Ludwig Börne in Paris - Briefe an ein imaginiertes Vaterland


Essay, 2005

13 Seiten


Leseprobe

Einführende Gedanken

„Wer ist denn eigentlich Ludwig Börne?“ fragt mich meine Mitbewohnerin beim Anblick der Bücherstapel auf meinem Schreibtisch – wohl mehr um Anteilnahme zu demonstrieren denn aus heuristischen Motiven. Sporadisch antworte ich: „So jemand Ähnliches wie Heinrich Heine, bloß dass ihn heute niemand mehr kennt.“ Nachdem ich den Satz beendet habe, steigt vor meinem inneren Auge das Bild eines über diesen groben Vergleich höchst erzürnten Herrn Börne auf, der sich auf dem berühmten Pariser Friedhof Père-Lachaise in seinem Grabe herumdreht. Zahlreiche Studien von Literaturwissenschaftlern und Historikern sind seinem Werk und seiner Person gewidmet. Von Vergessenheit kann also eigentlich keine Rede sein. Börne und Heine verband zu Lebzeiten eine Art Hassliebe, in jedem Fall waren sie Konkurrenten und mochten es gar nicht leiden, wenn man sie in eine Schublade steckte. Dennoch meine ich, dass diese spontane Antwort in ihrer Knappheit und angesichts seiner heutigen Rezeption durchaus treffend ist.

Ludwig Börne und Heinrich Heine, die „zerstrittenen Dioskuren“

In der Forschung werden Heine und Börne als Doppelgestirn[2] bezeichnet, dessen Anteile sich gegenseitig in Abhängigkeit zu dem anderen definierten. Die gescheiterte Revolution von 1848 sowie die tiefgehenden Veränderungen der liberalen Bewegung während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewirkten, dass Börne mehr und mehr in Vergessenheit geriet, während Heine aber einen festen Platz im deutschen kulturellen Gedächtnis einnahm. 1971 schreibt Michael Werner, dass im Gegensatz zu Heine, dem während der vergangenen 150 Jahre zahlreiche Studien gewidmet waren, Börne das Interesse der Forscher kaum auf sich gezogen habe.[3] Seitdem kann man doch ein höheres Interesse der Forschung bzgl. Börne verzeichnen, vor allem erschienen zahlreiche Veröffentlichungen zu Ludwig Börne 1986, im Jahre seines 200. Geburtstages. Im gleichen Jahr fand ihm zu Ehren in Frankfurt eine Ausstellung statt. Kein Aufsatz zu Ludwig Börne versäumt es, dessen ambiguöse Beziehung zu seinem großen Gegenspieler Heinrich Heine zumindest anzusprechen.[4] In dieser Hinsicht stellt auch der vorliegende Essay keine Ausnahme dar. Zunächst werde ich die Biografie Börnes im Vergleich zu Heinrich Heine nachzeichnen, kurz auf die Stadt Paris als Exil eingehen, und dann Börnes Briefe aus Paris vorstellen. [1]

Biografische Analogien zwischen Börne und Heine

Die Verwandtschaft zwischen Heine und Börne liegt zunächst in ihren gemeinsamen Wurzeln begründet. Beide entstammen deutscher jüdischer wohlhabender Handelsfamilien. Beide kommen aus der gehobenen Mittelschicht. Börne (geboren 1786) und Heine (geboren 1797) repräsentieren die erste Generation, die höhere Studien absolvierte. Heine erreicht den Doktorgrad in Jura und Börne in Philosophie. Im Anschluss an ihr Studium versuchen beide, eine Laufbahn im administrativen Bereich einzuschlagen. Dies ist für den elf Jahre älteren Börne noch zugänglich. Nach der Emanzipation der Juden in Deutschland im Zuge der napoleonischen Herrschaft kann er 1811 eine Stelle als Polizeiaktuar in Frankfurt annehmen, die er aber 1815 verliert, da die wenige Jahre zuvor von der jüdischen Gemeinde von Frankfurt erkauften Bürgerrechte seitens der Stadt wieder annulliert wurden und Juden nicht mehr im Staatsdienst tätig sein durften.[5] 1818 gibt er seinen ursprünglichen Namen Juda Löw Baruch auf, nennt sich Ludwig Börne und lässt sich evangelisch taufen. Dies war keine Konversion aus Glaubensgründen, sondern ein aus Vernunftgründen unternommener Schritt zur Eingliederung.[6] Zu seinem Judentum wird er sich viele Jahre später in seinen „Briefen aus Paris“ äußern und es wird klar, dass ihn die Taufe kaum von seiner jüdischen Identität entfernen konnte:

Es ist wie ein Wunder! Tausend Male habe ich es erfahren, und doch bleibt es mir ewig neu. Die einen werfen mir vor, daß ich ein Jude sei; die andern verzeihen mir es; der dritte lobt mich gar dafür; aber alle denken daran. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus. […] Keine Juden zu sein, tröstet sie dafür, daß sie nicht einmal Hofräte sind. Nein, daß ich ein Jude geboren, das hat mich nie erbittert gegen die Deutschen, das hat mich nie verblendet. Ich wäre ja nicht wert, das Licht der Sonne zu genießen, wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Deutscher und ein Jude werden zu lassen, mit schnödem Murren bezahlte – wegen eines Spottes, den ich immer verachtet, wegen Leiden, die ich längst verschmerzt. Nein ich weiß das unverdiente Glück zu schätzen, zugleich ein Deutscher und ein Jude zu sein, nach allen Tugenden der Deutschen streben zu können und doch keinen ihrer Fehler zu teilen. (III, 510f.)[7]

Heine lässt sich nach Erhalt der Doktorwürde aus ähnlichen Gründen wie Börne taufen und bewirbt sich um eine Stelle als Anwalt in Hamburg. Doch sein Plan scheitert und er erwägt, Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität in Berlin zu werden, jedoch schrecken ihn der administrative Aufwand und die zögernde Haltung seiner Berliner Freunde ab.

