Siebzigtausend verkaufte Exemplare, die Umsetzung des Stoffs in einem Stummfilm und überwältigende Lobeshymnen auf den Autor - das ist die Bilanz des Meisterstücks ‚Fräulein Else’. Arthur Schnitzer selbst, einer der größten Erzähler und Dramatiker der literarischen Wiener Moderne, empfand sein Werk, wie aus Tagebuchnotizen hervorgeht, recht gelungen; eine Selbstzufriedenheit, die für ihn eher untypisch war. ‚Fräulein Else’ (1924) erzählt das Schicksal eines jungen Mädchens, das ihren Vater nur durch den Verkauf ihres Körpers vor dem Gefängnis oder dem möglichen Freitod bewahren kann und letztlich an dieser Aufgabe zugrunde geht. In Schnitzlers Augen kann nur eine Erzähltechnik den Anforderungen des Stoffs gerecht werden. Nur der Innere Monolog vermag es, die Tiefen des unbewussten Seelenlebens einer Figur, die einer existentiellen Krise ausgesetzt ist, dem Leser nahe zu bringen. Schon einmal hatte sich Arthur Schnitzler für den Inneren Monolog zur Umsetzung einer Thematik entschieden. ‚Leutnant Gustl’ war zwanzig Jahre zuvor erschienen und der erste Versuch des Autors, mit dieser Erzähltechnik zu arbeiten. Hugo von Hofmannsthal, einer der wichtigsten Vertreter des Jungen Wiens, schrieb in einem Brief an Arthur Schnitzler: „Ja, so gut Leutnant Gustl erzählt ist, ‚Fräulein Else’ schlägt ihn freilich noch; das ist innerhalb der deutschen Literatur wirklich ein genre für sich, das sie geschaffen haben.“ Hofmannsthal erkannte schon 1929, was bis heute gilt: Arthur Schnitzler steht für die erstmalige Verwirklichung des vollkommenen Inneren Monologs in der deutschsprachigen Literatur. Der Innere Monolog, auch unter ‚Stream of Consciousness’ bekannt, zeichnet sich durch seine mangelnde Struktur, durch Auslassungen und Ausrufe aus. Die Gedanken des Monologierenden fließen scheinbar ungebremst, formlos. Die Bezeichnung Innerer Monolog stellt jedoch lediglich eine Art der Erzähltechnik dar; eine Gattungszuweisung geht damit nicht einher. Zahlreiche Autoren ordnen Schnitzlers Werk der Novellengattung zu. Auch Schnitzler äußert sich in einem Brief vom 21. Februar 1925 an Gabor Nobl, in dem es um Muster und Vorbilder von ‚Fräulein Else’ geht, dahingehend. „Damit ist aber auch alles erschöpft, was in meiner Novelle [‚Fräulein Else’] mit Realität im engeren Sinne zu tun hat.“ Auch Jürgen Zenke macht auf den Umstand aufmerksam, dass „die beiden Monologerzählungen Schnitzlers fast ausnahmslos Novellen genannt [werden]“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. ‚Fräulein Else’ - Gefangen im Korsett von Gattung und Zeit
2.1. Ein erster kritischer Zugang zu dem Novellenbegriff
2.2. Die Novellenkriterien nach Hugo Aust und ihr Umsetzung in ‚Fräulein Else’
3. Die Fragmentierung des Ichs - Der Innere Monolog in ‚Fräulein Else’
3.1. Die Erzähltechnik des Inneren Monologs
3.2. Die Herausforderung des Inneren Monologs und ihre Bewältigung in ‚Fräulein Else’
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Gattungsbezeichnung von Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ als „Monolognovelle“ und analysiert kritisch die Vereinbarkeit der Erzähltechnik des Inneren Monologs mit den klassischen Kriterien der Novellengattung.
- Analyse der Gattung „Novelle“ anhand von Hugo Austs Merkmalskatalog.
- Untersuchung der Erzähltechnik des „Inneren Monologs“ bei Schnitzler.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Typisierung als „Monolognovelle“.
- Betrachtung der gesellschaftlichen Hintergründe und der Rolle der Frau im Wien des Fin de Siècle.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Erzähltechnik des Inneren Monologs
Arthur Schnitzler verwendet die Erzähltechnik des Inneren Monologs in zwei seiner Erzählungen, ‚Leutnant Gustl’ (1900) und ‚Fräulein Else’. Der Innere Monolog ist eine „Form der psychologisierenden Redewiedergabe in erzählenden Texten […] [und] gibt Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen als reine Figurenrede ohne Erzähleranteil wieder.“ Die Bezeichnung ‚Stream of consciousness’ – Bewusstseinsstrom – geht auf den amerikanischen Psychologen William James zurück und drückt Illusion des ungeordneten Fließens von Gedankenfetzen aus.
