Ciudadania und der Diskurs von Entwicklung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Entwicklung als Diskurs – Theoretischer Hintergrund
2.1. Die Entstehung des Diskurses und die Schaffung der Dritten Welt
Die Schaffung von Abnormalitäten
Professionalisierung, Diskursordnung und Institutionalisierung
Hegemonie und Funktion des Entwicklungsdiskurses
2.2. Alternativen zu Entwicklung – nicht alternative Entwicklung

3. Das Konzept der Ciudadanía bei der CEPAL
3.1. Ciudadanía der CEPAL: Drei Dimensionen
3.2. Ciudadanía als Rechtsverhältnis
3.3. Republikanische Konzeption
3.4. Ciudadanía in der Informationsgesellschaft
3.5. Ciudadanía im Entwicklungsbegriff der CEPAL

4. Partizipation und Empowerment bei der Weltbank – Ein Kontrast
Das Partizipationsverständnis der Weltbank
Empowerment bei der Weltbank
Partizipation und Empowerment im Dienste des Entwicklungsdiskurses

5. Ciudadanía: Ein Ausbruch aus dem Entwicklungsdiskurs?
5.1. Das Rechtsverhältnis und die Kritik an „rights-based-approaches“
5.2. Vom Objekt zum Subjekt
5.3. Soziale Bewegungen, NGOs und ciudadanía

6. Abschlussüberlegungen und Fazit

7. Literatur

„That the essential trait of the Third World was its poverty and that the solution was economic growth and deve­lopment became self-evident, necessary, and universal truths.“ (Escobar 1995: 24)

1. Einleitung

Seit vielen Jahrzehnten sind zehntausende Experten damit beschäftigt, anderen Staaten und Menschen bei ihrer Entwicklung zu helfen. Die dabei entwickelten Konzepte und Strategien wurden mehrfach kritisiert und angepasst. Bemerkenswert an dieser Kritik ist jedoch vor allem, dass sie sich bei genauerer Betrachtung meist in einem sehr eng gesteckten Rahmen bewegt: Entwicklung und ihre Notwendigkeit wird nicht angezweifelt, auch das Ziel, durch höhere Pro-Kopf-Einkommen die Armut und „Unterentwicklung“ zu bekämpfen, scheint Konsens. Diese Ansätze und ihre vermeintlichen Alternativen sind gleichwohl allesamt nicht nur an ihrem eigenen Anspruch grandios gescheitert, sondern haben vielmehr zu institutionalisierter Abhängigkeit, Unterdrückung und Ausbeutung geführt (Escobar 1995: 4). Post-Developmentalists enthüllen Entwicklung daher als eine Erfindung und Strategie des Westens und als Mechanismus zur Kontrolle, durch den die Dritte Welt konzeptualisiert und geschaffen wird. Wer sich dann dem klassischen Entwicklungsverständnis anschließt, verdächtigt sich automatisch einer eurozentrischen (Ziel-)Vorstellung von Gesellschaft und der Idee eines festen Pfades hin zu diesem Vorbild. Andere Sichtweisen auf die Dritte Welt und andere Potenziale für Wandel in der Dritten Welt werden damit verdeckt (van Grasdorff 2005: 33ff). Natürlich stellt sich dann schnell die Frage nach Alternativen: Wie lassen sich globale Ungerechtigkeiten und Unterdrückung diskutieren und angehen, ohne den Diskurs fortzuschreiben mit Geschichten von Menschen mit dem Bedarf nach Entwicklung und Entwicklungshilfe, ohne die Reproduktion der Definitionsmacht des Westens?

Die regionale Wirtschaftskommission der UN für Lateinamerika und die Karibik CEPAL hat ihren Entwicklungsbegriff im Jahr 2000 um das Konzept der ciudadanía[1] erweitert. Dieses Konzept hebt sich von anderen Konzepten insbesondere klassischer Entwicklungsorganisationen wie der Weltbank ab. Diese Arbeit wird sich daher die Frage stellen: Inwieweit übersteigt ciudadanía den hegemoniellen Entwicklungsdiskurs? Zugespitzt lautet die Frage: Stellt ciudadanía eine Bruchstelle in diesem Diskurs dar? Dabei stehen ciudadanía und das Verhältnis zum Entwicklungsdiskurs im Fokus der Analyse. Die Rolle der CEPAL als Organisation im Entwicklungsdiskurs sowie der Stellenwert von ciudadanía innerhalb der CEPAL wird deshalb nicht explizit untersucht.

