Wie 'modern' war der Antisemitismus vor der Reichsgründung?


Rezension / Literaturbericht, 2004
9 Seiten

Leseprobe

Wie „modern“ war der Antisemitismus vor der Reichsgründung?

Anmerkungen zu „Stefan Rohrbacher, Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen in Vormärz und Revolution (1815- 48/49), Frankfurt a.M./ New York 1993 und James F. Harris, The People Speak! Anti-Semitism and Emancipation in Nineteenth- century Bavaria, Ann Arbor 1994.”

In der Antisemitismusforschung gibt es, idealtypisch vereinfacht, zwei Schulen, die den Begriff Antisemitismus unterschiedlich definieren. Einige Historiker und Soziologen subsumieren unter diesen Begriff alle judenfeindlichen Äußerungen und Handlungen gleich zu welcher Zeit und an welchem Ort. Akzeptiert man diese weit gefasste Definition, stellt sich die Frage nach der Entstehung des Antisemitismus nicht, denn er bildet in letzter Konsequenz eine anthropologische Konstante in der christlich- abendländischen Geschichte. Charakteristisch für Vertreter dieses Ansatzes ist, dass sie eine langfristige Kontinuität des christlichen Judenhasses vom Mittelalter in die Moderne annehmen. Zumindest aber unterstellen sie, dass die, in der Vormoderne geprägten, judenfeindlichen Mentalitäten relativ ungebrochen im modernen Antisemitismus weiterwirken.[1] Die Mehrheit vor allem der Neuzeithistoriker grenzt jedoch vormoderne (Antijudaismus) und moderne (Antisemitismus) Formen der Judenfeindschaft voneinander ab. Man definiert heute in Anlehnung an Reinhard Rürup den Antisemitismus als „postemanzipatorisches Phänomen“ und betont den Paradigmenwechsel von Religion zu Rasse, der erst die Bedingung der Möglichkeit für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik geschaffen habe. Alte Ressentiments gegenüber Juden und neue rassentheoretische „Erkenntnisse“ wurden durch den modernen Antisemitismus in eine auf dem „politischen Massenmarkt“ angebotene Ideologie transformiert, die im „Juden“ den Repräsentanten einer verhassten oder gefürchteten Moderne erblickte.[2] In Bezug auf Deutschland verortet man den Übergang zum modernen Antisemitismus folgerichtig in den 1870er Jahren und erkennt in Phänomenen und Ereignissen wie neuer Nationalismus, Kulturkampf und „Große Depression“ seine Auslöser.[3] Gleichzeitig haben die Anhänger dieser Periodisierung die Erscheinungsformen der Judenfeindschaft in der ersten Jahrhunderthälfte mit dem etwas vagen Begriff Frühantisemitismus versehen.[4] Doch sind die Worte und Taten der Gegner der Judenemanzipation vor 1870 tatsächlich als Frühform oder Vorstufe zutreffend eingeordnet? Ihre Argumente und ihre Sprache lassen auf den ersten Blick keinen radikalen Bruch zwischen vor- und nachemanzipatorischer Judenfeindschaft erkennen, sondern zeugen eher von Kontinuität.[5] Muss man den Judengegnern in der ersten Jahrhunderthälfte nicht sogar eine größere Radikalität bescheinigen als Treitschke, Stoecker und Genossen, weil es vor 1850 mehrfach zu judenfeindlichen Ausschreitungen kam, während diese im Kaiserreich nur noch sehr selten auftraten? Im Folgenden soll an Hand von zwei Studien, die sich wichtigen Teilaspekten des „Frühantisemitismus“ widmen, untersucht werden, wie „modern“ Judenfeindlichkeit zwischen 1815 und 1870/71 war. Von der Beantwortung dieser Frage hängt ab, ob die klassische Periodisierung der Rürup- Schule und die Unterscheidung zwischen Frühantisemitismus und modernem Antisemitismus Bestand haben können.

1819, 1830 und in den Revolutionsjahren 1848/49 erschütterten judenfeindliche Ausschreitungen die deutschen Länder. Wie kam es zu diesen Gewalttaten und in wiefern waren sie von allgemeinen politischen und sozioökonomischen Entwicklungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts motiviert? Stefan Rohrbachers Studie grenzt sich von klassischen Antworten der Antisemitismusforschung ab: Judenfeindliche Gewalt im Vormärz sei nicht unmittelbar durch sozioökonomische Verwerfungen ausgelöst worden. Die Ansicht Eleonore Sterlings, dass die Juden zum Ersatzobjekt für Frustrationen geworden seien, die sich in Wirklichkeit gegen die Obrigkeit oder anonyme Konjunkturentwicklungen gerichtet hätten, verwirft Rohrbacher. Auch habe es sich nicht um politisch motivierte Gewalt als Widerstand gegen die Judenemanzipation gehandelt, wie Jacob Katz behauptet hat.[6] Rohrbacher wählt einen konsequent alltagsgeschichtlichen Ansatz, der konkrete Fälle von Gewalttätigkeiten und Konflikten zwischen Christen und Juden in den Blick nimmt.

