„Mißverstanden wurden natürlich alle Künstler von Rang, - die Betonung – und die Lautheit der ‚Verstehenden′ ist eben doch zum allergrößten Teil nur aus meinem Judentum zu erklären.“ (Tagebucheintrag vom 29.1.1919)1
Warum ist es interessant zu untersuchen, wie es einem Autor in der national-sozialistischen Zeit ergangen ist, besonders wenn der Autor zu diesem Zeitpunkt schon verstorben war und die besondere Dramatik durch Exil oder Flucht somit außen vor bleibt? Deutlich ist die globale Antwort, dass die NS-Zeit uns hoffentlich für immer beschäftigen wird, damit die Menschen wachsam und aufmerksam bleiben, denn nur unter solchen Voraussetzungen kann es möglich sein, sich erneuten Terrorregimen entgegen zu stellen. Trotz aller Aufmerksamkeit gibt es doch eine ansteigende Tendenz rechtsradikaler und antisemitischer Strömungen. Deshalb kann es nur positiv sein, diesen dunklen Aspekt deutscher, aber auch österreichischer Zeitgeschichte in möglichst vielen Aspekten zu beleuchten.
Arthur Schnitzler war eine Person, die durch die Betrachtung seines Lebenswerkes eine Untersuchung ermöglicht, die Drama und Epik jener Zeit beleuchten kann und Höhen und Tiefen in der Rezeptionsgeschichte aufweist (ob das nun an Zeitgeist oder Zeitdruck liegt, bleibt dahingestellt). Er bietet für einen Zeitraum von über dreißig Jahren vor der Naziregierung bis heute die Möglichkeit die Rezeption und Publikumsgunst zu betrachten.
Die vorliegende Arbeit gibt die Verhältnisse vor 1933 aus zwei verschiedenen Blickwinkeln wieder. Zum einen soll die Tendenz der nationalsozialistischen Strömung aufgezeigt werden. Schon lange, bevor am 10. April 1938 nach offiziellen Angaben über 90% der Bevölkerung Österreichs dem „Anschluss“ an das „Deutsche Reich“ zustimmten (wobei es den jüdischen Österreichern nicht erlaubt war, abzustimmen) und auch lange vor der „Machtergreifung“ durch die National-sozialisten am 30. Januar 1933 war die Atmosphäre in Deutschland und Österreich für Menschen jüdischen Glaubens bedrohlich.
Für Österreich ist es wichtig, den Zeitraum ab 1933 und nicht erst ab 1938 zu betrachten, da sich durch die politische Veränderung Deutschlands in Österreich ein Wandel vollzog. Mehrere österreichische Theater strichen Schnitzler schon 1933, vor dem Zeitpunkt des „Anschlusses“ aus dem Programm. Dies führte zwangsläufig zu weniger Berichterstattungen in Zeitungen.
[...]
