In der vorliegenden Studie soll dem Phänomen der Gewaltanwendung im Jugendalter nachgegangen werden. Bei meiner Arbeit in einem Jugendhaus erlebe ich häufig verschiedene Formen der Gewalt unter den Jugendlichen von verbalen Drohungen über kleinere ‚Rangeleien’ bis hin zu ernsthaften körperlichen Auseinandersetzungen. Sind diese Formen des persönlichen Umgangs Ausdruck und gleichzeitig Spiegel unserer Gesellschaft? Woher rührt die Aggressivität und Gewalt unter Jugendlichen. Nach meinen Beobachtungen wird häufig die Ansicht, dass ausländische Jugendliche aggressiver und gewalttätiger sind als deutsche Jugendliche, vertreten. Daher möchte ich speziell diese Bevölkerungsgruppe in den Mittelpunkt meiner Arbeit stellen und klären, woher diese Meinung kommt und wie sie sich wissenschaftlich be- bzw. widerlegen lässt. Im Titel habe ich bewusst nicht die Bezeichnung „ausländische Jugendliche“, sondern „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ gewählt. Häufig haben Jugendliche in der zweiten oder bereits dritten Migrantengeneration zwar einen deutschen Pass, bezeichnen sich aber selbst als Türke, Albaner oder Russe. Um diese Gruppe in der Untersuchung miteinbeziehen zu können, habe ich mich für die weitläufigere Bezeichnung entschieden. Nach dieser kurzen Einführung behandle ich das Thema Aggression und stelle Definitionsversuche sowie verschiedene Aggressionstheorien vor. Im dritten Kapitel geht es zunächst allgemein um Sozialisation und Identitätsentwicklung sowie um deren mögliche Zusammenhänge mit Gewalt und schließlich um spezifische Sozialisations- und Identitätsprobleme von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Das vierte Kapitel behandelt speziell das Thema Jugendgewalt: Auftreten, Entstehungsbedingungen, geschlechtsspezifische Fragen sowie die Gewalt von und an jungen Migranten stehen im Vordergrund. Das fünfte Kapitel beschreibt in knapper Form die Entwicklung von Jugendgewalt in anderen europäischen Ländern. Im sechsten Kapitel steht als konkretes Beispiel die Stadt Weil am Rhein im Zentrum. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 AGGRESSION
