Die Besteuerung von Unternehmen als Instrument staatlicher Wirtschaftspolitik kann unternehmerische Dispositionen, insbesondere Investitions- und Standortentscheidungen, beeinflussen. Da Steuern einen wesentlichen Standortfaktor darstellen, rückt die Unternehmensbesteuerung und dabei vor allem die korrekte Messung der Unternehmensteuerbelastung in der gegenwärtigen Phase zunehmender weltwirtschaftlicher Integration verstärkt in den Fokus von politischen Entscheidungsträgern, Interessengruppen, der Öffentlichkeit sowie der Wissenschaft.
In der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion ist die Messung der Steuerbelastung von Unternehmen keinesfalls unumstritten. Vielmehr gibt es konkurrierende methodische Ans¨ atze, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. In Deutschland wurde die akademische Diskussion der Steuerbelastungsmessung durch die Kontroverse zwischen Hettich/Schmidt (2001, 2003) sowie Gutekunst/Hermann/Lammersen verschärft. Die These, die Steuerlast der Unternehmen in Deutschland sei eher im europäischen Mittelfeld zu finden, scheint durch die vergangenheitsorientierte Messung mittels aggregierter Daten der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung bestätigt zu werden. Demgegenüber stützen sich Anhänger der These, Deutschland sei im europäischen Vergleich ein Hochsteuerland, auf zukunftsorientierte mikroökonomische Kapitalwert- oder Simulationsmodelle.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist es unbefriedigend, dass die konkurrierenden Messkonzepte zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen, denn es sollte keine Rolle spielen, welcher methodische Ansatz gewählt wird, um die Unternehmensteuerbelastung zu messen. Die vorliegende Arbeit versucht daher aufzuzeigen, welche Problembereiche es bei den im Schrifttum verwendeten Steuerbelastungsindikatoren gibt und warum diese zu Unschärfen in der Messung führen können. Es wird deutlich werden, dass die unterschiedlichen Ergebnisse der einzelnen Ansätze von den getroffenen Annahmen abhängen, die bei der Interpretation der Indikatoren stets zu berücksichtigen sind. Möglicherweise sind die Unterschiede in den methodischen Konzepten jedoch nicht von essentieller Bedeutung, so dass es für Tendenzaussagen hinsichtlich der Höhe der Unternehmensteuerbelastung gar nicht auf die Wahl der Methode ankommt. Es ließe sich dann zwar noch immer über die exakte Höhe streiten, allerdings würde die Schwankungsbreite der Ergebnisse verringert und damit die Kontroverse, ob Deutschland ein Hoch- oder Niedrigsteuerland sei, entschärft.
Inhaltsverzeichnis
1 Zielsetzung und Untersuchungsablauf
2 Grundlagen ökonomischer Steuerbelastungsforschung
2.1 Zur Definition der Unternehmensteuer
2.2 Notwendigkeit der präzisen Messung der Unternehmensteuerlast
2.3 Systematisierung der Konzepte für Steuerbelastungsvergleiche
2.3.1 Überblick über methodische Konzepte
2.3.2 Ermittlung der Tarifbelastung und Mängel des Tarifvergleichs
2.3.3 Erfordernis der Messung der effektiven Steuerbelastung
3 Zukunftsorientierte Konzepte zur Messung der effektiven Unternehmensteuerbelastung
3.1 Zukunftsorientierte Messkonzepte auf Basis hypothetischer Investitionsprojekte
3.1.1 Gegenwartsbetrachtung künftiger Zahlungsströme
3.1.2 Effektiver Grenzsteuersatz nach King und Fullerton (1984)
3.1.2.1 Modellansatz
3.1.2.2 Kapitalkostengleichungen
3.1.2.3 Bestimmung des relevanten Diskontierungssatzes
3.1.2.4 Bestimmung des Barwertes steuerlicher Abschreibungsabzüge
3.1.3 Effektiver Durchschnittsteuersatz im Modell von Devereux und Griffith (1999)
3.1.3.1 Kapitalmarktgleichgewicht
3.1.3.2 Diskontfaktoren
3.1.3.3 Definition des effektiven Durchschnittsteuersatzes
3.1.3.4 Zusammenhang zwischen effektivem Grenz- und Durchschnittsteuersatz