Diese Arbeit konzentriert sich in Abschnitt 2 auf die Theorie und die Darstellung des Entwicklungsdiskurses, auch um die Schwierigkeit eines Ausbruchs daraus zu verdeutlichen. Im Anschluss wird das Konzept ciudadanía der CEPAL dargestellt und die einzelnen Komponenten herausgearbeitet. Abschnitt 4 zeigt, wie die Weltbank die Begriffe Partizipation und Empowerment (hier als Ersatz für einen fehlenden ciudadanía-/citizenship-Begriff der Weltbank) innerhalb und zur Stützung des Entwicklungsdiskurses konzipiert. Dieser Exkurs dient als Kontrast, um in Abschnitt 4 genauer herauszuarbeiten, an welchen Stellen ciudadanía dem Entwicklungsdiskurs Brüche zufügen kann. Im Fazit wird die gestellte Frage abschließend beantwortet und ein Ausblick gegeben.

Als Quellen dienen vorrangig Veröffentlichungen von Theoretikern des post-developmentalism (Escobar, Crush, Sachs, Rist u.a.), Dokumente der CEPAL und Weltbank, Sekundärliteratur zur CEPAL und Weltbank sowie Veröffentlichungen über das Konzept von ciudadanía im Allgemeinen.

Diese Arbeit ist notgedrungen eine subjektive. Bei der Betrachtung von Dokumenten und Veröffentlichungen kann die Lesart und Herangehensweise des Autors nicht ohne Einfluss sein. Es soll aber versucht werden, die Maßstäbe, Annahmen und die Argumentation offen zu legen und nachvollziehbar zu machen.

2. Entwicklung als Diskurs – Theoretischer Hintergrund

Entwicklung als Diskurs zu betrachten und diesen zu erforschen, bedeutet anzuerkennen, dass Sprache nicht die Übermittlerin einer außerhalb von ihr selbst existierenden Realität ist, sondern vielmehr Ergebnis und Ursprung sozialer Prozesse. Sprache, schriftlich oder mündlich als Medium des Diskurses, interagiert mit und konstituiert unsere Vorstellungen von Realität und Wahrheit. Sprache – und damit unsere Realität und Wahrheit – existieren nie außerhalb oder unabhängig von sozialen Praktiken und Machtstrukturen (Crush 1995: 4f). Dies ist der Grundgedanke dieser Arbeit.

Diskurs ist hier definiert als Ensemble von Ideen, Konzepten und Kategorien, durch die bestimmte Phänomene eine Bedeutung erhalten (z. B. Cornwall/Brock 2005: 3). Diskurs, auch als Austausch über einen bestimmten Wissensbereich, funktioniert dabei durch die Integration bestimmter Informationen und Werte zu einem kohärenten Ganzen, welches sich wiederum als (einzige) Wahrheit repräsentiert. Die Macht des Diskurses besteht also darin, Gesellschaft und Wirklichkeit zu schaffen und damit den sozialen Kontext, in welchem soziale Akteure sich bewegen (Escobar 1995: 39). Diskursanalyse versucht herauszufinden, wie in einem Bereich Wahrheit entsteht, wie bestimmte Repräsentationen dominant werden und damit die Art und Weise, wie wir Realität wahrnehmen und auf sie reagieren, formen.

Deshalb kann und muss auch Entwicklung als Diskurs untersucht werden, um zu verstehen, wie der Westen es erreicht hat, die so genannte Dritte Welt zu kontrollieren und sie politisch, ökonomisch, sozial und kulturell erst zu erschaffen: „In this way, development will be seen, not as a matter of scientific knowledge, a body of theories and programs concerned with the achievement of true progress, but rather as a series of political technologies intended to manage and give shape to the reality of the Third World“ (Escobar 1984: 384).[2] Der hier verwendete Diskursbegriff bezieht sich auf Michel Foucaults Diskurs-Verständnis. Diskurs ist dabei definiert über die Diskursordnung („l’ordre du discours“): Wer kann und darf wie sprechen und sich im Diskurs bewegen (Bendix 2005: 3)? Nach Foucault sollte nicht von dominanten und dominierenden Diskursen gesprochen werden, sondern von einem komplexen und instabilen Prozess, in welchem Diskurs ein Instrument und ein Ergebnis von Macht sein kann, aber auch ein Hindernis und Startpunkt für Widerstandsstrategien (Crush 1995: 20). Macht ist für Foucault dabei kein „Gut“ oder „Schlecht“ und kann daher nicht besessen oder ausgeübt werden. Macht existiert nur relational als Struktur und ist inhärent in jeder sozialen Existenz.[3]

Der folgende Abschnitt dient nun dazu, den Diskurs von Entwicklung zu analysieren und zu beschreiben, um später erkennen zu können, inwieweit das Konzept ciudadanía ein Ausbruch aus demselben ist.

