Leben und Sterben im Ghetto Warschau


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

22 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Warschau nach der Kapitulation
2.1 Die Machtübernahme der Deutschen
2.2 Die Juden in Warschau

3. Entstehung des Ghettos

4. Die deutsche Ghettopolitik

5. Im Ghetto
5.1 Hunger, Krankheit und Tod
5.2 Ghetto-Kinder und der Schmuggel
5.3 Das Ghetto als Wirtschaftsfaktor
5.4 Kunst, Kultur und Religion

6. Das Ende des Ghettos
6.1 Die Deportationen
6.2 Vom Widerstand bis zur Auflösung

7. Quellen aus dem Warschauer Ghetto
7. 1 Das Ringelblum-Archiv
7.2 Der Stroop-Bericht

8. Schlussbemerkung

9. Anhang

10. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Ausdruck „Warschauer Ghetto“ gilt heute als ein feststehender Begriff, der sich in jedem Lexikon finden lässt. Doch hinter diesem feststehenden Begriff verbirgt sich eine lange Geschichte. Eine Geschichte, die bis in das Mittelalter zurück reicht. Denn schon im 14. Jahrhundert lebten nachweislich viele Juden in der heutigen polnischen Hauptstadt, die über Jahrhunderte hinweg von einem schweren Schicksal ereilt wurden. So kam es zum Beispiel bereits im Jahre 1454 zu einem Pogrom in Warschau, als der Franziskanermönch und Bußprediger Johannes Capistrano zu einem Aufstand gegen die Juden aufrief. Am 22. Januar 1775 ließ der Kronmarschall Lubormirski die Juden aus Warschau vertreiben und ihre Wohnungen ausplündern[1]. Damit seien aber nur zwei Fälle der Judenvertreibung aus Warschau genannt. Viele Fälle dieser Art ließen sich problemlos hinzufügen.

Dagegen entwickelte sich die polnische Stadt in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert zu einem anerkannten jüdischen Kulturzentrum. An unzähligen Schulen wurde Jiddisch und Hebräisch gelehrt, das jüdische Theater erlebte seine Blütezeit und Juden entwickelten sich zu angesehenen Persönlichkeiten. Doch dieses Aufkommen des Judentums hielt nicht lange an. Mit dem Einmarsch der deutschen Nationalsozialisten in Polen und der Kapitulation Warschaus am 28. September 1939 endete es endgültig[2]. Adolf Hitler sah die Juden als eine minderwertige Rasse an und so wurden sie in Warschau, wie auch in vielen anderen großen Städten des eroberten Generalgouvernements, in den Ghettos „konzentriert“. Dort wurden die Juden unter lebensunwürdigen Bedingungen untergebracht, bis sie in die Vernichtungs- und Arbeitslager deportiert werden sollten. Doch die Nazis kamen mit der Masse der zu deportierenden Juden nicht mehr zurecht. Das Warschauer Ghetto wandelte sich somit von einer Zwischenlösung zu einer langfristigen Angelegenheit[3].

Wie der Alltag der Juden im Ghetto Warschau aussah, untersucht diese Arbeit. Nach einem Einblick in die allgemeine Situation des besetzten Warschaus, konzentriert sich der Hauptteil dieser Arbeit auf das Leben und Sterben im Ghetto.

Parallel zur chronologischen Untersuchung sollen die Aspekte von Kunst und Kultur, Überlebenssicherung und Schmuggel beleuchtet werden. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf den berühmten Aufstand im Ghetto Warschau gelegt, der im April und Mai 1943 stattfand und gleichzeitig das Ende der Ghettoexistenz bedeutete. Zum Abschluss dieser Untersuchungen stehen dann das „Ringelblum-Archiv“ und die Berichte des SS-Brigadeführers Jürgen Stroop im Mittelpunkt, die für die heutige Forschung über das Ghetto Warschau von herausragender Bedeutung sind und auch für diese Arbeit sehr viel Quellenmaterial liefern.

Da von den Juden, die im Warschauer Ghetto ihr Dasein fristeten, sehr viele Schriftstücke erhalten sind, wird sich diese Arbeit auf sehr viele Erfahrungs- und Augenzeugenberichte stützen.