3.1.3.5 Berechnung der Belastungsindikatoren
3.1.4 Offene Problembereiche
3.1.4.1 Steuerplanungsaktivitäten
3.1.4.2 Unsicherheit und Irreversibilität
3.1.5 Kritische Würdigung der zukunftsorientierten Belastungsindikatoren auf Basis hypothetischer Investitionsprojekte
3.2 Zukunftsorientierte Messkonzepte auf Basis hypothetischer Unternehmen
3.2.1 Grundkonzeption des European Tax Analyzers
3.2.2 Kritische Würdigung des European Tax Analyzers
4 Vergangenheitsorientierte Konzepte zur Messung der effektiven Unternehmensteuerbelastung
4.1 Theoretischer Rahmen vergangenheitsorientierter Messkonzepte
4.2 Vergangenheitsorientierte Messkonzepte auf Basis der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung
4.2.1 Insuffizienz gesamtwirtschaftlicher Steuerquoten als Belastungsindikator
4.2.2 Impliziter Steuersatz auf Kapital im Grundmodell von Mendoza, Razin, Tesar (1994)
4.2.3 Modifiziertes Konzept nach Carey und Rabesona (2002)
4.2.4 Impliziter Unternehmensteuersatz
4.2.5 Offene Problembereiche
4.3 Vergangenheitsorientierte Messkonzepte auf Basis von Jahresabschlussdaten
4.3.1 Die Grundkonzeption des Bilanzdatenansatzes
4.3.2 Offene Problembereiche
4.4 Kritische Würdigung der vergangenheitsorientierten Steuerbelastungsindikatoren
5 Zusammenhänge zwischen zukunftsorientierten und vergangenheitsorientierten Indikatoren
5.1 Empirische Differenzen
5.1.1 Stilisierte Fakten
5.1.2 Konjunkturabhängigkeit der Indikatoren
5.2 Theoretische Differenzen
5.2.1 Identität zukunftsbezogener und vergangenheitsbezogener Indikatoren
5.2.2 Konstruktionsbedingte Differenzen
6 Schlussbetrachtung
A Mathematischer Anhang
A.1 Herleitung der Tarifbelastung mit Substanzsteuer
A.2 Herleitung des Gegenwartswertes der Steuerzahlungen
A.3 Herleitung der zukunftsbezogenen EATRf als gewichteter Mittelwert
A.4 Herleitung des Kapitalmarktgleichgewichtes in stetiger Zeit
A.5 Auswirkung von Inflation auf den Abschreibungsbarwert
A.6 Abschreibungsbarwert bei kombinierter Abschreibung
A.7 Herleitung der Differenz zwischen EATRf und EATRb beim Kumulationsansatz
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die in der wirtschaftswissenschaftlichen Diskussion kontrovers behandelte Messung der effektiven Unternehmenssteuerbelastung, um aufzuzeigen, warum unterschiedliche methodische Ansätze zu abweichenden Ergebnissen führen und welche Problembereiche bei den jeweiligen Indikatoren existieren.
- Prinzipielle Systematisierung von Steuerbelastungskonzepten (Tarifvergleich vs. Effektivsteuerkonzepte)
- Analyse zukunftsorientierter Kapitalwertmodelle auf Basis hypothetischer Investitionsprojekte
- Untersuchung vergangenheitsorientierter Messkonzepte auf Basis der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und von Bilanzdaten
- Kritische Würdigung der methodischen Unterschiede und ihrer Auswirkungen auf die Steuerbelastungsmessung
- Empirische Untersuchung der Zusammenhänge und Unterschiede zwischen zukunfts- und vergangenheitsorientierten Indikatoren
Auszug aus dem Buch
3.1.2.1 Modellansatz
In diesem Abschnitt wird die grundlegende Idee des Ansatzes von King/Fullerton (1984) (kurz: KF) dargestellt, weil diese die Grundlage für die Weiterentwicklung zum EATR-Konzept durch Devereux/Griffith (1999) darstellt. Die einflussreiche Arbeit von KF basiert auf dem von Jorgenson (1963), Hall/Jorgenson (1967), King (1974) und Auerbach (1979) aus der neoklassischen Investitionstheorie abgeleiteten Kapitalkostenkonzept. Der KF-Modellrahmen unterstellt einen vollkommenen und vollständigen Kapitalmarkt bei sicheren Erwartungen. Der Marktwert V einer Unternehmung wird aus den künftigen finanziellen Erträgen bzw. Entnahmeerwartungen abgeleitet und basiert daher auf dem Kapitalwertkonzept.