2.1 Definitionen
2.2 Aggressionstheorien
2.2.1 Frustrations-Aggressions-Hypothese
2.2.2 Die Katharsis
2.2.3 Soziale Lerntheorie
3 SOZIALISATION UND IDENTITÄTSENTWICKLUNG: EINE GRUNDLAGE FÜR AGGRESSIVITÄT UND GEWALT?
3.1 Allgemeine Grundüberlegungen zur Identitätsentwicklung und Sozialisation
3.1.1 Sozialisation
3.1.2 Identität
3.2 Identitätsentwicklung und Sozialisation von jungen Migranten
3.2.1 Definition Migration
3.2.1 Lebensbedingungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
3.2.2 Das Sozialisationstheoretische Modell
3.2.3 Hemmende Faktoren in der Sozialisation und Identitätsentwicklung von Migranten
4 JUGEND, GEWALT UND MIGRATION
4.1 Entwicklung und Gründe von Jugendgewalt
4.1.1 Familie
4.1.2 Peer-group
4.1.3 Medien
4.1.4 Schule
4.2 Auftreten von Jugendgewalt in Deutschland
4.2.1 Hellfeldstudien
4.2.2 Erkenntnisse aus Dunkelfeldstudien
4.3 Ist Jugendgewalt männlich?
4.4 Gewalt und Migration
4.4.1 Auftreten von und Studien zur Gewaltdelinquenz von Jugendlichen mit Migrationshintergrund
4.4.2 Erklärungstheorien
4.4.3 Einstellungen von Migrantenjugendlichen zur Gewalt
5 ENTWICKLUNG DER JUGENDGEWALT IN EUROPA
6 JUGENDGEWALT IN WEIL AM RHEIN
6.1 Strukturdaten
6.2 Einrichtungen mit Unterstützungsangeboten für Jugendliche in Weil am Rhein
6.3 Expertengespräch mit dem Jugendsachbearbeiter der Polizei Weil am Rhein
7 ZUSAMMENFASSUNG DER HYPOTHESEN
8 BEFRAGUNG VON MÄNNLICHEN JUGENDHAUSBESUCHERN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN WEIL AM RHEIN
8.1 Beschreibung der Untersuchungsgruppe
8.2 Das Befragungsinstrument: Fragebogen
8.3 Operationalisierung der Thesen und die Herstellung des Fragebogens
8.3.1 Die einzelnen Fragen und die Operationalisierung der oben aufgestellten Hypothesen
8.4 Beschreibung der Durchführung der Befragung
8.5 Auswertung der Befragung
9 FOLGERUNGEN
9.1 Allgemeine sozialarbeiterische Möglichkeiten
9.2 Folgerungen für die Jugendarbeit in Weil am Rhein
10 ANHANG
10.1 Glossar
10.2 Fragebogen
10.3 Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Gewaltanwendung bei männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wobei der Fokus auf Jugendhausbesuchern in Weil am Rhein liegt. Es wird analysiert, inwieweit Sozialisationsbedingungen, Männlichkeitsnormen und Migrationserfahrungen delinquentes Verhalten beeinflussen, um daraus Ansätze für die sozialarbeiterische Praxis abzuleiten.
- Aggressionstheorien und deren Bezug zur Jugendgewalt
- Sozialisation und Identitätsentwicklung junger Migranten
- Einflussfaktoren wie Familie, Peer-Group, Medien und Schule
- Empirische Untersuchung der Gewalteinstellungen bei Jugendhausbesuchern
- Strategien der Gewaltprävention und Folgerungen für die Jugendarbeit
Auszug aus dem Buch
2.1 Definitionen
Von dem lateinischen Verb ‚aggredere’ sich herleitend hat der Begriff ‚Aggression’ drei Bedeutungen: 1. herangehen (zu gewinnen suchen, zu bestechen suchen), 2. angreifen und 3. unternehmen (etwas angehen, beginnen). Daraus lassen sich zwei Aspekte der Aggression herausfiltern, nämlich der des „Auf-Jemanden-Zugehens, des Zupackens und Gewinnen-Wollens“ 1, aber auch der Aspekt eines direkten, unmittelbaren Angriffs.2
Daher ist, obwohl der Terminus ‚Aggression’ in Deutschland negativ-angreifend, in Zusammenhang mit Gewalt stehend besetzt ist3, auch eine positive Auslegung der Aggression bzw. der Aggressivität verbreitet: Beispielsweise wird in vielen Sportarten ein ‚aggressives Zweikampfverhalten’ positiv bewertet und gefördert. Es ist daher möglich, Aggression sowohl positiv als auch negativ zu sehen. Allerdings kann gerade diese positive Reaktion auf aggressives Verhalten im Sport eine Förderung des Aggressionspotentials in anderen gesellschaftlichen Bereichen darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung skizziert die Fragestellung zur Gewaltanwendung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund und erläutert die Struktur der Arbeit sowie die begriffliche Abgrenzung.
2 AGGRESSION: Dieses Kapitel definiert den Aggressionsbegriff und stellt wichtige Theorien wie die Frustrations-Aggressions-Hypothese, die Katharsis und die soziale Lerntheorie vor.
3 SOZIALISATION UND IDENTITÄTSENTWICKLUNG: EINE GRUNDLAGE FÜR AGGRESSIVITÄT UND GEWALT?: Es wird der Zusammenhang zwischen der Identitätsfindung und Sozialisationsprozessen untersucht, mit speziellem Blick auf die besondere Situation von jungen Migranten.