2. Warschau nach der Kapitulation

2.1 Die Machtübernahme der Deutschen

Die Entscheidung, dass die polnische Hauptstadt Warschau vor den deutschen Belagerern kapitulieren solle, fassten die polnischen Militärbehörden und Vertreter der Zivilbevölkerung am 25. September 1939. Denn bereits seit dem 8. September belagerten die Deutschen Soldaten Warschau und seit dem 21. September 1939 stand die Stadt unter ständigem Beschuss durch die deutsche Luftwaffe und durch Panzerkolonnen[4]. Einige Tage später, am 28. September 1939, setzte Generalleutnant Tadeusz Kutrzeba dann um 13.15 Uhr auf dem Fabrikgelände der Firma „Skoda“ in Raków bei Warschau seine Unterschrift unter die Kapitulationsurkunde. Die „bedingungslose Kapitulation“ war damit besiegelt. Das polnische Militär zog noch am Abend des 29. September aus der Hauptstadt ab, so dass am Sonntag dem 1. Oktober 1939 die deutschen Truppen der zehnten Division der achten Armee offiziell in Warschau einmarschieren konnten. Doch nach den Angaben mehrer Augenzeugen seien die Deutschen bereits am 30. September 1939 in Warschau eingezogen. So vermerkte der Literaturkritiker Karol Irzykowski in seiner Chronik des Krieges: „ ... es kamen Lastwagen, einige davon mit einer schwarzen Plane bedeckt; in den Wagen saßen auf erhöhten Sitzen deutsche Soldaten, und es schien mir, als spiegelte sich Triumph in ihren Mienen, was ja auch zu ihrer äußerlich erhöhten Stellung passte... .“[5]

Die Deutschen versorgten die Warschauer mit Lebensmitteln, bestimmten den Ablauf des täglichen Lebens jedoch durch strenge Vorgaben, die der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walter von Brauchtisch, bereits am 12. September 1939 verfasst hatte, jedoch erst am 30. September oder 1. Oktober in Warschau öffentlich machte. Diese Verordnung verwies auf die völlige Macht der deutschen Behörden über die Stadt Warschau und deren Bevölkerung: „Den Anordnungen der deutschen Militärbehörden und der im Auftrage des Oberbefehlshabers der Armee handelnden Beamten des Chefs der Zivilverwaltung ist unbedingt Folge zu leisten.“[6] Die Stadtverwaltung blieb in den Händen des Präsidenten Stefan Starzyńsky. Zum Regierungskommissar für die Stadt Warschau wurde Dr. Helmut Otto, Oberbürgermeister der Stadt Düsseldorf, ernannt[7].

Die Lebensbedingungen in Warschau verschlechterten sich von Tag zu Tag. Bereits seit dem Beginn der deutschen Besetzung gab es in der Stadt kein Wasser, kein Licht und kein Gas mehr. Auch der Handel und der Verkehr waren völlig zum Erliegen gekommen. Zudem waren viele der von den zerstörten und ausgebrannten Häusern gesäumten Straßen mit Schutt und Glas bedeckt. Die Versorgung der Einwohner lief zeitweise gar nicht, und wenn, dann nur sehr schleppend voran. So schrieb die „Warschauer Volkszeitung“[8] am 7. Oktober 1939 unter dem Titel „Schlangen, Schlangen...“: „Am schwierigsten ist es mit Brot, Kartoffeln und Kohle. Vor den Geschäften, in denen das in Warschau gebackene Brot verkauft wird, bilden sich von vier Uhr morgens an Schlangen.“[9] Mit der immer größer werdenden Macht des Hitler-Regimes schrumpften die Rechte der Warschauer und der polnischen Bevölkerung. Mit der „Verordnung über die Neuregelung der Rechte für Polen“, die Adolf Hitler am 12. Oktober 1939 erlassen und die der Generalgouverneur Hans Frank drei Tage später verordnet hat, werden die Polen durch die Nazis als die Menschen der untersten sozialen Schicht eingestuft. Laut dieser Verordnung hat das polnische Volk kein Recht auf Heizmaterial für den Winter, kein Anrecht auf „europäische Kleidungsstücke“ und auf „frische Luft“: „Der polnischen Bevölkerung ist verboten: 1) in frischer Luft zu atmen, da diese für die deutsche Luftwaffe bestimmt ist; ... 5) nach dem gesunden Menschenverstand zu denken. Diese dem deutschen Volke unbekannte Eigenschaft ist auch für die Polen überflüssig; ...“[10]

2.2 Die Juden in Warschau

Nach der Kapitulation Warschaus gaben die Nazis am 2. Oktober 1939 in der „Warschauer Volkszeitung“ bekannt, dass „die Juden keinen Anlass haben, Repressionen zu fürchten.“[11] Doch diese Aussage entpuppte sich schnell als ein leeres Versprechen. Sofort nach der Besetzung der Stadt wurden jüdische Einwohner Warschaus verfolgt, misshandelt und auf der Straße denunziert. Die erste Maßnahme der Nazis auf dem Weg zur Bildung eines jüdischen Wohnviertels in der Stadt folgte am 28. Oktober 1939. Die Ältestenräte der jüdischen Gemeinden in Warschau wurden von den Deutschen aufgefordert, eine Zählung der in Warschau lebenden Juden durchzuführen. Insgesamt lebten zu dieser Zeit rund 300.000 Juden in der polnischen Hauptstadt[12]. Das Gerücht, dass in Warschau ein jüdisches Wohnviertel entstehen solle, machte sich schnell breit. Nach einem Bericht unter dem Titel „Das Ghetto – Welt des Verfall“ vom 15. November 1939 über die dichte Zusammenballung der jüdischen Bevölkerung Warschaus in der deutschsprachigen „Warschauer Zeitung“[13], verbreitete sich unter den Juden eine Art Panikstimmung. In der Ausgabe vom 19./20. November 1939 titelte die WZ bereits Monate vor der eigentlichen Verbarrikadierung des Warschauer Ghettos „Warschauer Ghetto wird abgesperrt“[14].