2.1. Die Entstehung des Diskurses und die Schaffung der Dritten Welt

„Unterentwicklung“ und alle damit verbundenen Konzepte und Ideen sind nichts Gegebenes, sondern in ihrem geschichtlichen Kontext und dessen Machtstrukturen verhaftet und somit erschaffen, konstruiert. Armut und Elend der Dritten Welt wurden nach 1945 „entdeckt“: „(…) the notions of underdevelopment and Third World were the discursive products of the post-World War II climate. These concepts did not exist before 1945“ (Escobar 1995: 31). Für Rist (1997: 69ff) und Sachs (1992: 2) begann das „Zeitalter von Entwicklung“ und Unterentwicklung mit einer Rede des US-Präsidenten Truman am 20. Januar 1949, in der die südliche Hemisphäre als „unterentwickelte Region“ deklariert wurde und die USA ihre Vorstellung von Entwicklung und ihren Auftrag für Entwicklungshilfe darstellte.[4]

Die Entfaltung des Diskurses von Entwicklung fand laut Escobar über drei Hauptstrategien statt (1984: 387f): (1.) Fortschreitende Integration von Problemen und Schaffung von Abnormalitäten (Ungebildet, Unterernährt, Kleinbauern, Landlose etc.); (2.) Professionalisierung (besser: „Technisierung“) von Entwicklung und die damit verbundene Ausbildung von verschiedenen (Unter-)Disziplinen. Politische Probleme wurden entpolitisiert und unter dem Deckmantel vermeintlich neutraler Wissenschaft integriert; und (3.) Institutionalisierung von Entwicklung und die Entstehung internationaler, nationaler und lokaler Planungsbehörden und Entwicklungsbüros als Agenten der Umsetzung von Entwicklung.[5]

Die Schaffung von Abnormalitäten

Aus der ersten Strategie wird die Konstruiertheit von Unterentwicklung besonders deutlich. Nach 1945 wurden bei Bildung, Landbestellung, Hygiene, Beschäftigung usw. allmählich neue Defizite „entdeckt“. Der Diskurs entwickelte Abweichungen von der Norm (dem modernen westlichen Menschen), die dann behandelt werden mussten (Escobar 1995: 41): „The language of ‚crisis’ and disintegration creates a logical need for external intervention and management“ (Crush 1995: 10). Durch die Erschaffung und Definition von Defiziten[6] entstand gleichzeitig die Notwendigkeit, (im Westen) neues Wissen zur Planung und Beseitigung der Probleme zu produzieren und der Westen erhielt eine neue Legitimation für seine Interventionen. Damit entstanden Instrumente der Macht und Kontrolle über die Dritte Welt. Die Dritte Welt wurde stets als dichotomer Gegensatz zum Westen (modern, reich, gebildet, Kontrolle über eigenes Leben etc.) dargestellt. Daraus entstand das Verständnis, der Westen müsse den Armen, hungrigen, bedürftigen Menschen helfen, die in ihren Traditionen gefangen seien und keine eigene Initiative entwickelten, ihre (vom Westen definierten) Probleme zu bezwingen. Die Existenz dieses Bildes beweist jedoch allein die Macht über die so definierte Dritte Welt und nicht die Wahrheit über sie (Escobar 1995: 23f, 8f). In der Vorstellung, dass die (Ur-)Einwohner „modernisiert“ werden müssten, trat der Ethnozentrismus am deutlichstes zu Tage (Escobar 1995: 43). Das Verständnis von Fortschritt wurde dabei von Geschichte und Kultur abgekoppelt. Statt Pfadabhängigkeiten wurden nur Universalismen für den Weg der Unterentwickelten zu den Entwickelten erkannt.