Gewalt gegen Juden, so stellt Rohrbacher fest, sei in aller Regel nicht eliminatorische, sondern symbolische Gewalt - zumeist gegen Sachen, nicht gegen Personen - gewesen. Über sie konnte die christliche Bevölkerung in Krisen- und Konfliktsituationen ihren Anspruch auf einen überlegenen Status gegenüber den jüdischen Mitbürgern zum Ausdruck bringen. Die auslösenden Mechanismen symbolischer Gewalt seien nicht in den wirtschaftlichen oder politischen Verhältnissen zu suchen, sondern im christlich- jüdischen Alltag. Erstens macht der Autor ein in Brauchtum und Religion verankertes extrem negatives Judenbild dafür verantwortlich, dass die Hemmschwelle bei der Ausübung von Gewalt gegen Juden sehr niedrig lag. Zweitens kam es immer dann zu Konflikten, wenn sich der gesellschaftliche Status der Juden merklich und öffentlich sichtbar verbesserte (ablesbar z.B. an Zulassung zum Ortsbürgerrecht, Anteil an der Allmende, freie Wahl des Wohnorts, Cafébesuch, Mitgliedschaft in Vereinen). Einschüchterungen und Gewalt gegen Sachen wurden dann häufig genutzt, um die erwünschte Statusdifferenz zwischen Christen und Juden wenigstens auf einer symbolischen Ebene wieder herzustellen. Diese These wird durch einen Blick auf die soziale Herkunft der Täter gestützt. Sie waren zumeist Jugendliche (Schüler, Studenten, Lehrlinge), Handlungsgehilfen, unselbständige Handwerker und Tagelöhner. Also Personengruppen, deren sozialer Status selbst äußerst prekär war und die im sozialen Aufstieg der Juden den symbolischen Ausdruck des eigenen Abstiegs erblickten.[7]

[...]


[1] Eine Position, die schon bei den Klassikern jüdischer Geschichtsschreibung Heinrich Graetz (1817- 1891) und Jules Isaac (1877- 1963) zu finden ist. Aktuelle Vertreter sind Leon Poliakov, Geschichte des Antisemitismus, 8 Bde., Worms 1977-88; Jacob Katz, From Prejudice to Distruction. Anti- Semitism 1700- 1933, Cambridge 1980; Robert Wistrich, Antisemitism. The longest hatred, New York 1991; William Nicholls, Christian Antisemitism. A history of hate, Northvale 1993.

[2] Vgl. Reinhard Rürup, Emanzipation und Antisemitismus. Studien zur „Judenfrage“ in der bürgerlichen Gesellschaft, Frankfurt a.M. 1987. Bilanzierend Ders., Der moderne Antisemitismus und die Entwicklung der historischen Antisemitismusforschung, in: Werner Bergmann/ Mona Körte (Hg.), Antisemitismusforschung in den Wissenschaften, Berlin 2004, S. 117- 135.

[3] Hier ist sich nach wie vor die überwältigende Mehrheit der Historiker einig. Vgl. Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt a.M. 1988; Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, München 2002; Massimo F. Zumbini, Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus von der Bismarckzeit zu Hitler, Frankfurt a.M. 2003; Peter Pulzer, Die Entstehung des politischen Antisemitismus in Deutschland und Österreich 1867- 1914. Mit einem Forschungsbericht des Autors, Göttingen 2004.

[4] Vgl. Michael Behnen, Probleme des Frühantisemitismus in Deutschland (1815- 1848), in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 112 (1976), S. 244-279; Nicoline Hortzitz, Früh- Antisemitismus in Deutschland 1789- 1871. Strukturelle Untersuchungen zu Wortschatz, Text, Argumentation, Tübingen 1988; Dietmar Preissler, Frühantisemitismus in der Freien Stadt Frankfurt und im Großherzogtum Hessen (1810- 1860), Heidelberg 1989.

[5] Vgl. Rainer Erb/ Werner Bergmann, Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780- 1860, Berlin 1989.

[6] Vgl. Eleonore Sterling, Judenhass. Die Anfänge des politischen Antisemitismus in Deutschland (1815- 1850), Frankfurt a.M. 1969; Jacob Katz, Die Hep- Hep- Verfolgungen des Jahres 1819, Berlin 1994.

[7] Vgl. Stefan Rohrbacher, Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen in Vormärz und Revolution (1815- 48/49), Frankfurt a.M./ New York 1993, S. 284- 294.

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Details

Titel
Wie 'modern' war der Antisemitismus vor der Reichsgründung?
Hochschule
Universität Bielefeld
Autor
Jahr
2004
Seiten
9
Katalognummer
V66695
ISBN (eBook)
9783638599252
Dateigröße
416 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Rezension bespricht die Arbeiten von Stefan Rohrbacher und James F. Harris zum Frühantisemitismus in Deutschland (1815- 1849). Ausgangspunkt ist die Frage nach der Modernität der voremanzipatorischen Judenfeindlichkeit.
Schlagworte
Antisemitismus, Reichsgründung, Frühantisemitismus, Antisemitismusforschung, politische Gewalt, Petitionen, Judenemanzipation, Emanzipation, Stefan Rohrbacher, James F. Harris, Rezensionen, Bayern
Arbeit zitieren
Thomas Gräfe (Autor), 2004, Wie 'modern' war der Antisemitismus vor der Reichsgründung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66695

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