Mit seiner »General History of Music«, deren erster Band 1776 erschien, leistete Charles Burney zweifellos einen wichtigen Beitrag zur Musikgeschichtsschreibung und -forschung. Die kritische Evaluation seiner Arbeit zeigt sowohl das umfangreiche Wissen, über das Burney verfügte, als auch die Lücken desselben, die in den letzten 230 Jahren, wenn auch nicht immer geschlossen, so in mancher Hinsicht jedenfalls verkleinert werden konnten.
Mit Blick auf die Erkenntnisse der Josquin-Forschung des 20. Jahrhunderts galt es, in dieser Arbeit Burneys Vorgehensweise, seinen Umgang mit den ihm verfügbaren Quellen und die Bedeutung des zeitgenössischen Weltbildes für seine Darstellung der Musik des 15./16. Jahrhunderts, insbesondere der Josquins, zu untersuchen. Dabei sollte ein Vergleich der Aussagen zu den Aspekten Biographie, Kompositionsstil, Rezeption, sowie Quellenlage in Burneys »History« und in modernen Schriften zu Josquin des Prez Unterschiede, Gemeinsamkeiten, Entwicklungen und nach wie vor offene Fragen aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Josquin-Bild bei Charles Burney
2.1. Biographie
2.2. Kompositionsstil
2.3. Rezeption
2.3.1. Josquin – das erste musikalische Genie?
2.3.2. „Dunkle Zeiten“
2.4. Verwendete Quellen
3. Das heutige Josquin-Bild
3.1. Biographie
3.2. Kompositionsstil
3.3. Rezeption
4. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch das Josquin-Bild in Charles Burneys "A General History of Music" vor dem Hintergrund des damaligen Geschichtsbildes und vergleicht dieses mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen, um die Kontinuität bestimmter Deutungsmuster und Mythenbildung aufzuzeigen.
- Analyse von Burneys Arbeitsweise und Quellenumgang
- Vergleich der zeitgenössischen Bewertung mit der modernen Josquin-Forschung
- Kritische Betrachtung des Geniebegriffs im 18. Jahrhundert
- Untersuchung des Konzepts der "Dunklen Zeiten" in der Musikgeschichtsschreibung
- Dekonstruktion von Mythen und Anekdoten um Josquin des Prez
Auszug aus dem Buch
2. Das Josquin-Bild bei Charles Burney
Josquin des Prez nimmt in Burneys History eine zentrale Position ein; ihm wird die Rolle des dominierenden Komponisten der Renaissance zuteil. Während Burney noch zu Machaut nur einen kurzen Kommentar zu machen wusste (nämlich, dass er Probleme bei der Transkription seiner Werke hatte und deswegen keine Aussage zu der Musik machen konnte),4 räumt er Josquin immerhin 23 Seiten (inklusive Notenbeispielen) ein. Diese Differenz legt den Verdacht nahe, dass es Umstände gab, die Burney dazu bewogen, Josquin ausführlich und in großer Breite zu behandeln, während andere Komponisten dieser Zeit mit der Erwähnung ihres Namens vorlieb nehmen mussten.
Der entscheidende Faktor, der sich auch im Umfang der Notenbeispiele zu Josquins Musik widerspiegelt, ist die Erfindung des Musikdruckes zu Beginn des 16. Jahrhunderts (1502) und der damit verbundenen Tatsache, dass Josquin innerhalb der ersten Drucke eine privilegierte Stellung eingeräumt wurde. Petrucci, der Begründer des Notendrucks, veröffentlichte sowohl Bände, die exklusiv Messen Josquins enthielten, als auch Sammlungen, in denen einige Motetten Josquins an prominenter Stelle zu finden waren. Die Erfindung des Notendrucks führte somit zu einer weiteren Verbreitung der Musik Josquins, als dies mit Manuskripten je möglich gewesen wäre. Auf diese Weise fand Josquins Musik auch Beachtung bei zahlreichen Theoretikern des 16. Jahrhunderts, die durch die Verfügbarkeit der Drucke Josquins Werke als Grundlage und Anschauungsmaterial ihrer theoretischen Ausführungen nutzten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit hinterfragt den Wert von Burneys History für die heutige Zeit und legt den Fokus auf den Vergleich zwischen historischen und modernen Darstellungen von Josquin des Prez.
2. Das Josquin-Bild bei Charles Burney: Burneys spezifisches Bild von Josquin wird analysiert, wobei besonders die Bedeutung des frühen Notendrucks, Anekdoten, die Rolle des Geniebegriffs und das Konzept des "dunklen gotischen Zeitalters" kritisch beleuchtet werden.
3. Das heutige Josquin-Bild: Dieses Kapitel stellt die moderne Forschung in Relation zu Burney und zeigt auf, dass trotz neuerer Erkenntnisse bestimmte Interpretationsmuster der Vergangenheit das heutige Verständnis weiterhin prägen.
4. Schlussfolgerung: Die Arbeit resümiert, dass Burneys Werk trotz fachlicher Überholung als einflussreicher Ausgangspunkt für die moderne Josquin-Forschung gesehen werden muss, da viele Deutungsmuster tief verwurzelt bleiben.
Schlüsselwörter
Charles Burney, Josquin des Prez, Musikgeschichte, Geniebegriff, Renaissance, Anekdoten, Notendruck, Musiktheorie, Gotik, Rezeptionsgeschichte, Authentizität, Quellenanalyse, Musikwissenschaft, Historiographie, Kontrapunkt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild des Komponisten Josquin des Prez im Werk "A General History of Music" von Charles Burney und vergleicht dieses mit der heutigen Forschungsperspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die historiographische Darstellung von Musikern, den Genie-Kult, den Einfluss technischer Innovationen wie des Notendrucks und die Persistenz historischer Fehlinterpretationen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Burneys Vorgehensweise und seine Quellen kritisch zu evaluieren und aufzuzeigen, inwieweit moderne Forschung noch immer auf 200 Jahre alten Denkmustern basiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der historische Primärquellen (Burney, Glarean) mit moderner Fachliteratur und musikwissenschaftlicher Sekundärliteratur in Bezug gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert Burneys biographische Angaben, seine Deutung des Kompositionsstils sowie seine Konzepte von "Genie" und "dunklen Zeiten" im Vergleich zur heutigen Sichtweise.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Burney und Josquin sind Begriffe wie Geniebegriff, Historiographie, Rezeptionsgeschichte und Authentizität zentral für das Verständnis der Untersuchung.
Wie bewertet die Autorin die Bedeutung des Notendrucks für Burneys Bild von Josquin?
Die Autorin stellt heraus, dass der Notendruck ab 1502 Josquin eine privilegierte Stellung verschaffte, was dazu führte, dass Burney ihn ausführlicher als andere Zeitgenossen behandelte und seine Musik leichter analysieren konnte.
Warum hält die Autorin den Begriff "Genie" im Kontext der Renaissance für problematisch?
Sie argumentiert, dass das Genie-Konzept eine Errungenschaft des 18. Jahrhunderts ist und die Projektion dieses modernen Begriffs auf Josquin des Prez zu einer verzerrten Wahrnehmung und Mythifizierung führt, die der Renaissance-Zeit nicht gerecht wird.
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- Katharina Kierig (Author), 2005, Das Josquin des Prez-Kapitel in Charles Burneys "A General History of Music", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66731