Inhaltsverzeichnis
Stand der Forschung
Einleitung
1. Der Zeitraum vor 1933
1.1 Familiengeschichte
Fazit
1.2 Zeitgeschichte vor 1933
Fazit
1.3 Zur Lebenssituation Arthur Schnitzlers
Fazit
1.4 Ruhm und Kritik
Fazit
1.5 Veröffentlichungsgeschichte
Fazit
2. Der Zeitraum von 1933 bis 1945
2.1 Kunst und Kultur ab 1933
Fazit
2.2 Umgang mit Kultur im Nationalsozialismus
2.2.1 Nationalsozialistische „Würdigung“ der Literatur
Fazit
2.2.2 Nationalsozialistische „Würdigung“ des Theaterwesens
Fazit
2.3 Literaturgeschichten im Nationalsozialismus
2.3.1 Adalbert Schmidt
2.3.2 Josef Nadler
2.3.3 Zusammenfassendes Fazit
2.4 Veröffentlichungen über Arthur Schnitzler und sein Werk von 1933 bis 1950
2.4.1 Veröffentlichungen von 1933 bis 1939
2.4.2 Veröffentlichungen von 1940 bis 1945
2.4.3 Veröffentlichungen von 1946 bis 1950
2.4.4 Zusammenfassendes Fazit
2.5 Zeitungsartikel über Arthur Schnitzler im Nationalsozialismus
2.5.1 „Persönliches über Arthur Schnitzler. Aus meinen Erinnerungen“
2.5.2 „Die Sekretärin Arthur Schnitzlers“
2.5.3 Zusammenfassendes Fazit
3. Der Zeitraum nach 1945
3.1 Veröffentlichungsgeschichte
Fazit
3.2 Theater
Fazit
3.3 Zeitungen nach 1945
3.3.1 „Letzte Probe für ´Zwischenspiel`.“
3.3.1 „Schnitzler und die Nachwelt“
3.3.3 „Schnitzlers Wiederkunft“
3.3.4 Zusammenfassendes Fazit
3.4 Die „Schnitzler-Renaissance“
Fazit
Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die mangelhafte Informationslage zur Rezeption und zum Umgang mit dem Werk Arthur Schnitzlers während der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und Österreich zu untersuchen und zu erhellen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich der Antisemitismus auf das Schaffen des Autors auswirkte und warum sein Werk in diesem Zeitraum weitgehend aus dem öffentlichen Leben verbannt wurde.
- Entwicklung des Antisemitismus im Zeitraum vor 1933 und dessen Einfluss auf Schnitzlers Lebens- und Arbeitsbedingungen.
- Untersuchung der nationalsozialistischen Literaturpolitik und des Umgangs mit dem Theaterwesen ab 1933.
- Analyse von zeitgenössischen Literaturgeschichten und Zeitungsartikeln im Kontext der NS-Ideologie.
- Untersuchung der Rezeptionsgeschichte und der sogenannten „Schnitzler-Renaissance“ nach 1945.
Auszug aus dem Buch
1.1 Familiengeschichte
Die Familie von Johann Schnitzler, Arthur Schnitzler Vater, siedelte aus Ungarn nach Wien um. Der Umsiedelung folgte ein Aufstieg in die Geschäftswelt Wiens. Johann Schnitzler ging eine Ehe mit der Tochter einer schon länger in Wien emanzipierten Arztfamilie ein und wurde selbst Arzt. Auch seine Kinder ergriffen freie Berufe wie z.B. Arzt oder Schriftsteller, Arthur Schnitzler wählte schließlich beide Berufe.
Arthur Schnitzler wurde am 15. Mai 1862 in Wien geboren. So wie viele andere assimilierte Juden lebten Schnitzlers, ohne jüdische Traditionen und deren Rituale zu befolgen. Religiosität zeigte wenn überhaupt noch die Großmutter mütterlicherseits, dies aber auch nur zum Buß- und Fasttag. Die restliche Familie beging diesen Tag zusammen mit der Großmutter, hielt die Traditionen und Rituale ihrerseits aber nicht ein.
„[…] [I]n den folgenden Generationen trat – bei allem, oft trotzigen Betonen der Stammeszugehörigkeit – gegenüber dem Geist jüdischer Religion eher Gleichgültigkeit, ihren äußeren Formen gegenüber Widerstand, wenn nicht gar spöttisches Verhalten zutage.“
Besonders deutlich wird die Abgewandtheit von Arthur Schnitzler der Religion gegenüber im Religionsunterricht. Schnitzler beschreibt in „Jugend in Wien“ eine Episode, in der ihn sein Lehrer fragte, warum Hiob nicht Gotteslästerung begeht, wenn er den Tag seiner Geburt verflucht. Hierauf antwortete Schnitzler, getreu seiner „rationalistisch-atheistischen Weltanschauung“, dass Gott an Hiobs Geburt „vollständig unschuldig“ sei. Diese atheistische Einstellung änderte sich im Laufe seines Lebens nicht, „[…] zu keiner Zeit erstrebte er eine Rückkehr zum jüdischen Glauben oder eine 'Assimilation' an die katholische Mehrheit“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Zeitraum vor 1933: Dieses Kapitel beleuchtet die familiären Hintergründe, die gesellschaftliche Situation sowie die zunehmende antisemitische Bedrohung für Arthur Schnitzler vor der nationalsozialistischen Machtergreifung.