Professionalisierung, Diskursordnung und Institutionalisierung

Ein wichtiger Bestandteil der Entstehung des Entwicklungsdiskurses war der Glaube an Technik und Wissenschaft. Durch neue Entwicklungen während des zweiten Weltkrieges wurde Technik verstärkt zum Maßstab für Zivilisation und auch in Lateinamerika fand ökonomisches Denken unabhängig von lokalen Gegebenheiten als einfache Übertragung klassischer europäischer Modelle statt. Die exakten Wissenschaften garantierten Objektivität und Neutralität, Technologie die Kraft für Innovationen, Ertrag und Fortschritt. Die Folge war eine „Professionalisierung“ und Institutionalisierung von Entwicklungsfragen. Es entstand die Vorstellung, Entwicklung sei ein technisches Problem (bzw. eine „Herausforderung“), das rational behandelt und gelöst werden kann, wenn es denn nur den spezialisierten Experten („development professionals“) anvertraut wird (Escobar 1995: 35ff, 52). Durch die Prozesse der Professionalisierung wurden zum einen nicht-westliches Wissen und nicht-westliche Experten konsequent marginalisiert. Diese Entwicklung führte zu einer Diskursordnung, in der der Westen die soziale Realität (Wahrheit) definierte und genau damit Kontrolle ausüben konnte (Escobar 1984: 387f).[7] Zum anderen wurden durch diese Professionalisierung alle Probleme von politischen oder kulturellen Zusammenhängen und Machtfragen gelöst und in den Kontext vermeintlich neutraler Wissenschaft gestellt. Entwicklung ist machbar und der Westen hat die Ressourcen und das Know-how, die armen Länder zu entwickeln, so die Botschaft. Mit diesem Anspruch verbunden entstanden neue, subtilere Formen der Kontrolle und Macht: „People’s ability to define and take care of their own lives was eroded in a deeper manner than perhaps ever before“ (Escobar 1995: 45, 39).

Hegemonie und Funktion des Entwicklungsdiskurses

Seit dem Aufkommen des Diskurses ist Entwicklung klar definiert: „development is about growth, about capital, about technology, about becoming modern. Nothing else“ (Escobar 1995: 162). Dieser Diskurs wurde hegemonial in dem Sinne, dass entwickelte Programme und Strategien zwar kritisiert werden konnten und verändert wurden, aber der „Fakt“ Entwicklung und ihre Notwendigkeit konnten nicht angezweifelt werden. Dass sich auch mit den unzähligen entworfenen Entwicklungsplänen und -pro­grammen nach den eigenen Standards nichts verbesserte, schien keinen zu stören. Die Realität wurde durch den Entwicklungsdiskurs kolonisiert.

Die Funktion dieses Diskurses kann dann als eine Art Beherrschung oder „in-Schach-Halten“ („containment“) der Armut bezeichnet werden, die sich beispielhaft in den absoluten Armutsgrenzen der Weltbank widerspiegelt. „If (development) has failed to solve the problems of underdevelopment, it can also be said, perhaps with greater pertinence, that it has succeeded well in creating a type of underdevelopment which has been until now, for the most part, politically and economically manageable“ (Escobar 1984: 388). Dieser Modus der Kontrolle ersetzte damit erfolgreich die direkte kolonialistische Repression früherer Jahrzehnte.

Cornwall und Brock (2005) erkennen in „buzzwords“ eine zentrale Manifestation des heutigen Entwicklungsdiskurses und zeigen, wie diese Leitwörter bzw. Phrasen verwendet werden, um one-size-fits-all-Politiken zu unterstützen.[8] Buzzwords in der Entwicklungspolitik sind apolitisiert und ihrer Bedeutung für Politik und Machtverhältnisse beraubt. Ihre Funktion ist es, Entwicklungspolitiken den Anschein von Entschlossenheit und Optimismus zu geben. Dabei sind diese Begriffe nie neutral. Je nach Verwendung eines Begriffs und je nach Kontext, in welchen dieser Begriff gestellt wird, erscheinen bestimmte Dinge möglich, während andere fast nicht gedacht werden dürfen. Entscheidend ist also das Framing: Was (und wer) wird einbezogen, was (oder wer) wird ausgelassen (Cornwall/Brock 2005: 3, 18). In der Praxis unterstützen buzzwords den oben beschriebenen Diskurs und suggerieren eine regierbare, kontrollierbare und regulierbare Welt, in der (in Zukunft) jeder ohne Hunger und Diskriminierung teilhaben darf. Damit dienen auch sie der Legitimierung der umfangreichen Intervention von Entwicklungshilfe-Akteuren in die so definierte Dritte Welt.

Da im weiteren Verlauf der Arbeit der Ausbruch aus dem Entwicklungsdiskurs diskutiert werden soll, lohnt es sich, die Elemente des Diskurses und ihre Verbindungen noch einmal zusammenzufassen. Escobar identifiziert zunächst drei Elemente (1995: 40f): Erstens den Prozess der Kapitalakkumulierung (damit einhergehend die Faktoren Technologie, Geld- und Fiskalpolitik, Industrialisierung und landwirtschaftliche Entwicklung, Handel); Zweitens kulturelle Vorstellungen wie eine bestimmte Bildung und die Modernisierung kultureller Werte; und Drittens die Notwendigkeit adäquater internationaler und nationaler Planungsorganisationen und technischer Agenturen zur Umsetzung der Aufgaben. Entwicklung und der damit verbundene Diskurs zeichnen sich jedoch nicht allein durch die Summe dieser einzelnen Elemente aus, sondern vielmehr durch das Beziehungssystem zwischen ihnen. Dadurch können systematisch Konzepte, Objekte und Strategien entstehen und der Raum des Denk- und Machbaren eingeschränkt werden: „In sum, the system of relations establishes a discursive practice that sets the rules of the game: who can speak, from what points of view, with what authority, and according to what criteria of expertise“ (Escobar 1995: 40f). Die Menschen der Dritten Welt fungieren in diesem Diskurs nur als „objects to be studied rather than as subjects of their own development“ (Edwards 1989: 118).