Der Marktwert V (t) des Unternehmens zum Zeitpunkt t unter Berücksichtigung von Steuern ist der Barwert des Nettozahlungsstroms aller nach einem Zeitpunkt t dem Anteilseigner aus dem Unternehmen zufließenden Mittel. Die Unternehmen treffen im Rahmen eines dynamischen Optimierungsproblems Entscheidungen über den optimalen Kapitalstock, um den Marktwert der Unternehmung zu maximieren. Es wird unterstellt, dass sich der Unternehmenswert V (A1,A2,A3, ...) in Abhängigkeit von Investitionsobjekten Ai, i = 1, ..., n als Summe der Marktwerte der einzelnen Investitionsobjekte ergibt: V = n i=1 V (Ai), so dass für jedes Investitionsobjekt einzeln der Marktwert betrachtet werden kann. Im Investitionsoptimum gilt, dass der aus der Grenzinvestition resultierende Grenzertrag gleich den dadurch verursachten Grenzkosten ist, die Nettogrenzproduktivität des Kapitals also mit den Kapitalkosten identisch ist. Folglich seien die Kapitalkosten p definiert als das um die ökonomischen Abschreibungen reduzierte (Brutto-)Grenzprodukt des Kapitals FK ≡ ∂F(K) ∂K , so dass p = FK − δ gilt. Für eine Grenzinvestition wird p zu ˆp mit ˆp = FK − δ.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Zielsetzung und Untersuchungsablauf: Die Einleitung erläutert die Relevanz der Unternehmenssteuerbelastung als Standortfaktor und stellt die wissenschaftliche Kontroverse konkurrierender Messmethoden vor, deren Problembereiche diese Arbeit kritisch analysieren will.
2 Grundlagen ökonomischer Steuerbelastungsforschung: Dieses Kapitel definiert Unternehmenssteuern im Kontext dieser Arbeit, unterstreicht die Notwendigkeit einer präzisen Messbelastung und systematisiert Ansätze in Tarifvergleiche und Effektivsteuerkonzepte.
3 Zukunftsorientierte Konzepte zur Messung der effektiven Unternehmensteuerbelastung: Hier werden kapitalwertbasierte Modelle (King/Fullerton, Devereux/Griffith) sowie der European Tax Analyzer untersucht, welche auf hypothetischen Investitionen oder Unternehmen basieren.
4 Vergangenheitsorientierte Konzepte zur Messung der effektiven Unternehmensteuerbelastung: Das Kapitel analysiert Messkonzepte, die auf tatsächlichen Steuereinnahmen und aggregierten Daten (Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung oder Bilanzdaten) beruhen, und diskutiert deren spezifische methodische Unschärfen.
5 Zusammenhänge zwischen zukunftsorientierten und vergangenheitsorientierten Indikatoren: Dieser Abschnitt vergleicht beide Konzeptgruppen empirisch und theoretisch, wobei gezeigt wird, dass zukunftsorientierte Maße bei realistischen Parametern tendenziell höhere Belastungen ausweisen als vergangenheitsorientierte.
6 Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass keine homogene Gruppe an Indikatoren existiert, betont die Notwendigkeit, bei der Interpretation stets die zugrunde liegenden Annahmen zu berücksichtigen, und regt weitere Forschung an.
Schlüsselwörter
Unternehmenssteuer, Steuerbelastung, Effektivsteuerbelastung, Grenzsteuersatz, Durchschnittsteuersatz, Kapitalwertmodell, European Tax Analyzer, Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, Bilanzdaten, Investitionsentscheidung, Steuerplanung, Kapitalkosten, Standortwettbewerb, Steuerquote, Steuerkeil.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der methodischen Messung der effektiven Steuerbelastung von Unternehmen, um die in der Wissenschaft bestehenden Unstimmigkeiten zwischen verschiedenen Messansätzen zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind zukunftsorientierte Kapitalwertmodelle sowie vergangenheitsorientierte Konzepte auf Basis von gesamtwirtschaftlichen oder bilanzbasierten Daten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die in der wissenschaftlichen Diskussion verwendeten Indikatoren kritisch zu untersuchen, ihre Problembereiche aufzuzeigen und die Unterschiede in ihren Ergebnissen zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es werden theoretische Modelle auf Basis von Kapitalwertbetrachtungen sowie die deskriptive und induktive Statistik zur empirischen Analyse verschiedener Belastungsindikatoren genutzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert zukunftsorientierte (hypothetische) und vergangenheitsorientierte (retrospektive) Messkonzepte sowie deren theoretische und empirische Differenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Unternehmenssteuerbelastung, effektiver Grenz- und Durchschnittsteuersatz, Kapitalwertmodelle, Steuerquoten und Investitionsneutralität.
Warum führen verschiedene Messmethoden zu unterschiedlichen Ergebnissen?
Die Unterschiede resultieren aus den jeweils getroffenen Annahmen bezüglich Finanzierung, Abschreibung, Inflationsbereinigung und der Abgrenzung von Steuerbasis und Steuereinnahmen.
Was ist die kritische Erkenntnis zur Differenz zwischen den Indikatoren?
Die Analyse zeigt, dass zukunftsorientierte Maße für realistische Parameter meist höhere Belastungswerte induzieren als vergangenheitsorientierte Indikatoren und dass letztere anfälliger für konjunkturelle Schwankungen sind.
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- Thomas Kerz (Author), 2005, Indikatoren zur Messung der effektiven Unternehmensteuerbelastung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66812