dem ersten Weltkrieg.

Die Arbeit gliedert sich in den größeren Rahmen der Untersuchungen zur Entstehung des Wohlfahrtsstaates und der Sozialpolitik in Großbritannien ein. Eine sehr genaue Beschreibung stammt von Maurice Bruce, der das Entstehen des Wohlfahrtsstaates als eine positive Entwicklung der sozialen Verantwortung der Gesellschaft betrachtet. Zu den aktuellsten Betrachtungen gehört die Untersuchung von Derek Fraser, der einen rein objektiven Blickwinkel bei der Beschreibung einnimmt. Der deutsche Autor Gerhard Ritter vergleicht die britische mit der deutschen Entwicklung und hebt damit die Zusammenhänge der Sozialgesetzgebungen in Europa hervor. Seine Arbeit liefert eine stark zusammengefasste Beschreibung der Entstehung der liberalen Sozialreformen. Eine für diese Arbeit relevante Interpretation der Ursprünge der Sozialreformen stammt von J.R. Hay. Er identifiziert den Druck der unteren Klassen, institutionelle Einflüsse und die gewandelte Einstellung zu wohlfahrtsstaatlichen Leistungen als die wesentlichen Ursprünge. Die folgende Untersuchung versucht den dritten von ihm identifizierten Ursprüngen, die gewandelte Einstellung zu wohlfahrtsstaatlichen Leistungen, mit den historischen Entwicklungen zu belegen.

Dabei werden unter anderem die Erkenntnisse einer detaillierten Beschreibung des New Liberalism von Freeden benutzt und die Analyse der Debatte der National Efficiency von Searle.

Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Zunächst soll beschrieben werden, wie das Verständnis der Armut sich änderte. Dazu wird die Realität des Armenwesens beschrieben und wie sich dieser Ansatz durch neue Erkenntnisse als nicht mehr tragbar erwies. Im zweiten Teil wird der Wechsel der politischen Ideologien bezogen auf staatliche Interventionen im Sozialbereich betrachtet. Dabei wird versucht die relevanten politischen Richtungen für die liberalen Sozialreformen darzustellen.

2 Armenwesen und Armut

2.1 Soziale Institutionen 1880-1914

2.1.1 Das Öffentliche: Das Armenwesen

Im Jahre 1834 trat das New Poor Law in Kraft. Dieses Gesetz bildete zusammen mit der privaten Fürsorge und Versicherung die Grundlage für das vorherrschende System der Armenfürsorge zum Jahrhundertwechsel. Ziel dieses Gesetzes war die Rationalisierung des Armenwesens durch die Schaffung eines einheitlichen Systems regionaler Verwaltungen, die mit gleichen Standards die Armenfürsorge organisierten. Das neue Armenwesen basierte auf zwei Prinzipien. Zunächst sollten nur die wirklich Bedürftigen Hilfe erhalten. Die sog. „able-bodied“ sollten von der Hilfe ausgeschlossen werden. Jedem, der fähig sei für sich selbst zu sorgen, sollte die Unterstützung verweigert werden. Daneben stand das zweite Prinzip der less eligibility. Die Höhe und Form der Unterstützung sollte den Lebensstandard immer so gering halten, dass er unter dem eines für sich selbst sorgenden Menschen liegt. Die Hilfe sollte damit gleichzeitig die Hilfe-Empfänger zur Rückkehr in ein selbst bestimmtes und unabhängiges Leben ermuntern.[2]

Die Umsetzung dieser Prinzipien erfolgte durch die Einführung des Arbeitshauses. Zur Rationalisierung sollte jede staatliche Fürsorgeleistung außerhalb des Armenhauses eingestellt werden. Alle Armen und Bedürftigen sollten nur noch innerhalb des Arbeitshauses unterstützt werden. Die Lebensbedingungen des Arbeitshauses sollten dem Prinzip der less eligibility entsprechen. Der Lebensstandard sollte unter dem eines freien Arbeiters gehalten werden, was für die Insassen ein Leben am Rande des Existenzminimums bedeutete. Daneben war der Eintritt in das Arbeitshaus mit dem Verlust der Bürgerrechte, also auch des Wahlrechtes verbunden. Die Armen sollten abgeschreckt werden in das Arbeitshaus einzutreten, damit nur solche Fälle Hilfe erhielten, die ihre Hilfsbedürftigkeit durch die Akzeptanz der Bedingungen der Hilfe bewiesen. Man bezeichnete dies auch als den Workhouse Test.[3] Das System der Arbeitshäuser wurde nie vollständig umgesetzt, was zum Teil an den großen Gestaltungsspielräumen der regionalen Armengesetzverwaltung lag.[4]

2.1.2 Das Private: Philantropie und Friendly Societies

Neben dem staatlichen Armenwesen existierten in Großbritannien private Institutionen der sozialen Fürsorge. Zu diesen gehörten die Philantropischen Vereinigungen und die Friendly Societies. Erstere waren Vereine, die durch Mitgliedsbeiträge finanziert neben der staatlichen Fürsorge des Armenwesens Unterstützung für Arme leisteten. Gruppierungen dieser Art waren zur betrachteten Zeit zahlreich. Beachtenswerte Größe unter diesen erreichte die Charity Organisation Society. Diese wurde 1869 als Reaktion auf die schlechte Koordination und Effizienz der philantropischen Initiativen gegründet. Ihr Ansatz war die klare Definition ihrer Kompetenzbereiche, die Anwendung wissenschaftlicher Methoden zur Untersuchung von Sozialfällen und die Erziehung der Hilfeempfänger zur Unabhängigkeit und Selbsthilfe. In ihrer Methodik war die Charity Organization Society ein Pionier, ihre ideologische Vorstellung der Armut war jedoch konservativ. Sie verteidigte die Ideale der Selbsthilfe noch lange, nachdem sie bereits von allen Seiten kritisiert worden waren.[5]