Der Innere Monolog wurde erstmals von dem Franzosen E. Dujardins in dessen Erzählung ‚Les lauriers sont coupés’ (1888) angewendet. Die Erzähltechnik dieses Werks inspirierte dann auch Arthur Schnitzler zur näheren Beschäftigung, Weiterentwicklung und schließlich überlegenen Anwendung in seinen Werken. Der Innere Monolog vermag es, den Leser sehr Nahe an die Psyche des Monologisierenden herantreten zu lassen. Es scheint fasst, dass jegliche Trennung zwischen dem Bewusstsein des Protagonisten und des Leser aufgehoben werden kann. Als Arzt und ‚Doppelgänger’ Freuds verspürte gerade Arthur Schnitzler „das Bedürfnis des psychologischen Schriftstellers, die Innenwelt seiner Gestalten so unmittelbar wie möglich darzustellen.“ Der Innere Monolog schien für die seine Zwecke geradezu geschaffen. Doch diese Erzähltechnik eröffnet dem Leser nicht nur die Möglichkeit einer unvermittelten Teilnahme am Geschehen, sie stellt in ihrer Umsetzung sowohl den Leser als auch den Autor vor Schwierigkeiten, die bereits in der Konzeption eines Stücks bedacht werden müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Werk „Fräulein Else“ ein, beleuchtet den historischen Kontext der Veröffentlichung und stellt die Problematik der Gattungszuordnung sowie die Bedeutung des Inneren Monologs für Schnitzlers Erzähltechnik dar.
2. ‚Fräulein Else’ - Gefangen im Korsett von Gattung und Zeit: Dieses Kapitel prüft anhand eines Merkmalskatalogs von Hugo Aust, inwieweit das Werk die klassischen Kriterien einer Novelle erfüllt.
3. Die Fragmentierung des Ichs - Der Innere Monolog in ‚Fräulein Else’: Hier wird die Erzähltechnik des Inneren Monologs theoretisch definiert und ihre praktische Anwendung sowie die damit verbundenen Herausforderungen bei der Umsetzung in Schnitzlers Werk analysiert.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und bestätigt die Eignung des Begriffs „Monolognovelle“ als zutreffende Typisierung, die zudem interpretatorischen Wert für das Verständnis des gesellschaftlichen Gefangenseins der Protagonistin bietet.
5. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primärquellen und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Fräulein Else, Monolognovelle, Innerer Monolog, Stream of Consciousness, Novelle, Erzähltechnik, Wiener Moderne, Fin de Siècle, Zeitkritik, Gattungstheorie, Bewusstseinsstrom, psychologisierende Redewiedergabe, bürgerliche Moral, Leutnant Gustl.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht, ob die Bezeichnung „Monolognovelle“ für Arthur Schnitzlers Werk „Fräulein Else“ wissenschaftlich haltbar ist und wie Erzähltechnik und Gattungsmerkmale ineinandergreifen.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Die zentralen Themen sind die Gattung der Novelle mit ihren klassischen Anforderungen sowie die Erzähltechnik des Inneren Monologs als Mittel zur Darstellung unbewusster Seelenvorgänge.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die kritische Prüfung, ob die vermeintliche Gesetzlosigkeit des Inneren Monologs mit der strengen Struktur der Novellengattung vereinbar ist oder ob dies ein Paradoxon darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet einen Merkmalskatalog für Novellen nach Hugo Aust an und prüft das Werk auf diese Kriterien, ergänzt durch eine literaturwissenschaftliche Analyse der Erzählweise.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gattungskriterien (Länge, Begebenheit, Konzentration, Rahmen, etc.) und die Analyse der narrativen Herausforderungen des Inneren Monologs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Wichtige Begriffe sind „Monolognovelle“, „Innerer Monolog“, „Gattungstheorie“, „Erzähltechnik“ und die soziokulturelle Einordnung in das Wien des Fin de Siècle.
Wie löst Schnitzler das Problem des fehlenden Erzählers im Inneren Monolog?
Die Arbeit zeigt auf, dass Schnitzler Informationen über die Handlung und Figurenbeziehungen direkt in den Gedankenstrom der Protagonistin integriert, ohne dabei den unmittelbaren Blickwinkel aufzugeben.
Welche Rolle spielen gesellschaftliche Normen in der Interpretation?
Das Werk wird als Dokument der Zeitkritik interpretiert, in dem die Protagonistin Else in den restriktiven Konventionen des bürgerlichen Wiens gefangen ist, was sich in ihrer notwendigen Selbstenthüllung dramatisch zuspitzt.
- Quote paper
- Maike Vogelgesang (Author), 2006, Arthur Schnitzlers 'Fräulein Else': 'Die Monolognovelle' - Ausdruck des Gefangenseins im Korsett von Gattung und Zeit und Flucht in die Fragmentierung des Ichs im Bewusstseinsstrom, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66904