2. Der Zeitraum von 1933 bis 1945: Hier wird der staatliche Umgang mit Kunst, Kultur, Literatur und Theater unter dem NS-Regime sowie die gezielte Diffamierung und das Verbot jüdischer Autoren analysiert.
3. Der Zeitraum nach 1945: Das Abschlusskapitel untersucht die kulturelle Wiederbelebung nach 1945, den Wiederaufbau des Verlagsgeschäfts sowie die sogenannte „Schnitzler-Renaissance“ in der Nachkriegszeit.
Schlüsselwörter
Arthur Schnitzler, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Literaturpolitik, Rezeptionsgeschichte, NS-Diktatur, Wiener Moderne, Bücherverbrennung, Theaterwesen, Assimilation, Veröffentlichungsgeschichte, Schnitzler-Renaissance, Judentum, Kulturzensur, NS-Regime.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Rezeptions- und Veröffentlichungsgeschichte des Werks von Arthur Schnitzler während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und Österreich sowie die damit einhergehende gesellschaftliche und politische Ausgrenzung des Autors.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Antisemitismus, die staatlich gesteuerte Kultur- und Literaturpolitik des NS-Regimes, die Rolle des Theaters als Propagandainstrument sowie die wissenschaftliche Aufarbeitung und Wiederentdeckung Schnitzlers nach 1945.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es, die Informationslücken zur Situation von Schnitzlers Werk zwischen 1933 und 1945 zu schließen und zu analysieren, wie politische Ideologie die öffentliche Wahrnehmung eines Autors beeinflussen und verzerren konnte.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde angewendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Auswertung von Fachliteratur, Archivrecherche (insbesondere im Wiener Zeitungsarchiv und Rathausarchiv) sowie die Analyse von Zeitungsartikeln, Tagebucheinträgen und bibliografischen Daten des Fischer Verlags.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei historische Zeiträume: die Situation vor 1933, die Unterdrückung während der NS-Diktatur (1933-1945) und die Phase der Wiederbelebung nach 1945 bis hin zur sogenannten „Schnitzler-Renaissance“.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Arthur Schnitzler, Antisemitismus, NS-Kulturpolitik, Rezeption und Literaturwissenschaft einordnen.
Warum wurde Schnitzlers Werk bereits vor dem offiziellen Anschluss Österreichs 1938 von vielen Theatern aus den Spielplänen gestrichen?
Dies war Ausdruck einer vorauseilenden Selbstzensur sowie des gesellschaftlichen Drucks, dem sich Theaterleiter beugten, um sich dem neuen politischen Klima anzupassen und Repressalien zu vermeiden.
Welche Rolle spielten die Literaturgeschichten von Adalbert Schmidt und Josef Nadler für das NS-Regime?
Diese Schriften lieferten eine „wissenschaftliche“ Rechtfertigung für die Ausgrenzung und Diffamierung jüdischer Autoren, indem sie deren Werk als „artfremd“ oder „entartet“ brandmarkten und so die NS-Ideologie stützten.
Was ist das zentrale Ergebnis der Arbeit bezüglich der „Schnitzler-Renaissance“?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die nach 1945 einsetzende „Schnitzler-Renaissance“ kein zufälliges Phänomen war, sondern eine bewusste Rückbesinnung auf einen bedeutenden Autor, dessen Werk nur temporär durch den Hass des NS-Regimes verdrängt wurde.
- Quote paper
- Britta Worbs (Author), 2005, Arthur Schnitzler im Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66906