So ergreifen beide, Börne ab 1818, Heine ab 1826, den Beruf des Schriftstellers und Publizisten und betätigen sich sowohl im journalistischen als auch literarischen Bereich, wobei Heine auch poetische Arbeiten verfasst.[8] Seit 1827 arbeiten sie für den gleichen Verleger: Julius Campe in Hamburg.

Das Scheitern ihrer persönlichen Karriere bestärkt sie in ihren liberalen Ideen. Gegen das deutsche politische Regime immer schärfer Partei ergreifend, werden sie die Wortführer einer liberalen Kritik der politischen Restauration in Deutschland. Gleichzeitig sind sie Vorreiter einer neuen Literatur, die sich angesichts der Unterdrückung der liberalen Bewegung weigert, in einen romantischen Vergangenheitskult zu verfallen oder sich in eine politikfreie Nische der Kunst zurückzuziehen. Ihre Kritik an einem Staat, der sich immer mehr von der realen Entwicklung der Gesellschaft entfernt, an Institutionen wie der Zensur und gegen die konservative Politik Preußens und Österreichs findet eifrigen Zuspruch im jungen liberalen Bürgertum und der Studentenschaft. In der schwermütigen Stimmung der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts in Deutschland rufen die Schriften von Heine und Börne große Begeisterung hervor. Die Übereinstimmung Börnes und Heines zu jener Zeit zeigt ihr Zusammentreffen im November 1827 in Frankfurt. Zwölf Jahre später veröffentlicht Heine den Bericht über dieses Treffen in seiner Schrift über Börne und man erfährt von dem gegenseitigen Einverständnis über die wichtigsten politischen Fragen. Ihre Unstimmigkeiten in den Bereichen der Kunst und Philosophie erscheinen heute nebensächlich.[9]

[...]


[1] Kruse, Joseph A., Der große Judenschmerz, in: Ludwig Börne. 1786 – 1837, hg. von Alfred Estermann, Frankfurt/Main 1986, S. 189-197.

[2] Ebd. und Werner, Michael, Frères d’armes ou frères ennemis? Heine et Boerne à Paris (1830 – 1840), in: Francia 7 (1971), S. 251 – 270.

[3] Vgl. ebd. S. 252 und Stein, Peter, zur Börne-Rezeption im Dritten Reich, in: „Die Kunst – eine Tochter der Zeit“. Neue Studien zu Ludwig Börne, hg. von Inge Rippmann und Wolfgang Labuhn, Bielefeld 1988, S. 51 – 73.

[4] So zum Beispiel Kruse, Joseph A., Heinrich Heine über Ludwig Börne, in: „Die Kunst – eine Tochter der Zeit“. Neue Studien zu Ludwig Börne, hg. von Inge Rippmann und Wolfgang Labuhn, Bielefeld 1988, S. 32-50.

[5] Vgl. Estermann, Alfred, Nachwort, in: Börne, Ludwig, Briefe aus Paris, hg. von Alfred Estermann, Frankfurt 1986, S. 765.

[6] Vgl. Kruse, Judenschmerz, S. 195.

[7] Börne, Ludwig, Sämtliche Schriften, neu bearbeitet und hg. von Inge und Peter Rippmann, 5 Bde. Hier Band II, S. 16. Alle Zitate Börnes sind dieser Ausgabe entnommen und werden im folgenden Text angegeben.

[8] „Börnes Werk, als ganzes, ist nicht leicht zu beschreiben. Wo ihn einordnen? Journalist, Publizist, Feuilletonist, Kolumnist, Humorist, Satiriker? Ungenaue, einander teilweise überlagernde Begriffe.“ Ebenda, Estermann, Nachwort, S. 770.

[9] Vgl. Werner, Frères d’armes, S. 255.

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Details

Titel
Ludwig Börne in Paris - Briefe an ein imaginiertes Vaterland
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Europäische Ethnologie)
Veranstaltung
Städtetourismus im 19. Jahrhundert
Autor
Jahr
2005
Seiten
13
Katalognummer
V66671
ISBN (eBook)
9783638596077
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Deutschen haben Ludwig Börne weder ganz vergessen, noch ihm in ihrem Gedächtnis einen besonderen Platz zugestanden. Er war Deutscher, Frankfurter, Parisien, jüdisch und evangelisch, Essayist, Journalist, Humorist, frère d'arme und frère ennemi Heines, Frankreichliebhaber und Frankreichkritiker, Kämpfer für die Freiheit, Demokrat… - eine spannende Gestalt, der sich dieser Essay auf der Grundlage Börnes "Briefe aus Paris" annähert.
Schlagworte
Ludwig, Börne, Paris, Briefe, Vaterland, Städtetourismus, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Monika Braun (Autor), 2005, Ludwig Börne in Paris - Briefe an ein imaginiertes Vaterland , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66671

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