Die Friendly Societies waren Selbsthilfevereine, deren Mitglieder regelmäßige Beiträge zahlten und dadurch einen Anspruch auf Krankengeld und medizinische Leistungen erhielten. Die Mehrheit der besser verdienenden Arbeiter und Mittelschicht war durch diese gegen Krankheit abgesichert. Sie waren die Speerspitze der Tradition der Selbsthilfe, die sich vehement gegen staatlicher Interventionen in ihrem Bereich wehrte.[6] Daneben boten auch zahlreiche Gewerkschaften ihren Mitgliedern ähnliche Leistungen und sogar Arbeitslosenunterstützung an. Man muss jedoch anmerken, dass dies nur die spezialisierten Gewerkschaften der besser verdienenden Facharbeiter waren. Der größere Teil der ungelernten Arbeiter blieb meistens ohne Versicherung.

Zusammen mit dem öffentlichen Armenwesen der Arbeitshäuser bildeten diese privaten Institutionen das vorherrschende System der Armenfürsorge der Zeit vor den liberalen Sozialreformen. Es wurde geboren aus der politischen Tradition der viktorianischen Zeit[7], in der Armut in der Verantwortung jedes einzelnen lag. Wie sich diese Vorstellung durch ein besseres Verständnis für die gesellschaftlichen Umstände wandelte, wird im folgenden dargestellt.

2.2 Veränderte Voraussetzungen

Das Wirtschaftswachstum des 19. Jahrhunderts resultierte in gestiegenem Wohlstand. Dieser verteilte sich jedoch ungleichmäßig über die verschiedenen Bevölkerungsschichten. Nicht alle hatten Anteil an dem Zuwachs. So waren es insbesondere die ärmsten Bevölkerungsschichten, deren Wohlstand sich gemessen an den Wohlstandsverbesserungen der restlichen Bevölkerung nur gering verbesserte.[8] Trotzdem hielt sich lange Zeit der Glaube, dass sich mit zunehmender Wirtschaftskraft das Problem der Armut von selbst lösen würde, da der Wohlstandszuwachs auch bei den ärmeren Bevölkerungsschichten ankommen würde.[9] Das Armenwesen sollte bis dahin die nötigen Hilfeleistungen erbringen.

Das Armengesetz jedoch stammte aus einer Zeit, die sich von der Realität des beginnenden 20. Jahrhunderts fundamental unterschied. Urbanisierung und Industrialisierung hatten eine neue Dimension erreicht. So lebten 1831 rund 14% der Bevölkerung in Städten über 50.000 Einwohner, 1911 waren es bereits 42%.[10] In der Industrie kam es zu ersten Konzentrationsprozessen. Die Altersstruktur hatte sich grundlegend verändert. Die Lebenserwartung war gestiegen, damit erreichte ein größerer Anteil der Bevölkerung ein hohes Alter.[11] Als das Armengesetz 1834 in Kraft getreten war, war man besonders besorgt um die Armut der ländlichen Arbeiterbevölkerung. Die Bedürftigkeit einer großen Anzahl von Personen in höherem Alter konnte man sich zu dieser Zeit noch nicht vorstellen.

[...]


[1] Hay, J.Roy, “The Origins of the Liberal Welfare Reforms 1906-1914”, New York, 1983, S. 11

[2] Bruce, Maurice, „The Coming of the Welfare State“, London, 1966, S.81

[3] Ebenda, S.82

[4] Siehe Abschnitt 2.4

[5] Fraser, Derek, „The Evolution of the British Welfare State“, London, 2003, S.142-144

[6] Ritter, Gerhard A., „Sozialversicherung in Deutschland und England: Entstehung und Grundzüge im Vergleich“, München, 1983, S. 78

[7] Siehe Abschnitt 3.1

[8] Floud, Roderick, „The People and the British Economy 1830-1914”, Oxford, 1997, S.11-16

[9] Bruce, Coming, S. 134

[10] Floud, The people, S. 49

[11] Siehe Anhang Nr.1

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Ursprung der liberalen Sozialreform in Großbritannien: Der Wandel der Einstellung zu staatlichen Sozialleistungen 1880 - 1914
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Ideen und Systeme sozialer Sicherung: Deutschland, Frankreich, Großbritannien 1850-1918
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V66546
ISBN (eBook)
9783638591133
ISBN (Buch)
9783656065661
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursprung, Sozialreform, Großbritannien, Wandel, Einstellung, Sozialleistungen, Ideen, Systeme, Sicherung, Deutschland, Frankreich
Arbeit zitieren
Dipl.-Kfm. Benjamin Brauer (Autor), 2004, Der Ursprung der liberalen Sozialreform in Großbritannien: Der Wandel der Einstellung zu staatlichen Sozialleistungen 1880 - 1914, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66546

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