4 JUGEND, GEWALT UND MIGRATION: Das Kapitel analysiert Entwicklungsfaktoren von Jugendgewalt (Familie, Peers, Medien, Schule) und beleuchtet spezifische Aspekte von Migration und Gewaltdelinquenz.
5 ENTWICKLUNG DER JUGENDGEWALT IN EUROPA: Eine stichpunktartige Übersicht über die Entwicklung der Jugendgewalt in verschiedenen europäischen Ländern auf Basis einer Vergleichsstudie.
6 JUGENDGEWALT IN WEIL AM RHEIN: Eine fallbezogene Darstellung der Situation vor Ort, inklusive Strukturdaten, Unterstützungsangeboten und einer Experteneinschätzung der Polizei.
7 ZUSAMMENFASSUNG DER HYPOTHESEN: Hier werden die vorab aufgestellten Hypothesen zu Familieneinflüssen, Peer-Groups, sozioökonomischem Status, Männlichkeitsnormen und Aufenthaltsdauer zusammenfassend dargestellt.
8 BEFRAGUNG VON MÄNNLICHEN JUGENDHAUSBESUCHERN MIT MIGRATIONSHINTERGRUND IN WEIL AM RHEIN: Dieser Teil dokumentiert die empirische Untersuchung, von der Beschreibung der Zielgruppe und des Fragebogens bis zur Auswertung der Befragungsergebnisse.
9 FOLGERUNGEN: Abschließend werden sozialarbeiterische Interventionsmöglichkeiten diskutiert, sowohl allgemein als auch spezifisch für den Standort Weil am Rhein.
10 ANHANG: Enthält das Glossar, den verwendeten Fragebogen sowie das Literaturverzeichnis.
Schlüsselwörter
Jugendgewalt, Migrationshintergrund, Aggressionstheorie, Sozialisation, Identitätsentwicklung, Peer-Group, Männlichkeitsnormen, Delinquenz, Gewaltprävention, Jugendarbeit, Weil am Rhein, Dunkelfeldstudie, Opfererfahrungen, Erziehung, Migration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Diplomarbeit untersucht die Ursachen und Ausprägungen von Gewalteinstellungen und -erfahrungen bei männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund, insbesondere in der Stadt Weil am Rhein.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Aggressionstheorien, Sozialisationsbedingungen, der Einfluss von Peer-Groups und Medien, sowie die spezifischen Integrationsprobleme und Lebensbedingungen von jungen Migranten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, wissenschaftliche Erklärungsmodelle für Jugendgewalt auf die konkrete Situation von Migrantenjugendlichen anzuwenden und Ansätze für die sozialarbeiterische Praxis zu generieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Literaturanalyse zu Aggressions- und Sozialisationstheorien sowie auf eine empirische Befragung von 30 männlichen Jugendlichen in einem Jugendhaus mittels eines standardisierten Fragebogens.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen zu Aggression und Sozialisation, eine Analyse von Jugendgewalt in Europa und Deutschland sowie die spezifische Untersuchungssituation in Weil am Rhein.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Jugendgewalt, Migrationshintergrund, Sozialisation, Identitätsentwicklung, Männlichkeitsnormen und Gewaltprävention beschreiben.
Wie ist die Situation in Weil am Rhein?
Weil am Rhein nimmt in der Region eine herausragende Position bei registrierten Gewalttaten ein, wobei laut Polizei zwar keine festen Gang-Strukturen existieren, aber ein bekannter Personenkreis von Gewalttätern mit hohem Migrationsanteil auffällig ist.
Zu welchem Ergebnis kommt die Befragung bezüglich elterlicher Gewalt?
Die Befragung zeigt, dass elterliche Gewalt in der Kindheit für die Jugendhausbesucher ein weit verbreitetes Phänomen ist, wobei ein signifikanter Zusammenhang zwischen solchen Gewalterfahrungen und späterem eigenem delinquentem Verhalten besteht.
- Quote paper
- Nicolai Neijhoft (Author), 2004, Gewalteinstellungen und Gewalterfahrungen von männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66557