3. Entstehung des Ghettos

Einer der ersten Juden, der von der beschlossenen Einrichtung eines Ghettos in Warschau erfuhr, war der Vorsitzende des Warschauer Judenrates, Adam Czerniaków. Der 58-Jährige wurde von den Deutschen Besetzern dazu aufgefordert, 24 Juden für einen Judenrat zu bestimmen und zugleich sollte Czerniaków dessen Vorsitz übernehmen[15]. Dieser Judenrat war für die bereits erwähnte schriftliche Erfassung aller Warschauer Juden verantwortlich und musste auch die Kosten für diese Aktion tragen. Zugleich sperrten die Deutschen jedoch alle Konten des Rates, so dass die Juden eine erste hohe Verschuldung auf sich nehmen mussten. Eine weitere Aufgabe des Judenrates war es, täglich Arbeitskommandos zu stellen, die in KZ-ähnliche Außenlager gesperrt wurden. „Man beauftragte mich, eine jüdische Miliz mit 1000 Personen aufzustellen. Bis zum 31. Oktober soll die Aussiedlung [ins Ghetto] freiwillig sein, danach zwangsweise. Möbel mitzunehmen ist nicht gestattet.“[16] Das sind Worte aus den Tagebuchaufzeichnungen von Adam Czerniaków vom 12. Oktober 1940. Zwei Tage später, am 14. Oktober, erklärte der deutsche Gouverneur Warschaus, Ludwig Fischer, einen Bezirk der Stadt zum „jüdischen Wohngebiet“ und machte die Einrichtung eines Ghettos damit öffentlich. „Er [Gouverneur Fischer] betont, dass für die Juden eine besonderes Ghetto gebildet werden müsse. Herr Generalgouverneur[Hans Frank] billigt diese Maßnahme.“[17]

[...]


[1] Wulf, Josef: Vom Leben, Kampf und Tod im Ghetto Warschau, Bonn 1958. S. 9. Künftig zitiert als: Wulf: Leben.

[2] Szarota, Tomasz: Warschau unter dem Hakenkreuz, Leben und Alltag im besetzten Warschau, Paderborn 1985. S. 11. Künftig zitiert als: Szarota: Hakenkreuz.

[3] Browning, Christopher R.: Der Weg zur Endlösung, Entscheidungen und Täter, Bonn 1998. S. 40-41. Künftig zitiert als: Browning: Endlösung.

[4] Szarota: Hakenkreuz. S. 12.

[5] Szarota: Hakenkreuz. S. 12. Das Zitat ist entnommen aus Irzykowski, Karol: Notatki z życia, hrsg. von A. Dobosz, Warschau 1964. S. 124.

[6] Szarota: Hakenkreuz. S. 13.

[7] Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, München 2000. S. 128. Künftig zitiert als: Benz: Geschichte.

[8] polnischer Originaltitel: „Warszawski Dziennik Narodowy“

[9] Szarota: Hakenkreuz. S. 18.

[10] Szarota: Hakenkreuz. S. 32-33.

[11] Szarota: Hakenkreuz. S. 33.

[12] http://www.berufsschulen.de/cd/warsch.1htm/fakten1.htm (am 19. Februar 2001)

[13] Die „Warschauer Zeitung“ wird künftig mit WZ abgekürzt.

[14] Szarota: Hakenkreuz. S. 33-35.

[15] http://www.berufsschulen.de/cd/warsch1.htm/fakten2.htm (am 19. Februar 2001)

[16] Longerich, Peter: Die Ermordung der europäischen Juden, Eine umfassende Dokumentation des Holocaust 1941-1945, München 1989. S. 63. Künftig zitiert als: Longerich: Ermordung.

[17] Wulf: Leben. S. 18.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Leben und Sterben im Ghetto Warschau
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Nationalsozialistische Vernichtungspolitik
Note
2,5
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V6662
ISBN (eBook)
9783638141864
ISBN (Buch)
9783638639552
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit über Entstehung, Verwaltung und Leben des Warschauer Ghettos. 208 KB
Schlagworte
Leben, Sterben, Ghetto, Warschau, Nationalsozialistische, Vernichtungspolitik
Arbeit zitieren
Thorsten Laumann (Autor), 2001, Leben und Sterben im Ghetto Warschau, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/6662

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