[...]


[1] Ciudadanía (span.) bedeutet soviel wie Staatsbürgerschaft, hat jedoch eine viel stärker zivilgesellschaftliche Orientierung und insbesondere nicht den ausschließenden Beigeschmack der deutschen Übersetzung. Die inhaltliche Dimension von ciudadanía wird ausführlich in Abschnitt 3 erläutert. Der Begriff wird daher über die gesamte Arbeit hinweg unübersetzt bleiben. Die englische Übersetzung „citizenship“ wird auch in anderen Publikationen synomym zu ciudadanía verwendet.

[2] Über den Anspruch kritischer Theorie zu Globalisierung und Nord-Süd-Verhältnis schreibend stellt auch Brand fest (2004: 112): „Das herrschaftsförmige Wissen um den Zustand der Welt strukturiert den Blick auf diese ganz wesentlich mit.“

[3] Foucault unterscheidet deshalb zwischen Macht als strategischer Beziehung (wie sie hier betrachtet wird) und Herrschaft als Sonderfall (Lemke 2002: 483ff).

[4] Ein Ausschnitt der Rede: „(…) we should foster capital investment in areas needing development. (…) Our main aim should be to help the free peoples (…) to produce more food, more clothing, more materials for housing and more mechanical power to lighten their burdens” (Rist 1997: 71).

[5] Zur Institutionalisierung vgl. Rist (1997: 80ff).

[6] Ein bezeichnendes Beispiel ist die rein monetäre Armutsdefinition (Staaten mit weniger als 100$ jährlichem pro-Kopf-Einkommen) der Weltbank von 1948. Damit sind auf einen Schlag zwei Drittel der Weltbevölkerung als „arm“ definiert worden (Escobar 1995: 21ff).

[7] Das produzierte Wissen zur Behandlung der „Probleme” war aufgrund der verwendeten Sprache, der Publikation im Westen und vieler anderer struktureller Gründe nur einer bestimmten westlichen Klientel zugänglich und verständlich. Dies lieferte eine erneute Rechtfertigung für die Entsendung zehntausender „Experten“. Die Menschen der Dritten Welt selbst erhielten gar keinen Zugang zu den Informationen, die über sie (und eigentlich für sie) gesammelt wurden (Edwards 1989: 118ff).

[8] Laut den Autorinnen, die hier insbesondere die buzzwords „poverty reduction“, „participation“ und „empowerment“ untersuchen, wird der aktuelle Diskurs durch die Armutsreduzierungsstrategiepapiere (PRSPs) und die Milenium Development Goals bestimmt. Sie stellen alles überwölbende Policy-Lösungen für Entwicklung dar und sind stärker verankert als je zuvor (Cornwall/Brock 2005: 9f).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Ciudadania und der Diskurs von Entwicklung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Lateinamerika-Institut / Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Institutionen und entwicklungspolitische Zusammenarbeit: Das Beispiel der CEPAL
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V66915
ISBN (eBook)
9783638592840
ISBN (Buch)
9783638711333
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit wird diskurstheoretisch überprüft, inwieweit das Konzept der CEPAL von "ciudadanía" (in etwa Staatsbürgerschaft) eine Möglichkeit bietet, aus dem hegemoniellen Diskurs von Entwicklung auszubrechen. Lassen sich damit Ungerechtigkeiten und Unterdrückung diskutieren und angehen, ohne (wie viele andere EZ-Konzepte) den Diskurs fortzuschreiben mit Geschichten von Menschen mit dem Bedarf nach Entwicklung und Entwicklungshilfe, ohne die Reproduktion der Definitionsmacht des Westens?
Schlagworte
Ciudadania, Diskurs, Entwicklung, Internationale, Institutionen, Zusammenarbeit, Beispiel, CEPAL
Arbeit zitieren
Christof Mauersberger (Autor), 2006, Ciudadania und der Diskurs von Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/66915

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